MiGAZIN

Das Fachmagazin für Migration und Integration in Deutschland

Es wird selbstverständlich sein, dass jemand Mehmet heißt und nicht Hans – wir halten das aus.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Deutsche Presse-Agentur (18.01.2013)

Ein Plädoyer

Wir sind Integration

Wenn von Integration die Rede ist, denkt man in erster Linie an Migranten und an Schwierigkeiten. Doch das eigentliche Problem sind häufig die Deutschen ohne Migrationshintergrund, die nicht an Integrationsprozessen teilhaben wollen und einer fragwürdigen Multi-Kulti-Theorie anhängen. So bleiben die Potenziale, die in neuen Formen von Identität stecken, auf der Strecke – und Verlierer sind nicht nur die Migranten. Oder: Ein Plädoyer für die gegenseitige Veränderung von Migranten und Deutschen.

VONJan Opielka

Jan Opielka (32) arbeitet als freier Journalist schwerpunktmäßig zu Themen aus Polen sowie zur Migration. Er stammt aus Polen, lebt seit 21 Jahren in Deutschland und hat Politikwissenschaft und Anglistik studiert. Neben seinen journalistischen Tätigkeiten hat er in der Jugendhilfe gearbeitet, vorwiegend mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund sowie mit Asylbewerbern. Gemeinsam mit seiner Frau Katarzyna arbeitet er zudem freiberuflich an der Schnittstelle zwischen Deutschland und Polen, etwa in den Bereichen Weiterbildung sowie Übersetzungen/Dolmetschen. www.communication-opielka.com

DATUM13. November 2009

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Haben Sie Kinder? Dann machen Sie mal einen Test: Sagen Sie zehn von ihren Bekannten, dass Sie für Ihr Kind eine Krippe, Kita oder Schule suchen, in der unbedingt auch Migrantenkinder sind, und zwar in etwa so viele, wie sie tatsächlich auch in der Gesellschaft repräsentiert sind. Das sind inzwischen eine ganze Menge, denn jedes dritte Kind unter drei Jahren in Deutschland entstammt heute einer Familie mit Migrationshintergrund, in der Gesamtbevölkerung hat jede fünfte Person einen Migrationsbezug. Wie wird also die ehrliche Reaktion der meisten Angesprochenen sein? Im Grunde zu häufig so: Beim Türken oder Libanesen essen, das ist okay. Aber mit Türken oder Libanesen gezielt auf eine Schule? Und in der Regel stellt man seine Kinder so ein, wie man auch selbst eingestellt ist.

Integration aber ist immer insbesondere auch Beziehung, und zwar nicht nur allgemein, die Beziehung zu einer Gesellschaft und ihren Institutionen, sondern vor allem konkret, zu Personen. Daher drängt sich die Frage auf, wie sich Integration in Deutschland gestalten soll, wenn nur wenige autochthone Deutsche daran teilhaben wollen? Jenseits aller verzerrten Wahrnehmung, Integration sei bleiern schwer und bringe hauptsächlich Probleme, bleibt die geringe Teilnahme der autochthonen Deutschen an Integrationsprozessen im Kern einer anderen Ursache geschuldet. Denn selbst wohlwollende deutsche Zeitgenossen sehen ihren Beitrag zur Integration neben ihrer Toleranz vor allem in der Bereitstellung passender Instrumente, etwa der Sprachförderung, für die zu Integrierenden – und nicht in der tatsächlichen Veränderung, oder besser: der Öffnung ihrer und des Landes selbst für bewusste Veränderungen, die aus dem Zusammenleben resultieren könnten. Daher auch ist die gut gemeinte Idee von Multikulti in ihrer jetzigen Form nicht einmal die halbe Antwort auf die Tatsache einer pluralen Gesellschaft. Denn die meisten Multikulti-Befürworter verstehen mit ihrer Toleranz zwar ein friedliches Nebeneinander-Gedeihen verschiedener kultureller Gewächse, aber, das ist wichtig, bei verschiedenen Menschen – und nicht in einer Person, vor allem nicht in den Autochthonen selbst. In der Praxis sieht es dann so aus, dass Menschen teilweise unterschiedlich leben, differente kulturelle Verankerungen haben, sich gegenseitig tolerieren, doch die gemeinsamen Schnittmengen mehr als überschaubar bleiben. Doch was ist Integration eigentlich anderes, als die Herstellung bzw. das Entstehen von etwas Neuem aus Bestandteilen, die vorher in keinem gemeinsamen Kontext standen?

Im allgemeinen Sprachgebrauch ist denn auch fast ausschließlich von der Integration in etwas, etwa in die deutsche Gesellschaft die Rede. Dabei wird meist übersehen, dass eine Integration in etwas immer ein stark assimilierendes Moment hat, und zwar nicht nur von der Sprachkonstruktion her, sondern auch von der tatsächlichen Wahrnehmung: Jemand, der sich in etwas integriert, wird, um im Sprachbild zu bleiben, in etwas Bestehendes hinein genommen – ohne, dass sich das, in das er sich integriert, verändern würde. Tatsächlich müsste es sich aber doch verändern – nur wird dies von Sprache und Realität ausgeblendet. Integration in etwas bedeutet in diesem Mainstream-Denkmuster fast zwangsläufig, dass der zu Integrierende auf etwas verzichtet. Man integriert sich in etwas und kann dies doch nur, wenn man vorher Unpassendes ablegt, etwa kulturelle Gewohnheiten, wie das Schächten von Schafen – oder aber die Ursprungs-Staatsangehörigkeit. Und, das ist ganz wichtig: Dasjenige, in das man sich integriert, bleibt nach diesem Schema weitgehend unverändert, nur qualitativ gibt es eine Bewegung – nämlich steigende Bevölkerungszahlen. Eine solch verstandene Integration in die Gesellschaft ist aber zu häufig zum Scheitern verurteilt, weil sie unnötige Opfer auf Seiten der Einwanderer und ihrer Nachkommen verlangt. Viele von ihnen erbringen diese Opfer, häufig um den Preis eines inneren Heimatverlustes.

Doch eine nachhaltigere Integration ist nicht die einseitige Integration – und damit de facto Assimilation – in etwas, sondern die beider-, oder vielmehr multiseitige Integration miteinander – also die Integration der deutschen mit den ausländischen Kulturen; soweit eine derart klare Trennung vorher überhaupt besteht. Eine Integration mit jemanden oder mit etwas ist die gleichzeitige Veränderung aller beteiligten „Akteure“ – also der Mehrheit und der Minderheit(en), die freilich auch zuvor keine monolithischen Blöcke sind. Dabei verändern sich im Optimalfall alle, und zwar je so stark, wie es ihre Quantität, aber auch die „Qualität“ bedingt. Im Regelfall wird sich freilich die Minderheit stärker verändern. Doch bringt jemand in eine Integrationsbeziehung überzeugende Argumente mit ein – etwa ein neuartiges Denken – so sollte er selbst die quantitativ überlegene Mehrheit (auch in friedlicher Auseinandersetzung) durchdringen können und sie stärker verändern, als er selbst verändert wird. Etwas Ähnliches geschah in Deutschland und anderen Ländern etwa in der 68er-Bewegung. Es fand eine – sehr konfliktreiche – Integration von unterschiedlichen Denk- und Verhaltensprinzipien statt, bei der „Rebellen“ und „Mehrheitsgesellschaft“ (auch hier: nicht monolithisch) sich durchsetzten und zugleich verzichteten, sich veränderten, eben: miteinander integrierten – und nur ewig Gestrige regen sich heute über das Schwulsein von Guido Westerwelle auf. Undenkbar vor 40 Jahren.

Eine ähnliche Entwicklung findet in Deutschland im Zusammenhang mit Einwanderer-Kulturen und migrantischen Lebenswelten nur bedingt oder gar nicht statt. Die Mehrheit der Deutschen ohne Migrationshintergrund sieht kaum bis keinen Anlass, sich mit den schillernden Facetten ausländischen Lebens in Deutschland zu integrieren, was bedeuten würde, dass sich die Mehrheitsgesellschaft, und damit einzelne Individuen, eben auch verändern und dies bewusst zulassen. Grund dafür ist häufig, dass das Prestige vieler Länder – und damit natürlich auch ihrer Sprachen, Kulturen, Mythen – aus dem afrikanischen, arabischen oder osteuropäischen Raum in Deutschland recht weit unten rangiert. Was nicht nur deswegen schade ist, weil Image und Wirklichkeit des Öfteren nicht das Gleiche sind, sondern auch, weil dadurch vor allem autochthone Deutschen die Möglichkeit verpassen, ihrer Identität wertvolle Akzente hinzuzufügen. Der Journalist Arno Widmann beschrieb die Frage der Identität im Kontext von Europa einmal so: „Es gibt keinen Grund zur Angst, die eigene Identität zu verlieren. Man hat sie nämlich nicht. Man erwirbt sie. Man erwirbt sie, in dem man sie mehrt. Es gibt da nichts zu verteidigen außer der Freiheit, sie mehren zu dürfen.“ Tatsächlich gibt es in Deutschland kein gesetzliches Verbot, die eigene mono-nationale Identität um andere nationale und kulturelle Ideen und Verankerungen zu mehren, sie in das eigene Dasein einzubeziehen, und zugleich mit den Menschen, die diese Ideen und Verankerungen repräsentieren, gemeinsam Integration zu betreiben.

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31 Kommentare
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  1. elimu sagt:

    „Und die nicht Immigrierten, die Autochthonen, die national Ein-Heimischen – viele von Ihnen wollen doch an der Integration teilhaben. Oder?“….

    Das wollen wir doch hoffen 🙂

    Ein aufschlussreicher Bericht… Ich habe jetzt eine ganz andere Perspektive zur Identität entdeckt, danke! 🙂

  2. NDM sagt:

    Hervorragend ausformuliert. Das eigentliche Integrationsgeschehen wird hier korrekt beschrieben. Es findet nicht einzig im Kopf und im Verhalten von Zuwanderern statt, sondern bei sämtlichen beteiligten. Es ist auch keine Entscheidung, keine besondere Anstrengung oder Leistung, sondern ein fortlaufender und auch wechselseitiger Prozess, in dem sich alle beteiligten mit der Zeit verändern und aufeinander zugehen. Es hat mehr mit einem „Miteinander leben und voneinander lernen“ zu tun, als mit einem und geschieht in erster Linie auf zwischenmenschlicher Ebene. Man schreibt hierbei gegenseitig das voneinander ab, was man für gut befindet, macht sich gegenseitige Zugeständnisse und legt Verhaltensweisen ab, oder schränkt sie ein, die nicht weiterbringen. Wechselseitig, je nach Mehrheitsverhältnissen natürlich in unterschiedlichem Maße. So entwickelt sich eine gemeinsames Gesellschaftliches Fundament. Genau das ist richtig verstandene, nachhaltige Integration. Auf diese Weise hat sich in der Vergangenheit jede Gesellschaft weiterentwickelt, verändert und verbessert.

  3. Mehmet sagt:

    Ihrer Meinung!! Nur wollen einige unserer Deutsch-Deutschen Mitbürger dies nicht wahrnehmen… 😉

  4. Hassan Kal sagt:

    Eigentlich kann man sich angesichts dieses impertinenten Artikels nur noch schämen, dass man zu der am schlechtesten integrierten Gruppe von Migranten gehört, die auch ausgerechnet noch am lautesten schreit und von der ich mich inzwischen deutlich distanziere! Das ist kein „Plädoyer für die gegenseitige Veränderung von Migranten und Deutschen“, das ist die Aufforderung zur Aufgabe der eigenen Kultur der deutschen Aufnahmegesellschaft zugunsten einer integrationsunwilligen Minderheit. Mich würde beispielsweise die Reaktion der türkischen Bevölkerung angesichts solcher Forderungen interessieren (war ein Witz, ich wüßte die Antwort). Vielleicht sollten sich die ganzen Schreihälse mal an den Musterbeispielen gelungener Integration ein Beispiel nehmen, die ihren Weg in aller Stille und mit Erfolg gegangen sind. Wie wäre es denn mal mit Begriffen wie Eigenverantwortung, Ehrgeiz, Toleranz (jawohl, auch für Migranten!!!), Identifikation mit der deutschen Aufnahmekultur? Fehlanzeige, das müssen die Deutschen leisten? Wann waren Sie denn das letzte Mal beim Deutschen essen? Kennen Sie aus Ihrem Umfeld keine Diffamierungen, die man über die Deutschen, die Christen etc. auskippt? Ich kenne sie und Sie, vererhrte Migazin-Schreiberlinge kennen Sie auch! Auf das „Neue“, was hier propagiert wird, kann ich jedenfalls verzichten, das haben wir in meinem Herkunftsland bereits und deshalb lebe ich jetzt in Deutschland, inzwischen als Deutscher und bin mit meiner Integration hoch zufrieden.

  5. Johanna sagt:

    Danke, Hassan Kal. Volle Zustimmung.

    >Ein Plädoyer für die gegenseitige Veränderung von Migranten und Deutschen.<

    Ich habe nicht das geringste Interesse, mich von türkischen Interessengruppen unterbuttern zu lassen, denn meine Heimat Deutschland gefällt mir so, wie sie ist.

    Wünschenswert wäre es, wenn Einwanderer oder in Deutschland zum Kopftuch-Greifende sich anpassen würden.

  6. Mehmet sagt:

    Herr Kal,
    Ich freue mich, dass Sie eine derart unberührte Vergangenheit haben, sodass Sie so ein Kommentar schreiben können. Nur sollte man nicht so schnell von der eigenen Person auf andere schließen….
    „Vielleicht sollten sich die ganzen Schreihälse mal an den Musterbeispielen gelungener Integration ein Beispiel nehmen, die ihren Weg in aller Stille und mit Erfolg gegangen sind.“
    Sie unterstellen hier, dass die „Schreihälse“ nicht integriert wären. Woher wollen Sie das wissen? Kennen Sie die Leute hier persönlich?

    „Wie wäre es denn mal mit Begriffen wie Eigenverantwortung, Ehrgeiz, Toleranz (jawohl, auch für Migranten!!!), Identifikation mit der deutschen Aufnahmekultur?“
    Wie wäre es denn mal mit der Erkenntnis, dass die „Schreihälse“ diese Eigenschaften evtl. schon mitbringen?

    „Wann waren Sie denn das letzte Mal beim Deutschen essen?“
    Ich habe nur deutsche Freunde…

    „Kennen Sie aus Ihrem Umfeld keine Diffamierungen, die man über die Deutschen, die Christen etc. auskippt? Ich kenne sie und Sie, vererhrte Migazin-Schreiberlinge kennen Sie auch!“
    Mit dem falschen Verhalten der türkischen Minderheit kann man nicht das falsche Verhalten der Deutschen rechtfertigen. Da müssen alle an sich arbeiten. Daher ist es auch völlig okay, wenn wir „Schreihälse“ das falsche Verhalten der Deutschen niederschreiben.

    Zuallerletzt kann man noch sagen, dass man den „Schreihälsen“ mit etwas mehr Respekt entgegenkommt, sodass man auch Respekt in der Diskussion erwarten kann.

    MfG

  7. Mehmet sagt:

    Note:
    „Mit dem falschen Verhalten von EINIGEN Türken kann man nicht das falsche Verhalten von EINIGEN Deutschen rechtfertigen. Da müssen alle an sich arbeiten. Daher ist es auch völlig okay, wenn wir “Schreihälse” das falsche Verhalten der Deutschen niederschreiben.“

  8. Markus Hill sagt:

    Sehr differenziert ausgedrückt, wahrscheinlich kann man das nicht gegeneinander aufrechnen. Ich weiss auch nicht, ob es sinnvoll ist, alle Leute mit besonderen Anliegen (sei es Türken-Lobby-Arbeit oder das vetreten von „moderaten“ Interessen:-) als „Schreihälse“ zu disqualifizieren. Es ist immer noch eine Unterschied ob ein gut integrierter Migrant eigene Interessen verfolgt und formuliert oder ein „Problem-Migrant“ (bzw. stellvertretend ein Verband) irgendwelche Lücken/Auswege sucht, um den Pflichten gegebenüber der Gesellschaft (Kinder richtig erziehen, Ausbildung etc.) ausweichen zu können bzw. um ständig Eigenverantwortung leugnen zu können (Beispiel: Berlin–Sarrazin-Thematik). Das Ausmass und die Motivation bei beiden ist völlig unterschiedlich, die beiden in einen Topf zu werfen ist unpassend. Zumal das Formulieren von „moderaten“ Interessen oft schon voraussetzt, das der Nicht-Schreihals:-) sich auch mit den Interessen der Mehrheitsgesellschaft auseinandergesetzt hat, der andere Schreihals aber kategorisch versucht, Rechte einzufordern. Fairerweise muss man sagen, dass es natürlich doch bei beiden Kategorien manchmal Schnittmengen geben kann. Da besteht dann halt Diskussionsbedarf.
    Die Diskussion trifft aber vielleicht nicht den Kern des Artikels oben. Der Artikel ist von einem engagierten Polen (Migrant?, aber deutsche Frau) geschrieben worden. Das sind die Form von Einwanderern, die die Deutschem im Allgemeinen sehr gerne in diesem Lande sehen. Man würde ihm und seinem Ansinnen meiner Ansicht nach Unrecht tun, wenn man ihn in diesem Migrantendiskurs mit dem in Deutschland zu traurigem Ruhm gelangten „Negativ-Türken-Migrations-Erfahrungseffekt“ in einen Topf werfen würde. Ganz neutral gesehen sagt er doch eigentlich doch nur, dass jede Nation oder Kultur, mit einer gewissen Offenheit, voneinander lernen kann. Zudem führt er völlig sachlich an, dass dieser Lern- und Anpassungseffekt natürlich bei Mehrheit- und Minderheit in unterschiedlichen Ausmass stattfindet. Gegenseitige Achtung und Respekt von Mensch zu Mensch. NATÜRLICH kann diese Haltung von bestimmten türkischen „Mirgrations-Querulanten“ bzw. von türkischen Verbänden instrumentalisiert werden um weiter auf Abgrenzung- oder Abschottungskurs zu gehen. NATÜRLICH lädt es vielleicht den ein oder andere türkische Problem-Migranten dazu ein zu sagen: „Wir sind ja alle so gleich, ich bin ja allein aufgrund meines türkischen Migrantenstatus so eine Bereicherung für die deutsche Gesellschaft – da sollen die doch einmal von mir lernen!“. (Spätestens seit der Sarrazin-Debatte ist es ohnehin eher wahrscheinlich, dass diese Leute heutzutage in Deutschland wohl eher „kleine Brötchen backen“. Mittlerweile besteht wohl Konsens in der Mehrheitsgesellschaft bzw. in der öffentlichen Diskussion, das Integration in erster Linie natürlich eine Bringschuld ist).
    Mein Verdacht: Den Missbrauch kann der Autor nicht verhindern. Mein Eindruck vom Text war aber eher das Gefühl, dass er zum Ausdruck bringen wollte, dass wir Westeuropäer auch die Osteuropäer mit Ihren Stärken wahrnehmen sollen. Er spricht von Migranten allgemein – meine Vermutung: Er hat auch die Auffassung, dass viele Deutsche auch von gut integrierten türkischen Migranten lernen können!:-)
    PS: Allein das „Setting“ des Artikels, dass hier ein Pole einmal schreibt und nicht wieder ein türkischer Migrant in eigener Sache, kann ja schon das Wohlwollen beim Auseinandersetzen mit den Inhalten erhöhen (emotional gesehen, sachlich muss das nicht gerechtfertigt sein).

  9. Kosmopolit sagt:

    @ Hassan Kal, ihren Beitrag finde ich bemerkenswert und der ist eigentlich nicht zu toppen!

    Aber trotzdem möchte ich als älterer Zeitgenosse, meinen Senf dazu geben.
    Der Autor dieses Beitrags kommt aus Polen. Er weiß bestimmt, dass vor ca. 90 Jahren (?) viele Polen in das Ruhrgebiet übersiedelt wurden, aus Gründen wie auch immer. Nun, die Zeiten von damals sind mit heute nicht vergleichbar.
    Als Fazit kann aber gezogen werden, dass sich diese Menschen nach einigen Generationen assimiliert hatten (freiwillig!). Nur der Name zeigt noch, woher sie kamen. Wer von Fußball etwas Ahnung hat, kennt die Namen der deutschen Nationalspieler aus den 50er Jahren mit polnischen Wurzel. Die allgemeine Anpassungsfähigkeit dieser polnischen Menschen lag auch in den europäischen Wurzel und Wertesystem und mit einer langen gemeinsamen Geschichte. Das gleiche kann man auch heute von den Zugewanderten sagen, die aus anderen europäischen Ländern zu uns gekommen sind.

    Ich erlaube mir auch folgende Erfahrungen sagen zu dürfen, da ich in meinem aktiven Arbeitsleben 40 Jahre in einem deutschen Konzerns tätig war, der international operierend, mit über 80000 Mitarbeiter (weltweit).
    1 In diesem Konzern, und nicht nur in diesem, wird die Zusammenarbeit quer durch alle Nationalitäten und Religionen durch die Konzern Strategie bestimmt und der einzelne Mitarbeiter für den Konzern typischen Arbeitsrichtlinien geformt. Nach meiner Erfahrung hat die Zusammenarbeit auch relativ gut funktioniert, da die Firmenbibel und die Ziele des Konzerns jedem bekannt war, auch mehrsprachig.
    2 Auch die Muslime, halten sich, ohne wenn und aber, an diese Procedure. Die Zeiten, wo man mit dem Gebetsteppich mal schnell beten ging, sind vorbei. Das besorgen schon die Kollegen und die Globalisierungsprozesse. Hier wird von den Muslimen sorgfältig unterschieden und im Zweifelsfall auch die Konsequenzen geprüft. Ein Job ist immer noch besser als Sozialhilfe, da hat sich auch bei diesem Klientel schon herum gesprochen.
    3 Wenn Bürger dieser Religionsgemeinschaft dann die Öffentlichkeit betreten, war und ist auch heute keine Institution da, die diesen Mitbürgern sagt, wo es lang geht, welche Richtlinien zu beachten sind und auf deren Einhaltung pocht.

    Nein, man hat sie sich selbst überlassen, da man meinte, andere Mitbürger anderer Nationen haben sich auch leidlich integriert, also können das die Muslime auch. Diese Fehleinschätzung begründet sich hauptsächlich aus der uns fremden Kultur, mit fremden Traditionen, Bräuchen und einer Religion, die unterschätzt wurde.
    Leben hier in Deutschland und Europa mittlerweile nicht Millionen Mitbürger aus europäischen und asiatischen Ländern, die mit unseren Grundwerten und Wertesystem bestens auskommen und nebenbei auch Tradition und Religion praktizieren, ohne gleich Sonderrechte einzufordern ?
    Es kann nicht sein, das sich viele Millionen Menschen anderer Völker und Glaubensüberzeugungen einigermaßen integriert haben, und nur die Muslime fordern Sonderrechte, die unangemessen sind. Moscheebau mit integrierten Shoppingcenter und Koranschulen sind hier kontraproduktiv und fördern die Parallelgesellschaft. Solche Dinge ( auf Arbeitsprozesse übertragen ) würden einen Konzern in den Untergang treiben.
    Aber offensichtlich ist die Anziehungs-Kraft unseres Sozial-Systens für viele Migranten dieses Klientels sehr viel höher als die Anziehungs-Kraft unseres Rechts-Staates und unseres Gesellschafts-Systems“.

    In diesem Zusammenhang muss hier zu dem Wort Muslim einiges erklärt werden:
    Auf der ganzen Welt werden Menschen geboren. Im islamischen Kulturkreis werden Muslime geboren, die sich aus dieser Umklammerung kaum entziehen können. Konsequenzen sind überall nachlesbar. Deshalb muss man auch unterscheiden zwischen Muslime von Geburt an und Muslime die gläubig sind. Jeder kann dann entscheiden, wo es sich wieder findet.

    @Mehmed, extra für Sie: http://www.zeit.de/2003/04/Schuld_im_Islam

    1. Im Orient wird die eigene Schuld und Unzulänglichkeit verdrängt und anderen zugeschoben. Selbstkritik ist selten zu finden. Die Korrekturfähigkeit ist daher begrenzt.
    2. Im Orient wird die Opferrolle bevorzugt. Zur Begründung dieses Verhaltensmusters werden Verschwörungstheorien geschmiedet.
    3. Der Islam kennt keine Erbsünde und daher keine historisch tradierte Kollektivschuld.
    4. Der Islam begünstigt nicht die Gestaltung des freien Willens und der eigenen Verantwortung. Im islamischen Menschenbild steht der freie Wille neben der allumfassenden Vorherbestimmung Allahs, ohne dass die islamischen Theologen bisher beide Grundsätze miteinander in Einklang bringen konnten.
    5. Im Okzident neigt man zum Schuldbekenntnis, ob zu Recht oder zu Unrecht. Daher wird häufig die Täterrolle übernommen.
    6. Die Schuldkultur im Okzident begünstigt die Selbstkritik, aber auch die eigene Korrekturfähigkeit.

  10. NDM sagt:

    Hassan Kal, ich sehe nicht, in wiefern ihr Kommentar dem Plädoyer widerspricht. Es geht darin doch auch um Anpassung von Zuwanderern. Diese Anpassung geschieht ja, und es ist aber nun einmal so, dass Anpassung wechselseitig geschieht. Man muss, und das gilt für alle, ob Zuwanderer oder nicht, einen Menschen erst einmal so nehmen, wie sie sind, um einen solchen Anpassungsprozess überhaupt zu ermöglichen. Geschieht dies nicht, entstehen Parallelwelten, die sich voneinander getrennt weiterentwickeln. Diesen Schuh können sich natürlich so einige der „Stolzen Türken“ oder selbsternannten „Wahren Moslems“ ebenso anziehen, wie ihn sich „Stolze Deutsche“ anziehen können.

    Sie haben vielleicht die ultimative Form der Anpassung für sich gewählt, die Assimilation bzw. Unterordnung. Das dürfen Sie, wenn ihnen dies zusagt, wenn Sie sich so besser fühlen. Das finde ich auch nicht schlecht, und sie dürfen auch dafür werben, wenn Sie möchten. Da macht Ihnen wohl niemand einen strengen Vorwurf, außer streng religiösen Menschen vielleicht. Aber diese Menschen haben ein Problem. Nicht Sie, und auch nicht ich.

    „das ist die Aufforderung zur Aufgabe der eigenen Kultur der deutschen Aufnahmegesellschaft zugunsten einer integrationsunwilligen Minderheit“

    Nein, ist es nicht, sondern zunächst einmal ein Angebot für einen Perspektivwechsel, wenn auch provokativ formuliert. Es geht nicht darum, dass sich Zuwanderer nicht weiterentwickeln sollen, sondern darum, dass sich *alle* im Umgang miteinander entwickeln, es gibt aber nicht nur die Integrationsunwilligen Zuwanderer, die jede Form der Weiterentwicklung ablehnen, sondern eben auch integrationsunwillige Deutsche, die in erster Linie trennendes betonen, und verbindendes überhaupt nicht wahrnehmen wollen. Wenn ich beim Umgang mit Türkischstämmigen Bekannten (automatisch) ein paar Brocken türkisch lerne, dann gebe ich nichts auf oder ersetze irgendetwas durch irgendetwas anderes, sondern gewinne dazu. Und wenn ein türkischer Karnevalsverein gegründet wird(es gibt auch griechische Vereine), ist das eine kulturelle Symbiose, und keine Penetration.

    Wenn ich meine Nachbarn zum Zuckerfest beglückwünsche, ist das kein Aufgeben christlicher Traditionen, sondern nichts als gute Nachbarschaft. Wenn meine türkischen Nachbarn zu Heiligabend ein frohes Fest wünschen, ist es nichts anderes. Die hängen sich zur Weihnachtszeit sogar Sterne ins Fenster. Niemand gibt damit etwas auf, sondern alle nehmen und geben *zusätzlich* etwas, und zwar gerne, weil das Bestreben, an der Gesellschaftlichen Entwicklung teilzunehmen und miteinander zurechtzukommen stärker ist, als das konservative Festklammern an altem. Wenn ich einen Döner esse, erteile ich damit den Rindsroulladen noch lange keine Totalabsage, um es mal einfach darzustellen.

    Natürlich heißt gegenseitige Anpassung nicht, dass familiäre Gewalt legalisiert wird, oder dass die Bundeswehr nun ein „Harakiri-Bataillon“ bekommt. Das dürfte selbstverständlich sein. Es gibt Dinge, die in Deutschland nie ankommen werden – dazu gehört eben alles ethisch verwerfliche.


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