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Migration und Integration in Deutschland

Wir haben unsere Behörden über Jahrzehnte in eine Abschottungskultur hineinentwickelt. Man hat gesagt: Haltet uns die Leute vom Hals, die wollen alle nur in unsere Sozialsysteme einwandern. Jetzt müssen wir deutlich machen, dass wir Fachkräfte brauchen, dass wir um sie werben müssen.

Peter Clever, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, April 2013

Fußball, Integration und Nationalgefühl

Warum Özil die Hymne nicht mitsingt

Heute treten Khedira, Özil und Boateng beim EM-Halbfinalspiel im Dress mit dem Bundesadler gegen Italien an. Und viele wundern sich, warum sie bei der Nationalhymne im Fußballstadion nicht mitsingen. Dabei ist das gut nachvollziehbar. Denn sportliche Akzeptanz bedeutet in Deutschland noch keine gesellschaftliche Akzeptanz, meint Martin Hyun.

VONMartin Hyun

 Warum Özil die Hymne nicht mitsingt
Martin Hyun, 1979 in Krefeld geboren, Sohn koreanischer Gastarbeiter, studierte Politik, International Business und Relations in den USA und Belgien, war der erste koreanischstämmige Bundesligaspieler in der DEL und Junioren Nationalspieler Deutschlands. Im Europäischen Jahr des interkulturellen Dialog 2008 engagierte er sich als Botschafter in Deutschland. Er gehörte dem Leadership-Programm der Bertelsmann-Stiftung an und nahm als ein Vertreter der Koreaner in Deutschland an der Jahreskonferenz 2008 Forum Demographischer Wandel teil, die vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler initiiert wurde. Seit 2008 promoviert er zum Thema Arbeitsmigration. Sein Debüt-Buch „Lautlos-Ja Sprachlos-Nein: Grenzgänger zwischen Deutschland und Korea“ erschien im Eb-Verlag Hamburg.

DATUM28. Juni 2012

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RESSORTAktuell, Meinung

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Ich bin stolz ein Deutscher zu sein. Doch egal wie glaubhaft ich versuche, dieses Bekenntnis rüberzubringen, halten es alle für einen dummen Aprilscherz.

Wäre ich langschädelig, blond und hätte blaue Augen, würde mir rechtspopulistisches Gedankengut unterstellt. Doch wenn diese Worte aus dem Munde eines schwarzhaarigen, koreanischstämmigen mit Schlitzaugen kommen, dann nehmen diese Worte politische Neutralität an – wie die Schweiz.

Ich gehöre also zu jenen Migranten, die eine optisch erkennbare Zuwanderungsgeschichte vorweisen, und deshalb will man mir nicht glauben, mich nicht ernst nehmen. Meine Worte, meine Person werden unterschätzt. Und das obwohl ich den Einbürgerungstest mit null Fehlern bestanden habe und demnach ein Deutscher mit Bienchen sein müsste.

Trotz der sechs Jahrzehnte nach dem verheerenden Weltkrieg ist ein gesunder Nationalstolz in Deutschland nicht möglich. Patriotismus auszudrücken, wird immer noch mit der dunklen Vergangenheit des Landes in Verbindung gebracht, der Shoah, der Ausgrenzung und Ermordung von Minderheiten.

Zudem wird der Begriff von den rechtsextremistischen Organisationen missbraucht und so bleibt die negative Aufladung haften. Aber ich bin weder nationalistisch angehaucht noch ein Antisemit.

Und da kommen die Migranten ins Spiel. Denn Gastarbeiter und deren Kinder haben Nachkriegsgeschichte geschrieben, ebenso wie die deutsche Einheit. Beides gehört zum Konstrukt der deutschen Identität.

Erst wenn wir als Gesellschaft soweit sind, dies anzuerkennen, mehr noch: den Migranten ihr Bekenntnis zu Deutschland als glaubhaft abzunehmen, aufhören ihre Loyalität zu bezweifeln, auch ihre Kritik aus Liebe zum Land akzeptieren, ohne wenn und aber, erst dann befreien wir uns von der Angst, in die rechte Ecke gedrängt zu werden. Doch davon sind wir noch weit entfernt.

Jeder wundert sich, warum ein Khedira, Özil oder Boateng bei der Nationalhymne nicht mitsingt. Ich kann das gut nachvollziehen. Während meiner Zeit als Juniorennationalspieler Deutschlands war ich in ähnlicher Lage und auch ich blieb während der Hymne stumm. Sportliche Akzeptanz bedeutet nicht gleich gesellschaftliche Akzeptanz, geschweige denn Inklusion.

Die Münder bleiben stumm, weil trotz des Bekenntnisses ein Einwanderungsland zu sein, sich die Gesellschaft immer noch schwer damit tut, sich mit Menschen wie meiner Wenigkeit zu identifizieren, klar und eindeutig zu bekennen, dass auch Migranten dazu gehören, egal aus welchen Schichten oder Wurzeln sie stammen.

Es erfordert eine neue Debatte darüber, wer oder was im 21. Jahrhundert, in einem multiethnischen Deutschland, einen Deutschen ausmacht. Nationalstolz benötigt eine nationale Identität. Die Fußballnationalmannschaft lebt es uns vor, von ihr können wir lernen.

Als Multikultitruppe entwickelte sie neues Denken, eine andere Spielweise und schuf dadurch eine neue Identität. Das hat viele Migranten in diesem Land stolz gemacht. Die Kunst besteht darin, diese sportliche Seite in die Gesellschaft zu übertragen und diese neue Art das Spiel auszuüben, anzunehmen.

Was fehlt den Deutschen? Die Antwort ist einfach: ein Lächeln im Gesicht, das Vertrauen, die Courage zur Liebe und Nächstenliebe, die Lust zur Neugier, eine gesunde Portion Idealismus, das Aufeinanderzugehen – und der letzte Tick, das Begreifen, dass alle Bewohner dieses Landes aufeinander angewiesen sind.

Oder wie es Martin Luther King einst sagte: „Ich kann niemals so sein, wie ich eigentlich sein sollte, wenn du nicht bist, wie du sein solltest. Und umgekehrt ist es nicht anders.“ In diesem Zitat ist die Sehnsucht nach wirklicher Chancengleichheit, Teilhabe und Mitwirken an der Gesellschaft manifestiert, in der wir längst zuhause sind und doch muss das gemeinsame Ankommen erst noch erlernt werden.

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37 Kommentare
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  1. aloo masala sagt:

    Viel interessanter als die Frage, weshalb Özil oder andere die Hymne nicht mitsingen ist für mich die Frage, weshalb Unionspolitiker als auch ein großer Teil der deutschen Öffentlichkeit so scharf darauf sind, dass alle Spieler die Hymne mitsingen. Sonst prahlt man doch so gerne von einer freiheitlichen Gesellschaft, die über muslimische Hinterwälder im speziellen und religiöse Zwänge im Allgemeinen erhaben sind. Obwohl reine Privatsache, die niemanden etwas anzugehen hat, wird die Loyalität zu Deutschland zu einer quasi-religiösen Frage erhoben. Deutsche Nationalspieler haben öffentlich ein Glaubensbekenntnis zu Deutschland abzuliefern und die Hymne mitzusingen. Auf diese Weise verkommt die Hymne zur Burka der Nationalisten, mit der Sie die Herkunft der Migranten zu verschleiern versuchen und ihnen den rechten Pfad eines loyalen Deutschen leuchten.

    Bei dieser verlogenen Debatte und dem fehlenden Rückhalt in der deutschen Bevölkerung und Politik würde ich als Sportler mit Migrationshintergrund aus der Nationalmannschaft zurücktreten.

  2. azrael sagt:

    Da hat aloo masala recht, finde es auch nicht gut wenn Ausländer dazu genötigt werden, die deutsche Nationalhymne zu singen.

  3. […] nicht aus Klageliedern. Die ihrerseits wurden laut, weil Özil und Boateng keine Lust hatten, die deutsche Nationalhymne zu singen. Als ich zum Finale vorm Fernsehr saß und inbrünstig Fratelli d’Italia […]

  4. Moksha76 sagt:

    Lieber Martin,
    vielen Dank für diesen Artikel, Sie haben meine Meinung zu diesem Thema perfekt getroffen. Nach 36 Jahren in meinem Geburts(Heimat)land Deutschland habe ich bereits vor einigen Jahren die Hoffnung aufgegeben Deutsche sein zu können. Als Kind, Jugendliche und junge Erwachsene war mein Wunsch nach Zugehörigkeit, Akzeptanz und Integration geradezu grenzenlos. Dazu gehört auch, die deutsche Nationalhymne zu kennen, die ich zweifelsohne mitsingen könnte. Özil, Khedira und Boateng sind sportlich und rein juristisch Deutsche, sie spielen für Ihr Heimatland. Singen für Ihr Heimatland möchten Sie offensichtlich nicht, aber die Begründung dafür interessiert die deutsche Mehrheit nicht. Solange wir nicht als vollwertige Deutsche akzeptiert werden, Ausgrenzung statt Zugehörigkeit unseren Alltag dominiert, schlägt das Herz nicht für Deutschland. Traurig, aber wahr!

  5. Michaela Chemnitz sagt:

    Unglaublich aber wahr. Vielleicht hat der Verfasser mit seinem Artikel über Nationalstolz, eine Hymnen-Debatte ausgelöst. Das Schöne an einer Demokratie ist, dass einer tuen und lassen kann, wie ihm gefällt, solange es nicht gesetzwidrig ist. Dazu gehört auch das SIngen oder eben nicht!

  6. Torgey sagt:

    @Maria

    Wo Sie grade sagen keine Ahnung. Bei ihrem Beitrag sind so viele sachliche Fehler, dass man Satz für Satz vorgehen müsste. Homogene Gruppe? Auf Niemanden angewiesen? Kosten/Nutzen der „paar Tausend“ (schon hier sieht man, wieviel Ahnung Sie haben) türkischstämmigen Gastarbeiter? Rechnen Sies doch mal aus. Wirtschaftswunder durch Millionen von Arbeitsmigranten vs. den heuten Sozialtransfer. Sie wären überrascht.

    @Artikel: Schon alles richtig, vielleicht kann Özil aber auch einfach nur schlecht singen 😉

  7. Tom-2806 sagt:

    Wenn Migranten die Nationalhymne singen wäre das ein gutes Zeichen. Es würde als Aussage verstanden, dass sie der Meinung sind, voll und ganz dazuzugehören. Auch wenn die gesellschaftliche Wirklichkeit ihnen dieses Gefühl vielleicht noch nicht voll vermittelt, wäre es schön, wenn die Ersten bald damit anfangen würden – einfach als Demonstration und zur Bewusstseinsbildung dafür, dass es selbstverständlich sein sollte, dass Eingebürgerte immer voll und ganz dazugehören.


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