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Migration und Integration in Deutschland

Bei Philipp Rösler würde ich allerdings gerne wissen, ob unsere Gesellschaft schon so weit ist, einen asiatisch aussehenden Vizekanzler auch noch länger zu akzeptieren.

Hessischer Integrationsminsiter Jörg-Uwe Hahn (FDP), Frankfurter Neue Presse, 7.2.2013

Deutsches Handwerk

Gezielt Jugendliche mit Migrationshintergrund ansprechen

Der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, Otto Kentzler, möchte im Kampf gegen einen drohenden Fachkräftemangel gezielt Schulabgänger mit Migrationshintergrund ansprechen. Während die SPD den Vorstoß begrüßt, möchte die Linkspartei, dass den schönen Worten endlich Taten folgen.

Im Kampf gegen einen drohenden Fachkräftemangel und auf der Suche nach Lehrlingen will das deutsche Handwerk gezielt Schulabgänger mit Migrationshintergrund ansprechen. Diese Schüler müssten allerdings in der Schule besser gefördert und an die Berufswelt herangeführt werden, so Kentzler. Dann werden sie ihre Ausbildungschancen auch besser nutzen können.

Obwohl das Handwerk 2009 etwa so viele Lehrlinge ausbilden werde wie 2008, würde man in manchen Berufen nicht genug junge Leute finden. Viele wüssten nicht, dass es im Handwerk rund 100 verschiedene Berufe gibt. „Da müssen Schule und Handwerk noch viel mehr Aufklärung bieten“, sagte der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, Otto Kentzler, in der Bild-Zeitung.

Am 7. Juli hatte Otto Kentzler den „Geburtenknick“ für die Misere verantwortlich gemacht. In den kommenden Jahren werde die Zahl der Schulabgänger drastisch zurückgehen. „Und hinzu kommt: Zu viele Jugendliche schaffen die Schule nicht. Deshalb müssen einige Branchen wahrscheinlich bald wieder – wie in den 80er-Jahren – Prämien für gute Azubis ausloben. Und wir kommen auch nicht umhin, junge Osteuropäer – Polen, Tschechen, Ungarn – zur Ausbildung ins Land zu holen. Unsere Betriebe brauchen Nachwuchs. Und wir brauchen Facharbeiter!“, so Kentzler.

Die Bildungspolitik der vergangenen zehn Jahre sei gescheitert, auch weil die Integrationspolitik gescheitert sei. Die Leistungen der Hauptschul- und Realschulabgänger würden immer schlechter werden. Kentzler weiter: „Vielfach sind Sprachprobleme der Grund. Noch immer kommen Kinder in die Schule, die nicht richtig Deutsch können. Deshalb fordern wir ein verpflichtendes Vorschuljahr für alle Migrantenkinder, in dem diese Deutsch lernen können. Denn: Ohne Sprachkenntnisse keine Berufschancen. Und ohne Berufschancen keine Integration.“

Große Worte, kleine Taten
Der migrationspolitische Sprecher der Linkspartei Ali Al Dailami spielte den Ball indessen zurück. Seit Jahren würden Vertreter der Wirtschaft ankündigen, jungen Menschen mit Migrationshintergrund bessere Chancen im Ausbildungs- und Arbeitsmarkt ermöglichen zu wollen. Die Realität sehe allerdings anders aus. Nur 25 Prozent der Jugendlichen mit Migrationshintergrund würden überhaupt einen Ausbildungsplatz bekommen.

„Es machen doppelt so viele von ihnen keinen Schulabschluss, und es gehen doppelt so viele von ihnen auf die Hauptschule. Das hat auch Auswirkungen darauf, wie viele von ihnen die Fachhochschul- oder Hochschulreife erlangen, ob sie eine Berufsausbildung machen und wie das spätere Erwerbsleben verläuft.“, so Al Dailami.

Übereinstimmend mit Kentzler führt Al Dailami weiter aus, dass diese Zahlen Resultate einer seit Jahrzehnten verfehlten Schul- und Ausbildungspolitik und einer verfehlten Integrationspolitik an sich sind.

Al Dailami weiter: „Eine Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit, die 13.500 Betriebe einbezogen hat, hat ergeben, dass es keinen flächendeckenden Fachkräftemangel gibt. Gäbe es diesen, so hätte man schon längst den unhaltbaren Zustand aufgehoben, dass sich 500.000 Akademikerinnen und Akademiker mit einfachsten Tätigkeiten abfinden müssen, weil ihre im Ausland erworbenen Abschlüsse nicht anerkannt werden.“

Daher fordern Die Linke die Verankerung des Rechts auf Ausbildung im Grundgesetz. Betriebe, die nicht ausbilden und somit ihrer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung nicht nachkommen, sollen eine Ausbildungsplatzabgabe zahlen. Den schönen Worten müssten endlich Taten folgen.

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22 Kommentare
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  1. Erkan A. sagt:

    „Der Meister der Zukunft ist ein Türke“, sagte Handwerkspräsident Otto Kentzler noch vor kurzem.
    Das mag ja sein, aber ich denke eher, dass der Türke der Manager, der Ingenieur, der Wissenschaftler etc. der Zukunft ist. Es gibt schon sehr viele Topleute, die als Vorbilder dienen.
    Den Türken wieder nur als Facharbeiter ausnutzen, typisch… .
    Was sagt Ihr dazu?

  2. municipal sagt:

    @ Erkan A.

    Nicht jeder Deutsche, jeder Türke hat das Zeug zum Topmanager. Lassen Sie sich von den „Hurra-Meldungen“ gerade in der türkischen Presse (die immer einer Art SONDERMELDUNG über neue Rekorde der so „glorreichen Türkei“ sind) nicht blenden.

    FACHARBEITER ist ein sehr guter,und anspruchsvoller Beruf. Mit Zukunft.

  3. Markus Hill sagt:

    Die gibt es, langsam, in sehr kleiner Anzahl. Das ist auch erfreulich. Als %-Satz aber nicht repräsentativ. Ich finde die Handwerksinitiative sehr gut. Orientieren wir uns an Realitäten, nicht an Wunsch- oder Prestigedenken: In Zeiten, wo man schon darüber nachdenkt, „Türken-Quoten“ bei Polizei oder Feuerwehr (mit Abschlag bei den bildungsmässigen Anforderungen!) einzustellen, ist diese Meldung vom Handwerk als postiv zu sehen. Handwerksberufe sind nichts Schlechtes, es wird nur der Fokus auf andere Begabungen gelegt. Das heisst nicht, dass die Akademikerkarrieren der Türken nicht mindestens genauso willkommen sind.

  4. Markus Hill sagt:

    Stimme da zu. Diese Meldungen sollen zwar Propagandazwecke erfüllen, mit einem positiven Hintergedanken. Oft erscheinen sie aber so übertrieben, dass sie fast schon wieder sehr peinlich anmuten. Irgendwie fehlt Substanz, da sollte man eine Zeit lang weniger „Scheinerfolge“ melden, sondern Grundlagenarbeit betreiben. Dann stimmt das Fundament und die Reputation steigt, auch der Stolz auf die eigene Leistung.

  5. Markus Hill sagt:

    Der deutsche Facharbeiter hat international einen guten Ruf. Das duale Ausbildungssystem hat einen guten Ruf. Sie reden hier nicht sehr nett über diese Berufsklasse. Fällt Ihnen das auf? (Herabwürdigung?). Sie sprechen vielleicht da von Ihrem persönlichem negativen Bild von Handwerkern. Als persönliche Meinung kann man das natürlich stehen lassen. (Meine ich jetzt nicht böse oder provozierend, nur wg. Bewusstheit).

  6. Badger sagt:

    Erkan, wohl eher der Inder, der Chinese, der Koreaner, der Japaner. Denn wenn das echte Asien einmal steht ist Sense mit Europa. Die Türkei und der rest der vorderasiatischen Länder, die können auch gleich einpacken.

    Und Facharbeiter… das muss man zuerst einmal werden. Da gibt’s Lehre und Berufsschule, und in beiden muss man sein Bestes geben. Und da gibt’s dann schon die ersten Probleme mit der Jugend heute (nicht nur unter den Türken, auch unter den Deutschen), denn etwas leisten, das will doch keiner mehr. Lieber den Staat ausnutzen und auf Kosten der Steuerzahler leben, ist doch einfacher.

  7. Markus Hill sagt:

    Stimmt. Die sind sehr fit.:-) Der Untergang Europas? Glaube ich nicht. Die gleichen Sachen wurden damals beim Ausstieg Japans gesagt. Danach hat sich einfach gesagt der Spruch, dass die Bäume halt nicht bis in den Himmel wachsen, bewahrheitet. Sollte die Türkei nach wie vor mehr auf Sachen wie Transferland „Energie“ oder Industrie aus der „2. Reihe“ setzen, kann es da vielleicht eng werden. Noch ist man auf dem positiven Sprung. Wenn da die Dynamik drinbleibt, kann die Türkei zumindest in Ihrem Einflussbereich wirtschaftlich eine stärkere Rolle spielen. (Die Zuschreibung bzgl. der Ingenieure für die Türkei klingt noch etwas „exotisch“, hatte ich auch mit dem Land nicht in Verbindung gebracht. Vielleicht werden wir in Zukunft eines besseren belehrt).

  8. Erkan sagt:

    Markus Hill

    als ich zuletzt während meines Studiums eine Seminararbeit verfasste zum Thema „Produktionsverfahren“
    fiel mir eins sehr auf. Es wahr sehr augenscheinlich, dass in den renommiertesten Journals nun einmal sehr viele Türken vetrteten waren, die in aller Welt verteilt sehr erfolgreiche Arbeit leisteten. Alles in allem konnte ich dies dann mit der technischen Begabung von Türken in Verbindung bringen, die in Verbindung mit der Theorie eine höchst produktive Persönlichkeiten hervorgebracht hatte.

    Ich denke auch, dass die Türken ohne ausreichend theoretischen Background gute Voraussetzungen für technische Berufe mitbringen, jedoch hilft das ihnen nicht sich aus dem in DE vorherrschenden gesellschaftlichen Druck zu befreien, was meines Erachtens nach der größte Hemmfaktor für die Produktivität diese Gruppe ist.
    Diese Menschen sind meiner Meinung bereit sich für DE zu opfern, da Sie sich oft sogar wohler fühlen als in ihrem Heimatland und das mehr als viele Deutsche selber. (s. auch die 1.te Generation – die waren dankbar und sind es immer noch)
    Nur muss man eben diesen Menschen auch eben die gleichen Chancen zum gesellschaftlichen Aufstieg geben, wie allen anderen Bevölkerungsgruppen auch. Es handelt sich nicht mehr um die 1.te Generation, die einfach vieles nicht wahrnehmen konnte, weil diese vielleicht zu naiv waren. Das Denken und die Erwartungen sind gestiegen.
    Die Zufriedenheit und das Vertrauen sind wichtige Voraussetzungen für die Produktivität von Menschen.

  9. Selçuk sagt:

    „Die gibt es, langsam, in sehr kleiner Anzahl. Das ist auch erfreulich. Als %-Satz aber nicht repräsentativ.“

    Wo kann ich diese Informationen finden? Evtl. hätten Sie ja einen Link.

  10. Markus Hill sagt:

    Ok. Das klingt schon etwas anders wie oben das Eingangsstatement. Ich weiss, dass es in vielen anderen Ländern türkische Akademiker gibt, natürlich auch Maschinenbau (wobei ich die Anzahl von Ihnen da in der Höhe nicht vermutet hätte – aus Unkenntnis, nicht aus Böswilligkeit). Ich habe ich gerade eben unten mit einem türkischen Studenten von einer Fachhochschule über dieses Thema unterhalten, er sprach auch über dieses Gefühl des Drucks („Was muss ich denn hier noch tun, um anerkannt zu werden?“).. Sie haben das hier sehr sachlich ausgeführt. Ich gebe Ihnen recht, da scheint es einen negativen Kreislauf zu geben. Womit ich immer etwas hadere, ist mit der Aussage, dass DIE DEUTSCHEN da böswillig den bildungsfreudigen Türken das Leben schwer machen wollen. Ein Grossteil der schlechten Reputation hat ja Verursacher, ein grossen Anteil hat die türkische Community selbst. Darunter haben Sie und andere zu leiden. Sie sind in der Tat die erste Generation, die man kräftiger unterstützen sollte. Ich weiss, dass da auf Sie und andere oft zu Unrecht eingedroschen wird. IEs freut mich zu hören, dass viele Deutschland doch nicht so schlecht finden.:-)


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