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25 Jahre nach 9/11

Expertin: Medien halten am Feindbild Islam fest

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA haben Vorurteile gegenüber dem Islam in Deutschland verstärkt. Bis heute wirkt das Feindbild nach, das sich damals etablierte, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Carola Richter im Gespräch.

Von Sonntag, 06.09.2026, 11:35 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 06.09.2026, 11:35 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Wenn wir 25 Jahre nach den Anschlägen in den USA vom 11. September zurückblicken auf die damalige Medienberichterstattung: Kann man eine Veränderung feststellen, wie vor und nach dem 11. September über den Islam oder über Musliminnen und Muslime in Deutschland berichtet wurde?

Carola Richter: Nach dem 11. September gab es meines Erachtens einen Rückgriff auf bereits bestehende, latente Muster. Diese wurden durch das Attentat noch einmal massiv verstärkt. Seit der sogenannten Islamischen Revolution 1979 im Iran gab es bereits eine Rahmung des Islam als Problem und als potenzielle Gefahr für den Westen in Politik und Medien. So hat sich bereits im Vorfeld von 9/11 das Bild eines gewaltvollen und politisch-ideologischen Islam verfestigt.

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Was sind das vor allem für Bilder oder Interpretationen, die in den Medien vermittelt wurden?

Häufig wird Gewalt allein mit einer islamischen Prägung erklärt. Attentate, Anschläge oder die Diskriminierung von Personengruppen, beispielsweise Homosexuellen wird medial häufig mit Religion erklärt und zugleich kulturalisiert: Es heißt, diejenigen, die mit dieser Religion aufgewachsen sind, könnten vielleicht gar nicht anders, als sich so zu artikulieren, und intolerant zu sein. So entstehen Klischees. Das Problem ist, dass andere Erklärungen für Gewalt oder für Konflikte wie patriarchale autoritäre Strukturen oder postkoloniale Abhängigkeiten häufig ausgeblendet werden.

Dadurch stehen auch alle Musliminnen und Muslime potenziell unter Verdacht, zu Täterinnen oder Tätern werden zu können?

Genau. Das konnte sicherlich relativ leicht passieren, weil man den Islam lange Zeit vor allem auf eine geografische Region fokussiert hat: den Nahen und Mittleren Osten. Dort leben mehrheitlich Muslime, es gibt dort viele Konflikte mit vielen verschiedenen Ursachen. Das konnte sehr leicht miteinander in Verbindung gebracht werden: Wir haben hier eine mehrheitlich muslimische Bevölkerung und ständig Konflikte, also muss ein kausaler Zusammenhang bestehen.

Die Scharia, verschleierte Frauen, patriarchal strukturierte Familien – solche Vorstellungen werden stark auf die in Deutschland lebenden Musliminnen und Muslime übertragen, obwohl diese sich in einer liberalen Gesellschaft bewegen und zum Teil bereits in der zweiten und dritten Generation hier aufgewachsen und sozialisiert worden sind.

Es wird sehr häufig die Heterogenität muslimischen Lebens in Deutschland übersehen. Nehmen wir das Kopftuch: Es wird in Deutschland in der Regel als Symbol für einen Islam gesehen, der patriarchale Strukturen befördert und die Unterdrückung der Frau. Richtig ist, dass etwa im Iran aktuell Frauen gegen den Zwang, Kopftuch zu tragen, aufbegehren und dies als Form autoritärer struktureller Gewalt verstehen. Für andere Musliminnen ist das Kopftuch dagegen ein Symbol ihrer inneren Identität, die sie zeigen wollen.

Wie wurde der Islam in deutschen Medien vor den Anschlägen vom 11. September 2001 dargestellt?

In Deutschland kam es bereits in den 90er Jahren zu einer sehr starken Fokussierung auf das Feindbild ‚Ausländer‘. Schon in den 90er Jahren gab es die Debatte: Wir sind mit den Ausländern überfordert, sie kommen in Massen zu uns und können sich nicht integrieren. Dieses Bild war also bereits vorhanden.

Dazu kam als zweites Bild der Islam als bedrohliche Religion. Beides konnte einfach miteinander verwoben werden: Wir haben hier Ausländer, die sich in unserer Gesellschaft bewegen und dazu noch Muslime sind. Das führte dazu, dass das Feindbild Islam in Deutschland mit Blick auf Menschen mit Migrationsgeschichte Raum greifen konnte.

Hat sich inzwischen an der medialen Darstellung etwas verändert?

Wir haben nach wie vor eine Islamberichterstattung, die Islam als eine gewaltvolle politische Ideologie im Fokus hat. Wir haben im Jahr 2022 eine große repräsentative Studie zur Islamberichterstattung in deutschen Medien veröffentlicht. Untersucht wurden öffentlich-rechtliche und private Fernsehsender sowie relevante regionale und überregionale Zeitungen. Ich war tatsächlich sehr überrascht, wie wenig sich im Vergleich zu der Zeit nach 9/11 verändert hat.

Nach wie vor wird die Themenagenda stark von der Verbindung des Islam mit Terrorismus, Krisen, Unruhen und Protesten oder mit konfliktbeladenen Migrationsdebatten dominiert. Themen, die im Zusammenhang mit Kultur oder religiösem Leben stehen, machen einen unteren einstelligen Prozentbereich der Berichterstattung aus.

Haben die verstärkten Debatten über Zuwanderung und Migration seit 2011 infolge des syrischen Bürgerkriegs und der zunehmenden Fluchtbewegungen nach Europa an diese Feindbilder angeknüpft?

Im Zuge des sogenannten Arabischen Frühlings 2011 gab es in vielen arabischen und mehrheitlich islamischen Ländern Aufstände, die als Demokratisierungsversuche verstanden werden konnten. Zwei Studien zur deutschen Medienberichterstattung zwischen 2011 und 2013 haben festgestellt, dass es in dieser Zeit ein Fenster gab, in dem regelrecht Respekt gegenüber den mehrheitlich muslimischen Gesellschaften aufkam. Es wurde vermittelt, dass die Menschen Fortschritt in ihren Gesellschaften selbst herbeiführen wollen – im Gegensatz zum üblichen Bild, dass islamisch geprägte Gesellschaften rückschrittlich seien.

Als diese Bewegungen wieder von autoritären Regimen einkassiert wurden, etwa in Syrien, schwenkte das Bild wieder um: Die Menschen in diesen Ländern schaffen es doch nicht, eine Demokratie aufzubauen. Auch denjenigen, die nach Deutschland flüchteten, wurden diese Klischees und Bilder dann zugeschrieben: Sie seien eher passiv und nicht in der Lage, sich weiterzuentwickeln. Das schwingt bis heute mit.

Müssen Medien stärker Verantwortung dafür übernehmen, Vorurteile und Feindbilder zu hinterfragen und sie nicht zu reproduzieren, wenn sie etwa im politischen Diskurs geäußert werden?

Absolut. Die klassischen Massenmedien sind nach wie vor ein wesentlicher Treiber dafür, welche Bilder in der öffentlichen Meinung reüssieren können. In den vergangenen Jahren sehen sich viele Medien allerdings eher als Getriebene. Sie meinen, es gebe eine vermeintliche Mehrheitsmeinung, die in den sozialen Medien kursiere. Diese müsse man übernehmen und die Ängste aufgreifen, die in der Bevölkerung zirkulieren.

Dabei wird häufig vernachlässigt, dass es sich nicht unbedingt um eine Mehrheitsmeinung handelt, sondern um bestimmte Stimmen, die laut schreien. Dasselbe lässt sich auch in der Politik beobachten: anti-migrantische und anti-muslimische Feindbilder werden aus Opportunität übernommen und speisen dann wieder den Mediendiskurs. Hier muss der Journalismus autonom und kritisch agieren.

Dazu gehört auch, dass Journalistinnen und Journalisten ihre eigenen Vorurteile reflektieren. Was könnte dazu beitragen, die Berichterstattung weniger eindimensional zu gestalten?

Es braucht auf jeden Fall mehr Regionalexpertise zum Verstehen mehrheitlich muslimischer Gesellschaften im Nahen Osten, und mehr transkulturelles Verständnis, um die postmigrantische Realität in Deutschland adäquat abzubilden. Dazu gehört etwa auch der Einbezug von Musliminnen und Muslimen als Quellen und als Journalisten: Unsere Studie hat auch gezeigt, dass die deutsche Islamberichterstattung weitgehend ohne Musliminnen und Muslime auskommt – sie werden nicht gehört, man berichtet über sie. (epd/mig) Aktuell Interview Panorama

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