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Migration und Integration in Deutschland

[Die Verhinderung der Sesshaftmachung] würde den Vorteil haben, dass das Interesse an einer Familienzusammenführung zurückgeht und damit uns erheblich geringere Infrastrukturkosten entstehen würden.

Ein Vertreter der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Weber, 1974

Migrantinnen in Medien

Frauen mit Zuwanderungsgeschichte sind keine Opfer!

„Frauen mit Zuwanderungsgeschichte sind keine Opfer! Sie wollen auch nicht als solche dargestellt oder in Schablonen gepresst werden“, sagte Frauenminister Armin Laschet zu den Ergebnissen der Literaturanalyse „Migrantinnen in den Medien“ in Düsseldorf.

Die systematische Literaturanalyse, ein Forschungsbericht der Universität Siegen, untermauert die Ergebnisse der kürzlich von Minister Laschet vorgestellten 9. Mehrthemenbefragung der Stiftung Zentrum für Türkeistudien: Türkeistämmige finden sich und ihre Lebenswelt nicht in den deutschen Medien wieder.

Besonders betroffen scheinen hierbei Frauen mit Zuwanderungsgeschichte zu sein: Entweder sie sind überhaupt nicht in den Medien vertreten, oder aber sie erscheinen als Opfer häuslicher patriarchaler und religiös motivierter Gewalt, von Menschenhandel oder in Zusammenhang mit Prostitution. Bei muslimischen Frauen geht es zudem um Islam und Integrationsprobleme.

Erst kürzlich hat sich die Konferenz der Gleichstellungs- und Frauenministerinnen und -minister, -senatorinnen und -senatoren der Länder – kurz: GFMK – unter Vorsitz von Minister Laschet – mit der Rolle der Frauen mit Zuwanderungsgeschichte befasst. Die GFMK bedauerte, dass Zuwanderinnen häufig unbeachtet blieben oder nur als Opfer wahrgenommen würden. Ein Grund sei, dass Frauen noch stärker als Männer von Klischees betroffen seien.

Die Literaturanalyse ‚Migrantinnen in den Medien‘ geht den Fragen, welche Rolle Frauen mit Zuwanderungsgeschichte in den Printmedien und dem Fernsehen spielen sowie ob überwiegend Klischees transportiert werden, nach. Wesentliche Ergebnisse sind: Die Darstellung von Zuwanderinnen in den Medien ist bislang erst punktuell erforscht. Dennoch ist erkennbar, dass insbesondere die Printmedien immer noch nicht ohne Stereotype auskommen: „die schwarze Frau“, „die Türkin“, „die Osteuropäerin“. Aber auch die Fernsehberichterstattung, in der das Bild durchaus schon vielfältiger geworden ist, benutzt das Motiv der kopftuchtragenden Muslima als Gegenpol der emanzipierten, modernen Frau.

Minister Laschet: „Die ‚Türkin mit Kopftuch‘, die kein Wort Deutsch spricht, ist zu einem Synonym der Frau mit Zuwanderungsgeschichte geworden. Dieses Bild blendet einen großen Teil der Wirklichkeit – auch der türkeistämmigen Frauen aus – und weckt zudem Assoziationen wie ‚rückständig‘ und ‚unterdrückt‘. Solche überaus einseitigen Vorstellungen müssen wir endgültig aus unseren Köpfen verbannen und die ganze Lebenswirklichkeit der Zuwanderinnen wahrnehmen!“ Hier komme den Medien besondere Verantwortung zu.

Die Studie, der eine breitere Analyse folgen wird, sei ein erster Schritt, um die Berichterstattung zu verbessern.

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20 Kommentare
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  1. berlino sagt:

    Da schmeißt sich aber einer ran …

    Ein Gegenbeispiel zum Thema Darstellung von Frauen mit Migrationshintergrund in Deutschen Medien:

    http://www.derwesten.de/nachrichten/2009/9/3/news-131832011/detail.html

    Ein Auszug:

    Junge Türkin kämpft gegen Verwandten-Ehen

    Die 28-jährige Yasemin Yadigaroglu engagiert sich seit mehr als drei Jahren gegen Ehen unter Verwandten. Für ihre Postkartenkampagne „Heiraten ja. Aber nicht meine Cousine!“ erntet sie nicht selten Drohungen von ihren Landsmännern. Die Türkin lässt sich aber nicht entmutigen.

    […]

    Zitat Ende.

  2. Markus Hill sagt:

    Interessantes Zitat aus dem Artikel:
    „Für viele Migranten ist Inzest immer noch ein Tabuthema. Eheschließungen unter Verwandten ist für sie selbstverständlich. Selbst wenn durch diese Ehe Kinder mit schweren Behinderungen geboren werden, zeigen sie keine Einsicht. Dann heißt es nicht selten, die Frau habe schlechtes Blut.“
    Finde, dass da ein sehr ungewöhnliches Thema ist. Ich hatte i“rgendwo“ gelesen, dass man da in Holland jetzt auch Datenbanken einrichten möchte, um das Phänomen genauer zu untersuchen. Warum die Frau, die da lediglich recherchiert, auch noch bedroht wird, ist mir nicht nachvollziehbar. Dient der Gesundheit von Menschen und zur potentiellen Gefahrenabwehr. (Es ist kein Mainstream-Thema, bestimmt nicht eines der Hauptprobleme bei der Migrationsdiskussion:-).

  3. Sanne sagt:

    “Die ‘Türkin mit Kopftuch’, die kein Wort Deutsch spricht, ist zu einem Synonym der Frau mit Zuwanderungsgeschichte geworden. Dieses Bild blendet einen großen Teil der Wirklichkeit – auch der türkeistämmigen Frauen aus – und weckt zudem Assoziationen wie ‘rückständig’ und ‘unterdrückt’. Solche überaus einseitigen Vorstellungen müssen wir endgültig aus unseren Köpfen verbannen und die ganze Lebenswirklichkeit der Zuwanderinnen wahrnehmen!”

    Ja und, wie ist die Lebenswirklichkeit denn dann? Sich als Opfer von Klischees und Vorurteilen darstellen, aber gleichzeitig keinen Gegenbeweis anstellen? Dieses Bild wird einem nicht von den Medien vermittelt, sondern von Muslimen selbst.

  4. Mehmet sagt:

    Dann bewirb dich mal als Selbstbewusste Muslima mit einem Kopftuch. Ich bin gespannt, wieviel Prozent der Bewerbungen abgelehnt werden. Ich selbst habe öfter gehört, dass Abteilungsleiter gesagt haben, eine Kopftuchträgerin käme Ihnen nicht ins Haus.
    Stellen Sie sich mal ein Beraterin mit einem Kopftuch vor. Warum gibt es in Deutschland eigentlich keine? Wenn Sie denken, dass diese sich nicht bewerben würden, dann irren Sie sich gewaltig. Es wird keine akzeptiert.

  5. berlino sagt:

    Es gibt ja auch keine Berater mit „Gott ist tot“-Stickern.

  6. Mehmet sagt:

    Aber mit einem Kreuz um den Hals.

  7. municipal sagt:

    @ Mehmet

    Und WIEDER werden Äpfel mit Birnen verglichen.

    Kopftuch , Hijab und weitere „Formen der Bedeckung“ sind zugleich Ausdruck des politischen Islams. Und was uns da gegenübersteht, beschreibt der Beiruter Theologe Khalil Samir in dem er analysiert die Hintergründe des wachsenden Fundamentalismus in den muslimischen Ländern analysiert und die Enttäuschung vieler Muslime angesichts des Verhaltens Europas beschreibt:

    Zitat

    Khalil Samir: Nehmen wir das berühmte Kopftuch. Immer mehr deutsche Musliminnen tragen es, was Deutsche ärgert oder ängstigt, doch sie thematisieren es nicht direkt und sachlich. Dabei hat das nichts mit einem Angriff auf Religionsfreiheit oder mit Assimilation zu tun, sondern mit Kenntnis und Erkenntnis: Im Koran ist nirgends eine eindeutige Kopftuch-Pflicht vorgeschrieben. Noch vor 30 Jahren ging die Mehrheit der Musliminnen weltweit ohne Kopftuch. Echter Glaube braucht keine sichtbaren Zeichen. Aber hier geht es auch nicht um echten Glauben, sondern um fundamentalistische Repression. Viele Muslime suchen gegenwärtig, auch in Deutschland, nach einem Halt und meinen, ihn in solchen Lösungsangeboten zu finden. Dagegen müssen die Deutschen stärker ankämpfen und eine funktionierende Demokratie vorleben, mit der sie den Muslimen einen Halt in der neuen Heimat geben. Das wäre eine gute Grundlage für einen respektvollen, aber offenen Dialog mit dem Anderen. Die Deutschen aber wagen nicht einmal, ihm Fragen zu stellen. Mir scheint, die deutsche Demokratie steht nicht wirklich auf gesunden Beinen.

    ……………………
    und weiter
    ……………………..

    Gilt das auch für Europa – und speziell für Deutschland?

    Khalil Samir: Auf die meisten Araber wirkt Europa nicht dämonisch, sondern lasch. Insbesondere Deutschland scheint keinen Mut, kein Rückgrat zu haben und so letztlich islamistischen Gruppen vor der eigenen Tür Vorschub zu leisten. Statt Muslimen, die in Deutschland leben, klare Integrationsregeln vorzugeben, bleiben sie einer Ghetto-Situation überlassen, die einen Nährboden für alle bietet, die für sich zwar Toleranz fordern, selbst aber intolerante Ideen verfolgen. Tatsächlich neigen die Deutschen zu einer „Multikulti“-Vorstellung, die weniger romantisch als werte-indifferent ist – aus ihrer Hemmung heraus, sich kritisch gegenüber fremden Kulturen zu äußern. Statt sachlich, aber selbstbewusst aufzutreten, schweigen sie.

    […]

    Zitat Ende
    Hier der ges. Artikel auf Qantara […]

    http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-468/_nr-150/i.html

  8. berlino sagt:

    Das Kreuz steht für eine Religion, deren Verhältnis zu Demokratie, Menschenrechten und Meinungsfreiheit mittlerweile weitgehend im positiven Sinn geklärt ist.

  9. berlino sagt:

    „Tatsächlich neigen die Deutschen zu einer “Multikulti”-Vorstellung, die weniger romantisch als werte-indifferent ist – aus ihrer Hemmung heraus, sich kritisch gegenüber fremden Kulturen zu äußern.“

    Ich bin der Meinung, der deutsche Kulturrelativismus ist nicht nur werte-indifferent, sondern hochgradig zynisch.

  10. Johanna sagt:

    Ein ausgezeichneter Artikel auf Qantara!

    Ich wünschte, unsere Politiker würden einmal den Mut aufbringen, sich entsprechend zu äußern. Dass dann das große Geschrei anbricht von linker und islamistischer Seite, ist klar. Da müssen sie durch!


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