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Migration und Integration in Deutschland

Erwerbsquoten der inländischen (43 %) und ausländischen (70,8 %) Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1970.

Friedrich Heckmann, Die Bundesrepublik als Einwanderungsland?, 1981

Wirtschaft

Das neue „Made in Germany“

Vor wenigen Wochen hatte das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in einer Studie die Lage der Integration in Deutschland untersucht und im Ergebnis die Herkunft der Zuwanderer und ihre Ethnie ursächlich für das Abschneiden des Integrationserfolgs, bzw. –misserfolgs erklärt. Türkischstämmige Personen seien dabei die mit Abstand am schlechtesten integrierte Migrantengruppe, lautet der Haupttenor der Studie.

Für die Auswertung wurde seitens des Instituts ein Katalog von zwanzig Indikatoren zusammengestellt und mit den Daten aus dem Mikrozensus 2005 ausgewertet. Die Beteiligung der jeweiligen Migrantengruppen am Erwerbsleben ist eines dieser Indikatoren. Türkischstämmige Migranten erzielten laut Studie hier das weitaus schlechteste Ergebnis. Grund dafür sei unter anderem die fehlende Risikobereitschaft der Türken, gemessen an der Zahl der Selbstständigen.

Prof. Dr. Norbert Winkeljohann widerspricht in seiner Studie „Erfolgsrezepte türkischstämmiger Unternehmer – Ein Modell für Deutschland?“ diesem „Vorurteil“ und betont, dass die „sogenannten“ Gastarbeiter in knapp 50 Jahren Teil der deutschen Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft geworden (sind).“ Insbesondere die zweite und dritte Generation habe sich vom Rande in die Mitte aufgemacht und sich teilweise bis an die Spitze der Wirtschaft vorgearbeitet. Sie produzierten in Schlüsselbranchen ein neues „Made in Germany“. Winkeljohann stützt sich dabei auf Statistiken: „Es gibt mittlerweile über 70.000 türkischstämmige Unternehmen in Deutschland, die vermehrt auch wissensintensive Dienstleistungen anbieten, Nischenprodukte produzieren oder als Industriedienstleister oder Zulieferer Hochtechnologielösungen bereitstellen. (…) Viele türkischstämmige Unternehmen sind heute meilenweit von Bratspieß und Teetässchen entfernt.“ Die Gastarbeiter von früher seien ein beträchtlicher Wirtschaftsfaktor geworden, so Winkeljohann. Nach Schätzungen des „ifm Mannheim“ schafften Existenzgründer mit Migrationshintergrund gut eine Million Arbeitsplätze in Deutschland.

Die Studie kommt zum Ergebnis, dass die türkischstämmige Unternehmergruppe eine „wichtige Säule des wirtschaftlichen Erfolgs“ ist. Ihr Erfolg stehe für ein innovatives und nachhaltiges Geschäftsmodell. „Unsere Mitbürger vereinen eine hohe Leistungsmotivation und den unbedingten Willen zum Erfolg mit Risikobereitschaft, mediterraner Lebenshaltung, einer starken Sozialkompetenz und hohem Verhandlungsgeschick.“ Die Gesellschaft könne von dieser multikulturellen Unternehmergruppe nur lernen, resümieren die Wissenschaftler. Die türkischstämmigen Unternehmer verkörperten nämlich jenen Unternehmertyp, der im Zuge globaler Herausforderungen gefragt und gesucht ist. Das habe mehrere Gründe. Türkischstämmige Unternehmer seien offensichtlich gerade in Zeiten der Krise und der Rezession weitaus flexibler und risikofreudiger als ihre deutschen Kollegen. Auch nutzten sie verschiedenartige Netzwerke. Die Kulturelle Vielfalt in den Unternehmen trage letztlich positiv zur ökonomischen Entwicklung bei. Dies bestätigen übrigens auch mehrere Studien einer von dem Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) geleitete Studiengruppe der VolkswagenStiftung aus dem Jahre 2008. Vor dem Hintergrund einer zunehmend heterogenen Bevölkerungsstruktur in Deutschland stelle kulturelle Diversität eindeutig einen positiven Wirtschaftsfaktor dar, so Prof. Dr. Thomas Straubhaar, Leiter des HWWI.

Mit Blick auf die Integrationsfähigkeit und -erfolg dieser Bevölkerungsgruppe muss der folgende Punkt der Studie besonders hervorgehoben werden. Die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland hänge aus Sicht der Befragten türkischstämmigen Unternehmer sehr stark davon ab, inwieweit die deutsche Gesellschaft zur Erneuerung fähig ist. Dazu zählen die türkischstämmigen Unternehmensführer neben Steuerentlastungen und Bürokratieabbau insbesondere eine gezielte Einwanderungs- und Integrationspolitik sowie eine großangelegte (Aus-)Bildungsoffensive auf. Die Bereitstellung von Mitteln für eine bessere Bildung der Jugendlichen genieße unter den türkischstämmigen Unternehmern absolute Priorität.

Die absolute Mehrheit dieser Bevölkerungsgruppe wolle in Zukunft auch in Deutschland bleiben und Teil dieser Gesellschaft sein; „sie wollen das neue Made in Germany mit produzieren“. Hieraus werde einmal mehr deutlich, so Winkeljohann, wie viel Leistungspotenzial vor allem bei (Migranten-)Kindern aufgrund mangelnder Bildungschancen nicht zur Geltung kommen kann und dass so der Volkswirtschaft Ressourcen vorenthalten werden.

Dabei wird aus der Studie unter der Leitung von Prof. Winkeljohann noch einmal deutlich, dass die anfängliche Haltung der ersten Generation „Bleiben auf Zeit“ immer mehr einem starken Bildungshunger und einem strategischen Leistungs- und Erfolgswillen weicht. Die Biografien der Unternehmensgründer belegen in dieser Hinsicht die hohe Integrationbereitschaft Bevölkerungsgruppe in die Aufnahmegesellschaft, ohne jedoch die türkischen Wurzeln zu verleugnen.

Die türkischstämmigen Unternehmer weisen einen soliden Bildungshintergrund und ein hohes Schulniveau auf; die Befragten sprechen durchschnittlich drei Sprachen. Diese Entwicklung kommt in der Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung nicht zur Geltung. Dabei hängt der Fortschritt bei der Integration(-spolitik) mitunter davon ab, wie sachlich Politik und Wissenschaft mit dem Thema umgehen. Die Darstellung der Studienergebnisse des Berliner Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, dass der Misserfolg von bestimmten Bevölkerungsgruppen eine Folge ihrer Ethnie oder ihres Glaubens ist, und dass diese Darbietung auf soviel Resonanz in der Politik stößt, zeigt leider, dass die deutsche Politik zur Erneuerung noch nicht fähig ist.

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