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Critical und Incorrect

Von Warnern und Verharmlosern – Experten und die Bildungselite

Inzwischen müssen sich Verteidiger von Islam und Muslimen gar für ihr „Gutmenschentum“ rechtfertigen, während es zum guten Ton zu gehören scheint, Vorbehalte gegenüber Islam und Muslime zu hegen.

VONDr. Sabine Schiffer

 Von Warnern und Verharmlosern – Experten und die Bildungselite
Die Autorin arbeitet seit Anfang der 1990er Jahre als Medienpädagogin und promovierte zur Islamdar- stellung in den Medien. 2005 gründete sie das freie Institut für Medien- verantwortung (IMV) und leitet es seither. Das IMV fordert mehr Verantwort- ung von Produzenten- und Nutzerseite. In Ihrer MiGAZIN-Kolumne kom- mentiert sie Entwicklung- en der Medienlandschaft in Deutschland.

DATUM30. Juni 2011

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RESSORTAktuell, Meinung

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„Europa ist nicht mehr Europa, es ist Eurabien, eine Kolonie des Islam, wo die islamische Invasion nicht nur physisch voranschreitet, sondern auch auf geistiger und kultureller Ebene. Unterwürfigkeit gegenüber den Invasoren hat die Demokratie vergiftet, mit offensichtlichen Konsequenzen für die Gedankenfreiheit, und für das Konzept der Freiheit selbst,“ schreibt die Granddame der italienischen Intellektuellen aus New York Oriana Fallaci 2005. Allgemein gilt die Regel, dass rassistische Einstellungen mit zunehmender Bildung abnehmen. Dies trifft auf Antisemitismus und Islamfeindlichkeit nicht zu. Inzwischen müssen sich Verteidiger von Islam und Muslimen gar für ihr „Gutmenschentum“ rechtfertigen, während es zum guten Ton zu gehören scheint, Vorbehalte gegenüber Islam und Muslime zu hegen.

In diesem Zusammenhang werfen die Auszeichnungen für den Publizisten Henryk M. Broder ein Licht auf den intellektuellen Zustand der Republik. Während die Entscheidung für die Verleihung des Ludwig-Börne-Preises an Broder die Tat eines Einzelnen war, Helmut Markwort, [inzwischen ehem.] Chefredakteur des Focus, wird er als Sachverständiger für Antisemitismus am 16. Juni 2008 in einen Parlamentarischen Ausschuss des Bundestages geladen. Dort wendet er eine so verallgemeinernde Definition von Antisemitismus an, dass dieser wirklich droht, irrelevant zu werden, weil er überhaupt nicht mehr greifbar wird. Die Verleihung des Hildegard-von-Bingen-Preises durch die Landeszahnärztekammer Rheinland-Pfalz, in deren Kuratorium neben den anderen alten Preisträgern aus dem journalistischen Milieu auch wieder Helmut Markwort sitzt, und die Begründung des Kuratoriums lenkt erneut das Augenmerk darauf, wie eine gebildete Schicht den Umgang mit einzelnen Themen einschätzt.

Laut dpa-Meldung vom 13.September 2008 anlässlich der Verleihung in Mainz erhielt er den Preis aus folgendem Grund: „weil er mit Scharfsinn und Humor analysiert, Klartext redet und schreibt, heiße Eisen anpackt und auf seine unverfälschte Art direkt und ausgesprochen deutlich seine Beobachtungen und Kommentare verfass[t]“, heißt es in einer Mitteilung des Kuratoriums, das den Preis vergibt. Die Palette seiner Themen sei breit und umfasse beispielsweise die Juden in Deutschland, den modernen Antisemitismus sowie die bürgerlichen Freiheiten der westlichen Welt und einen fundamentalistischen Islam. Broder sei „ein Beobachter und Kommentator von Gnaden. Nie langweilig, oft hochvergnüglich und immer erhellend.“

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus “Antise- mitismus und Islam- ophobie – ein Ver- gleich” von Sabine Schiffer und Con- stantin Wagnerr.

Damit sind dann auch die Warnungen vor einer „Islamisierung“ und der „Lust am Einknicken“ vor Islam und Muslimen gemeint sowie seine antiiranische Kriegspropaganda, worauf auch seine Dankesrede subtile Hinweise bietet. Auch die Übernahme antisemitischer Motive und Topoi in den antiislamischen Diskurs sowie seine Nazi-Verbalia werden damit für legitim und mehrheitsfähig erklärt. So auch anlässlich des 70sten Jahrestages der Reichspogromnacht am 9. November 2008 in Nürnberg, wo er stehende Ovationen dafür erhält, dass er es den Menschen erlaubt, wieder jemanden zu hassen: unter dem Vorwand des Schutzes für die Juden und Israel, müssten Iran und Islam bekämpft werden – dass die Warnung vor einem „atomaren Holocaust“ nicht den üblichen Aufschrei von der Verharmlosung des Nationalsozialismus hervorruft, ist bezeichnend und besorgniserregend.

Seine verallgemeinernde Fallsammlung muslimischer Verfehlungen dürfen er sowie der ehemalige FAZ-Redakteur Udo Ulfkotte & Co. auf allen gesellschaftlichen Ebenen verbreiten. Und hier liegt ein wichtiger Unterschied im Vergleich zum heutigen Umgang mit Antisemitismus. Letzterer ist von offizieller Seite verpönt, wie dies Matti Bunzl detailliert am Beispiel Österreichs herausarbeitet. Im 19. Jahrhundert war dies jedoch nicht der Fall – und gerade die Adelung der Thematik durch das sogenannte Bildungsbürgertum gab der antisemitischen Agitation im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts Aufwind und vermeintliche Legitimation. Mit fast gleichem Namen wie damals versammeln sich heute auch ehemalige Ingenieure, Lehrer und viele andere unter dem Label „Bewegung“ [vgl.buergerbewegung.de] gegen den als gefährlich ausgemachten „Staat im Staate“.

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26 Kommentare
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  1. Cengiz sagt:

    @ lynx
    Hr. Brux äußerte die Vermutung Sie seien ein PI U-Boot, weil Sie mit einigen Ihrer Äußerungen Hr. Brux‘ Bemühungen streng zwischen Islam und Islamismus zu trennen torpediert haben.
    Schon ein bißchen blöd für Hr. Brux, daß Sie so ein wackerer Streiter für die gute Sache sind. Bringen Sie Ihn doch nicht so in Verlegenheit.

  2. Leo Brux sagt:

    Cengiz,
    man sieht, Salafis und Rechtspopulisten sind enge Verbündete.
    Sie liefern grade einen Beleg dafür.

    Lynx hat mir eine gute Gelegenheit gegeben, mal meine Position in die andere Richtung abzugrenzen. Siehe „Friedrich trifft sich … „

    Was gefällt Ihnen so an den Salafis, Cengiz? Eine gewisse Ähnlichkeit in der Haltung, vermute ich.

  3. Cengiz sagt:

    Ich komme von den Grünen und halte viel von deren einstigen Auffassungen von individueller Freiheit. Sie erinnern sich doch bestimmt noch an die lila Latzhosen, man sah in Strauß einen Faschisten und scholt den Papst ob seiner übergriffigen Religiösität. Lange her also.
    Mich einen Rechtspopulisten zu nennen ist erstens albern und würde auch nichts zur Diskussion beitragen selbst wenn ich einer wäre.
    Ich kann halt als Beobachter nur Ihre scharfe Abgrenzungen von Islam und Islamismus nicht so ganz nachvollziehen.
    Lynx als Beteiligter sagt ähnliches. That’s all.

  4. Leo Brux sagt:

    Cengiz,
    lynx hat sich klar als Salafist geoutet.
    Er vertritt auch ganz klar die salafistischen Interessen bezüglich dessen, was der WAHRE Islam sei.
    Und Sie unterstützen ihn dabei.
    Dabei haben wir Sie nun in flagranti ertappt.

    Cengiz, Sie setzen sich mit lynx ins selbe Boot – gegen die breite Mehrheit der Muslime in Deutschland behaupten Sie beide eine Identität von Islam und politisch-verfassungsfeindlichem Islamismus.

    Ihre Äußerungen in den anderen posts über den Islam passen dazu.

  5. Cengiz sagt:

    Ich beobachte und stelle fest daß in einigen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens die Realität eher von lynx Darstellungen beschrieben wird als von Ihren. Wüßte nicht in welchem Boot ich dadurch zu sitzen komme.

  6. Leo Brux sagt:

    Cengiz,
    dass Sie die Gelegenheit nicht nutzen, um diese Bereiche zu umschreiben und zu quantifizieren, deutet an, dass Sie selber nicht überzeugt sind von der Relevanz dieses Phänomens.

    Ihre freundliche Schätzung von lynx ist schon offenbar geworden.
    Eigentlich hätten Sie sich ja hauptsächlich von ihm abgrenzen müssen, nicht so sehr von mir. Sie schreiben aber nur gegen mich, nicht gegen Ihren Freund lynx.

  7. Leila Irvanipour sagt:

    Seltsamer Artikel mit seltsamer Diskussion.

    Frau Dr.Schiffer scheint mir nicht auf der Höhe der aktuellen Diskussion zu sein. Um einen Überblick zu gewinnen, ist die Zusammenstellung von Benjamin Schwarze im Heymat-Dossier „Debatte um Islamkritik in deutschen Medien 2010“ hilfreich.

    Frau Dr. Schiffer kann dort lernen, dass sich keinesfalls irgendjemand für die Verteidigung von Islam und Muslimen rechtfertigen muss und es auch niemand tut.

    Warum eine Medienwissenschaftlerin ein Trugbild angreift, dass sie selbst geschaffen hat, obwohl sie es mit etwas Medienkompetenz besser wissen müsste, wird sie wohl am besten selbst wissen oder Assheuer, Seidl, Kreye, Steinfeld und die anderen Vertreter des „sogenannten Bildungsbürgertums“ (Schiffer) einfach fragen, warum sie nicht im geringsten daran denken zu entschuldigen.

    Mir ist auch nicht kler gworden

  8. Leo Brux sagt:

    Wenn mich jemand einen „Gutmenschen“ nennt und meine Verteidigung des Islam und der Muslime attackiert, werde ich darauf reagieren. Das nennt man dann wiederum „sich verteidigen“ oder „sich rechtfertigen“, egal, in welcher Form das geschieht, direkt oder indirekt, als Gegenangriff oder ironisch nebenbei.
    Wo ist also hier das Problem? Was hätte Frau Dr. Schiffer da Falsches geschrieben?

    Faktum ist, dass man heute etwas darf, was früher als Volksverhetzung strafbar gewesen wäre: die medien-öffentliche Verhetzung einer Minderheit in Deutschland. Man braucht sich nur zu überlegen, was passieren würde, wenn man im selben Ton über die jüdische Minderheit in Deutschland schreiben würde. Da würde man schnell merken, dass zwischen Kritik und Hetze ein Unterschied gemacht wird.

  9. bla sagt:

    Henryk Broder ist wirklich vergnüglich zu lesen und zu hören. Manche Meinung kann man für seltsam halten, aber er äußert Sie mit mehr Witz als Fr. Schiffer.

    Der Sinn des Migazins erschließt sich für mich nicht so richtig und die Kritik an dem polnischen Migranten Broder auch nicht. „Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft.“ Warum gilt das vorzugsweise für Muslime und nicht für andere Menschen mit Migrationshintergrund wie Broder?

    Noch ein Wort zum Islam: Ich verstehe nicht, wie man sich mit dieser Religion beschäftigen kann, mit der Gestalt des Propheten Muhammad, mit dem Koran und dem Abrogationsprinzip, den Hadithen und der daraus abgeleiteten Scharia, sowie der Geschichte des real existierenden Islam bis heute und danach denken kann, dass der Islam nicht zu kritisieren ist.
    Egal in welchen theologischen Richtungen des Islams man sucht, man findet immer genügend, das sich als Anschauung nicht mit dem Grundgesetz unseres Staates vereinbaren lässt, in den Migranten nett und freundlich aufgenommen werden sollen.
    Es ist leichter mit Hindus, Animisten, Buddhisten, Atheisten, Christen. Da braucht es noch mehr Kommunikation an muslimische Migranten, dass Sie verstehen, dass es nicht in Ordnung ist, wenn man Tiere in Deutschland schächtet, auch wenn es ihrem Glauben entspricht. Leider wissen Sie, dass es illegal ist, aber es finden sich immer ein paar Bauern, die das ihnen ermöglichen gegen ein Entgelt. Da wünsche ich mir eine Aufklärung vom MiGAZIN, dass mein muslimischer Schwager, den ich sehr schätze, dass auch versteht.

  10. BiKer sagt:

    @ bla

    das schächten nach muslimischem ritual ist nicht verboten. das bundesverfassungsgericht hat es einem muslimischen metzger ausdrücklich erlaubt. also: immer ball flachhalten!


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