
Anschlag von Trappes
Frankreich streitet über Hass, Hetze und Mitgefühl
Nach dem rassistischen Anschlag bei Paris legen Ermittler neue Erkenntnisse zum Motiv und politischen Umfeld des Verdächtigen vor. Seine Begründung für die Wahl des Tatorts erinnert an die Rhetorik des rechtsextremen Rassemblement National. Die Funde in seiner Wohnung verschärfen die Debatte über politische Verantwortung.
Donnerstag, 29.10.2026, 19:11 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 29.10.2026, 19:11 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
Der mutmaßliche Attentäter von Trappes hat nach eigenen Angaben gezielt Menschen angegriffen, die er für muslimisch, afrikanisch oder nordafrikanisch hielt. Auch den Ort seiner Tat hatte der 39-jährige Franzose bewusst ausgewählt: Trappes sei eine Hochburg von Islamisten, erklärte er den Ermittlern. Eine ähnliche Darstellung der Stadt verbreitet die französische Rechtsaußenpartei Rassemblement National (RN) seit Jahren.
Die neuen Erkenntnisse der französischen Antiterrorstaatsanwaltschaft vom Donnerstag verschärfen die Debatte über den Anschlag vom 23. Oktober. Damals hatte der Mann in den westlich von Paris gelegenen Gemeinden Trappes und La Verrière aus seinem Auto heraus auf Passanten geschossen. Der 26-jährige Pengo Bossio Wangi wurde getötet, sieben weitere Menschen verletzt, vier davon schwer. Unter den Opfern ist ein elfjähriges Mädchen. Drei Verletzte lagen am Donnerstag noch im Krankenhaus, einer von ihnen weiterhin in Lebensgefahr.
Der Tatverdächtige Kévin T. räumte laut Staatsanwalt ein, die Angriffe vorbereitet zu haben. Terroristische Absichten bestritt er jedoch und erklärte, keine Reue zu empfinden. Die französische Justiz ermittelt wegen Mordes und versuchten Mordes mit Terrorbezug und rassistischer Komponente. Die Staatsanwaltschaft beantragte Untersuchungshaft.
Ermittlern zufolge wurden in der Wohnung des Verdächtigen unter anderem 30 Aufkleber mit der Aufschrift „Es lebe Frankreich, RN, stolz darauf, Franzose zu sein“ entdeckt – RN steht für die rechtsextreme Partei „Rassemblement National“. Daneben fanden sie zahlreiche weitere nationalistische Aufkleber und ein Exemplar von Adolf Hitlers Mein Kampf. Kévin T. erklärte, er habe die Aufkleber selbst entworfen und online bestellt. Er bestreitet, Mitglied oder Anhänger einer politischen Partei zu sein.
Ein junger Franzose stirbt – eine Stadt hat Angst
Pengo Bossio Wangi war Franzose mit familiären Wurzeln in der Demokratischen Republik Kongo. Er trainierte Kampfsport in Aubervilliers. Seine Vereinskameraden erinnerten nach seinem Tod an einen engagierten, lebensfrohen jungen Mann, der täglich weite Wege zum Training auf sich nahm. Ein Trainingspartner, der ihn seit vier Jahren kannte, bezeichnete ihn als Freund und Bruder.
In Trappes und La Verrière berichten Einwohner von Angst und Verunsicherung. Bei einer Demonstration in Paris sagte eine Schwarze Französin, dass es auch sie oder ihre Geschwister hätte treffen können. Viele Menschen mit afrikanischen oder nordafrikanischen Wurzeln sehen in dem Anschlag eine unmittelbare Bedrohung ihrer eigenen Sicherheit. In zahlreichen französischen Städten versammelten sich Menschen, um der Opfer zu gedenken und gegen Rassismus zu demonstrieren.
Schon 2021 wollte Bardella Trappes Frankreich „zurückgeben“
Trappes ist seit Jahren Gegenstand politischer Auseinandersetzungen über Islamismus und Einwanderung. Am 11. Oktober 2021 veröffentlichte Jordan Bardella, damals RN-Vorsitzender, eine offizielle Erklärung mit dem Titel „Geben wir Trappes Frankreich zurück“.
Darin behauptete Bardella, die Wiederwahl des Trappes-Bürgermeisters Ali Rabeh bestätige die Übernahme der Stadt durch den „Islamismus“. Er warnte vor islamischen Republiken im Kleinformat und forderte die Absetzung des Bürgermeisters sowie die Unterstellung der Kommunalverwaltung unter staatliche Aufsicht.
Zwar verurteilte die Partei den Anschlag und wies jede politische Verantwortung zurück, von ihrer Darstellung rückten führende RN-Politiker jedoch trotz des Blutbads nicht ab. Die Senatorin Edwige Diaz bekräftigte Bardellas damalige Einschätzung. RN-Abgeordneter Sébastien Chenu bezeichnete Trappes erneut als Zentrum von „Dschihadisten“. Bürgermeister Rabeh wirft dem RN vor, die Bevölkerung seiner Stadt pauschal zu stigmatisieren.
Frankreich streitet über Rassismus und politische Verantwortung
Präsident Emmanuel Macron zeigte sich über die zunächst geringe öffentliche Anteilnahme erschüttert. Laut offiziellem Bericht über die Regierungssitzung vom 28. Oktober beklagt er mangelndes Mitgefühl und kritisiert Versuche, die Tat politisch zu instrumentalisieren. Die Regierung kündigte eine nationale Gedenkveranstaltung an. Im französischen Parlament löste der Anschlag heftige Auseinandersetzungen über den Umgang mit Rassismus und die Verantwortung der Parteien aus.
Denn der Anschlag trifft auf eine gesellschaftlich angespannte Situation. Nach Angaben des französischen Innenministeriums wurden im vergangenen Jahr insgesamt 326 antimuslimische Vorfälle registriert, 88 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Behörde verweist dabei auch auf zwei rassistische Tötungsdelikte. Zivilgesellschaftliche Recherche- und Dokumentationsstellen gehen von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus.
Auf die Verherrlichung des Anschlags hat die französische Justiz bereits reagiert. In Marseille wurde am Mittwoch ein 45-Jähriger nur zwei Tage nach einem TikTok-Livestream zu 16 Monaten Haft, davon acht auf Bewährung, verurteilt. Er hatte erklärt, der „neue Kévin“ werden zu wollen und angekündigt, Muslime zu töten. Das Gericht verurteilte ihn wegen Verherrlichung des Terrorismus und rassistisch beziehungsweise religiös motivierter Morddrohungen. Die acht Monate ohne Bewährung soll er unter elektronischer Überwachung verbüßen. In einem weiteren Fall ermittelt die Pariser Staatsanwaltschaft wegen rassistischer Gewaltaufrufe in einem Gesprächsraum auf X.
Unterschiedliche Anteilnahme – auch in Deutschland?
Im deutschsprachigen Netz läuft auch eine Debatte über das Ausbleiben von Reaktionen aus Deutschland. Als am 29. Oktober 2020 ein islamistisch motivierter Attentäter in Nizza drei Menschen in einer Kirche ermordete, reagierte die deutsche Politik innerhalb weniger Stunden. Bundeskanzlerin Angela Merkel versicherte Frankreich ihre Solidarität, Außenminister Heiko Maas verurteilte die Tat. Politiker mehrerer Parteien bekundeten ihre Anteilnahme. Nach Trappes gab es keine vergleichbare öffentliche Solidaritätsbekundung der deutschen Staatsspitze.
Der frühere Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, kritisiert in einem Kommentar auf islam.de eine aus seiner Sicht selektive Empörung über Terroranschläge. Er fragt, ob die öffentliche Reaktion ähnlich zurückhaltend ausfiele, wenn Ermittler bei einem Attentäter statt Hitlers „Mein Kampf“ einen Koran gefunden hätten. (mig)
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