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Migration und Integration in Deutschland

Die Qualität einer freiheitlichen Gesellschaft bewährt sich nicht zuletzt darin, wie mit Minderheiten umgegangen wird und wie sich Minderheiten in einer Gesellschaft fühlen.

Wolfgang Schäuble, Rede zur Amtseinführung des Beuauftragten für Auslandsdeutsche, Februar 2006

Ehegattennachzug

Ein geschöntes Bild der Wirklichkeit

Im 1. Halbjahr 2009 bestanden nur 64 Prozent aller Prüfungsteilnehmenden weltweit den Deutsch-Test für den Ehegattennachzug. Obwohl die Zahlen bereits für sich sprechen, geht Sevim Dagdelen (Die Linke) von einem „geschönten Bild“ aus. In Wirklichkeit seien die Zahlen noch schlechter.

„Viele Eheleute müssen zwangsweise voneinander getrennt leben, solange das Deutsch-Zertifikat nicht vorliegt. Die schikanöse Behandlung von nachzugswilligen Eheleuten setzt sich damit verschärft fort, das Grundrecht auf Familienzusammenleben wird verletzt“, stellt Sevim Dagdelen, migrationspolitische Sprecherin der Linkspartei angesichts der aktuellen Antwort der Bundesregierung auf ihre Anfrage zum Ehegattennachzug fest.

2008 erlangten noch 66 Prozent das Deutsch-Zertifikat. Laut Dagdelen vermitteln die offiziellen Zahlen zu Bestehensquoten bei Sprachtests im Ausland aber ein „geschöntes Bild der Wirklichkeit.“ Denn nicht erfasst wird, wie viele Versuche die Betroffenen unternehmen mussten, um den Sprachtest bestehen zu können.

Auf eine entsprechende Frage verweist die Bundesregierung auf eine Softwareeinführung bei den Goethe-Instituten, die Anfang 2009 begonnen habe. Ob mit dieser Software allerdings eine Differenzierung nach Zahl der Prüfungsversuchen erfolgen wird, lässt sie offen. Ebenso bleibt es Geheimnis der Bundesregierung, weshalb mit der Modernisierung der Datenerfassungssysteme erst 2009 begonnen wurde. Der Deutsch-Test für den Ehegattennachzug ist seit August 2007 gesetzlich verankert.

Infobox: Der Wortlaut der Kleinen Anfrage der Linksfraktion im Bundestag sowie die Antworten der Bundesregierung (BT-Drucksache 17/194) [pdf] sind auf den Seiten des Bundestags abrufbar.

Dagdelen weiter: „Geschätzt werden kann, dass nur etwa die Hälfte aller nachzugswilligen Ehegatten weltweit die Hürde des Sprachtests im ersten Anlauf schafft. Die Quoten verschlechtern sich noch, wenn Betroffene zuvor keinen Sprachkurs eines Goethe-Instituts besuchen konnten – und das ist zu etwa 80 Prozent der Fall“.

Laut Dagdelen hat die Bundesregierung kein Interesse daran, realistischere Zahlen über die so genannten Durchfallquoten bei den Sprachtests zu ermitteln. „Sie will bei ihrer unhaltbaren Position bleiben, dass von den Sprachnachweisen keine Beeinträchtigung des Grundrechts auf Schutz von Ehe und Familie ausgeht“, so die Linkspolitikerin.

Deshalb steht für Dagdelen auch bereits jetzt das Ergebnis der derzeit in der Ressortabstimmung sich befindenden Evaluation der Sprachnachweise fest: „Die Bundesregierung wird die ersichtlich verfassungswidrige, schikanöse Behandlung von Menschen für angemessen und verhältnismäßig erklären. Dass die Sprachprüfungen geeignet sein sollen, Zwangsverheiratungen zu verhindern oder eine Integration in Deutschland zu erleichtern, kann die Bundesregierung übrigens nicht einmal ansatzweise begründen – dies zeigen mehrere ausweichende Antworten auf konkrete Fragen hierzu.“

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12 Kommentare
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  1. elimu sagt:

    Ich wünsche allen Betroffenen noch viel Glück und Ausdauer….

  2. Jens sagt:

    Wie möchte man denn ohne Deutschkenntnisse hier arbeiten ?

    Also muss so ein Test sein und wenn der zu einfach wäre,
    kommt hier die böse Überraschung.

  3. Anne sagt:

    Dies nennt sich Verhinderung von Ehegattennachzug durch die Hintertür.

  4. Elisabeth Mariam Müller sagt:

    dort leben möchte, muss die Sprache des Landes sprechen.

    Viel zu lange hat die türkische Gesellschaft das ignoriert und Menschen nach hier geholt, die nicht die Sprache dieses Landes können.

    Das hat mit Ungerechtigkeit nichts zu tun. Ehe man heiratet, sollte man dafür Sorge tragen, dass der Ehegatte, wenn er denn hier leben soll, deutsch spricht.
    Die Folgen sehen wir, wieviele Kinder Schwierigkeiten haben und dadurch nicht die Chance bekommen, eine gute Bildung zu erzielen, das ist Menschenrecht und keine Ungerechtigkeit gegenüber Menschen, die anders handeln.

  5. municipal sagt:

    @Elisabeth Mariam Müller

    Hätte nicht gedacht, das ich mit Ihnen einmal einer Meinung sein würde, […] Frau Müller.

  6. Umut sagt:

    Manche deutsche Freunde stellen das Thema wieder so dar, als wollten die Ausländer kein Deutsch lernen. Leute es geht hier in erster Linie um „Familie“. Das heisst von den Sprachnachweisen hängt ab, wie lange Ehemann und Ehefrau getrennt leben sollen, das hat mit Schutz der Familie gar nichts mehr zu tun. Wir wollen doch auch,dass Deutsch gelernt wird und dass die Ausländer sich gut integrieren, aber das geht auch alles nach der Einreise. Und in Deutschland kann man viel einfacher Deutsch lernen als irgendwo im Takka Tukka Land.Die Sprache eines Zuwanderunsgslades zu beherrschen ist das Allerwichtigste für ein zukünftiges Leben, das weiß doch jeder Mensch. Aber um die Sprache zu lehren, braucht man doch nicht die Ehen zu trennen.
    Deutsch Lernen –> Ja
    Ehen trennen –> Nein
    Ich bin für das Lernen der deutschen Sprache nach der Einreise in Deutschland, damit die Menschen nicht getrennt werden!

  7. hoko sagt:

    „Die Sprache eines Zuwanderunsgslades zu beherrschen ist das Allerwichtigste für ein zukünftiges Leben, das weiß doch jeder Mensch.“

    warum gibt es dann immer noch (vor allem) Frauen, die mehrere Jahre schon in Deutschland leben und kein Wort Deutsch können?

    Hier wird immer so getan, als ob unmenschliches verlanbgt würde, dass man als nachziehender Ehepartner also in der Lage sein müsse, an einem germanistischen Oberseminar teilzunehmen. Das ist Unsinn, die Sprachanforderungen sind sehr moderat, das kann man eigentlich, wenn man sich anstrengt, in wenigen Wochen lernen.

  8. Boli sagt:

    @Umut

    Nur gehen wir einmal davon aus, das der Mann, die Frau vielleicht nicht einmal die Grammatik der eigenen Sprache kann was das Erlernen einer ganz neuen Sprache schwerer macht als es eh schon ist??
    In diesem Artikel / 2. Absatz kann man ersehen das jeder 10. Junge und jedes 3. Mädchen in der Türkei nicht lesen und schreiben kann.
    http://www.bibb.de/de/14099.htm
    Und in diesem Artikel kann man nachlesen das eine Einbürgerung aufgrund Analphabetismus sogar verweigert werden kann:
    http://www.migazin.de/2009/03/02/presseschau-turkische-presse-vom-01032009-und-02032009-visa-cem-ozdemir-maria-bohmer/

    Wegen mir kann man die Sprache auch hier lernen nur MUSS die Prüfung spätestens nach dem 3. Anlauf bestanden werden so wie dies in Skandinavien verlangt wird. Ansonsten keine Aufenthaltserlaubnis und alle daraus folgenden Rechte und Pflichten. Weil Deutschland steht vor allem wegen der vielen schlecht Deutsch sprechenden bzw. schreibenden Migranten im Pisavergleich so schlecht da (kann man an Bundesländern mit hohem Migrantenanteil ersehen, wie z.B. NRW).

  9. Udo Kuffer sagt:

    Man sollte einfach die Ehegatten VERPFLICHTEN, NACH dem Zuzug sofort den Integrationskurs zu besuchen. Das machen fast alle ja sowieso, wenn sie vom Ausländeramt den Berechtigungsschein nach der Ausstellung der befristeten Aufenthaltserlaubnis bekommen. Man kann gerne Kurse in den Heimatländern anbieten, aber eine Zwangstrennung ist durch nichts begründbar. Auch ich bin 2007/2008 acht Monate (Kurs, Prüfung, Visumverfahren und Wartezeiten) nach der Heirat von meiner Frau (Südamerika) getrennt worden. Reine Schikane!


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