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MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, Zeichnung MiG

Nebenan

Rückwärts immer, vorwärts nimmer

Die große Befreiung ist da: Niemand muss mehr behaupten, etwas dürfe nicht gesagt werden. Dafür gibt es nun bewaffnete Nachwuchsdemokraten, die sehr anschaulich erklären, welche Meinungen im neuen Sachsen-Anhalt besser für sich behalten werden.

Von Montag, 07.09.2026, 10:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 07.09.2026, 9:12 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Kaum 5 Minuten waren vergangen, nachdem die erste 18-Uhr-Hochrechnung der öffentlich-rechtlichen Lügenpresse verkündet worden war, da rollten die Panzer der russischen Befreier bereits durch die Straßen Magdeburgs, unter lautem „Sieg Heil!“-Gejohle der Sachsen-Anhaltiner Bürger.

Ich war mit einem Team des MiGAZIN vor Ort und sprach mit den Feiernden, darunter Ronny, 19, arbeitslos, der unser Team direkt mit einem nach billigem Alkohol miefenden „Nieder mit der Genderdiktatur!“ begrüßte. Noch bevor wir unsere erste Frage stellen konnten, fiel Mandy, 13, Hausfrau und Mutter, uns ins Wort: „Endlich fließt mein Steuergeld nicht mehr an irgendwelche Kulturveranstaltungen, sondern direkt in die Taschen unserer AfD-Abgeordneten und ihrer Familien! Deutschland den Deutschen!“.

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Wir versuchen es erneut mit Ronny: „Genderdiktatur: Das klingt reichlich harsch. Was soll das bedeuten?“ – „Endlich darf ich wieder alles sagen, ohne, dass gleich die Sprachpolizei kommt!“.

„Und was genau dürfen sie heute sagen, was sie gestern noch nicht sagen durften?“

Wir verstehen nicht so recht und fragen nach: „Und was genau dürfen sie heute sagen, was sie gestern noch nicht sagen durften?“

Der stark angetrunkene Mann mit Hakenkreuz im Hals erklärt es uns gern: „Na alles, was ich gestern auch schon gesagt habe. Aber da musste ich ja immer dazu sagen, dass man das ja nicht mehr sagen darf, sonst war man ja gleich ein Nazi.“

Wir haben genug gehört. Mandy ist auch bereits weitergezogen und begrüßt nun die russchen Panzer mit ausgestrecktem rechten Arm und etwas, das sie wohl für eine stramme Körperhaltung hält.

„Flaschensammler: ‚Jetzt, wo die AfD regiert, können Ausländer mir meinen Job nicht mehr wegnehmen.'“

Wir schauen uns um und entdecken Enrico, 48, Schulabbrecher und Flaschensammler. Er weiß: „Jetzt, wo die AfD regiert, werden all die Ausländer abgeschoben! Dann können die mir meinen Job nicht mehr wegnehmen.“ Er will daher endlich seinen Traumjob als Chefarzt einer großen Klinik antreten. Immerhin habe er Erfahrung: Das Leben auf der Straße mache erfinderisch und seine Wunden und Krankheiten versorge er ja auch selbst, seit die einzigen Ärzte, die ihn trotz fehlender Versicherung zuletzt noch haben versorgen wollen, Syrer gewesen seien. Die Chancen für ihn stehen immerhin nicht ganz schlecht, sollte die AfD ernst machen und wirklich all die ausgebildeten Ärzte abschieben, die sie abschieben will.

Als wir später am Abend Holger, 63 und Frührentner, treffen, will dieser gerade seine Ausführungen zum Wahlsieg der AfD damit beginnen, dass er ja früher mal die SPD gewählt habe, heute aber stramm an der Seite der AfD stehe, als ihn schon ein aufgebrachter Mob Jugendlicher niederprügelt, die in adretten braunen Hemden gekleidet sind, welche den in altdeutscher Schrift aufgedrucktem Schriftzug „Sprachpolizei“ tragen, und sich als Angehörige der „Generation Deutschland“ zu erkennen geben.

„Alles für Deutschland.“

Seiner Frau, die auch Mandy heißt, stockt der Atem, als sie protestieren will und von einem der bewaffneten Jugendlichen niedergestarrt wird. Stotternd fährt ihr ein „Alles für Deutschland.“ über die Lippen, als sie ihrem blutenden Ehemann zusieht, wie dieser unter den Tritten und Knüppelschlägen das Bewusstsein verliert.

Anschließend macht uns die Gruppe klar, dass wir in Sachsen-Anhalt ab sofort nichts mehr zu verloren hätten und unsere Namen und Gesichter bekannt seien, sowie landesweit auf Listen stehe – und daher niemand mehr für unsere Leben garantieren könne. Unter lautem Gejohle von Parolen wie „Gegen die Meinungsdiktatur!“ und „Die Fahnen hoch, die Reihen fest geschlossen!“ zieht die Gruppe schließlich ab und wir entscheiden, dass die anstehende Wahl in Mecklenburg-Vorpommern für die nächsten zwei Wochen unsere gesamte Aufmerksamkeit verlangen wird und verlassen dieses wunderschöne Land voller stolzer Gewinnertypen, die doch nur einfach wieder sagen können wollen, was sie denken, ohne gleich von einem woken Mob niedergeprügelt zu werden. (mig) Meinung

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