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Migration und Integration in Deutschland

[Die Verhinderung der Sesshaftmachung] würde den Vorteil haben, dass das Interesse an einer Familienzusammenführung zurückgeht und damit uns erheblich geringere Infrastrukturkosten entstehen würden.

Ein Vertreter der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Weber, 1974

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Allergische Reaktion? Bekämpfung könnte so einfach sein!

Allergiker haben es momentan nicht leicht. Der Frühjahr 2010 bereitet einen der stärksten Pollenflüge der letzten Jahre. Cem Özdemir diagnostiziert richtig, dass es vermehrt zu Heuschnupfen kommen kann und begründet dies damit „ dass es große Allergien bei uns gegen alles Türkische gibt“.

VONAnil Gürtürk

DATUM14. April 2010

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Da treffen sich der türkische Ministerpräsident und die deutsche Kanzlerin. Merkel und Erdogan; da treffen zwei Konservative, zwei Machtmenschen aufeinander – eine innenpolitisch eine kühle Moderatorin, der andere ein polterndes Ungestüm, der alles aus dem Weg räumt, was ihm in die Quere kommt. Unterschiedlicher könnten sie von Natur aus nicht sein und während Gerhard Schröder der „Arkadaş“ der Türken war, ist Frau Merkel eher die Partnerin, mit der man doch irgendwie auskommen muss.

Es ist ein seltsamer Reflex, ein interessanter Verlauf, dass der Fokus dieses Treffens auf die Integration der Türkischstämmigen in Deutschland fällt. Das war nicht immer so. Grund hierfür ist eine für viele schleierhafte Annäherung der AKP Regierung an die Türken in Europa, die von der Regierung zwar sehr offen kommuniziert wird, aber anscheinend bei vielen unbegründet Angst hervorruft. Ein weiterer Aufreger war die viel diskutierte Forderung Erdogans nach türkischen Gymnasien. Während Akademikereltern in Berlin ihre Kinder gerne in die John F. Kennedy School schicken, wird bei türkischen Gymnasien auf angebliche Gefahren und Risiken aufmerksam gemacht.

Die Griechen in Deutschland haben es vorgemacht: zweisprachige Gymnasien mit Griechen und Deutschen geben den Schülern die Möglichkeit bilingual aufzuwachsen und sich in die Gesellschaft zu integrieren. Es ist Zeit einzusehen, dass `das Türkische` eine Ressource sein kann. Eine Ressource für Bilingualität und kulturelle Kompetenz. Während in der privaten Wirtschaft nach Sprachkompetenz und Diversity Management gefragt wird, machen Medien und Politiker die Umsetzung in der Praxis schwer.

Geht es um das Deutsch-Türkische Verhältnis, ist der Aufschrei groß und die Emotionen auf einem polemischen Höhepunkt. Damit muss Schluss sein. Solange sich der Ton nicht ändert, Inhalt und Objektivität ignoriert werden, wird das Verhältnis zwischen der so genannten Aufnahmegesellschaft und den so genannten Bürgern mit türkischem Migrationshintergrund in der deutschen Gesellschaft weiter auf einem `Wir` und `Ihr` basieren. Wenn die Politik den Graben tiefer und weiter gräbt, darf es keinen verwundern, wenn die Integration vor allem bei jungen Menschen scheitert und die angeblich Integrierten die deutsch-türkische Szene in Istanbul bereichern. Bei politischen Treffen sollten beide Seiten sich klar machen, dass es möglich ist zwei Identitäten mit sich zu tragen. Mehr noch, dass dies sogar von Vorteil ist.

Was kann die deutsche Regierung von diesem Treffen mitnehmen? Schwarz-gelb muss alles daran setzen, dass die türkische Seite und die ´Deutsch-Türken´ das Gefühl loswerden, dass ihnen Hass und doppelte Standards zugemutet werden. Hierbei ist vor allem Deutschlands Haltung zur EU-Aufnahme der Türkei gefragt. Dass solch ein Prozedere vorher noch nie einem anderem Land zugemutet wurde, hat Erdogan leider richtig erkannt. Die schwarz-gelbe Regierung wählte in ihrem Koalitionsvertrag vage Worte bezüglich des Umgangs mit einer EU-Aufnahme der Türkei. Dies bietet viel Spielraum für CDU, CSU und FDP. Die Regierung muss daher alles daran setzen, die Entscheidung auch wirklich `ergebnisoffen` zu halten.

Aber auch die ´Deutsch-Türken´, um die es geht, sind in dieser Diskussion gefragt: was sie/wir nicht machen dürfen, ist eine Opferrolle anzunehmen und in diese zu flüchten. Stattdessen sollte man auf einen konstruktiven Dialog setzen und die positiven Aspekte der angeblichen Allergie aufzeigen. So kann gezeigt werden, dass `Das Türkische` keine Allergie, sondern ein legales Dopingmittel ist.

Ich bin Allergiker. Mein Hausarzt schlug mir eine Desensibilisierung vor. Das heißt, dass vor der Pollenzeit nach und nach Allergen injiziert werden, um den Körper gegen die Allergie abzustumpfen. Daher mein Vorschlag für alle Allergiker: Besuchen Sie einmal die Aziz Nesin Grundschule in Berlin, lesen Sie Publikationen zum Thema Diversity Management und nehmen Sie an der Veranstaltung `Vielfalt gewinnt` der Stadt Köln teil. Sie werden schnell merken, dass auch Sie den Heuschnupfen besiegen können!

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38 Kommentare
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  1. Selçuk sagt:

    „Stattdessen sollte man auf einen konstruktiven Dialog setzen und die positiven Aspekte der angeblichen Allergie aufzeigen.“

    Hmm, also das funktioniert in diesem Forum so gut wie überhaupt nicht. Es gibt nur eine Hand voll von Kommentatoren ohne türkischem Migrationshintergrund, mit denen man einen konstruktiven Dialog führen kann. Denn so ein Dialog erfordert Wissen und einen gesunden Menschenverstand. Ob es da draußen viel besser läuft?

    Zu dem Begriff der Opferrolle, gegen die und anderen Begriffen wie „Integration“ ICH mittlerweile eine Allergie habe, möchte ich etwas anmerken. Ich kann nur aus meinen eigenen Erfahrungen sprechen: Bis jetzt habe ich keiner einzigen Person in meinem Umfeld begegnet, die so eine Rolle annimmt. Meiner Meinung nach wird ein Mensch nur dann eine solche Rolle annehmen, wenn er mit seinem Wissen an eine Grenze angelangt ist und krankhaft versucht sich irgendwie zu rechtfertigen. Vielmehr sehe ich Traurigkeit, Enttäuschung und Ärger in den Gesichtern der Personen, wenn sie sich massiven Vorurteilen oder Ablehnungen stellen müssen und sich deshalb zurückziehen. Es gibt also nicht nur die so genannte Opferrolle, da die Gefühlswelt von uns Menschen komplex ist. Macht bitte diese Unterscheidung!

  2. Kaan sagt:

    „Stattdessen sollte man auf einen konstruktiven Dialog setzen und die positiven Aspekte der angeblichen Allergie aufzeigen.“
    In meiner Umgebung interessiert sich kein Mensch über Migration, Intregration und/oder Assimilation. Wenn jemand ein bisschen Interesse hat, ist das dann sowieso nur mit Vorurteilen geprägt. Wie wichtig kann denn dann die türkische Sprache eigentlich sein? Für ’normale‘ Deutsche kommt das wie Zulusprache in deutscher Schule vor…

  3. A. E. sagt:

    Ich stimme Ihren Äußerungen vollkommen zu.

    Das Gefühl, alleine durch dieHerkunft eine „Allergie“ bei den Deutschen hervorzurufen, zehrt sogar „vorbildlich“ integrierten Menschen wie mir.

    Was soll den ein Mensch denken, der kulturell, sozial und wirtschaftlich noch keine Wurzeln in Deutschland aufbauen konnte?!

    Trotzdem müssen wir aufpassen, dass wir nicht die Opferrolle einnehmen. Ich glaube, damit würden wir einige Kräfte in diesem Land eine Freude bereiten!

  4. elimu sagt:

    „Hmm, also das funktioniert in diesem Forum so gut wie überhaupt nicht. Es gibt nur eine Hand voll von Kommentatoren ohne türkischem Migrationshintergrund, mit denen man einen konstruktiven Dialog führen kann. Denn so ein Dialog erfordert Wissen und einen gesunden Menschenverstand. Ob es da draußen viel besser läuft?“

    Warum „outen“ wir uns alle eigentlich nicht? Wär mal ne hübsche Umfrage…
    WER und WAS sind die Besucher und Kommentatoren der Migazin-Seite?? Deutsch? Türkisch?Russisch? Serbisch? Deutsch-türkisch? mit Hintergrund, ohne Hintergrund, ausgezogen, hergezogen, eingewandert ausgewandert… o.ä…….. eine endlos lange Liste 🙂

  5. maria sagt:

    Ich lese aus den vorangegangenen Kommentaren überwiegende Resignation heraus. Resignation bedeutet Kapitulation. Und dazu besteht kein Grund.

    Die momentane Diskussion ist meiner Meinung nach das Ergebnis einer verfehlten Sozialpolitik, die es bisher nicht geschafft hat, schwächere Bevölkerungsgruppen in die Gesellschaft zu integrieren. Und damit meine ich nicht nur Migranten, sondern auch Deutsche. Es ist aufgrund verschiedener wirtschaftlicher Entwicklungen nicht gelungen, eine stabile Gesellschaftsordnung beizubehalten. Es ist also ein Problem, das alle in Deutschland betrifft, in der allgemeinen Diskussion allerdings gerne einer bestimmten Personengruppe zugeschrieben wird. Das erscheint einfacher zu sein, als eine gesamte Lösung zu finden.
    Die deutsche Gesellschaft leidet unter Zukunftsängsten und erfährt am eigenen Leibe Geldknappheit. Daraus erschließt sich eine menschlich normale Reaktion, Schuldige ausfindig zu machen, auch wenn sie nicht der Auslöser des Problems sind.
    Migranten, und damit meine ich nicht nur türkische Migranten, sind leider im Moment die Bevölkerungsgruppe, die in manchen Augen der deutschen Gesellschaft dafür die Verantwortung hauptsächlich tragen.
    Kein schönes Bild, einfach gestrickt, aber leider Realität.

    Diese Problematik muss meiner Meinung nach jedem bewusst sein. Dann kann auch gemeinsam daran gearbeitet werden.
    Daraus aber zu resignieren, wäre der falsche Ansatzpunkt. Selbstbewusst sich der Tatsache stellen, aufeinander zugehen. Migranten, die bereits gut angekommen sind, können Hilfestellung denen bieten, die sich noch schwerer damit tun. Den Deutschen empfehle ich, einfach ab und zu einmal den Gegenüber anzulächeln, zu grüßen, den „fremden“ Nachbar fragen wie es ihm geht. Es sind oft nur Kleinigkeiten, die den Ansatz zur Lösung bieten.

    Jede Allergie kann eingedämmt werden, mit der richtigen Behandlung und dem guten Willen. Auf beiden Seiten natürlich.

  6. Loewe sagt:

    Ich hab auch Heuschnupfen, jedes Jahr bei Frühlingsbeginn. Was mache ich? – Nix. Es gibt Schlimmeres.

    Mit der Türkenallergie oder Islamallergie so vieler meiner Mitbürger muss ich auch leben. Die Ressentiments sind unangenehm und haben auch schädliche Folgen, aber man kann’s aushalten, es ist noch keine Katastrophe.

    Ich fürchte, wenn wir mal in Deutschland wieder eine tiefere, schärfere Krise durchmachen sollten, dann erst wird’s richtig ernst, dann wird aus dieser Allergie die Pest. (Ja ja, medizinisch geht das nicht, ich weiß …)

  7. pojarkow sagt:

    Einsprachigkeit ist der Analphabetismus des 21. Jahrhunderts. Es ist erwiesen, dass Kinder, deren Zweisprachigkeit richtig gefördert wird, auch Fremdsprachen wesentlich leichter erlernen können, als einsprachig aufwachsende. Schulen, die von den Kindern mitgebrachte Sprachfertigkeiten nicht fördern, entwickeln und vor allem auch anerkennen verletzen demnach ganz erheblich deren Grundrecht auf freie Entfalltung der Persönlichkeit (Artikel 2 Abs. 1 Satz 1 des Grundgesetzes). Demnach dürften etwa 99 Prozent der staatlichen Schulen in Deutschland die Rechte von zweisprachig aufgewachsenen Kindern schlicht missachten. Das grundlegend zu ändern ist zwingend erforderlich. Die Allergiker müssen sich nämlich vorwerfen lassen, nicht gegen irgendwelche exotischen Pollen, sondern gegen die deutsche Verfassung allergisch zu sein.

    Im Übrigen ist meine Großmutter in Unganr und später Rumänien auf ein deutsches Gymnasium gegangen, das war für die deutsche Minderheit dort seinerzeit selbstverständlich.

  8. Petersen sagt:

    Konstruktiver Dialog = Zustimmung und Abnicken der türkischen Meinung?

  9. Selçuk sagt:

    Nö! Komisch nur, dass es so verstanden wird!

  10. Mehmet sagt:

    Was machen Sie da?

    Sie selbst sind doch die Person, die wirklich alle Punkte, die mit dem Islam oder der Türkei zu tun haben, negativ kommentiert. Wenn jemand etwas gegen ihre Argumente sagt, projizieren Sie einfach Ihr eigenes Verhalten auf andere? Wie wäre es mal mit contra UND pro-Argumenten. Schauen Sie sich doch mal um. Wer von den üblichen Kritiken (negativ) hat JEMALS in auch NUR EINEM Punkt einen positiven Kommentar geschrieben??? Diese Frage, BITTE beantworten Sie mit diese Frage. Ich bin gespannt!


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