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Migration und Integration in Deutschland

[Es würde im Interesse der deutschen Arbeiter liegen, wenn wir sie zu Fachkräften ausbilden.] Dafür müssen wir natürlich dann die relativ primitiveren Arbeiten … von ausländischen Arbeitskräften besorgen lassen.

Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard, NWDR-Interview vom 9. April 1954
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Replik auf „Legt das Kopftuch ab!“

Und täglich grüßt Frau Kelek…

Frau Kelek wirft der Islamkonferenz vor, trotz jahrelanger Beschäftigung mit Religionsfragen sei den „Funktionären“ eine Besserstellung von Frauen und Mädchen gleichgültig. Ihr Beitrag offenbart ein bedenklich verzerrtes Bild der (rechtlichen) Wirklichkeit.

VONGabriele Boos-Niazy

Die Autorin ist Sozialwissenschafterlin und im Vorstand des Aktionsbündnis muslimischer Frauen in Deutschland e.V.

DATUM17. Mai 2013

KOMMENTARE18

RESSORTAktuell, Meinung

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Und weil die säkularen Muslime genau diese Freiheit des „oder auch nicht“ tagtäglich erfahren und praktizieren, gibt es für sie keinerlei Notwendigkeit, sich gegen etwas zu wehren oder zu organisieren, das gar nicht von ihnen verlangt wird. Niemand muss in Deutschland – der Verfassung sei Dank – ein Kopftuch tragen, sein Kind in den islamischen Religionsunterricht schicken, eine Moschee besuchen, fasten oder Zakat bezahlen. Menschen, die zwar Sport im Allgemeinen vielleicht gut finden, Fußball im Besonderen aber nichts abgewinnen können, es für eine Überschreitung der elterlichen Erziehungskompetenzen halten, wenn schon kleine Kinder ins Vereinsleben integriert und ins Stadion mitgenommen werden und sich zudem darüber ärgern, dass auch ihre Steuergelder für Polizeieinsätze gegen Fanrandale verpulvert werden, gründen schließlich auch keinen Anti-Fußballverein – jedenfalls, solange nicht, wie Fußballspielen nicht rechtlich verbindlich für alle vorgeschrieben wird.

Zum Schluss des Kelek-Essays dann noch einmal ein Trommelfeuer der Horrorszenarien: Katastrophen in Schulkantinen, in denen der „[…] gemeinsame Akt der Mahlzeit […] unterbunden […] wird“, weil es auch ein schweinefleischfreies Angebot gibt, boykottierte Adventsfeiern, deren Verköstigung nicht koscher erscheint, eine „islamische Paralleljustiz“, faktische rechtliche Geltung der Scharia, Selbstjustiz der Clans.

Wäre das wirklich Alltag, gäbe es Doku-Soaps diverser Privatsender dazu. Stattdessen sehen wir dort, was wirklich Alltag ist: „Integrierte“ Geburtsmuslime unterschiedlicher Herkunft, die weder religiös (nicht zu verwechseln mit traditionell) aufgewachsen sind, noch sich über Interpretationen „ihrer“ Religion Gedanken machen (wollen), sondern sich passgenau in ihre Umgebung eingefügt haben und mittlerweile sogar deren Sprachstil deutlich geprägt haben – Integration ist auf manchen Ebenen tatsächlich keine Einbahnstraße.

Zum Schluss formuliert Frau Kelek eine Hoffnung, die „gerade in Deutschland“ erfüllbar sein muss: „Jeder einzelne Muslim, jede einzelne Muslima kann als Bürger oder Bürgerin seinen/ihren Platz in der deutschen Gesellschaft finden, ohne den spirituellen Sinn und die Vielzahl der islamischen Glaubensriten auf- oder preiszugeben.“ Dass das nicht im grundgesetzlich garantierten Umfang umsetzbar ist, wenn Eltern kein Recht haben ihre Kinder religiös zu erziehen und auch erwachsene Muslime nur eine „Religionsfreiheit light“ in Anspruch nehmen dürfen, ignoriert sie geflissentlich.

Die Kelek´sche Lesart des Grundgesetzes kann eine solche Hoffnung weder für alle Muslime noch für praktizierende Juden oder Christen erfüllen und steht damit im Widerspruch zu einem grundlegenden Verfassungsprinzip, nach dem der Staat die Heimstatt aller Bürger ist.

Eine Bedrohung der freiheitlich-demokratischen Rechtsordnung geht nicht von denjenigen aus, die garantierte Freiheitsrechte in Anspruch nehmen, sondern von denjenigen, die sie einschränken wollen.

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18 Kommentare
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  1. Lynx sagt:

    Frau Kelek ist allein schon auf ihrer mangelnden Kenntnis der arabischen Sprache inkompetent zu beurteilen, ob etwas vom „Kopftuch“ im Koran steht oder nicht. In Sure 24, 31 heißt es: „Und sag den gläubigen Frauen, sie sollen … ihre Kopftücher auf den Brustschlitz ihres Gewandes schlagen.“ Das arabische Wort „khimār“, das hier in der Mehrzahl „khumur“ steht, bedeutet ein Tuch, das den Kopf bedeckt. In der Variante einer prophetischen Überlieferung, in der davon die Rede ist, daß der Prophet bei der rituellen Teilwaschung nach Überstreichen des vorderen Teiles des Kopfes dieses über den Turban fortsetzte, steht anstelle des gewöhnlichen „´imāma“ das Wort „khimār“ für den Turban, das Kopftuch des Mannes (dessen Tragen im Islam für diesen jedoch nicht Pflicht ist). Der koranische Wortlaut „sie sollen … ihre Kopftücher auf den Brustschlitz ihres Gewandes schlagen“ impliziert, daß die muslimischen Frauen bereits solche tragen, bzw. wird dies als selbstverständlich vorausgesetzt.

    Frau Keleks Äußerung: „In Deutschland gehört er damit zu der Minderheit von Muslimen, die diese Religion nicht spirituell, sondern als Gesetz begreifen und einen ‚Scharia-Islam‘ vertreten“ ist ein weiteres Zeugnis für ihre Ingoranz und Inkompetenz in Sachen Islam. Die islamische Scharī´a ist das umfassende Gebäude von Regelungen für die gottesdienstlichen Handlungen, zwischenmenschlichen Beziehungen u. a. Bereiche des menschlichen Lebens, auch wenn manche Regelungen, wie bspw. solche des Strafrechts, nicht überall und zu jeder Zeit angewandt werden können. Aus der Selbstdefinition der islamischen Religion geht unmißverständlich hervor, daß es keinen „Islam ohne Scharī´a“ gibt noch geben kann. Tatsächlich sind diejenigen Menschen, die sich selbst als Muslime bezeichnen und (irrtümlich) meinen, der Islam habe nur eine spirituelle Dimension, eine kleine Minderheit, und nicht umgekehrt, wie Frau Kelek, die Tatsachen verdrehend, behauptet.

  2. Gero sagt:

    lynx: Aus der Selbstdefinition der islamischen Religion geht unmißverständlich hervor, daß es keinen „Islam ohne Scharī´a“ gibt noch geben kann.
    ____

    …und die Sharia unterscheidet bei ihren rechtlichen Einschätzungen zwischen Mann und Frau sowie zwischen „Gläubigen“ und „Ungläubigen“; besser gesagt, sie diskriminiert Frauen (gleichgültig ob Muslimas oder nicht) gegenüber Männern und Nicht-Muslime ganz allgemein.

    Die Sharia stellt „Gottesrecht“ über menschengemachtes Recht und beruft sich somit auf einen irrationalen, nicht beweisbaren Hintergrund – als Grundlage für die oben aufgeführten Diskriminierungen.

    Ganz klar, mein lieber lynx, dass wir hier (in Deutschland und Europa) so etwas nicht wollen. Sie und Ihre Glaubensbrüder (und -schwestern) benutzen das liberale System im Westen um ihre Vorstellungen durchzusetzen um später, als Fernziel, diese liberalen Grundsätze abzuschaffen.

  3. Rudolf Stein sagt:

    „Die islamische Scharī´a ist das umfassende Gebäude von Regelungen für die gottesdienstlichen Handlungen, zwischenmenschlichen Beziehungen u. a. Bereiche des menschlichen Lebens, auch wenn manche Regelungen, wie bspw. solche des Strafrechts, nicht überall und zu jeder Zeit angewandt werden können. Aus der Selbstdefinition der islamischen Religion geht unmißverständlich hervor, daß es keinen „Islam ohne Scharī´a“ gibt noch geben kann. “
    Es würde den Nichtmuslimen sehr helfen, wenn dieser Satz als Postwurfsendung in jedes Haus käme. Ich würde lediglich bitten, genauer auszuführen, wo und unter welchen Umständen die Nichtmuslime damit zu rechnen haben, dass auch das Scharia-Strafrecht in Kraft tritt.

  4. Löndler sagt:

    Was ist denn an der Scharia so schlimm?

  5. Umbecco sagt:

    Frau Kelek ist meiner Meinung nach, für die islamische Gesellschaft in Deutschland (und Europa) wichtiger, als die meisten islamischen „Kultur“-Vereine. Sie versucht nicht zwanghaft andauernd alle Muslime unter einen Hut zu bekommen sondern macht Unterschiede. Sie vertritt die ganz klar die Position der säkulareren gemäßigten Muslime, die sich leider nur sehr zaghaft in die Diskussionen mit einmischen.

    Ich sehe Frau Kelek nicht als hysterische Einzelkämpferin, wie man sie hier oft darstellt (oder gar las Nestbeschmutzer), sondern als Vertreterin der vielen gemässigten Muslime (80-90%) die sich nicht von Deutschland oder den Deutschen diskriminiert fühlen, sondern eher von ihren schwerintegrierbaren Landsleuten bzw. Glaubensbrüdern, die den Ruf aller Muslime ruinieren. Die meisten Muslime (vor allem türkische) denken eher wie Frau Kelek, als wie Frau Gabriele Boos-Niazy.

  6. Mathis sagt:

    Auch ich habe nicht den Eindruck, dass Frau Kelek eine Minderheitenposition im islamischen Spektrum vertritt.
    lynx Behauptung, dass ohne Kenntnis der arabischen Sprache keine Interpretation des Korans möglich sei, ist zudem eine kulturrassistische, alle nicht-arabischen Muslime ausschließende Position, die in einer solchen Debatte nichts zu suchen hat.

  7. Gabriele Boos-Niazy sagt:

    „Die meisten Muslime (vor allem türkische) denken eher wie Frau Kelek, als wie Frau Gabriele Boos-Niazy.“

    Liebe/r Umbecco, es geht hier nicht darum, wie jemand „denkt“ – die Gedanken sind frei und rechtlich gesehen kann man vieles denken, ohne gegen Gesetze zu verstoßen. Es geht darum, dass Frau Kelek Positionen vertritt und deren Umsetzung fordert, die nicht mit der Rechtsordnung vereinbar sind. Tatsache ist, dass sie das selbst genau weiß, denn in der DIK hat sie diese Auffassungen schon einmal vertreten und hat damit sowohl bei den muslimischen als auch den Juristen der staatlichen Seite auf Granit gebissen. Vor diesem Hintergrund ist der Artikel und vor allem das Fazit zu lesen: Gefährlich sind nicht die, die Freiräume in Anspruch nehmen, sondern die, die sie (anderen) verwehren wollen. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass es dabei jede Gruppe einmal erwischen kann, deshalb sollte man sich gut überlegen, welche Grundrechte man in den Treteimer befördern möchte. Die Denkweise, dass bestimmte Rechte obsolet sind, weil man sie selbst nicht in Anspruch nimmt oder nehmen möchte, ist zwar weit verbreitet, aber reichlich kurzsichtig, um nicht zu sagen beschränkt, und Gott sei Dank haben die Väter und Mütter der Verfassung das anders gesehen.

  8. Mathis sagt:

    Ungeachtet der verbrieften Rechte aller religiösen Gruppierungen, gibt es dennoch innerhalb der jeweiligen Gruppierungen unterschiedlichste Auffassungen darüber was Konsens sein soll und was nicht. Auch Frau Kelek vertritt da lediglich eine mögliche Position, die viele teilen mögen, viele auch nicht.Dass es bei der sog. Islamkonferenz gerade auch zwischen den muslimischen Teilnehmern unterschiedliche Haltungen und Dissonanzen gab, ist ja inzwischen jedermann bekannt. Haltungen und Meinungen sind dazu da, ausgedrückt zu werden, Das ist von der Verfassung ebenfalls ausdrücklich genehmigt.

  9. Clementi sagt:

    Die Aufregung ist schwer zu verstehen. Frau Kelek vertritt eine Meinung, die man nicht teilen muss – aber das ist ja mit vielen Meinungen so. Muss man jemanden, der eine andere Meinung dafür so harsch angehen? Das hat ja etwas Diskriminierendes. Wo bleibt die Sachlichkeit?

  10. Julia sagt:

    „Es geht darum, dass Frau Kelek Positionen vertritt und deren Umsetzung fordert, die nicht mit der Rechtsordnung vereinbar sind.“

    Also bitte Frau Boos-Niazy,
    Sie wollen uns doch nicht etwa erzählen, dass Sie noch nie Positionen vertreten haben, die rechtlich nicht Umsetzbar sind!? Die Juristen sitzen ja wohl aus dem Grund da, weil man als normaler Mensch (nicht mal als Politiker) überhaupt nicht wissen kann was umsetzbar ist und was nicht. Und selbst, wenn Frau Kelek einen Vorschalg macht den man so rechtlich nicht umsetzen kann, dann kann man immer noch die Essenz ihrer Forderungen versuchen zu extrahieren um ihren Sorgen Rechnung zu tragen!
    Aber ja, man kann jemanden daraufhin auch als halbkriminelles Element darstellen, das hängt immer vom Gemüt des Gegenübers ab und dessen Ziele, die er versucht zu erreichen.
    In ihrem Artikel geht es ja darum Frau Kelek als „persona non grata“ darzustellen und nicht um konstruktiv nach einer Lösung der von ihr benannten Probleme zu finden (die es ja gibt). Sie leugnen ja, dass es überhaupt ansprechbare Problem in der muslimischen Community gibt. Für sie ist alles bestens und für andere nun mal nicht!


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