
Gegen das Vergessen
Bundeskunsthalle zeigt neue Wege des Gedenkens an NS-Verbrechen
Ein Baumversteck, eindringliche Bilder und ein interaktives Hologramm: Eine neue Ausstellung in Bonn verbindet Kunst mit historischen Zeugnissen. Sie fragt, wie die Erinnerung an nationalsozialistische Verbrechen auch für kommende Generationen lebendig bleiben kann.
Von Christoph Driessen Mittwoch, 14.10.2026, 11:04 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 14.10.2026, 11:04 Uhr Lesedauer: 5 Minuten |
Ein riesiger, uralter Baum schließt von Mördern bedrohte Menschen schützend in sich ein. Das klingt wie ein Märchen. Der silbrig schimmernde Abguss einer Eiche, der derzeit in der Bundeskunsthalle in Bonn ausgestellt ist, wirkt auch, als käme er aus einer Fantasiewelt. Und doch ist die Geschichte wahr: In dem Hohlraum des Baums im Schlosspark von Wisniowa in Polen verbargen sich 1942 die polnischen Brüder David und Paul Denholz. Die zerklüftete Josefseiche, 650 Jahre alt, 30 Meter hoch und mit einem Stammumfang von 6,75 Meter, rettete den beiden vermutlich das Leben, jedenfalls überlebten sie die deutsche Besatzung.
Die polnische Künstlerin Natalia Romik reihte den Abguss eines Teilstücks der Eiche in ihre Werkgruppe „Verstecke: Architekturen des Überlebens“ ein. Es ist eine ungewöhnliche Art, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten. Und genau darum geht es in der am Sonntag beginnenden Sonderausstellung „Nie wieder! Gegen das Vergessen der NS-Verbrechen“ in der Bundeskunsthalle.
Heidenau will keine Stolpersteine mehr
Die Erinnerungskultur in Deutschland steht unter Druck wie noch nie. Von „Schuldkult“ und „Nationalmasochismus“ ist die Rede, kürzlich beschloss der Stadtrat von Heidenau bei Dresden, keine Stolpersteine zum Gedenken an deportierte NS-Opfer mehr zu verlegen. „Es ist ein absolutes Drama“, sagt Kuratorin Henriette Pleiger. „Wir haben vor zwei Jahren noch relativ unbefangen angefangen, diese Ausstellung vorzubereiten.“ Der Grundgedanke sei damals gewesen, die Arbeit der Gedenkstätten zu unterstützen. Durch die Ereignisse der vergangenen Wochen und Monate – das Erstarken der Rechten – habe nun alles eine zusätzliche Brisanz gewonnen.
Die Bundeskunsthalle will Ideen dazu vorstellen, wie die Erinnerung auch in Zukunft lebendig gehalten werden kann. „Die Ausstellung ist zu 70 bis 80 Prozent eine Kunstausstellung, die aber auch historische Beweise mit einbaut“, so Pleiger. Künstlerinnen und Künstler sind in ihren Darstellungsweisen freier als Historikerinnen und Historiker, und wer Menschen erreichen will, muss dafür möglichst viele unterschiedliche Zugänge wählen. Auch provozierende Zugänge, die überhaupt erst einmal Aufmerksamkeit erzeugen.
Die Geschichte der Sinti und Roma
Ein eigener Themenbereich der Ausstellung widmet sich auch der Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma. Die Nationalsozialisten erfassten und deportierten Angehörige der Minderheit, viele wurden in Auschwitz-Birkenau oder bei Massenerschießungen in Osteuropa ermordet. Wie viele Menschen dem Völkermord zum Opfer fielen, lässt sich nicht mehr genau bestimmen. Die Bundeskunsthalle nennt Schätzungen zwischen 100.000 und 500.000 Ermordeten.
Ihre Geschichte zeigt, wie lückenhaft die deutsche Erinnerungskultur lange war. Der Völkermord an den Sinti und Roma wurde in der Bundesrepublik erst 1982 durch Bundeskanzler Helmut Schmidt offiziell anerkannt – 37 Jahre nach Kriegsende. Ein zentrales Denkmal für die Ermordeten wurde in Berlin sogar erst 2012 eingeweiht. Die Ausstellung macht damit auch auf eine lange vernachlässigte Opfergruppe aufmerksam, deren Leid über Jahrzehnte im öffentlichen Gedenken kaum Beachtung fand.
Die Herangehensweise von Künstlern ist eine andere
Das größte Objekt in dem Bonner Museum ist eine rekonstruierte Installation, mit der der Konzeptkünstler Hans Haacke 1988 in Graz Aufsehen erregte: Nach dem „Anschluss“ Österreichs hatten die Nationalsozialisten 1938 die Marienstatue auf dem Marktplatz der Stadt mit NS-Propaganda ummantelt. Haacke rekonstruierte dies 50 Jahre später im originalen Nazi-Design, aber mit anderem Text, der auf die Opfer verweist. Er wollte so den damals noch verbreiteten Opfermythos Österreichs thematisieren.
Zu den faszinierendsten Exponaten gehören die Bilder des Kölner Künstlers Andreas Maus, der 2021 mit dem „Euward“, dem europäischen Kunstpreis für Malerei und Grafik im Kontext geistiger Beeinträchtigung, ausgezeichnet wurde. Maus wurde zu einem bestimmten Zeitpunkt bewusst, dass er unter den Nazis vermutlich nicht überlebt hätte, weil er den Behindertenmorden zum Opfer gefallen wäre. Dadurch kam es zu einer intensiven Beschäftigung mit der NS-Geschichte. Maus entwickelte eine ganz eigene und unverkennbare Bildsprache, mit der er gegen die Verbrechen Stellung bezieht, aber auch vor dem heutigen Rechtsextremismus warnt. „Das künstlerische Arbeiten hilft, mich aus dem Teufelskreis der inneren Wut zu befreien“, sagt er.
Holocaust-Überlebende als interaktives Hologramm
Die Erinnerungsarbeit ist auch deshalb im Umbruch, weil die letzten Zeitzeugen derzeit abtreten. Susanne Siegert hat den TikTok-Kanal, auf dem sie Informationen über die NS-Verbrechen vermittelt, deshalb bewusst „keine.erinnerungskultur“ genannt. Denn weder sie noch ihre Zielgruppe haben persönliche Erinnerungen an die Nazizeit. Ihr Fokus liegt auf der Frage, warum das, was damals geschah, dennoch für junge Menschen von heute relevant ist. 2024 wurde ihr dafür der Grimme Online Award verliehen.
Um das Zeugnis der Überlebenden nicht untergehen zu lassen, sind in den vergangenen Jahrzehnten viele Berichte in Wort und Bild festgehalten worden. Die Bonner Ausstellung zeigt in diesem Zusammenhang ein interaktives Hologramm der Schirmherrin Eva Umlauf, Präsidentin des Internationalen Auschwitz-Komitees.
Zur Erstellung des Hologramms wurden der heute 83-Jährigen circa 1.000 Fragen gestellt. Darunter: „Können Sie den Deutschen vergeben?“ Oder: „Haben Sie noch eine Tätowierung auf dem Arm?“ Die Antworten von Eva Umlauf gibt das Hologramm wieder, wenn ihm heute eine entsprechende Frage von einer Schülerin oder einem Schüler gestellt wird. Das Hologramm setzt jedoch keine neuen Antworten zusammen, sondern ruft nur diejenigen ab, die Umlauf wirklich gegeben hat. Viele Bewahrer von Gedenkorten sehen es kritisch, wenn im Internet mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz Holocaust-Opfer animiert und zum Sprechen gebracht werden. Damit – so die Befürchtung – wird die Grenze zwischen Fakten und Fiktion verwischt, was rechten Holocaust-Leugnern in die Hände spielen könnte.
Eva Umlauf, die 1942 in einem Durchgangslager nach Auschwitz geboren wurde, wendet sich im Ausstellungskatalog in einem eindringlichen Vorwort an die Jugend. „Ihr könnt nichts für die Verbrechen eurer Großeltern und Urgroßeltern“, stellt sie klar. „Aber Ihr tragt Verantwortung für die Zukunft. Wir alle tun das.“
Und weiter: „Ihr müsst nicht perfekt sein. Ihr müsst nur wach sein. Achtet auf euer Land. Achtet auf die Menschen um Euch. Und achtet auf die Wahrheit. Sie ist die Erste, die verloren geht – und die Letzte, die man zurückgewinnt.“ (dpa/mig) Aktuell Feuilleton
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