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Migration und Integration in Deutschland

Die Umstellung darauf, dass jetzt die Ausländer die Überlegenen sind, da sie wenigstens einen Arbeitsplatz besitzen, ist für viele nicht nachvollziehbar.

Friedrich Landwehrmann, Strukturfragen der Ausländerbeschäftigung, 1969

Zielgruppe Jugend

Rechtsextreme im Social Web

Rechtsextremismus im Internet trägt längst ein modernes Gewand, und Jugendliche sind zu einer wichtigen Zielgruppe geworden. Doch mit welchen Themen werden sie angesprochen und welche Gegenstrategien gibt es?

VONGlaser, Schneider

Stefan Glaser, Dipl. Pädagoge und Politikwissenschaftler, geb. 1969; Leiter des Bereichs Rechtsextremismus und stellvertretender Leiter von „jugendschutz.netChristiane Schneider, Dipl. Sozialpädagogin, geb. 1979; stellvertretende Leiterin des Bereichs Rechtsextremismus bei „jugendschutz.net“.

DATUM12. Juni 2012

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RESSORTAktuell, Meinung

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Jugendliche für die kritische Auseinandersetzung stärken
Kritische Mediennutzung ist für Kinder und Jugendliche heute eine wesentliche Kernkompetenz. Rechtsextremismus im Internet tritt in vielen Nuancen auf und bewegt sich häufig im Rahmen der Legalität. Gegen viele der Angebote gibt es somit keine rechtliche Handhabe. Da Materialien aus dem Internet nicht immer hinterfragt werden, sind Sensibilisierung, Aufklärung und Information über rechtsextreme Propagandastrategien im Netz unerlässlich. Aus diesem Grund hat „jugendschutz.net“ medienpädagogische Workshops entwickelt und erprobt, wie mit jungen Menschen ein kritischer Dialog über rechtsextreme Online-Welten initiiert werden kann.1 Ziel ist es, Heranwachsende zu stärken, damit sie rechtsextremen Beeinflussungsversuchen nicht auf den Leim gehen, sondern ihnen etwas entgegensetzen können. Kennzeichnend für den gemeinsamen Lernprozess ist daher eine geschützte Lernatmosphäre, in der sie Denkmuster und Argumentationsstrategien von Rechtsextremen am Beispiel von Internetangeboten gemeinsam hinterfragen und reflektiert Gegenposition beziehen können.

Wichtig ist dabei, Jugendliche nicht als zu belehrende Mängelwesen zu verstehen, sondern sie mit ihren Kompetenzen und eigenen Fragen an die Thematik ernstzunehmen. Ein zentrales Element der Workshops ist daher die eigene Recherche. Die Jugendlichen erarbeiten sich die Inhalte ausgewählter Beispiele weitestgehend selbstständig und analysieren sie vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen, unterstützt durch Leitfragen. Letzteres hilft, den Lernprozess zu steuern und gezielte Lernakzente zu setzen, sodass sich niemand in den Weiten des Internets verliert. Die Erfahrungen aus den bisherigen Workshops zeigen, dass ein solch verantwortungsvoll gestalteter und am Subjekt orientierter Lernprozess dazu führen kann, Vorurteile sowie eigene Denk- und Verhaltensmuster zu reflektieren. Das gemeinsame Handeln macht den Jugendlichen Spaß und ermöglicht die positive Erfahrung, Rechtsextremen nicht machtlos gegenüberstehen zu müssen.

Parallel zu Angeboten für Jugendliche sind Fortbildungsmodule für pädagogische Fachkräfte wichtig, denn auch dort ist der Bedarf nach Information über das Phänomen Rechtsextremismus im Internet sowie nach Unterstützung bei der Frage, wie man in der schulischen und außerschulischen Bildung die Thematik aufgreifen kann, groß. Erwachsene sind im Umgang mit dem Internet häufig nicht so versiert wie Jugendliche, wissen wenig über deren Mediennutzung und können daher kaum mit ihnen die rechtsextremen Köderversuche im social web reflektieren. Das Thema Rechtsextremismus, aber auch die Frage nach den Medienwelten von Kindern und Jugendlichen sollten daher stärker in die Ausbildung von Pädagoginnen und Pädagogen integriert werden.

Fazit: Demokratische Potenziale nutzen
Die Plattformen des Web 2.0 leben von Beteiligung. Deshalb ist es wichtig, dass Nutzerinnen und Nutzer Rassismus und Diskriminierung in ihren Communitys nicht dulden, sondern Stellung beziehen für Toleranz und demokratische Werte. Wer im Internet auf rechtsextreme Inhalte stößt, muss nicht tatenlos zuschauen, sondern kann etwas dagegen unternehmen. Je mehr user sich aktiv an der Gestaltung einer respektvollen Cyberwelt beteiligen, desto weniger Raum bleibt Hassparolen. Ein einfacher und öffentlich sichtbarer Weg ist etwa das Verwenden von Webbannern auf Internetseiten oder Communityprofilen. Hierdurch wird jedem Besucher auf den ersten Blick deutlich: Hass und Intoleranz werden hier nicht akzeptiert.

Auch dort, wo Neonazis unter dem Deckmantel sozialpolitischer Diskussionen Hass auf Minderheiten schüren und geschichtsklitternde Thesen verbreiten, gilt es, sich mit den Opfern zu solidarisieren und die Propaganda als verunglimpfend zu entlarven. Beschwerden über Beiträge nehmen die Betreiber der Plattformen entgegen. Wer sich unsicher ist, wie er Inhalte zu bewerten hat, oder sich im oftmals unübersichtlich gestalteten Beschwerdemanagement der Dienste nicht zurechtfindet, kann Inhalte bei „jugendschutz.net“ melden – über ein Formular auf der Website ist dies auch anonym möglich.2

Rechtsextremismus im Internet kann nur effektiv bekämpft werden, wenn sich alle relevanten Akteure beteiligen. Zuvorderst dürfen Provider und Plattformbetreiber den Missbrauch ihrer Dienste zur Verbreitung von Hassbotschaften nicht dulden. Parallel müssen rechtsextreme Straftaten im Internet konsequent geahndet werden. Dafür sollten auch international Kräfte gebündelt und die Voraussetzungen geschaffen werden, um Täter länderübergreifend zur Rechenschaft zu ziehen. Nicht zuletzt ist die Online-Community – jede einzelne Nutzerin und jeder einzelne Nutzer – gefordert, neonazistische Äußerungen nicht zu ignorieren, sondern Rechtsextremen im Netz konsequent die Rote Karte zu zeigen.

  1. Vgl. jugendschutz.net, Konzepte, Seminare und Workshops (5.3.2012). []
  2. Online: Jugendschutz.net. []
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4 Kommentare
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  1. pepe sagt:

    Alltagsrassismus kann doch sowohl von Linken als auch von Rechten ausgehen!

  2. Al-Dschabir sagt:

    Soll man sich da noch wundern, wenn schon der Innenminister und andere Politiker medial über Muslime herfallen? Ist doch leider mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen und gehört schon zum guten Ton den Islam zu kritisieren. Man bekommt sogar Preise dafür, siehe Ayan Hirsi Ali, die extremistische Islamhasserin.

    Dazu ein guter Artikel:

    Wie Ayaan Hirsi Ali Breiviks Massenmord erklärt
    von
    Stefan Buchen
    18. Mai 2012

    http://www.cicero.de/comment/22055

  3. Mathis sagt:

    Was mir Sorgen macht,ist der fast völlige Kontrollverlust der Eltern, was die Internetaktivitäten ihrer Sprösslinge angeht.Eltern sollten ihren Kindern erst dann Zugang zum Internet bieten, wenn sie sich selbst damit auskennen und wissen, was „dort“ los ist. Medienkompetenz steht aber wohl eher nicht auf der Erziehungsagenda der meisten Familien.
    Warnungen dürfen allerdings nicht einseitig die Neonazi-Szene betreffen, sondern desgleichen Islamistenforen, Videos von Hasspredigern aller Sorten etc. beleuchten. Ansonsten ist die Warnung leider lediglich tendenziös statt seriös.

  4. erdogan sagt:

    @Al-Dschabir

    Bei uns kriegen ja auch Menschen wie Bushido ein Integrationpreis. Glaub mir in Deutschland läuft so manches ganz gewaltig schief.



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