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Migration und Integration in Deutschland

Viele wollen sich aber nicht entscheiden. Da schlagen zwei Seelen in ihrer Brust. Lassen wir doch beide Herzen schlagen! Wir brauchen die jungen Leute.

Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) über die doppelte Staatsbürgerschaft, Neujahrsempfang am 17. Januar 2010

Bezirk Berlin-Mitte

Gesundheits- und Vorsorgeverhalten Erwachsener mit Migrationshintergrund

Im Rahmen der Schuleingangsuntersuchung für das Schuljahr 2006/07 führte das Bezirksamt eine Erhebung zur Gesundheit und zum Gesundheitsverhalten von Eltern der Schulanfänger durch. Die Fragen betrafen u.a. ihre eigene Gesundheit, ihr Gesundheitsverhalten und ihr Bedarf an gesundheitsbezogenen Informationen.

Diskussion
Die in den Ergebnissen auftretenden Unterschiede zwischen den Menschen mit Migrationshintergrund und den deutschen Eltern scheinen auf den ersten Blick paradox. Obgleich die Befragten mit Migrationshintergrund ihre eigene Gesundheit mindestens ebenso gut wie, oder besser als die deutschen Befragten, einschätzten, suchten sie ihren Hausarzt öfter als die Deutschen auf. Sie nutzten aber ihren Hausarzt eher als die deutschen Befragten als „Gatekeeper“ im Sinne der Weitervermittlung zu Fachärzten.

Hinsichtlich des Konsums von Suchtmitteln erhielten wir einige interessante Ergebnisse. Migranten in der unteren sozialen Schicht rauchten etwas weniger als vergleichbare Deutsche und tranken wesentlich seltener Alkohol. Die religiöse Affiliation spielte eine große Rolle beim Alkoholkonsum aber eine eher kleinere Rolle beim Rauchen.

Ein Problem wurde im Hinblick auf die Inanspruchnahme der verschiedenen Gesundheitsvorsorgeangebote der gesetzlichen Krankenkassen bei Menschen mit Migrationshintergrund sichtbar. Obgleich diese keine zusätzlichen Kosten für die Versicherten verursachen, werden sie – bis auf den allgemeinen Gesundheitscheck – von Migranten weniger oft als von Deutschen in Anspruch genommen. Dies war besonders bei der Krebsvorsorge der Fall.

Schlussfolgerungen
Dadurch, dass ein einfacher Zugang zur Untersuchungspopulation verwendet wurde, konnten mit relativ wenig Aufwand wichtige Daten zur Gesundheit von jungen Erwachsenen erhoben werden, die außerdem nach sozialer Lage und Migrationshintergrund differenziert sind. Im Prinzip wäre so eine Untersuchung auch ohne weiteres in anderen Kommunen möglich.

Hinweis: Mit freundlicher Unterstützung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS). Quelle: BMAS-Publikation „Gesundheitliche Versorgung von Personen mit Migrationshintergrund“

Die Tatsache, dass die in der Untersuchung beobachtete höhere Nutzung von gesundheitlichen Versorgungsangeboten bei Migranten u.U. mit Kommunikations- bzw. Vermittlungsproblemen zusammenhängt, deutet darauf hin, dass es immer noch einen hohen Bedarf an interkultureller Kompetenz im deutschen Gesundheitswesen gibt. Hier muss mindestens die sprachliche Verständigung gewährleistet werden. Die Diskrepanz zwischen der erlebten Gesundheit von Migranten und ihrer Inanspruchnahme von gesundheitlichen Versorgungsangeboten deutet an, dass hier bestimmte Steuerungsmechanismen im deutschen Gesundheitssystem versagen.

Die niedrigere Inanspruchnahme von Krebsvorsorge bei Migranten als bei einer vergleichbaren deutschen Bevölkerungsgruppe, könnte u.U. bedeuten, dass die Vorteile von diesen Angeboten noch nicht genügend von Migranten wahrgenommen werden, bzw., dass es Migranten beim Arzt nicht bewusst gewesen ist, dass sie Vorsorge in Anspruch genommen haben – auch eine Folge mangelnder Kommunikation.

Literatur

  • Butler J.; Albrecht, N.J., Ellsäßer, G.; Gavrinadou, M..; Habermann, M.; Lindert, J.; Weilandt, C. „Migrationssensible Datenerhebung für die Gesundheitsberichterstattung“, Bundesgesundheitsblatt, Berlin, November 2007.
  • Oberwöhrmann, S.; Bettge, S. (2005). Basisdaten zur gesundheitlichen und sozialen Lage von Kindern in Berlin – Ergebnisse auf der Basis der Einschulungsuntersuchungen. Gesundheitsberichterstattung Berlin, Spezialbericht 2007 – 1.
  • Robert Koch-Institut (2007). Erste Ergebnisse aus dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS)“, Bundesgesundheitsblatt, Band 50, Heft 5/6, Mai/Juni 2007.
  • Razum, O., et al. (2008). Migration und Gesundheit. Schwerpunktbericht der Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Robert Koch-Institut, Berlin.
  • Zeeb H, Baune BT, Vollmer W, et al. (2004) Gesundheitliche Lage und Gesundheitsversorgung von erwachsenen Migranten – ein Survey bei der Schuleingangsuntersuchung, Gesundheitswesen 2004; 66: 76-84.
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2 Kommentare
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  1. […] Jeffrey Butler, Bezirk Berlin-Mitte: Gesundheits- und Vorsorgeverhalten Erwachsener mit Migrationshintergrund […]

  2. […] erheblich gefährdet, sollten keine entsprechenden Maßnahmen durchgeführt werden. Neben der Vorsorge durch einen Arzt, sind dementsprechend auch eine Absicherung durch entsprechende Versicherungen […]



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