Eröffnungsrede - Angela Merkel zum 3. Jugendintegrationsgipfel - MiGAZIN

Die Zerteilung der Arbeit in kurze und ständig zu wiederholende, gleichförmige Handgriffe ermöglicht es, Arbeiter ohne Qualifikation und ohne Kenntnis der deutschen Sprache einzusetzen; die Art der Arbeit erfordert es vielleicht sogar. Hans-Günter Kleff Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Eröffnungsrede

Angela Merkel zum 3. Jugendintegrationsgipfel

100 Jugendliche diskutierten auf dem zweitägigen Jugendintegrationsgipfel, die am Dienstag zu Ende ging, über das Gelingen von Integration. Die Eröffnungsrede hielt Bundeskanzlerin Angela Merkel. MiGAZIN veröffentlicht die ungewohnt amüsante Rede im Wortlaut:

 Angela Merkel zum 3. Jugendintegrationsgipfel

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) © bundesregierung.de, bearb. MiG

Liebe Maria Böhmer,

liebe Kolleginnen aus dem Deutschen Bundestag,

sehr geehrter Herr Sirin

und vor allen Dingen Sie, liebe Jugendliche – 100 Ausgewählte aus vielen –, die Sie jetzt auf dem 3. Jugendintegrationsgipfel einen Tag lang zusammen sein und sich austauschen werden,

ich freue mich, dass dieser Gipfel eine gute Resonanz gefunden hat. Es haben sich sehr viele beworben, um an diesem Gipfel teilzunehmen – wir mussten auswählen bzw. Maria Böhmer musste mit anderen auswählen. Das ist ja erst einmal schon ein gutes Zeichen. Ich vermute daher, dass Sie auch alle Lust haben, sich in die Diskussion heute einzubringen. Sie haben durchaus eine große Verantwortung, das Beste zu geben. Wir haben – das will ich ausdrücklich sagen – große Erwartungen. Schon zu Beginn meiner Arbeit als Bundeskanzlerin haben wir, Maria Böhmer und ich, uns sehr bewusst dafür entschieden, das Thema Integration hier im Bundeskanzleramt anzusiedeln, denn wir sind der tiefen Überzeugung, dass es sich dabei um eines der großen Zukunftsthemen handelt.

Integration ist ja fast so ein sperriges Wort wie Migrant. Die Kombination zum Ausdruck „Integration von Migrantinnen und Migranten in unserem Land“ distanziert die Sache doch sehr vom täglichen Leben. Deshalb ist es gut, dass Sie Ihre persönlichen Erfahrungen einbringen und wir uns mit Hilfe dieser Erfahrungen überlegen können: Worauf müssen wir politisch achten? Politik kann einen Rahmen setzen. Wir können auf bestimmte Dinge achten, wir können uns um Kindergartenplätze kümmern, wir können uns um gute Schulen kümmern, wir können uns darum kümmern, dass Sprachkurse angeboten werden. Wir können vieles machen. Aber wenn das nicht einhergeht mit dem guten Willen der Menschen, um die es geht, dann haben wir gar keine Chance.

Von den 100 Jugendlichen hier haben 50 einen offensichtlichen Migrationshintergrund und 50 gehören zu denen, die man als Deutsche bezeichnet – wobei man ja bei denen, die etwa von den Hugenotten abstammen, wie zum Beispiel unser Verteidigungsminister Thomas de Maizière, auch hinterfragen könnte: Wann, in welchem Jahrhundert, ist aus der hugenottischen Familie, die einmal nach Deutschland kam, eigentlich eine als deutsch angesehene Familie ohne Migrationshintergrund geworden? Insofern ist eine solche Eingruppierung also ein fließender Prozess.

Hier sitzen also 50 mit der einen Lebenserfahrung und 50 mit der anderen. Was zeigt das? Das zeigt, dass wir zutiefst davon überzeugt sind, dass Integration eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, wie man politisch sagen würde – also eine Aufgabe, die an alle gerichtet ist: sowohl an die, die schon immer bzw. deren Familien viele Jahrzehnte, viele Jahrhunderte lang hier gelebt haben, als auch an diejenigen, die erst vor kurzem oder deren Familien vor wenigen Generationen hierhergekommen sind. Denn wenn sich nur eine Gruppe um Integration bemüht und die andere sagt, dass sie damit nichts zu tun haben will, dann wird das natürlich nicht klappen.

Insofern hoffe ich, dass Sie uns mit Ihren Erfahrungen, die Sie auch in die Workshops einbringen, sozusagen ein Stück näher an die realen Probleme führen. Deshalb bitte ich Sie, in diesen Diskussionen offen zu sein. Ich bitte Sie, keine Sorge zu haben, dass man, wenn man irgendetwas ausspricht, damit vielleicht eine schlechte Stimmung hervorruft. Wenn einer, der sich in den Kulturkreisen, aus denen Migrantinnen und Migranten kommen, vielleicht nicht allzu sehr auskennt, eine Frage stellt, dann soll er nicht die Sorge haben, ob er damit gerade zeigt, dass er etwas nicht weiß.

Ich glaube, zur Integration gehören Toleranz, Offenheit und auch ein kleines Stückchen Mut, das auszusprechen, was einen bewegt. Das ist auch meine Erfahrung aus meinen Bürgerdialogen, an denen immer auch Menschen mit Migrationshintergrund teilgenommen haben: Dass Fremdartigkeit und Unbekanntheit bei denen, die meinen, Sie kämen aus dem Kreis, dem alles bekannt sei, immer auch Reaktionen hervorrufen, die die Migrantinnen und Migranten vielleicht manchmal auch ein bisschen verschrecken, weil man die Motive nicht genau kennt. Da braucht man dann auch ziemlich viel Selbstbewusstsein, um über das zu sprechen, was einen eigentlich bewegt.

Das heißt, der erste Weg zu einer wirklichen Integration ist das gemeinsame Gespräch, die gegenseitige Offenheit und die Fähigkeit, sich Fragen zu stellen und aus dem eigenen Leben zu berichten. Dabei wird sicherlich auch herauskommen, dass jeder von uns – egal, woher er kommt – immer auch ein wenig geneigt ist, in Klischees zu denken. Man kann ja nicht alles, was es im Leben gibt, selbst erleben; also hat man von vielen Dingen, die man selbst nicht erlebt hat, irgendeine Vorstellung, weil jemand einmal etwas davon erzählt hat, wie das angeblich sein soll. Bis man es nicht selbst erlebt hat, hängt man eben an dieser Erzählung und denkt: So ist das immer. Deshalb ist es wichtig, dass wir aus dem Denken in Klischees herauskommen, dass wir uns aus dem realen Leben berichten und dass wir dies vor allen Dingen auch tun, indem wir uns sozusagen immer gewiss sind, dass jeder Mensch einzigartig ist.

Es gibt nicht „die“ Türken und „die“ Deutschen, sondern es gibt unter den Deutschen ziemlich Faule und vielleicht mehr Fleißige – und das ist bei den Türken genauso. Das heißt, alle Klischees darüber, wer wie ist, sind falsch. Wir haben Lustige und Traurige, Wortkarge und Wortreiche in Deutschland. Wenn der Mecklenburger einen Sachsen trifft, dann fragt er sich: Was babbelt der dauernd? Und wenn der Sachse einen Mecklenburger trifft, dann fragt er sich: Kann der nicht auch einmal den Mund aufmachen? Also gibt es schon Vielfalt in unserem eigenen Land. Wir sind ohnehin ein Land, das eigentlich sehr offen gegenüber Vielfalt sein sollte. Denn Deutschland hat immer wieder die Erfahrung gemacht: Wenn wir uns auf Vielfalt eingelassen haben, dann hat uns das bereichert, weil wir auch völlig neue Erfahrungen in unsere Erkenntnisse aufnehmen konnten und daraus dann gemeinsam wieder etwas Gutes gemacht haben.

Viele Menschen begegnen sich hier – 50 und 50, also insgesamt 100 in vier Workshops mit je 25 Beteiligten. In der Bundesrepublik Deutschland mit noch über 80 Millionen Menschen ist uns das Thema Integration deshalb so wichtig, weil die Zahl derer, die nicht auf eine jahrhundertelange deutsche Herkunft blicken, zunehmen wird, und weil wir einfach festgestellt haben: Integration funktioniert offensichtlich nicht ganz von alleine.

Wir haben sehr oft und sehr lange von „Gastarbeitern“ gesprochen und uns nach 25 oder 30 Jahren gewundert, dass die Gäste immer noch da waren. Das ist ja eine Möglichkeit, aber wir haben aufgehört, so über sie zu sprechen. Ich glaube, das war für die Partei, der ich angehöre – ich spreche jetzt einmal für die CDU – wirklich ein wichtiger Schritt. Wir haben einmal – das gehört für mich zu den emotionalsten Begebenheiten, die ich jemals erlebt habe – auf Einladung von Maria Böhmer die Gastarbeiter der ersten Stunde in das Kanzleramt eingeladen. Bis dahin war noch gar niemand auf eine solche Idee gekommen, obwohl sie einen Riesenbeitrag zu unserem Wohlstand geleistet haben. Es gab bei diesem Treffen sehr rührende Erzählungen. So hat etwa der ehemalige Vorsitzende der BASF, Herr Hambrecht, erzählt, wie er von einem italienischen Gastarbeiter seine ersten Brocken Italienisch und dieser seine ersten Brocken Deutsch gelernt hat. Das hat sich Schritt für Schritt entwickelt. Im Arbeitsleben insgesamt sind wir ja vielleicht schon am allermeisten integriert.

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4 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Optimist sagt:

    Selbst Frau Merkel ist lernfähig. Vor ein paar Jahren hörte sich das noch ganz anders an, als sie die Meinung vertrat, die Integration sei vollkommen gescheitert.

    Daß sie persönlich bei diesem “Gipfeltreffen” auftrat, rechne ich ihr hoch an. Bravo Frau Merkel, weiter so…

  2. Die_Emotionale sagt:

    “Selbst Frau Merkel ist lernfähig. Vor ein paar Jahren hörte sich das noch ganz anders an, als sie die Meinung vertrat, die Integration sei vollkommen gescheitert”

    Das hat Frau Merkel nicht gesagt Optimist, sie sagte, “Multikulti ist gescheitert”.

  3. [...] Engagement und Integration“ sowie „Konflikte zwischen den Generationen“ beschäftigt. Die Auftaktrede hielt Bundeskanzlerin Angela Merkel höchstpersönlich. Zum Abschluss des Gipfels wurden die [...]

  4. [...] mit einer sogenannten „Willkommenskultur“. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte die Teilnehmer auf, auch unbequeme Fragen anzusprechen. „Zu Integration gehört Toleranz, Offenheit und auch ein [...]



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