MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Die Wirtschaft entschied über die Anzahl der angeworbenen Gastarbeiter wie über deren Verteilung innerhalb der Bundesrepublik.

Ursula Mehrländer, Ausländerpolitik im Konflikt, 1978

Alltagsrassismus

Alles nur Theater?

Dass in der Inszenierung von „Ich bin nicht Rappaport“ an Dieter Hallervordens Berliner Schlosspark Theater ein Weißer einen Schwarzen spielt, sei noch lange kein Rassismus, argumentiert Hakan Demir im MiGAZIN. Doch Rassismus ist mehr als Pöbelei und Gewalt.

VONReisin/Strippel

Dieser Beitrag von Andrej Reisin und Andreas Strippel ist in abgewandelter Form zuerst erschienen auf publikative.org

DATUM25. Januar 2012

KOMMENTARE8

RESSORTAktuell, Meinung

SCHLAGWÖRTER , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Dieter Hallervorden fühlt sich missverstanden: Ausgerechnet er, der sich so oft über Rechte und Rechtsradikale und ihre Ansichten lustig gemacht hat, soll eine rassistische Inszenierung an seinem Theater haben. In dem Stück „Ich bin nicht Rappaport“ wird mit Blackface gearbeitet, also ein weißer Schauspieler wird schwarz geschminkt. Dass an deutschen Theatern die rassistische Tradition des Blackface ignoriert wird, ist ein Musterbeispiel für die Ignoranz der Wohlmeinenden gegenüber dem Alltagsrassismus. Gerade für Menschen, die selbst anti-rassistisch engagiert sind, ist die Vorstellung, sich selbst rassistisch zu verhalten oder zu äußern, oftmals abwegig. Weil man etwas nicht rassistisch gemeint habe, könne es auch nicht rassistisch sein. Diese Abwehrhaltung hat das Magazin „ZDF Kulturpalast“ treffend inszeniert.

So fällt den Theatermacher/Innen wirklich gar nichts dabei auf, wenn sie als Rechtfertigung schreiben: „Müssen wir künftig Shakespeares „Othello“ in der Bearbeitung von Schlegel/Tieck aus unseren Spielplänen streichen, weil uns ein „schwarzer Schauspieler“ im Ensemble fehlt?“ Dieser „Argumentation“ entgeht leider, dass sie auf einem vollkommen rassistischen Grundgedanken beruht: Nämlich, dass schwarze Schauspieler nur schwarze Rollen spielen könnten – und es deshalb schlicht nicht in Frage komme, dass man sie überhaupt im Ensemble hat.

Reduzierung auf Klischees
In Deutschland werden afro-deutsche Darsteller, ebenso wie Schauspieler mit türkischem oder arabischem Hintergrund eben immer noch vor allem auf den Kriminellen, den schmierigen Händler oder den Trottel vom Dienst reduziert. Nur selten werden sie fest in ein Theater-Ensemble aufgenommen, weil es eben nicht um ihre Qualifikation geht, sondern darum, dass angeblich „zu wenig Rollen für Nicht-Weiße“ vorhanden seien. Die Schauspielerin Nisma Cherrat urteilte in ihren Erfahrungsbericht „Mätresse – Wahnsinnige – Hure“, dass schwarze Schauspieler am deutschsprachigen Theater meist nur die üblichen Klischees spielen dürfen oder Rollen bekommen, die „politische oder soziale Missstände“ aufzeigen sollen.

Wenn man aber schon jene gesellschaftlichen Missstände thematisieren will – wie offensichtlich das Schlosspark-Theater – und dafür eben doch einen schwarzen Schauspieler zu brauchen meint, dann muss man halt eben auch einen finden, und sich nicht derart borniert darauf versteifen, diesen gäbe es – ausgerechnet in Berlin! – nun einmal nicht. Auch diese absurde Behauptung hat Pegah Ferydoni im „ZDF Kulturpalast“ in einem Sketch mit dem schwarzen Schauspieler Günther Kaufmann sehr treffend und lustig kommentiert.

„Habt Ihr keine anderen Probleme?“
Eine immer wieder, sinngemäß auch von Hakan Demir geäußerte Kritik an der Kritik ist, dass aus einer Mücke ein Elefant gemacht werde: Es gebe doch nun wirklich schlimmere Probleme! Wer so argumentiert, läuft aber Gefahr, unterhalb der Schwelle von Mord und Totschlag überhaupt keinen Rassismus mehr wahrnehmen zu können. Betrachtete man Verkehrssicherheit analog, so könnte man mit gleicher Berechtigung fragen, wozu es in Städten Radwege und Verkehrsampeln gibt, wenn die meisten tödlichen Unfälle weder mit Radfahrern noch mit innerstädtischen Kreuzungen zu tun haben. Nur, dass in diesem Fall die Absurdität dieser „Argumentation“ sofort deutlich wäre.

Natürlich gibt es immer „schlimmere“ Probleme: Von Hungersnöten über Atomunfälle bis hin zu Terrorismus und Krieg. Aber wollen wir ernsthaft aufhören, Zahnschmerzen zu bekämpfen, weil es immer noch keine Heilung für alle Krebsarten gibt? Finden wir wirklich, so lange es noch Atomkraftwerke gibt, ist der Co2-Ausstoß unserer Autos egal? Sollte uns Artenschutz nicht kümmern, so lange es noch Kinderarbeit gibt? Nein, offensichtlich liefert die Existenz des „Schlimmeren“ nicht die geringste Entschuldigung, das vermeintlich weniger „Schlimme“ einfach zu ignorieren, bzw. nicht zu kritisieren. Bei solcher Rhetorik handelt es sich einfach nur um die Abwertung berechtigter Kritik – im Englischen auch „Derailing“ (deutsch: entgleisen) genannt.

Wo ist die schwarze „Maria Stuart“ – wo der türkische „Faust“?
Vom Schlosspark-Theater und seinen Verteidigern wird darauf verwiesen, dass es doch möglich sein muss, dass ein Schauspieler nicht identisch mit seiner Rolle ist, wie die FAZ gegen die Kritiker ins Feld führt. Dies ist grundsätzlich richtig und Hallervorden hat Recht, wenn er sagt, es sollte doch möglich sein, das er die Rolle eines Juden spielen kann ohne selbst Jude zu sein. Natürlich kann er das, nur muss er dafür offensichtlich auch keine Schläfenlocken tragen und sich Kippa und Kaftan anziehen.

So lange schwarze und andere „nicht-weiße“ Schauspieler mit und/oder ohne „Migrationshintergrund“ an deutschen Bühnen wegen ihrer Hautfarbe oder ihrer (vermeintlichen) „Herkunft“ diskriminiert werden, ist das Argument von Hallervorden und seinen Unterstützern leider nur Heuchelei. Özgür Uludag fragte auf nachtkritik.de völlig zu Recht, wann es denn eine „schwarze Maria Stuart oder einen türkischen Faust“ auf einer deutschen Bühne gegeben habe? Man kann nicht einerseits Blackface als Kunstfreiheit verhökern und andererseits gleichzeitig gefühlte 99% aller klassischen Rollen „automatisch“ mit „richtigen“ Deutschen besetzen.

Der Alltags- und Gelegenheitsrassismus ist nach wie vor stark verbreitet. Sowohl das gedankenlose Schwadronieren von „Döner-Morden“ als auch eine vermeintlich „sanfte“ Diskriminierung von Nicht-Weißen, werden von der Mehrheitsgesellschaft als vernachlässigungswürdig betrachtet. So lange es aber kein Problembewusstsein für Alltagsrassismus gibt, so lange wird Rassismus unterhalb der Mord- oder Gewaltschwelle auch weiterhin mit der schweigenden Mehrheit rechnen können.

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

8 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Anne sagt:

    Das sehe ich genauso. Und vor allem: man sollte doch die fragen, die es angeht. Beim „schwarzen Mob“ fand ich, dass man dort dieses Vorgehen durchaus als rassistisch bewerte – wer bin ich, dass ich als Weiße definiere, was Schwarze als Rassismus empfinden dürfen?
    Was Hallervordens verletzte Gefühlchen ob dieser Debatte betrifft: so ein Unschuldslamm ist er nicht. Im Internet auffindbar ist der unsägliche Liedtext „Fatima“. Ob Hakan Demir den auch nicht rassistisch findet?

  2. Marie Lukas sagt:

    Vielen Dank an die Verfasser des Artikels! Und an die Redaktion dafür, dass Herr Demirs Meinung nicht einfach so stehengelassen wurde!

  3. Bierdurst sagt:

    @Anne

    Richtig, wenn man auf dieser Schiene fährt dann geb ich gleich noch Heinz Erhardt dazu:
    http://www.youtube.com/watch?v=od2glTeVSrE

    oder, noch schlimmer, Dieter Nuhr!!!
    […]

    ich wünsche Ihnen noch einen ernsthaften Tag!

  4. Hannes sagt:

    Wie ist es denn so in türkischen oder arabischen Theatern …? Wieviele Klaus-Peters spielen denn dort mit? Warum kaum Stefans und Michaels in afrikanischen Zulutanzgruppen? Kaum Deutsche in chinesischen Theatern? Wieviele türkische, afrikanische oder arabische Schauspieler gibt es in Deutschland, die sprachlich und schauspielerisch das Zeug haben, in den großen Häusern große Rollen zu spielen? Warum müssen Dicke immer Dicke spielen? Warum Frauen (fast) immer Frauen? Warum darf ein Weißer nicht den Othello spielen, ohne dass ein Aufschrei durch’s Lande zieht?

    Na ja, irgendwann wird es einen türkischen Quoten-Faust geben, dann ist hoffentlich Ruhe.

  5. Achherje sagt:

    Also, provokant, ist es ja wohl allemal. In dieser „sensiblen“ Zeit kann sich auch kein Halli herausreden, dass er davon ausging, dass es keine Reaktionen geben würde (total verblödet wird er ja wohl nicht sein … sonst wird es Zeit für die Vollbetreuung?). Also hat er es entweder naiver Weise für sich selbst „unterschlagen“ (Aktion/Reaktion/Wahrscheinlichkeit), war gespnnt, was geschehen würde, oder er hat absichtlich provoziert und bewusst eine Reaktion verlangt?

    Nun ja, er hat sie, die Reaktion.

    Fernab von dem Ergebnis, stellen sich aber andere Fragen – und zwar gesamtgesellschaftlich.

    Was bringt die Reaktion auf das Geschehen (Seitens der Interessengruppen – und hinsichtlich des Integrationsgedanken, dem guten Miteinander)? Was bringt es mit sich – auch für ein weiterhin gutes Miteinander in dieser multikulturellen Gesellschaft?

    Nachfolgend folgende These:

    Das AGG erzeugt mehr Wut, Ausgrenzung, Hass (tiefe emotionale Wirkung), als dass es etwas zum Guten hinwenden würde (gesellschaftlich gesehen)? Zwang und Ohnmacht, Verlust (auch des Ansehens) und damit erzeugte (auch innere) Wut, führen nicht zu einem besseren Miteinander, oder gegenseitigem besseren Verständnis?

    Genauso wie jede Aktion von Herrn Mazyek eine Wutreaktion bei gewissen Menschen auslöst (ich muss eingestehen, dass ich hiervon nicht ganz ausgenommen bin)?

    Geht es nicht (vor allem) um Logik – auch Sachpolitik (wenn sie auch für den einen oder anderen völlig unverständlich sein mag)? Um mehr als: Ich tu mal was (evtl. gar für meine „Anhänger“) – die Folgen sind mir aber mal so was von Scheiß egal … oder, ich will gar nicht wissen, was dann folgen wird … bedingter Vorsatz, grobe Fahrlässigkeit oder eben im Extremen gar Vorsatz?

    Das ist (siehe meinen anderen Beitrag) natürlich wieder ein Meilenstein für die Integration (was auch immer man unter diesem Wort verstehen möchte)? Besser: Für den inneren Frieden? Gut und richtig?

    Egal wie unser Diddi entschieden hat: Er konnte es nicht richtig machen, aber auch nicht falsch machen. Unterlassen, oder tun. Beides hat seine Vorteile und seine Nachteile. Beides kann verstanden oder missverstanden werden. Generieren wir so langsam zu einer Hypersensibligesellschaft, wo man genau aufpassen muss, wie man den anderen anblickt (soll man das überhaupt noch tun … den Augenkontakt)? Wo man genau abwägen muss, was Kunst überhaupt noch darf? Verkommen wir zu Idioten, die bei jedem Piss gleich auf die Barrikaden gehn (egal ob Türke, Bio oder sonstiger Mensch)? Ja, dann sind wir als Gesellschaft vermutlich wirjklich an unserem eigenen Arschloch angekommen?

    Um das aber erörtern zu wollen … wären mal wieder Bücher notwendig, welche ich nie und nimmer schreiben werde/würde. Es gibt bereits zu viele Bücher mit Weisheiten jedweder Couleur. Und viele sind super gut – und manche grottenschlecht … aber, auch dies liegt wieder im Auge des Betrachters. Und ich hoffe, dass in diesem Land keine Bücherverbrennungswochenenden eingeführt werden. Höchstens wenn man Gas und Heizöl nicht mehr bezahlen kann. Da kann man ja dann mal ein Auge zudrücken 😉

    achherje …

    achherje …..

    (Hab ich scho9n wieder sooo viele Schreibfehler gemacht … ich lese es nach dem Absenden)

  6. Achherje sagt:

    Ach so, habe eine entscheidende Frage vergessen:

    Wie wollen wir dann noch überhaupt miteinander reden (diskutieren dürfen), wenn wir uns nicht mehr getrauen, dem anderen ins Gesicht, gar in die Augen zu schauen? Wie wollen wir, dann den Anderen noch verstehen lernen, ihm vertrauen dürfen?

    Sind wir dann wirklich am Ende – mit unserer Gesellschaft?

  7. Sankofa sagt:

    Puhh, da bin ich aber auch froh, dass dieser Artikel neben dem ersten von Demir (über den habe ich mich in diesem Rahmen schon sehr gewundert und geärgert) noch erschienen ist. Danke!



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...