
Blutbad bei Paris
Rassist schoss gezielt auf Schwarze und Araber
Nach der tödlichen Schussattacke bei Paris verdichten sich die Hinweise auf ein rassistisches Motiv. Der Täter soll gezielt auf Schwarze und Araber geschossen haben. Macron spricht von Terror, französische Grüne beklagen Doppelmoral. Aus Deutschland gibt es bislang keine Reaktionen.
Sonntag, 25.10.2026, 11:33 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 25.10.2026, 11:33 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
Nach der tödlichen Schussattacke westlich von Paris verdichten sich die Hinweise auf einen gezielt rassistischen Terroranschlag. Der mutmaßliche Täter, Kévin T., soll bei seiner Festnahme erklärt haben, er habe Schwarze und Araber ins Visier genommen, um sich für Plünderungen bei den jüngsten Protesten in Frankreich zu rächen. Das berichtete die Zeitung „Le Monde“ unter Berufung auf mehrere mit den Ermittlungen vertraute Quellen.
Der 39-jährige Franzose hatte am Freitag in den Gemeinden Trappes und La Verrière aus einem Auto heraus mit einer Maschinenpistole auf Menschen geschossen. Dabei wurde ein 26-Jähriger getötet, fünf weitere Menschen wurden verletzt, darunter ein zwölfjähriges Mädchen. Der Verdächtige wurde wenig später festgenommen.
Verdächtiger wollte offenbar Geschäftsleute rächen
Nach den Recherchen von „Le Monde“ soll der Mann unmittelbar nach seiner Festnahme gegenüber Polizisten erklärt haben, er habe Geschäftsleute rächen wollen, deren Läden bei den Ausschreitungen am 17. Oktober geplündert oder beschädigt worden waren. Dafür habe er gezielt Schwarze und Araber angegriffen.
Die Pariser Anti-Terror-Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Mordes und versuchten Mordes im Zusammenhang mit einem terroristischen Vorhaben unter Berücksichtigung eines möglichen rassistischen Tatmotivs.
Hitlers „Mein Kampf“ in Wohnung gefunden
Bei der Durchsuchung der Wohnung des Verdächtigen in Plaisir entdeckten Ermittler nach übereinstimmenden Medienberichten ein Exemplar von Adolf Hitlers „Mein Kampf“. Auch eine Bibel und ein Koran sollen gefunden worden sein. Zudem wurden eine Sprengfalle aus drei Gasflaschen und elektrischen Drähten, die mit einer Zeitschaltuhr verbunden waren, sichergestellt. In seinem Auto fanden sie eine Maschinenpistole und eine Tränengasgranate.
Ob der Verdächtige Verbindungen zu rechtsextremen Gruppen unterhielt, wird derzeit geprüft. Nach bisherigen Erkenntnissen war er den französischen Nachrichtendiensten nicht als Rechtsextremist bekannt.
Die Polizei verlängerte am Samstag den Gewahrsam des Verdächtigen nach einer ersten Vernehmung. Vier weitere Menschen aus seinem familiären und persönlichen Umfeld wurden ebenfalls in Polizeigewahrsam genommen, darunter seine Eltern. Ob sie von möglichen Tatvorbereitungen wussten, ist bislang unklar.
Schwer verletztes Mädchen auf dem Weg der Besserung
Unterdessen gibt es vorsichtig positive Nachrichten über das schwer verletzte zwölfjährige Mädchen. Es gehe ihr besser, sagte der Bürgermeister von La Verrière, Nicolas Dainville, am Sonntag dem Sender Franceinfo. Das Kind war von acht Schüssen getroffen worden. Am Samstag hatte die Staatsanwaltschaft ihren Zustand noch als lebensbedrohlich bezeichnet. Ein weiterer Verletzter befinde sich nach Angaben des Bürgermeisters weiterhin in kritischem Zustand.
Bei dem Todesopfer handelt es sich um den 26-jährigen Pengo Bossio Wangi, einen französischen Amateurkampfsportler afrikanischer Herkunft. Seine Familie verlangt Aufklärung darüber, ob die Behörden die Gefahr durch den bereits polizeibekannten Tatverdächtigen früher hätten erkennen können. Ihr Anwalt stellte mögliche rechtliche Schritte wegen eines Behördenversagens in Aussicht.
Macron spricht von rassistischem Terror
Am Samstag hatten sich bereits Hunderte Menschen in Trappes versammelt, um der Opfer zu gedenken. Für Sonntag ist ein weiterer Trauermarsch in Aubervilliers bei Paris geplant, wo Wangi in einem Kampfsportverein trainierte.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte die Attacke bei einem Besuch in Trappes am Freitag als „rassistischen Terroranschlag“ bezeichnet und von einem Wendepunkt für die französische Gesellschaft gesprochen. Der Bürgermeister von Trappes, Ali Rabeh, hält auch ein islamfeindliches Motiv für wahrscheinlich. Der muslimische Dachverband CFCM warnte vor den Folgen von Hassreden und der zunehmenden Stigmatisierung von Minderheiten.
Grüne in Frankreich beklagen Doppelmoral
In Frankreich hat die Tat eine Debatte über zweierlei Maß bei der politischen Empörung ausgelöst. Die Grünenvorsitzende Marine Tondelier kritisierte, dass rassistische Äußerungen in Politik und Fernsehen inzwischen zur Normalität geworden seien. Zugleich beklagte sie das Schweigen mancher Politiker nach dem Anschlag. Jedes Menschenleben müsse gleichermaßen zählen und jeder Todesfall dieselbe Empörung auslösen, forderte sie. Rassismus töte, warnte Tondelier.
Im Zentrum der Kritik steht insbesondere die rechtspopulistische Partei Rassemblement National (RN). Zwar verurteilten Parteichefin Marine Le Pen und RN-Chef Jordan Bardella den Anschlag öffentlich. Der Bürgermeister von Trappes, Ali Rabeh, und Sozialistenchef Olivier Faure werfen der Partei jedoch vor, mit ihrer jahrelangen Stimmungsmache gegen Muslime ein Klima geschaffen zu haben, das rassistische Gewalt begünstige. Die Partei trage Verantwortung für ein rassistisches und fremdenfeindliches gesellschaftliches Klima.
Keine Reaktionen aus Deutschland
Auch Reaktionen aus Deutschland blieben bislang aus. Deutsche Spitzenpolitiker hatten nach früheren Anschlägen in Frankreich innerhalb weniger Stunden mit Beileidsbekundungen und Solidaritätsgesten reagiert.
So hatte die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Frankreich noch am selben Tag Deutschlands Solidarität versichert, nachdem ein Täter mit islamistischen Wahnvorstellungen im Oktober 2020 in Nizza drei Menschen in einer Kirche ermordete. Auch Bundespräsident Steinmeier, Außenminister Heiko Maas (SPD) und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) verurteilten die Tat. Am Abend des Anschlags versammelten sich Politiker von CDU, SPD, FDP und Grünen zu einer Schweigeminute vor der französischen Botschaft in Berlin. (mig) Ausland Leitartikel
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