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Migration und Integration in Deutschland

Niemand lässt sich so gut ausbeuten wie Mitglieder einer Gemeinschaft, die ohne Hilfe der anderen in Deutschland nicht überleben können – illegal und ohne Sprachkenntnisse.

Neske/Heckmann/Rühl, Menschenschmuggel, 2004

Was bist du?

Bezeichnungsproblematik in Deutschland

Migrant, Immigrant, Eingebürgerter, Deutscher mit Migrationshintergrund, Türke, Deutscher, Deutschtürke, Araber, Engländer … oder jemand anderer? Migrationshintergrund lässt sich schwer definieren und darum geht es hier. Es hat zwei Seiten, denn wie man sich als jemand mit Migrationshintergrund definiert und wie man in einer Mehrheitsgesellschaft bezeichnet wird, sind sehr unterschiedlich.

DATUM6. Januar 2010

KOMMENTARE22

RESSORTHumor, Meinung

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Das Selbstbild mit einer vielschichtigen Identität, das sich manchmal gar nicht konkret definieren lässt, prallt auf die Vorstellungen beherrscht von Klischees. Das folgende Beispiel ereignete sich in der Sprechstunde zwischen einer Studentin und ihrem Germanistikprofessor.

Germanistikprofessor: Sie sprechen aber gut Deutsch.
Studentin: Danke, Sie aber auch.

Tja so ist das. Da wundern sich alle und möchten Anerkennung zeigen, dass man als augenscheinlich Nichtdeutsche eine elaborierte Sprache benutzt. Das Beherrschen der Sprache führt nicht automatisch zu einem Zugehörigkeitsgefühl bei der Person mit nichtdeutscher Herkunft und auch nicht zu Akzeptanz als vollwertiges Mitglied der Mehrheitsgesellschaft. Die Bezeichnungsproblematik ist eine endlose Diskussion.

Wenn in den Medien berichtet wird, findet man häufig ein Begriffswirrwarr. So wird manchmal von Migranten, Deutschtürken, Menschen mit Migrationshintergrund und Ausländern gesprochen. Bei Berichten zu Schülererhebungen wird es besonders deutlich, denn dort wird noch differenzierter unterschieden zwischen Migrantenkind, Migrationskind, Schüler nichtdeutscher Herkunft usw. Die Schwierigkeiten bei der Begriffswahl ist das Ergebnis von Unsicherheit bzw. Verunsicherung im Sprachgebrauch.

Entwicklung des Begriffs Migrationshintergrund
Die Entwicklung des Begriffs Migrationshintergrund lässt sich in der Literatur über Schülererhebungen verfolgen. In den 60ern und 70ern wird von „Ausländern“ gesprochen, denn die Annahme, dass ausländische Kinder nicht sesshaft waren, führte zu der Weiternutzung von Begriffen aus der Weimarer Republik. Im Laufe der Entwicklung wird nach dem Prinzip der Anerkennung der ethnischen Minderheiten diese Bezeichnung abgelöst durch „Migrant“, „Immigrant“ (wie in Großbritannien), „Zuwanderer“, „Migrantenkinder“, „Migrationskinder“, Kind mit Migrationshintergrund“ und als aktueller Begriff „Kinder nichtdeutscher Herkunft“.

Alle Zuwanderer, die keine Staatsbürgerschaftsrechte besitzen (unabhängig aus welchem Grund sie sich in einem Land aufhalten), werden zusammengefasst als Ausländer bezeichnet. Die Begriffe Migrant und Immigrant bezeichnen Zuwanderer mit eigener Migrationserfahrung, welche in ein anderes Land übersiedeln mit der Absicht, sich in diesem Land dauerhaft anzusiedeln. Migrantenkinder bezeichnet all jene, dessen Eltern zugewandert sind. Bei der Bezeichnung Migrationskinder wird auf die Berücksichtigung eines Migrationshintergrundes hingewiesen. Die aktuelle Variante Kind nichtdeutscher Herkunft gibt Auskunft darüber, dass die ethnischen Wurzeln außerhalb Deutschlands sind, ohne weitere Information, wo das Kind geboren wurde oder welche Staatsangehörigkeit es besitzt. Hauptsächlich ist die Wortwahl geprägt durch die Politik, die sich dann in der wissenschaftlichen Literatur niederschlägt und kaum differenziert in den Medien aufgegriffen wird. Das ist der Grund, warum alle Begriffe heute durcheinander verwendet werden.

So kann man in der Zeitung über die Erfolge von einem Deutschtürken lesen oder auch über die türkischen Ausländer, die sich gesetzeswidrig verhalten. Es werden Weltbilder projiziert, die unreflektiert in Form von Schubladendenken an Generationen weitergegeben werden. Der folgende Dialog – eine wahre Begebenheit – fand zwischen mir und einer neuen Arbeitskollegin statt. Es handelt sich um ein typisches Beispiel, wo man in ein Schema eines Weltbildes gepresst wird:

Die neue Kollegin (ohne Migrationshintergrund):
Sag mal, ich habe mal ne Frage, was bist du eigentlich?
Ich: Wie jetzt?
Sie: Naja, ich meine woher kommst du?
Ich: Ach so, ich komme aus Deutschland.
Sie: Wie jetzt, du hast doch dunkle Haare und dein Name …?
Ich: Ja, und? Ich bin hier geboren und aufgewachsen.
Sie: Und woher kommen deine Eltern?
Ich: Meine Eltern sind aus der Türkei.
Sie: *erleichtert* Na siehst du, dann kommst du also aus der Türkei.

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22 Kommentare
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  1. LI sagt:

    Der Wandel

    Früher war ich Türke
    dann war ich lange Jahre Deutscher

    und plötzlich wurde ich degradiert zum „Deutschen mit Migartionshintergrund“, was immer das sein mag und
    was – wenn wir ehrlich sind – doch nur heißt, dass ist doch gar kein echter Deutscher im
    Sinne von Herkunft und Abstammung, Aussehen, Essgewohnheiten usw.

    Auch das Zusammenzucken meiner Gegenüber, wenn ich von „wir Deutschen“ rede amüsiert nicht nur.

    Was klar werden muß, daß die hier lebenden Kinder der zweiten, dritten und vierten Generation mittlerweile einen eigenen kulturellen Weg aus der Mischung zweier Kulturen gehen, welcher jetzt noch nicht, aber in wenigen Jahren ganz entscheidend Einfluss auf die kulturelle Entwicklung Deutschlands und auch der Abstammungskulturen nehmen wird.

    Die völlig überflüssige und diffuse Angst der Merhheitsgesellschaft vor dieser zwangsäufig kommenden Veränderung ist letztlich das prägende Merkmal der jetzigen Migrationsdebatte.

    LI

  2. e sagt:

    hat mir wieder gut gefallen dein artikel!

    ich selbst habe eigentlich fast immer in deutschland gelebt, bin hier geboren und aufgewachsen, hab eine deutsche mutter einen deutschen nachnamen, spreche nur ein paar brocken griechisch, aber weil man mir wohl den zyprischen vater ansieht, kenne ich das „woher kommst du“ nur zu gut. auch dass ich „gut deutsch könne“ ist mir schon mal passiert.

    bei zwei seelen in der brust, is ja schon mit der eigenen identität nicht immer alles so eindeutig zu benennen – ich hab mich jedenfalls oft gefragt warum denn viele andere es dann immer so genau nehmen wollen.

    wenn die erste frage die man einem stellt ist woher, also aus welchem fernen land, man kommt, anstatt z.b. was für interessen man hat, ich finde das ist um jmd kennenzulernen als erste frage doch irgendwie schräg, da es zwar mit der persönlichkeit etwas zu tun haben kann und es vlcht auch ne interessante geschichte sein könnte, aber der charakter doch aus so viel mehr geformt ist.

  3. eisgruber sagt:

    Integration bedeutet, sich innerhalb einer Gruppe als Gruppe zu fühlen. Es ist ein beidseitiger Prozess: Menschen mit Migrationshintergrund müssen sich als Teil Deutschlands fühlen. Genauso müssen Deutsche die Migranten als Teil Deutschlands sehen und anerkennen.
    Es wird nun doch deutlich, dass die Angst vor der Transformation der deutschen Gesellschaft als Resultat eines dynamischen Prozesses nicht nur ein Thema von Menschen ohne Migrationshintergrund auf der einen Seite und Menschen mit Migrationshintergrund auf der anderen Seite ist.
    Es leben Menschen unterschiedlicher Herkunft in Deutschland, die natürlich ganz unterschiedliche Wertesysteme haben. Das ist eine Realität. Es ist doch dann nur natürlich, wenn Menschen, die ganz verschiedene Werte und Anschaugen haben, die Nähe zu dem vermeidlich Anderen oft nicht ertragen können. Dieses ist aber nichts Neues, wie die Geschichte und Gegenwart anderer Einwanderungsländer zeigt.
    Diese Transformation der deutschen Gesellschaft , die vor dem Hintergrund der Globalisierung unumkehrbar ist, löst somit bewußte und unbewußte Ängste aller Menschen -Menschen mit Migrationshintergrund und Menschen ohne Migrationshintergrund- aus. Es wird mit größter Gewissheit Gewinner und Verlierer dieser Transformation der deutschen Gesellschaft jenseits der Herkunft geben. Diese Tatsache löst bei allen Menschen, die in Deutschland leben,
    Ängste aus. Dies wird hier allzu deutlich durch alle Beiträge bestätigt. Eines sollte aber immer gelten:
    Das Üben von Tolerranz ist ein gesamtgesellschaftliches Projekt, und fordert eine Bringschuld von allen Menschen in diesem Land, die an einer offen und solidarischen Gesellschaft interessiert sind.
    Markus Eisgruber

  4. Nazim Kenan sagt:

    Ich weiß nun endlich, wie ich mich selbst bezeichnen muss. Das ständige Hin und Her der Begriffe, von der Autorin super erörtert, kostet mich persönlich immer Nerven und Zeit. Ich kann jetzt aber mit Gewissheit sagen: „Nazim ist ein Migrantenkind.“ Danke.

  5. Die Domain ist aber schon belegt 😉

  6. Nazim Kenan sagt:

    Hallo Engin,

    war das jetzt auf mich bezogen? Wenn ja, habe ich es nicht verstanden.

    Übrigens: ich konnte heute bereits mit meinem durch diesen Beitrag gewonnenen Wissen andere beeindrucken. Den Unterschied zwischen den Begriffen Migrantenkind und Migrationskind zu kennen wirkt irgendwie intellektuell. Damit bin ich ab heute das Highlight auf jeder Party 🙂

  7. karin bryant sagt:

    ..so,so hier wird wieder so getan als ob alle Deutschen blonde Haare haben,Nicht mal alle Schweden sind 100% blond.

  8. Battal Gazi sagt:

    Danke dafür Dora.

    Einfach nur asozial, peinlich, gesellschaftsschädlich,… Hans Schneter.


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