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Schulhof (Symbolfoto)

Preis für Zivilcourage

Die Lehrkräfte von Burg: Was ihr Brandbrief bewirkte – und was nicht

Laura Nickel und Max Teske machten rechtsextreme Vorfälle an ihrer Schule öffentlich. Anschließend wurden sie bedroht und verließen die Schule. Drei Jahre später werden sie für ihren Mut ausgezeichnet. Ihr Einsatz hat Veränderungen angestoßen. Doch wie viel hat sich seither verbessert?

Donnerstag, 22.10.2026, 16:20 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 22.10.2026, 16:20 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

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Für ihren Mut gegen Rechtsextremismus werden die Brandenburger Lehrkräfte Laura Nickel und Max Teske am Sonntag (25. Oktober) in Köln mit dem Karl-Küpper-Preis für Zivilcourage ausgezeichnet. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis erinnert an den Kölner Karnevalisten Karl Küpper, der während der NS-Zeit den Nationalsozialismus öffentlich verspottete.

Nickel und Teske hatten im Frühjahr 2023 etwas ausgelöst, das weit über ihre Schule hinausging. Ihre Warnung sorgte bundesweit für Aufmerksamkeit, beschäftigte den Brandenburger Landtag und gab Anstöße für politische Veränderungen. Auch an ihrer ehemaligen Schule hat sich einiges getan. Doch drei Jahre später zeigt sich: Die Probleme, vor denen sie warnten, bestehen fort.

Begonnen hatte alles an der Grund- und Oberschule „Mina Witkojc“ in Burg im Spreewald. Im April 2023 veröffentlichten Nickel und Teske einen zunächst anonymen Brandbrief. Sie schilderten Hakenkreuze auf Schulmobiliar, Hitlergrüße, rechtsextreme Musik und rassistische Parolen in ihrer Schule. Kinder und Jugendliche mit Migrationsgeschichte wurden nach ihren Angaben bedroht, beleidigt und ausgegrenzt. Auch Sexismus und Homophobie gehörten zu den Problemen.

Ihre Kritik richtete sich nicht allein gegen die Jugendlichen. Die Lehrkräfte beklagten zugleich mangelnde Unterstützung durch Schulleitung und Schulamt. Sie hatten nach eigenen Angaben zuvor intern auf die Missstände hingewiesen, ohne ausreichende Veränderungen zu erreichen.

Der Brief sorgte bundesweit für Aufsehen. Für die Verfasser hatte das schwerwiegende Folgen. Nachdem ihre Identität bekannt geworden war, wurden sie öffentlich angefeindet und in sozialen Netzwerken bedroht. Im Ort tauchten Aufkleber mit ihren Gesichtern und beleidigenden Aufforderungen auf. Im Sommer 2023 entschieden sich beide, die Schule zu verlassen.

Auch den Rückhalt der Politik empfanden Nickel und Teske als unzureichend. Der damalige Brandenburger Bildungsminister Steffen Freiberg (SPD) wies diese Kritik zurück. In einem Interview mit dem Tagesspiegel erklärte er, zwei Schulräte seien für die Betreuung der Schule freigestellt worden, es habe zahlreiche Gespräche sowie Unterstützung durch Polizei und Staatsschutz gegeben. Das Ministerium habe seine Möglichkeiten ausgeschöpft.

Was sich nach dem Brandbrief in Burg verändert hat

Nach dem öffentlichen Eklat kam zunächst Bewegung in die Schule. Im August 2023 wechselte die Schulleitung. Lehrkräfte erhielten zusätzliche Fortbildungen, externe Fachleute unterstützten die Aufarbeitung der Vorfälle und es wurden Projekte zur Demokratiebildung entwickelt.

Die Regionalen Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie (RAA) begleiteten die Schule. Hinzu kamen Projekte, bei denen Schülerinnen und Schüler lernen sollten, rechtsextreme Einstellungen zu erkennen und sich mit demokratischen Werten auseinanderzusetzen.

Eine Zwischenbilanz des Rundfunks Berlin-Brandenburg vom April 2025 fiel vorsichtig positiv aus. Der Leiter des zuständigen Schulamts Cottbus berichtete von deutlichen Veränderungen. Auch der Sprecher des Kreiselternrats Spree-Neiße sah die Schule auf einem guten Weg. Die Stimmung im Kollegium habe sich verbessert, Eltern seien stärker einbezogen worden.

Allerdings räumte er ein, dass Schulleitung, Schulamt und Ministerium 2023 möglicherweise zu spät oder falsch reagiert hätten. Nicht nur Nickel und Teske hatten die Schule verlassen. Auch 2024 beantragten weitere Lehrkräfte ihre Versetzung.

Nach Angaben des Bildungsministeriums endete die externe Begleitung zum Schuljahr 2024/25, weil die vereinbarten Ziele erreicht worden seien. Die Schule wandte sich anschließend für weitere Projekte an das Netzwerk für Demokratie und Courage. Das Ministerium betonte allerdings, dass demokratiefeindliche Einstellungen im schulischen Umfeld weiterhin spürbar seien.

Neue Meldepflichten und mehr Unterstützung

Auch auf politischer Ebene blieb die Debatte nicht folgenlos. Brandenburg verschärfte 2024 sein Schulgesetz. Nach dem neu eingeführten Paragrafen 64a müssen Schulen unter anderem antisemitische und rassistische Handlungen sowie bestimmte Formen der Verherrlichung des Nationalsozialismus unverzüglich dem zuständigen Schulamt melden. Sie müssen außerdem über eingeleitete Maßnahmen informieren.

Damit wurde der Umgang mit solchen Vorfällen verbindlicher geregelt. Im September 2025 traten zudem überarbeitete Vorgaben unter dem Titel „Hinsehen – Handeln – Helfen“ in Kraft. Sie beschreiben genauer, wie Schulen auf Gewalt, Diskriminierung und verfassungsfeindliche Handlungen reagieren müssen. Dazu gehören Meldewege, die Aufarbeitung der Vorfälle und der Schutz Betroffener. Mit dem Programm „Starke Lehrer – Starke Schüler“ bietet Brandenburg seit Januar 2024 außerdem landesweit Fortbildungen, Beratung und Unterstützung durch externe Fachleute an.

Auch Nickel und Teske engagieren sich weiter. Gemeinsam mit anderen gründeten sie das Bündnis „Schule für mehr Demokratie“. In diesem Jahr veröffentlichten sie ihr Buch „Rechtsruck im Klassenzimmer“, in dem sie über ihre Erfahrungen und Handlungsmöglichkeiten gegen Rechtsextremismus schreiben.

In einem rbb-Interview vom März 2026 zog Nickel eine teilweise positive Bilanz. Demokratieprojekte würden stärker nachgefragt, es gebe mehr Fortbildungsangebote. Gleichzeitig müssten Schulen diese Möglichkeiten häufiger nutzen. Dafür brauche es mehr Geld, Personal und zeitliche Entlastung.

Rechtsextremismus bleibt ein Problem an Schulen

Wie dringend Unterstützung weiterhin benötigt wird, zeigen aktuelle Zahlen. Im Schuljahr 2022/23 registrierte Brandenburg 117 rechtsextreme Vorfälle an Schulen, im folgenden Schuljahr waren es 560. Für 2024/25 wurden 386 Fälle gemeldet, im ersten Halbjahr 2025/26 weitere 109.

Aussagekräftig sind die Zahlen nach Einschätzung von Experten nicht. Strengere Meldepflichten und eine höhere Aufmerksamkeit können dazu führen, dass mehr Vorfälle erfasst werden.

Dass Schulen auch in anderen Bundesländern mit solchen Konflikten kämpfen, zeigt das Deutsche Schulbarometer 2026 der Robert Bosch Stiftung. In einer repräsentativen Befragung von 1.547 Lehrkräften erklärten 48 Prozent, ihre Schule müsse mehr für Demokratiebildung tun. 18 Prozent fühlten sich durch ein vermeintliches politisches Neutralitätsgebot gehemmt. Als Hindernisse nannten die Befragten insbesondere fehlende Zeit und mangelndes Fachwissen.

Melden bedeutet noch nicht schützen

Wie schwierig der Schutz betroffener Kinder weiterhin sein kann, zeigt ein Fall aus Bad Freienwalde in Brandenburg. Dort wurde nach Schilderungen eines Grundschulmädchens mit Migrationsgeschichte und seiner Eltern wiederholt ein rassistisches Lied gegen das Kind gesummt.

Wie eine Recherche der taz vom April 2026 dokumentiert, führten Lehrkräfte und Schulleitung Gespräche, auch das Schulamt wurde eingeschaltet. Die Familie fühlte sich dennoch nicht ausreichend geschützt. Das Mädchen wechselte später die Schule.

Das Brandenburger Bildungsministerium verteidigte das Vorgehen. Den gemeldeten Vorfällen sei ordnungsgemäß nachgegangen worden, einige weitere Vorwürfe hätten sich nicht bestätigen lassen.

Der Fall zeigt: Ein Vorfall kann behördlich bearbeitet sein. Damit muss er für die Betroffenen aber noch lange nicht erledigt sein.

Der Brandbrief von Nickel und Teske hat eine Debatte ausgelöst, die bis heute anhält. Der Karl-Küpper-Preis würdigt nun den Mut der beiden Lehrkräfte. Ob andere denselben Mut zeigen können, ohne dafür ihre Schule verlassen zu müssen, hängt auch davon ab, wie konsequent Schulen und Behörden handeln, wenn es darauf ankommt. (mig) Aktuell Panorama

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