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Migration und Integration in Deutschland

Letztlich haben einige Industriestaaten ihren Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften … dadurch gedeckt, dass sie bei der Einstellung von irregulären Arbeitsmigranten ein Augen zudrücken.

Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen, Migration in einer interpedenten Welt, 2004

Vorgestellt: MiBoCap

Jugendliche Migranten mit Handicap an der Schnittstelle Schule und Arbeit/Beruf

Migration und Berufsorientierung mit Handicap (MiBoCap) – das Projekt stellt Donja Amirpur im Gespräch mit den Initiatoren vor. Dabei geht es um viel mehr! – Teil 4/6 des MiGAZIN Dossiers: Inklusion.

VONDonja Amirpur

Die Autorin, Studium der Kommunikationsforschung und Islamwissenschaften, war Leiterin eines Projektes zur interkulturellen Öffnung des Elementarbereichs. Heute promoviert zum Themenfeld Migration und Behinderung und schreibt u.a. für Vielfalt – das Bildungsmagazin der AWO Mittelrhein.

DATUM15. Dezember 2011

KOMMENTARE4

RESSORTAktuell, Interview

QUELLE Vielfalt - Das Bildungsmagazin

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Genießen Ihre Kollegen mit Migrationshintergrund sozusagen einen Vertrauensvorschuss?

Gentner: Die Hürde wird auf jeden Fall kleiner. Bei ISS haben über 80 Prozent der Sozialarbeiter, Psychologen und Pädagogen einen Migrationshintergrund. Daher kommen wir auch so gut an bei den Familien, weil da einfach viele Kollegen und Kolleginnen sind, die sagen: ‘Ich kenne diese Erfahrung der Migration, die damit verbundenen Schwierigkeiten, ich kenne die Erfahrung der Diskriminierung‘. An viele Informationen kämen wir sonst einfach nicht ran. Über kurz oder lang wünschen wir uns aber, dass alle Mitarbeitenden im sozialen Bereich interkulturelle Kompetenzen mitbringen und Unternehmen die interkulturelle Öffnung mittragen. Ich wünsche mir, dass es irgendwann eine Zeit gibt, wo es keine Projekte speziell für MigrantInnen mehr geben muss. Für uns als Träger heißt dies, dass wir langfristig unsere Dienstleistung in verschiedenen Bereichen der Sozialen Arbeit anbieten. Wir wollen dann nicht mehr nur der interkulturelle Träger ISS sein. Ähnlich der Entwicklung im Bereich der Inklusion von Menschen mit Behinderung.

Welche Erwartungen haben die Eltern an ihre Kinder?

Gentner: Die Eltern wünschen sich oft, dass ihre Kinder einen hoch qualifizierten Beruf lernen. Das Ziel unserer Beratung ist es dann, im Gespräch mit den Eltern und ihren Kindern die Erwartungen, die Kompetenzen und Fähigkeiten und die Wünsche des Kindes sowie die Fördermöglichkeiten der Hilfesysteme in einen realistischen Weg der Berufsorientierung zu lenken.

Kellinghaus-Klingenberg: Dafür sind die Hausbesuche ganz wichtig, denn dort kann man eine gute Vertrauensbasis aufbauen.

Haben Sie durch die Arbeit ganz andere Konzepte von Behinderung kennengelernt?

Kellinghaus-Klingenberg: Wir fangen an umzudenken. Ich habe in diesem Jahr sehr sehr viel gelernt. Es ist für mich ein unglaubliches Geschenk und eine unglaubliche Bereicherung, mit diesen Familien arbeiten zu dürfen. Ein Beispiel: Ich bin zum Beispiel sehr direkt, falle mit der Tür ins Haus. Jetzt habe ich gelernt, dass sich das bei vielen Migrantenfamilien überhaupt nicht gut macht. Man lässt sich Zeit, trinkt eine Tasse Tee, fragt nach dem Befinden, erst dann fängt man an wichtige Dinge anzusprechen. Das muss man erst mal verstehen. Da hilft mir mein Partner und ist ganz wichtig für mich. Denn auch auf der deutschen Seite herrscht Unsicherheit, zum Beispiel bei mir.

Gentner: Wir denken, dass es wichtig ist, sich innerhalb seiner Gruppe zu stärken. Die Mitglieder sollen selbstbewusst aus der Gruppe rausgehen, dann aber auch in Kontakt mit den deutschen Eltern treten. Daher hat es uns natürlich sehr gefreut, dass die Eltern sofort diesen Wunsch geäußert haben.

Welche Rolle spielt der Glaube in den Familien?

Kellinghaus-Klingenberg: Der Glaube spielt eine Rolle. Aber es ist sehr unterschiedlich. Ich habe gelernt, dass der Grad der Religiosität häufig von der Herkunftsregion abhängig ist. Von liberal bis konservativ reicht da die Palette. Bei einer konservativen Familie beispielsweise habe ich erfahren, dass alle zusammen für sechs Wochen in den Sommerurlaub fahren, dass die Eltern den Urlaub aber in einem Hotel größtenteils getrennt verbringen. Frauen und Männer getrennt. Der junge Mann mit Behinderung war die ganze Zeit beim Vater, er hat den ganzen Sommer auf den Jungen aufgepasst. So was muss man wissen, denn ich hatte im Vorfeld des Urlaubs mit der Mutter die Erziehungsvereinbarungen getroffen. Der Vater wusste aber gar nichts davon. Da habe ich wieder gelernt, dass man mit beiden Eltern sprechen muss, beide informieren muss, damit es beim Kind ankommt.

Man hört ja des Öfteren, dass Familien mit Migrationshintergrund keine Hilfen benötigen, sei es bei der Versorgung von älteren Migranten oder von Angehörigen mit Behinderung, weil sie ein großes intaktes Netzwerk hätten, das sich kümmert. Machen Sie auch diese Erfahrungen?

Kellinghaus-Klingenberg: Die Praxis spiegelt das einfach nicht wieder, dass die Familien die Angehörigen in dem Maß unterstützen können, wie es ihnen unterstellt wird. Vielleicht im Entscheidungsprozess, aber sonst doch nicht. Es kam schon vor, dass ich mich in meinen Sprechstunden mit Tanten über die Zukunft ihres Neffen unterhalte. Auch ihnen wurde zum Beispiel verheimlicht, dass der junge Mann Epilepsie und eine Lernbehinderung hat. Für sie war die Wahl des Praktikumsplatzes nämlich völlig unverständlich. So mussten wir auch mit der community Beratungsgespräche führen.

Gentner: Ich weiß nicht genau, wohin diese Diskussion führt. Ob diese Gedanken absichtlich geäußert werden, weil man sich nicht kümmern will. Viele Familien leben hier in kleinen Wohnungen, ohne Großfamilie, genau so, wie die meisten Menschen in der Regel hier auch leben. Auch Migranten führen hier das Leben in Kleinfamilien und ihre Kinder haben oft nicht die Möglichkeit, sich um ihre Eltern zu kümmern, genau wie in deutschen Familien auch. Sie haben sich an die typisch deutsche Kleinfamilie angenähert. Auch lässt oft die wirtschaftliche Situation eine solche Unterstützung einfach nicht zu.

Ich danke Ihnen für das Gespräch!

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4 Kommentare
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  1. […] gibt es da einige Hindernisse. Das MiGAZIN sprach mit der Initiatorin des Projekts Migranten und Berufsorientierung mit Handicap: Ich denke, […]



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