MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Nur die wenigsten dieser deutschen Arbeiter werden in dieser Situation mit den Ausländern solidarisch sein. Die meisten werden sich aggressiv von den Ausländern abgrenzen und bei ihnen die Verantwortung für die eigene schlechte Position suchen.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Migrospektive

Paranoide Tendenzen

Ich glaube, dass ich paranoid werde. Und der berühmteste Bundesbankpensionär Deutschlands dürfte schuld sein. Rein rechnerisch müsste jeder 204 Komma 375. ein Exemplar seines Buches besitzen.

VONYusuf Şahin

 Paranoide Tendenzen
Yusuf Şahin, Jahrgang 1976, geboren in der Türkei, lebt seit 1977 in Deutschland. Er hat Wirtschaftsinformatik studiert, ist ausgebildeter IT-System-Kaufmann und ist in der IT-Branche tätig als Vertriebs- und Marketingmanager. Außerdem hat er sich in der Jugendpflege engagiert und hat Jugendliche mit Migrations-Vita betreut.

DATUM4. Oktober 2010

KOMMENTAREKeine

RESSORTAktuell, Meinung

SCHLAGWÖRTER , , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Ich glaube, dass ich paranoid werde. Und der berühmteste Bundesbankpensionär Deutschlands dürfte schuld sein.

Während ich das hier schreibe, sitze ich in einem ziemlich vollen Zug und um mich herum sitzen jede Menge Menschen. Rein rechnerisch müsste jeder 204 Komma 375. (bei mittlerweile 400 000 verkauften) ein Exemplar seines Buches besitzen. Was, wenn mein Gegenüber eben dieses aus seiner Tasche holt und mir ins Gesicht hält? Zerfalle ich dann vielleicht zu Asche? Versucht er mit seiner „Sarrazin-Fibel“ womöglich eine Art Migranten-Exorzismus, mit dem er mich aus Deutschland zu vertreiben gedenkt?

Nein, ich habe keine bewusstseinserweiternde Dosis „Hart aber Fair-störend“ oder ein anderes Opium für das Volk intus, dennoch überkommen mich seltsame Vorstellungen, z.B. wie innovativ es doch wäre, den Sarrazin-Schmöker öffentlich zu verbrennen. Aus purer Überzeugung natürlich. CNN und NTV habe ich dennoch rechtzeitig informiert.

Ach und da kommt auch schon der Schaffner. Wie er mich schon anschaut von da drüben. Wetten er ruft gleich: „Fahrscheine bitte! Übrigens auch der integrationsunwillige Herr mit dem Notebook auf dem Schoss.“

Wer hat sich eigentlich den Begriff „Aufnahmegesellschaft“ ausgedacht? Ich dachte immer Ölreste nimmt man auf. Dabei bin ich nicht mal ein schmieriger Typ.

Sie vermuten jetzt bestimmt, dass mir die letzte Tasse Mokka nicht gut bekommen ist, und empfehlen mir schleunigst eine Behandlung. Mag sein. Dabei mag ich Mokka nicht mal besonders.

Doch was, wenn etwas dran wäre an meinem Verfolgungswahn, dem Gefühl des Nicht-Willkommen-Seins im deutschen Spätsommer 2010? Was, wenn bereits vor Jahren der Direktor meiner ehemaligen Berufsschule, bei der feierlichen Übergabe meiner Urkunde zum Abschlussbesten, insgeheim gedacht hat: „Hat zwar genetisch gesehen Defizite der Junge aber sonst ein ganz guter Schüler.“ Mir wird gerade ganz anders. Ja ja, der Mokka.

Paranoia erzeugt Angst
Was, wenn meine Nachfahren, tatsächlich dafür sorgen könnten, dass die Deutschen aussterben? Dann wäre ich ja mit Schuld. Wer soll denn dann bitte noch „vegetarischen Döner“ bestellen? Werden dann auf „KochDichTürkisch“ keine türkischen Rezepte mehr erscheinen, weil die deutsche Zielgruppe auf dem kurzen Dienstweg ausgerottet wurde? Würden dann nur noch solche paranoiden Beiträge gepostet? Was passiert mit ARTE, Die Zeit und Roger Willemsen im Zuge der Verdummung aus dem Morgenland?

Wie konnte dieser Thilo solche Aspekte ausser Acht lassen?

Ängste kann man besiegen
Es mögen täglich mehrere Froscharten auf dieser Welt aussterben aber eins verspreche ich Ihnen: Die Deutschen werden es nicht! Dafür mag ich euch zu sehr. Würde ich nie zulassen. Also bitte seien Sie kein Frosch!

An dieser Stelle möchte ich Sie und mich beruhigen. Ich werde wohl doch nicht paranoid. Just in diesem Moment fällt mir nämlich ein, dass ich heute zwei statt einer Tasse Kaffee getrunken habe. Und wissen Sie, Kaffee bekommt mir nicht besonders.Mokka übrigens auch nicht!

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:
Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...