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Wenn ich mir die Hauptschulen in Ballungszentren anschaue, sehe ich es als zentralen bildungspolitischen Auftrag für diese Schulart, dass sie […] Schülern ein niederschwelliges Bildungsangebot macht […]. Gerade für Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Präsident der Kultusministerkonferenz Ludwig Spaenle (CSU), taz, 20. Januar 2010

Antisemitismus und Islamophobie

Zum Gedenken an Solingen: 20 Jahre Mordanschlag

Vor 20 Jahren kamen Menschen bei einem rassistisch motivierten Brandanschlag ums Leben. Was trieb die Täter an? Wer waren die geistigen Brandstifter, was die Ursachen? Und was kann man heute tun?

VONSabine Schiffer

 Zum Gedenken an Solingen: 20 Jahre Mordanschlag
Die Autorin arbeitet seit Anfang der 1990er Jahre als Medienpädagogin und promovierte zur Islamdarstellung in den Medien. 2005 gründete sie das freie Institut für Medienverantwortung (IMV) und leitet es seither. Das IMV fordert mehr Verantwortung von Produzenten- und Nutzerseite.

DATUM29. Mai 2013

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RESSORTLeitartikel, Meinung

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Rassismus kommt bekanntlich ohne Menschenrassen aus. Es geht immer um die Abwertung einer bestimmten Gruppe von Menschen zur Sicherung von Privilegien für die Mächtigen. Insofern sind die Formen von Rassismus vielfältig und sie können sich wandeln, während das Prinzip der Ausgrenzung konstant bleibt. In der Wahrnehmung vieler Menschen in diesem Lande sind aus den oftmals stigmatisierten Türken inzwischen Muslime geworden. Seit der iranischen Revolution von 1979 wird zunehmend Islamismus problematisiert, und seit den Anschlägen vom 11. September 2001 bzw. dem Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh 2004 werden vermehrt Muslime „unter uns“ thematisiert und verallgemeinernd als Gefahr oder mindestens als verachtenswert ausgemacht.

Dabei fehlt bei den erwähnten Problemfeldern häufig die Spezifik: Krieg, Mord, Terror, Frauenunterdrückung und auch Antisemitismus sind wahrlich keine auf Muslime beschränkten Phänomene. Die verallgemeinernde Zuweisung allgemeiner Problemfelder auf „die Muslime“ kann dabei manchmal an die verallgemeinernde Zuweisung von Problemen auf „die Juden“ erinnern. Auch bezüglich Juden wurde und wird immer wieder einmal mit dem Verweis auf den Einzelfall versucht, angebliche Charakteristika aller Juden zu belegen – woraus nicht selten eine Verschwörungstheorie wird.

Bei allen Besonderheiten und Eigenheiten, die der Antisemitismus aufweist – und nicht zuletzt dem über allem stehenden Holocaust – lässt sich vom antisemitischen Diskurs viel lernen, um andere menschenverachtende Diskurse zu durchschauen. Der antisemitische ist der am besten erforschte diskriminierende Diskurs überhaupt, obwohl sich vielfach eine Beschränkung auf die Zeit des sog. Nationalsozialismus abzeichnet. Mit dieser besonders extremen Form von Hassrede, die zur rassistischen Hetze und schließlich zum Massen¬mord aufforderte, soll der antimuslimische Diskurs nicht verglichen werden. Jedoch bringt ein Vergleich mit den subtileren Formen des verbalen Stigmatisierens und Ausgrenzens von Juden im ausgehenden 19. Jahrhundert neben einigen Unterschieden auch durchaus Ähnlichkeiten zu Tage, die nachdenklich machen müssen. Daher soll im Folgenden der Fokus auf Parallelen zwischen Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit gelegt werden.

Mechanismen der Stigmatisierung
Gerade in Zeiten der Krise lässt sich über die Bestimmung von Menschengruppen als „Fremde“, die angeblich eine Bedrohung darstellen, Identität konstruieren. Während ein klassisches antisemitisches Motiv die Behauptung war, dass sich „die Juden“ mit „ihrem Volk“ – und nicht mit dem Land, deren Staatsbürger sie waren – identifizierten, findet man heute ein ähnliches Motiv beim Reden von „muslimischen Parallelgesellschaften“. Dies geht so weit, dass die eindeutig antisemitische Metapher vom „Staat im Staat“ reaktiviert wird. Die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft und die Beweisführung derer Eigenschaften über Quellenverweise zu deren Schriften wird so zu einer totalen Zugehörigkeit – so als ob das Judesein oder Muslimsein über sämtliche Handlungen und Einstellungen der Person entscheiden würde. Verschwörungstheoretisch wird es dann, wenn von einer „Islamisierung“ oder „Judaisierung“/„Verjudung“ die Rede ist, wobei hier ein wichtiger Unterschied aufscheint. Einen Welterklärungsanspruch für alle Phänomene hat die Islamfeindlichkeit im Gegensatz zum Antisemitismus nicht.

In der Wirtschaftskrise 1873/74 schien das überwunden geglaubte antisemitische Ressentiment wieder auf. Als der Journalist Otto Glaugau in seinen Beiträgen die Verbrecher dieser Krise benannte, fiel auf, dass er deren Religionszugehörigkeit immer dann mit erwähnte, wenn es sich um einen Juden handelte. So verwendete er entweder das Adjektiv „jüdisch“ oder er verwies auf eine „Herkunft aus Posen“ und dergleichen, um das Andere zu markieren. Den aufkommenden Antisemitismusvorwurf konnte er dadurch abwenden, dass er auch auf die christlichen Verbrecher aufmerksam gemacht habe – und das stimmt, nur hat er diese nicht als solche markiert. Übrig blieb der Ruch, dass der ganze Skandal vor allem etwas mit der Machenschaft von Juden zu tun hätte.

Markierung liegt immer dann vor, wenn ein Merkmal erwähnt wird, obwohl es für den Sachverhalt um den es geht, nicht relevant ist – seine Erwähnung suggeriert aber Sinnzusammenhänge. Eine vergleichbare Form von Markierung findet sich im Diskurs über „Ausländer“ ebenso wie in Bezug auf Muslime, maßgeblich in der Straftatsberichterstattung. Bei dieser Kritik geht es nicht darum, dass Fakten verschwiegen werden sollen, aber darum, die Auswahl der genannten Fakten auf ihre Relevanz hin zu überprüfen. Tatsächlich wurden viele Themen, die allgemeine Problemthemen sind, wie etwa die Situation von Frauen weltweit, durch eine Markierungspraxis in Wort und Bild Muslimen zugewiesen. Und Vergleichbares geschieht nach wie vor auch in Bezug auf Juden. Das eine hat das andere Ressentiment nicht abgelöst.

Wenn man bedenkt, wie sehr entmenschlichende und dämonisierende Metaphern immer wieder im Zusammenhang mit Antisemitismus thematisiert wurden, dann muss es umso mehr erschrecken, mit wie wenig Zurückhaltung solche weiter kolportiert werden – etwa die eingangs genannten Bilder vom „vollen Boot“ oder von „Fluten von Menschenmassen“. Während man Juden oftmals als „Parasiten“ stigmatisierte, die „das gesunde Wirtsvolk“ bedrohten, etwa auch in Form einer „Schlingpflanze, die sich um den gesunden Stamm“ ranke, so wird Bedrohung im Kontext von Muslimen häufig an einer Krankheitsmetaphorik festgemacht, wo von „Krebsgeschwüren“, „Metastasenbildungen“ und „Ansteckungs¬gefahren“ die Rede ist und wenig „Heilungschancen“ in Aussicht gestellt werden. Derlei Metaphern haben – wie gesagt – immer auch einen Aufforderungscharakter. Sie fordern implizit dazu auf, die „Gefahr“ abzuwenden und Gegenmaßnahmen zu ergreifen. „Sich wehren“ erscheint in diesem Lichte als logische Reaktion. Das Gefühl von Selbst¬verteidigung verschleiert dann schnell den rassistischen Reflex hinter einer solchen Dämonisierung.

Bis Ende der 1880er Jahre war die Stimmung so vergiftet, dass es Aufrufe aus dem Bildungsbürgertum gab, die vor einer „jüdischen Gefahr“ warnten. Vom renommierten Prof. von Treitschke stammt der Satz „Die Juden sind unser Unglück“ von 1879. Eine Serie von Anschlägen, beginnend mit dem Mord an Zar Alexander 1881, sowie abstruse Ritualmordvorwürfe, trugen ihren Teil zu einer Verschwörungstheorie bei, die auch in der aktuellen Wirtschaftskrise wieder eine Rolle spielt – etwa wenn von einer „jüdischen Hochfinanz“ die Rede ist (Sie erkennen die Markierung!?!).

Der Misstrauensdiskurs gegenüber den jüdischen Mitbürgern wurde immer wieder in Parlamentsdebatten und Medien gepflegt. Man zweifelte an der Loyalität jüdischer Lehrer zum Staat, man forderte zur Übersetzung hebräischer Schriften in Schulen und Predigten in Synagogen auf. Ja, man forderte Juden auf, sich von ihrer Religion zu distanzieren. Immer wieder verkürzt oder falsch zitierte Bibelstellen mussten als Nachweis für die Andersartigkeit bis Gefährlichkeit der Juden hinhalten. Und Juden, die sich an den Debatten beteiligten, haben nicht selten dem Ressentiment noch zugearbeitet – weil es kein Entrinnen gibt aus einem Kreislauf von Angriffs- und Verteidigungsritualen. Dies ist nachvollziehbar in dem Buch zum Berliner Antisemitismusstreit von Walter Böhlich. Dass das Berufsverbot für muslimische Lehrerinnen in acht Bundesländern über ein sog. Kopftuchverbot daher kommt, mag den Blick für die Parallelen leicht verstellen. Aber das Misstrauen weist Parallelen auf.

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  1. […] MiGAZIN kann man einen Vortrag von Sabine Schiffer lesen, der anlässlich des Gedenkens an die Terrortat […]

  2. […] Zum Gedenken an Solingen: 20 Jahre Mordanschlag (Sabine Schiffer / 29.05.2013) […]

  3. […] MiGAZIN kann man einen Vortrag von Sabine Schiffer lesen, der anlässlich des Gedenkens an die Terrortat […]



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