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Migration und Integration in Deutschland

In allen Zielstaaten der Arbeitsmigration weisen die Eltern der als Migranten erfassten Jugendlichen eine kürzere Schulbesuchszeit und einen geringeren ökonomischen, sozialen und kulturellen Status auf als die Eltern von Nichtmigranten. Nirgendwo ist dieser Unterschied … aber so stark wie in Deutschland.

Konsortium Bildungberichterstattung, Bildung in Deutschland, 2006

Partiziano

F.I.G.C. dich, du Rasist

Es schneiden sich die Geister am Scharfsinn eines Moderators, der sich inzwischen inmitten einer Dantesken Komödie sieht und ins Fegefeuer soll, weil er nicht weiß, welche Miene er aufsetzen oder zum Lachen besser in die Katakomben gehen soll. In jedem Fall ist die Bombe geplatzt: Spanien setzt dem Triple mit vier Toren gegen den viermaligen Weltmeister die Krone auf – in Gegenwart des Kronprinzen. Royal fatal.

VONMarcello Buzzanca

 F.I.G.C. dich, du Rasist
Geb. 1972 in Frankfurt/Main. Studium der Romanistik, Amerikanistik und Germanistik in Frankfurt und Málaga. U.a. tätig als Autor, Texter, Redakteur, Übersetzer, Blogger und Kolumnist bei MiGAZIN. Sein erstes E-Book:: „Periodischer Patriotismus: Deut(lich)e Erfahrungen eines provisorischen Italieners“ erschien jüngst.

DATUM3. Juli 2012

KOMMENTARE11

RESSORTAktuell, Meinung

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F.I.G.C. steht für Federazione Italiana Gioco Calcio, auf den Trikots der italienischen Nationalmannschaft und damit auch auf der Brust jener Männer, die verdient ins EM-Finale zogen und dort – ebenso verdient – gegen die überragende Furia Roja unterlagen. 4:0 stand es am Ende am Abendhimmel von Kiew. Für jeden WM-Stern, den die Azzurri auf ihrem Trikot haben, setze es einen Treffer. Das nennt man wohl Arithmetik, also zahlenmäßige Kunst.

Glaubt man Béla Rethy, dem ZDF-Kommentator des Finales, hat jener Taktik, die die Italiener seiner Meinung nach mit dem ersten Teller Nudeln zu sich nehmen, wohl die Salsa gefehlt. Warum Béla Rethy aber glaubt, dass dem Italiener die Pasta, was anderen die Muttermilch ist, bleibt offen wie mein Mund vor Schreck, als ich mit ansehen musste, wie unfehlbar das Genie von Xavi und Iniesta scheinbar ist. Aber ja, F.I.G.C. steht eben für Fußball und damit auch für Niederlagen. Doch anders als Rasenschach mit Vorhängeriegel (also Catenaccio), begeisterten die Azzurri diesmal eben auch durch Leidenschaft und durch eine Kader, der endlich einmal Mut zur Farbe und zu Super Mad Mario Balottelli bewies. Der wiederum schoß Deutschland aus dem Turnier, wobei Özil der An- und Abschlusstreffer gelang und Mehemt Scholl sich danach konsterniert fragte, warum es gerade in den wichtigen Spielen nie reiche für die deutsche Mannschaft.

Dante al dente
Zwischen den beiden Hälften hatte sich Ingo Zamperoni zu einem Bekenntnis zu eben diesen in sich hinreißen lassen: Manifesto lo stato del cuore per essemplo del viso. Das Gesicht verrät die Stimmung des Herzen. Die danach einsetzende Aufregung darüber, dass hinter diesem Anchorman-Lächeln bestimmt auch Freude über die italienische Führung stecke, und die Tatsache, dass Ingo Antonio Zamperoni als Sohn einer deutschen Mutter und eines italienischen Vaters sich womöglich beiden Seiten und Mannschaften verbunden fühlt, äußerte sich für die ARD in Unmengen von Unrat an Beschimpfungen. Eigentlich müsste Zamperoni doch mit Trauerflor- und miene dasitzen und sich schämen. Wahlweise könnte er ja mit seinem Lächeln in den Keller gehen. Oder in den Fundus. Da würde er wahrscheinlich auf Roberto Cappelluti mit einer neuen Late-Show treffen, Arbeitstitel: Lach net, Achmed, sonst iss basta mit Pasta! Vielen anderen Deutsch-Italienern und auch italienischen Tageszeitungen spricht der Chefredakteur von ARD aktuell, Kai Gniffke, aus der Seele (also aus der einen Seite der selbigen), wenn er sagt: „Wir lernen, dass Einwandererkinder zwar für Deutschlands Nationalmannschaft kicken dürfen, aber wenn Zamperoni in den Tagesthemen Dante zitiert, ist die nationale Ehre im Eimer.“

Sing endlich das Ding!
Dantes Divina Commedia besteht aus insgesamt 100 Gesängen, wohlgemerkt nicht aus Klageliedern. Die ihrerseits wurden laut, weil Özil und Boateng keine Lust hatten, die deutsche Nationalhymne zu singen. Als ich zum Finale vorm Fernsehr saß und inbrünstig Fratelli d’Italia schmetterte (und mir bisweilen mit einem dadadadaaa helfen musste, weil ich die eine oder andere Passage vergessen hatte), fiel es mir schwer mich zu entscheiden, ob ich den glaskaren Stimmen des Chores ausgebildeter, ukrainischer Sängerinnen oder dem etwas atonalen Gesinge der Azzurri folgen sollte. In diesem Moment zeigte die Kamera den Bruder von Mario Balottelli, wie er die italienische Hymne sang. Ob Mario selber mitsummte, habe ich dann nicht mehr gesehen. Ich dachte mir also, dass man doch eigentlich Özil und Co. dankbar sein sollte, wenn sie das tun, was sie am besten können. Und das ist zweifelsohne nicht Singen. Und je mehr Energie sie darauf verwenden, ein uraltes Lied mitzusingen, mit dessen Inhalt sie nichts verbinden (was aber nicht bedeutet, dass sie nichts mit Deutschland verbinden und verbindet), desto weniger Kraft haben sie auf dem Feld. Deshalb sind ja auch die Spanier Europameister geworden, weil die Marcha Real seit über einem Vierteljahrtausend schlicht und ergreifend ohne Worte zurecht kommt. Ergo konzentrieren sich die Spanier ganz auf die Melodie und auf den Rhythmus ihres Spiels.

Oyram Götzmez
Oyram Götzmez ist die neue Generation europäischer Nationalspieler. Ein Potpourri, Trip-Hop und Cross-Over-Geschöpf. Kein Bock auf Hymne und Lobesgesänge, sondern vielmehr Lust, einfach Fußball zu spielen. Tique-Taque-Hühnerkacke heißt’s dann auf dem Schulhof. Taktik-Schulung wird zum Pflichtfach und löst Musik ab. Und Oyram Götzmez ist zwischendrin, sitzt neben Mario Götze, Gomez und der andere Mario hat die Begabung zum runden Leder sowieso schon im Namen – Ballo-ttelli eben. Nur, was sagt der Name eigentlich aus? Im Falle von Özil, Boateng, Khedira und auch Balottelli und Ibrahimovic steht die Überlegung ganz oben auf der Liste, wie viel das Merchandising des Trikots mit diesem exotischen Namen drauf dem jeweiligen Verein und Verband an Geld in die Kasse bringt. Und überhaupt, was den MKF (Multi-Kulti-Faktor) angeht, sind dann doch eher Italien und Deutschland die wahren Europameister, findet man doch in den spanischen Reihen nur Katalanen und Basken als Exoten. Que aburrimiento!

Fragma dein Bruda
Zu dem ganzen Wirrwarr um Singsang oder Schweigen der Männer gesellen sich dann noch die immer selben Fragen der Sportreporter: Wie ist die Stimmung nach der Niederlage in der Kabine? Na, wir tanzen nackt auf dem Tisch und freuen uns, ausgeschieden zu sein, was denn sonst? Oder auch: Hat womöglich Ihre Taktik versagt? Die Antwort sollte eigentlich immer lauten: Wenn du nicht nur am Schreibtisch gesessen, sondern auch mal auf dem Platz gestanden hast, dann kannst du dir die Antwort doch wohl denken. Und wenn nicht, wieso bist du dann Sportreporter geworden? Aber ja, der Zuschauer will informiert sein, O-Töne haben, quasi mit in der Kabine sitzen. Und er will nicht hören, dass es eigentlich nichts zu sagen gibt, weil die Entscheidung auf dem Platz gefallen ist. Für alle offensichtlich. Messbar in Toren und Punkten. Jetzt aber ist die EM vorbei und ich fliege bald in den Urlaub. Mit einem italienischen Pass. Nach Spanien. Gracias, Campeones!

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11 Kommentare
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  1. A. Chladek sagt:

    Danke, Marcello Buzzanca, für diesen erfrischenden Artikel. Ich glaube auch, dass der Cross-Over-Fussballer inzwischen Wirklichkeit ist. (Co-)Kommentatoren und Journalisten sind es zum Teil. Der Zuschauer allerdings ist es sicherlich nicht, wenn man sich die irritierten Stimmen zu Rethys Kommentierung oder Zamperonis Bekenntnis rekapituliert. Letzeres hat mir gut gefallen. Rethys Kommentierung erscheint mir seiet eh und je eher als ein sinnfreier Wortausfluss; Gebrabbel eines Menschen, dessen funktionaler Sinn darin besteht, zu sprechen. Aber das ist ja auch nicht wirklich neu. Gehört haben wir es nicht; aber gesehen: ein EM-Endspiel der Extraklasse.

  2. AI sagt:

    sport-report de luxe. hab mich köstlich amüsiert. GRAZIE

  3. Bell sagt:

    „ein uraltes Lied mitzusingen, mit dessen Inhalt sie nichts verbinden“

    Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland….
    Damit verbinden also Migrantenkinder, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind nichts? hm… dann wirds schwierig. Und der in Deutschland geborere und vermutlich sein ganzes Leben gelebte Autor singt selbstverständlich die nur italienische Hymne mit. Was verbindet den Autor eigentlich mit dem Inhalt der italienischen Hymne? Einer ziemlich martialischen Kriegshymne, wie man dank der Übersetzung erfährt.

    Fragen über Fragen und leider bietet dieser Artikel wenig Antworten. Ich ziehe aus diesem Artikel vorallem eine Erkenntnis, das beim Thema Integration noch vieles im Argen liegt.

  4. Liebe/r Bell,

    ja, da haben Sie Recht. Die italienische Hymne ist martialisch und vom Text her sicher überholt. Nur die Passage Stringiamoci a coorte passt dann einfach, wenn sich die Fußballer umarmen und zusammenstehen. Und ein wenig Verständnis für den Stolz der Italiener darauf, einstmals das Imperium Romanum gewesen zu sein (zumindest teilweise), schwingt da und auch im Text mit (L’elmo di Scipio, wobei elmo ein germanisches Lehnwort ist, toll, oder?). Einigkeit und Recht und Freiheit…tja, diese Werte leben sie doch sowieso – auf dem Platz und auch in anderen Lebensbereichen. Zu jener Zeit, als die Hymne geschrieben wurde, hatten diese Worte doch eine ganz andere Konnotation. Und wenn Sie bedenken, dass der Party-Patriotismus doch erst 2006 salonfähig wurde, verstehen Sie doch sicher, wie es für einen Migranten klingen mag, deutsches Vaterland zu singen, vor allem dann, wenn er auf der anderen Seite beschimpft wird, siehe hier:

    http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/patriotismus-panne-em-aus-ist-anlass-zu-rassismus-ganz-deutschland-7801

    Und ja, beim Thema Integration liegt einiges im Argen, wobei ich vermute, dass sie das Arge auf den Integrationswillen der Migrantinnen und Migranten beziehen, ich aber nicht, zumindest nicht ausschließlich.

    Und schließlich: Die Melodie der italienischen Hymne klingt einfach schön. So zum Mitsingen eben…

  5. Albrecht Hauptmann sagt:

    In Italien wie in Spanien habe ich krasseren Rassismus in der Bevölkerung erlebt wie hierzulande. Wie dort mit Nordafrikanern umgegangen wird, ist zuweilen unmenschlich. Eventuell ist das Mitsingen der Nationalhymne doch ein Zeichen ausgeprägten Nationalismus.

  6. alphaomega sagt:

    @Marcello Buzzanca
    Und gegen Ballotelli gab es nie rassisitsche Äusserungen in Italien? Die Italiener sind zwar keine Deutschen, aber dafür trotzdem keine Engel.

    http://www.bild.de/sport/fussball-em-2012-polen-ukraine/mario-balotelli/italien-empoert-ueber-karikatur-24874026.bild.html

    http://www.sueddeutsche.de/politik/italiens-mario-balotelli-gedemuetigt-geschmaeht-und-ploetzlich-held-aller-italiener-1.1397608

    Und er singt trotzdem mit! Warum? Na, weil es ihm sch***egal ist was Schwachköpfe über ihn denken!

    Sich als Opfer zu stilisieren, war, ist und wird nie eine Lösung sein!

  7. Zensus sagt:

    Herr Buzzacana, sie sind mit Recht froh ein Teil der ehemaligen römischen Herrscherkultur zu sein.
    Da lassen sie uns Kultur- und Humorlosen doch sicher das bisschen Stolz, Nachfahren der ehemaligen germanischen Barbarenstämme zu sein.
    Schließlich haben die auch mal ein wichtiges Spiel gegen die römischen Besatzer gewonnen und sich genau so darüber gefreut, wie der Herr Zamperoni über ein Fußballspiel, 2000 Jahre später.

  8. Mel sagt:

    immer diese unwirklichen, maßlosen und auch nicht authentischen Forderungen an die Neu-Deutschen. Ich möchte dies gerne nochmal unterstreichen. Wie Herr Buzzanca es in seiner Antwort bereits äußerte:

    Während Alt-Deutsche erst seit gestern einen Hauch von Patriotismus leben und nur eine verschwindende Minderheit die Nationalhymne beherrscht und wirklich mitsingt, soll der Sünden- und Prellbock Neu-Deutscher AM BESTEN SCHON VORGESTERN die Hymne aus dem ff aufsagen können. Und das, wenn er mitten in der Nacht geweckt wird!

    Und wehe, er trifft die Töne nicht! Dieser verkackte Ausländer…

  9. Neşe Tüfekçiler sagt:

    Ehm…Wenn man tagtäglich mit der Betitelung „Migrationshintergrund“ an seine ABstammung/Religion erinnert wird, scheint mir eine Inklusion in den Köpfen nicht vorhanden zu sein! Erst wenn der Pluralismus bei jedem angekommen ist und es selbstverständlich wird, dass es Vielfalt nun einmal auch hier in Deutschland gibt, dann wird man gemeinsam Lieder singen können – ohne aus-/ab- und hinweisende Betitelungen! Alle Deutschen sind dann gleich, egal woher ihre Ahnen kommen oder woran sie glauben! Dies ist aber HEUTE eher Utopie als gelebte Realität, denn Deutsche(r) sein ist heute immer noch „nur“ erfolgsabhängig!

  10. […] (und das habe ich ja schon mehrmals betont) sind Rassisten ja Rasisten, weil sie – genauso wie jenes Gras auf den Grünflächen – kurz geschoren und auf […]


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