MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Es wird selbstverständlich sein, dass jemand Mehmet heißt und nicht Hans – wir halten das aus.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Deutsche Presse-Agentur (18.01.2013)

NSU Umfrage

Vertrauen der Türken in den Sicherheitsdienst und in die Politik ist erschüttert

Das Vertrauen der in Deutschland lebenden Türken in den Sicherheitsdienst und in die Politik ist nach der NSU-Mordserie erschüttert. Zurück in die Türkei wollen sie trotzdem nicht. Sie vertrauen der Gesellschaft. Das ergab eine repräsentative Umfrage.

Das Vertrauen der türkeistämmigen Bevölkerung in Deutschland in die Sicherheitsbehörden ist nach Aufdeckung NSU-Mordserie erschüttert. Das Vertrauen in die Gesellschaft insgesamt ist aber weiterhin hoch. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Markt- und Meinungsforschungszentrums Data 4U, die im Auftrag der Hacettepe Universität in Ankara durchgeführt wurde.

So sind 85 Prozent der über 14-jährigen befragten Türkeistämmigen überzeugt, dass die Zwickauer Terroristen staatliche Unterstützung erhalten haben oder vom Staat gedeckt bzw. beschützt wurden. „Das zeigt das Ausmaß des Vertrauensverlustes in den Staat und zeichnet ein dramatisches Bild“, lautet das Fazit der Hacettepe-Forscher. Ursächlich dafür sei die Tatsache, dass die Täter über viele Jahre unbehelligt morden konnten und Verbindungen zu Sicherheitsleuten hatten.

Politiker versuchen abzulenken
77 Prozent der 1 058 Befragten glauben außerdem, dass die Morde weitergehen werden und 60 Prozent sind überzeugt davon, dass Politiker versuchen werden, von den Morden abzulenken bzw. die Aufklärung zu verhindern. Daher glaubt auch nur jeder dritte Türkeistämmige (35 Prozent) daran, dass deutsche Politiker traurig über die Mordserie sind und sich ernsthaft für die Aufklärung einsetzen. Und die Entschuldigung des Parlaments wurde von über 70 Prozent der Befragten nicht als „Reue“ empfunden.

Download: Die Umfrage wurde von Data 4U im Auftrag des Instituts für Migrations- und Politikforschung der Hacettepe Universität unter der Leitung von Prof. Murat Erdoğan durchgeführt und kann in unter hugo.hacettepe.edu.tr (türkisch) kostenlos heruntergeladen werden.

Bei den Befragten selbst herrscht größtenteils „Trauer“ (rund 74 Prozent). Angstgefühle gaben rund 8 Prozent an, „Wut“ knapp über 12 Prozent. Dennoch bewerten und beurteilen Türkeistämmige die Ereignisse „sachlich und nüchtern“, so das Resümee der Forscher. Denn 78 Prozent aller Befragten rechnen die Mordserie einer kleinen Gruppe von Radikalen zu und nur ein kleiner Teil (2,3 Prozent) macht die Gesamtgesellschaft dafür verantwortlich.

Keine Auswanderungsgedanken
Auf die Frage, ob nach der Aufdeckung der Mordserie Auswanderungsgedanken gehegt werden, gaben lediglich 9,5 Prozent an, dass sie auf jeden Fall zurück in die Türkei wollen, ein ebenso großer Teil ist unentschlossen. Gut 77 Prozent zeigt sich von der Mordserie aber unbeeindruckt. Sie wollen auf jeden Fall weiterhin in Deutschland leben. Sie sehen sich als fester Bestandteil der Gesellschaft und fühlen sich integriert (75 Prozent).

Die Berichterstattung über die Neonazi-Mordserie verfolgen rund 50 Prozent überwiegend oder ausschließlich über türkische Medien. Die andere Hälfte der Befragten gibt an, dass sie überwiegend, ausschließlich deutsche Medien nutzen bzw. auch türkische Medien heranziehen. (bk)

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

24 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Bierdurst sagt:

    Mich würde mal interessieren wie das Vertrauen der Türken in den türkischen Sicherheitsapparat ist, vielleicht kann die Hacettepe Universität disbezüglich auch mal eine Umfrage machen.
    Man sollte insbesondere mal Journalisten in der Türkei fragen, was sie so von ihren Sicherheitsorganen halten.

  2. Bierdurst sagt:

    „77 Prozent der 1 058 Befragten glauben außerdem, dass die Morde weitergehen werden und 60 Prozent sind überzeugt davon, dass Politiker versuchen werden, von den Morden abzulenken bzw. die Aufklärung zu verhindern.“

    das wär mal ein Novum in der Weltgeschichte: Die NSU mordet aus dem Jenseits weiter. Gäbe es die NSU nicht, man müsste sie erfinden.

  3. Zensus sagt:

    Leute, die den deutschen Staat des Mordes bezichtigen, sind mit Sicherheit kein Bestandteil unserer Gesellschaft.

  4. Optimist sagt:

    @ Bierdurst

    Sie sind ja ein Vorbild an Selbstkritik. Wir können sowas nämlich nicht. Sie haben in allem recht und natürlich sollten die hier lebenden und in den Wohnhäusern verbrannten und ins Gesicht geschossenen und etlichen weiteren Straftaten erlegenen und noch erliegen „solltenden Ausländer“ endlich mal kapieren, daß Deutsche sowas eben dürfen und die betroffenen mal lieber auf ihre Herkunft schauen sollten, wie schlimm die Pressefreiheit und das Sicherheitsorgan dort sind, denn eine Kugel aus Istanbul könnte unter günstigsten Voraussetungen querschlagen und ein Wohnhaus hier in Brand setzen, selbstverständlich ein „ausländisches“…

  5. ademalp sagt:

    @ Zensus
    Nehmen wir an der Staat macht etwas falsch. Und die Leute, die die Wahrheit ans Licht bringen wollen, sind für sie keine Deutsche?
    Sie gehen ja stark nach dem Motto : Der Staat hat immer Recht.

  6. AHA sagt:

    Dennoch bewerten und beurteilen Türkeistämmige die Ereignisse „sachlich und nüchtern“

    Dennoch, es wird wohl genügend Spinner geben die uns wie in Ludwigshafen umgehend mit Bürgerkrieg drohen.
    Andererseits:
    77 Prozent der 1 058 Befragten glauben außerdem, dass die Morde weitergehen werden

    Ich glaube mittlerweile auch das das erst der Anfang war. Die rechte Bewegung rüstet Europaweit bis nach Russland massiv auf.

  7. Bierdurst sagt:

    @Optimist

    Hmm….sagen wir mal so, ich hab nichts gegen Selbstkritik aber wenn ich mitbekomme dass Studien über die Rechtssicherheit in unserem Land von einem Institut erstellrt werden welches aus einem Land kommt in dem der Rechtsstaat defekt ist dann spiele ich den Ball auch gern zurück.
    Ist nachvollziehbar, oder?

  8. semses sagt:

    @Bierdurst.

    klar, die hacettepe uni macht eine umfrage darüber wie menschen in deutschland über das rechtsystem in der türkei denken. in welchem altersheim leben sie eigentlich?

    übrigens, in deutschland werden mörderbanden andere als die nsu, war da nicht mal was mit gefälschten pässen für killer aus israel, vom staat unterstützt.

    ich wünsche mir mehr solcher erhebungen. men vertrauen in deutsche behörden ist auf jedenfall erschüttert.

  9. Bierdurst sagt:

    @semses

    Türken in der Türkei waren gemeint, sie Um-die-Ecke-Denker…

    Geben Sie wenigstens zu dass Sie eh nie Vertrauen in die deutschen Behörden hatten. (Wg. der gefälschten Pässe für den Mossad)
    Was soll da noch erschüttert werde?


Seite 1/3123»

Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...