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Migration und Integration in Deutschland

[Die Verhinderung der Sesshaftmachung] würde den Vorteil haben, dass das Interesse an einer Familienzusammenführung zurückgeht und damit uns erheblich geringere Infrastrukturkosten entstehen würden.

Ein Vertreter der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Weber, 1974

Integration im 16:9 Format

50 Jahre Koreaner in Deutschland

In diesem Jahr feiern die Koreaner ihr 50-jähriges Jubiläum in Deutschland. Am 16. Dezember 1963 trat durch einen Notenwechsel zwischen der Bundesrepublik und der Republik Korea das „Programm zur vorübergehenden Beschäftigung koreanischer Bergarbeiter“ in Kraft.

VONMartin Hyun

 50 Jahre Koreaner in Deutschland
Martin Hyun, 1979 in Krefeld geboren, Sohn koreanischer Gastarbeiter, studierte Politik, International Business und Relations in den USA und Belgien, war der erste koreanischstämmige Bundesligaspieler in der DEL und Junioren Nationalspieler Deutschlands. Im Europäischen Jahr des interkulturellen Dialog 2008 engagierte er sich als Botschafter in Deutschland. Er gehörte dem Leadership-Programm der Bertelsmann-Stiftung an und nahm als ein Vertreter der Koreaner in Deutschland an der Jahreskonferenz 2008 Forum Demographischer Wandel teil, die vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler initiiert wurde. Seit 2008 promoviert er zum Thema Arbeitsmigration. Sein aktuelles Buch:

DATUM18. Januar 2013

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RESSORTAktuell, Meinung

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Dieses Anwerbeabkommen wurde eher beiläufig von der Gesellschaft wahrgenommen. 247 gesunde koreanische Männer bestiegen am 21. Dezember 1963 ein Flugzeug am koreanischen Flughafen Gimpo, das sie nach Deutschland brachte. Es war die erste koreanische Delegation, die für deutsche Bergwerke vorgesehen waren.

Bis zum ersten Staatsbesuch des koreanischen Präsidenten Park Chung-hee im Dezember 1964 reisten noch weitere 806 Bergarbeiter nach Deutschland. Bis 1977 kamen rund 10.000 Krankenschwestern und Schwesternhelferinnen sowie rund 8.000 Bergleute aus Korea in die Bundesrepublik Deutschland. Die Koreaner waren von dem Anwerbestopp nicht betroffen, da die Bundesregierung die Anwerbung der koreanischen Gastarbeiter als ihren Beitrag der technischen Entwicklungshilfe betrachtete.

„In Deutschland scheint eine Integration erst dann gelungen zu sein, wenn man still, unsichtbar und unkritisch gegenüber der Mehrheitsgesellschaft bleibt.“

Trotz einem halben Jahrhundert in Deutschland wissen die Einheimischen nur wenig um die kleine asiatische Minderheit in der Minderheit, von der angenommen wird, sich gut in Deutschland integriert zu haben. In Deutschland scheint eine Integration erst dann gelungen zu sein, wenn man still, unsichtbar und unkritisch gegenüber der Mehrheitsgesellschaft bleibt. Die Forderung nach Grundrechten wie Chancengleichheit werden von der Mehrheitsgesellschaft als Unterwanderung des Status quo angesehen bzw. als Uneinsichtigkeit, sich diesem Land anzupassen.

Denn in koreanischen Hochburgen wie Frankfurt, Düsseldorf, Berlin und anderen Großstädten leben Koreaner – insbesondere die der ersten Generation – unter sich. Oftmals besuchen sie die koreanische Kirchengemeinde, schauen sich koreanische Seifenopern an, lesen in Deutschland publizierte koreanische Zeitungen, lassen sich von koreanischen Friseuren ihre Haare schneiden und andere alltägliche Dinge verrichten, ohne die deutsche Sprache zu nutzen. An jedem 15. August wird der koreanische Unabhängigkeitstag in Deutschland gefeiert. Koreaner aus ganz Deutschland treffen sich zu einem großen Sportfest in Castrop-Rauxell und die Koreaner der ersten Generation erheben sich zur koreanischen Nationalhymne. Die Bindung zu Korea ist trotz der fünf Jahrzehnte in Deutschland stärker als die Bindung zur neuen Heimat.

Aufgrund der geringen Anzahl der Koreaner in Deutschland werden sie von der Politik aber kaum wahrgenommen. Selbst die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Maria Böhmer nimmt die Koreaner kaum zur Kenntnis. Eine Mitarbeit in Böhmers Integrationsbeirat ist den Koreanern nicht gestattet und bei ihren Integrationsgipfeln wurden koreanische Verbände anfangs gar nicht und nur auf Nachdruck ohne Rederecht eingeladen. Mit den türkischen Verbänden geht die Bundesregierung allen voran Maria Böhmer anders um.

Bei den deutsch-türkischen Feierlichkeiten zum 50-jährigen Jubiläum im Jahr 2011 wurden keine Kosten und Mühen gescheut, dem ganzen einen würdigen Rahmen zu verleihen. Kaum ein Tag verging in Medien, an dem nicht über das 50-jährige Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei ausführlich berichtet wurde. So ein Engagement der Bundesregierung wünsche ich mir auch für das 50-jährige deutsch-koreanische, deutsch-marokkanische Jubiläum und die weiteren, die noch anstehen.

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6 Kommentare
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  1. Peter Lustig sagt:

    Man darf gespannt sein, was die Bundesregierung beim 50-jährigen Jubiläum der Marokkaner und Koreaner vor hat. Ich kann mir gut vorstellen, dass es nicht wie im Rahmen des 50-jährigen Jubiläums mit der Türkei geschehen wird und gerade das sollte uns allen zu denken geben. Denn das wäre ein klares Zeichen der Geringschätzung von MInderheiten, die nun mal eine Minderheit in der MInderheit sind. Die Bundesbeauftragte für Integration, Maria Böhmer könnte dies aber ändern!!!

  2. Zerrin Konyalioglu sagt:

    Vielen Dank für diesen sehr guten und aufrichtigen Artikel. Nur mit entsprechender Aufrichtigkeit kommen wir in dieser ganzen Integrationsdebatte weiter.

  3. Herzlichen Glückwunsch! Auf die Zukunft!

    http://blog.nancoeur.de/?p=162

    Geburtstage sollte man feiern, der triste Alltag ereilt uns spätestens kurz nach zwölf.

  4. Gerdst97 sagt:

    Auch ich bin gespannt, ob die Bundesregierung auch so eine Show veranstaltet wie beim 50-jährigen deutsch-türkischen Anwerbeabkommen!!!!

  5. Lothar Schmidt sagt:

    Menschen aus wie vielen Herkunftsländern leben in Deutschland? 100? Streng genommen brauchen wir jetzt für jedes dieser Länder eine Feierlichkeit zum 50jährigen Bestehen, damit sich auch keiner diskriminiert vorkommt. Auch eins für den einen Eskimo natürlich.

  6. Gern Geschehen sagt:

    Herr Schmidt,

    ich denke etwas Demut und Dankbarkeit sind angebracht, denn viele dieser Menschen haben auch den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands mitgetragen fern entfernt von ihrer Heimat.



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