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Um Jahre zurückgeworfen

9/11 und die Folgen für Völkerverständigung und Integration

Der 11. September 2001 - ein Wendepunkt mit weitreichenden Folgen. Aiman A. Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, wirft einen Blick zurück auf den Tag, an dem „eine harte Zeit“ anbrach.

Von Aiman A. Mazyek Donnerstag, 08.09.2011, 8:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 12.09.2011, 12:24 Uhr Lesedauer: 8 Minuten  |   Drucken

Ein etwas ungewöhnlich warmer Herbsttag war der 11. September in Deutschland. Ich hatte damals mein privates Büro im Dachgeschoss unseres Hauses, die Hitze staute sich dort oben. An diesem Tag gab es für mich zum Glück keine Auswärtstermine, ein ganz gewöhnlicher Bürotag, lediglich am Abend stand die Mitgliederversammlung des Lions-Club an, welche aber der Präsident wegen nachfolgender Ereignisse bestürzt absagte. Was war passiert?

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Ich erinnere mich genau, mein Schwager rief an und sagte nur „seht fern“ und legte auf. Meine Frau rief von unten nach mir. Ich rannte die Treppe runter ins Wohnzimmer und was ich am Bildschirm sah, war grässlich, war unwirklich; ein versteinert wirkender Ulrich Wickert, dem es die Sprache verschlug, als dann der zweite Turm auch einstürzte…

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Erst viel später, zu spät
Ich rang um Fassung, als die Erklärungsmuster um Osama bin Laden in den Medien ausgebreitet und begleitend die tanzenden palästinensischen Kinder gezeigt wurden – erst viel später, zu spät, stellte sich heraus, dass dies veraltete Aufnahmen waren und gar nicht im unmittelbarem Zusammenhang mit diesem Weltereignis standen. Denn diese Bilder brannten sich in das kollektive Gedächtnis vieler Menschen ein. Spätestens jetzt wurde vielen klar: Die nächsten Jahre werden die Muslime weltweit im Kontext dieses einschneidenden Ereignisses betrachtet und es wird uns auf Jahre, wenn nicht auf Jahrzehnte, im Bemühen um Völkerverständigung, Integration und den Dialog der Religionen zurückwerfen. Schnell verfassten wir als Zentralrat der Muslime eine unmissverständliche Pressemittelung, in der wir die Tat scharf verurteilten. Die harte Zeit brach an.

Seitdem ist viel zu dem Thema gesagt worden, viele Erklärungen haben wir verfasst, Terror und Gewalt verurteilt und klar gemacht, dass der Islam friedlich ist und die überwältigende Mehrheit der Muslime in Frieden leben möchte. Wir sind auf die Straßen gegangen, um zu demonstrieren, dass wir uns als Muslime nicht von Extremisten missbrauchen lassen wollen. Viele Menschen haben uns geglaubt, viele jedoch nicht.

„… und noch zu oft wird Sicherheitspolitik auf den Rücken der Muslime gemacht, anstatt eine mutige Integrationspolitik zu formulieren.“

Der 11. September hat das Vertrauen in die Muslime erschüttert, er hat dem Islam maßgeblich geschadet – und vor allem hat er viele tausend Menschen auf dem Gewissen – darunter Juden, Christen, Nichtgläubige und sehr viele Muslime. Die Folgen waren schrecklich – insbesondere für den Irak und später Afghanistan. Die Welt ist seitdem nicht wieder zur Ruhe gekommen, viele Kriege wurden vom Zaun gebrochen und noch immer meinen viele Menschen, der 11. September wäre ein Triumph des Islams über den Westen. Völlig verrückt. Auch das Gegenteil ist übrigens nicht der Fall. Die gesamte Menschheit hat verloren, leidet bis heute unter dieser menschenverachtenden Tat und ihren ebenso menschenverachtenden und vernichtenden Folgen.

Sicherheitspolitik auf den Rücken der Muslime
Während unmittelbar nach dem 11. September noch führende Politiker und auch die Kirchen besonnen reagierten und davor warnten, die Muslime und den Islam ständig in den Kontext von Gewalt und Terror zu stellen und die Muslime unter Generalverdacht zu nehmen, änderte sich die Einstellung gegenüber Muslimen mit der Zeit grundlegend. Sicherheitsgesetze, Rasterfahndung und vieles andere mehr verstärkten diesen Eindruck und heute kommt keine Islamdebatte mehr ohne das Sicherheitsthema aus, wie man zuletzt am Präventionsgipfel sehen konnte. Auch als Folge des 11. Septembers weigert sich manch führender Politiker bis heute hartnäckig, eine fundierte Islampolitik zu formulieren. Eine Version, wie der Islam in das deutsche Staatsgefüge integriert werden kann, fehlt gänzlich und noch zu oft wird Sicherheitspolitik auf den Rücken der Muslime gemacht, anstatt eine mutige Integrationspolitik zu formulieren.

Überhaupt – auch gestärkt durch das Islambashing mancher Islamkritiker, die hinter ihrer Kritik geschickt ihre rassistischen Einstellungen zu verbergen wissen, wurde die Islamdebatte immer mehr zur Folie von vielen anderen Themen unserer Gesellschaft, sei es die eigentümliche deutsche Befindlichkeit, die Fragen danach, wohin unser Land demografisch steuert oder wie patriotisch wir Deutsche eigentlich sein dürfen und zu guter Letzt die negative Erörterung darüber, wie viel Religion unser Land verträgt, wie dies ein Bundesverfassungsrichter anlässlich des folgenreichen Kopftuchurteils provokant diskutierte.

Muslime als Lieblingsprobanden
Um Muslime geht es dabei in Wirklichkeit schon lange nicht mehr. Die Islamdebatte nach dem 11. September fungierte zunehmend als Eyecatcher und kaum ein Politiker oder Kirchenoberhaupt kann scheinbar ohne irgendein Statement zum Islam auskommen, sei es noch so falsch oder substanzlos. Aber darum geht es ja wie gesagt nicht.

Die Kontextuierung Islam verspricht Aufmerksamkeit, weil die Debatte schrill, inszenierend und tendenziös geführt wird, wie man das augenscheinlich an Abhandlungen über die kruden Thesen eines Thilo Sarrazin aktuell erfahren kann. Mit einem gehaltvollen Dialog, den sich viele Intellektuelle, Künstler, besonnene Politiker und Kulturschaffende und nicht zuletzt die Muslime selber gewünscht haben, hat das schon lange nichts mehr gemein.

Nicht selten fühle ich mich an die Gladiatoren erinnert, die eine bestimmte Rolle in der Arena zu erfüllen hatten – heute wird deren Rolle wiederum in Teilen in Talk-Shows integriert. Der Muslim ist dabei meist der Buhmann, der Verfechter der Antithese zu den freiheitlichen Werten des Westens. Natürlich hält diese Dialektik weder den realen Gegebenheiten noch den mittlerweile mannigfach angefertigten wissenschaftlichen Untersuchungen stand, welche im Zuge des 11. September die Muslime zunehmend als Lieblingsprobanden auserkoren haben.

Antimuslimischer Rassismus
Auch ist Terror weder besonders islamisch noch besonders christlich, sondern entspringt einer menschenverachtenden Einstellung, wie der furchtbare Terroranschlag in Norwegen dies uns nochmals ausdrücklich vor Augen hält. Auch wenn der oder die Attentäter noch so oft die Religion als Motiv in den Mund nehmen: Terror hat keine Religion.

„Kaum eine Woche vergeht, in der nicht irgendein muslimisches Gotteshaus geschändet oder mit Brandsätzen beworfen wird. Kaum ein Tag, an dem nicht Muslime auf offener Straße wegen ihrer Religion angepöbelt oder sogar misshandelt werden.“

Die Folgen dieses fehlerhaften Umgangs mit dem Islam sind nun deutlich erkennbar: Der antimuslimische Rassismus? Der antimuslimische Rassismus steuert in Deutschland seinem Höhepunkt entgegen. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht irgendein muslimisches Gotteshaus geschändet oder mit Brandsätzen beworfen wird. Kaum ein Tag, an dem nicht Muslime auf offener Straße wegen ihrer Religion angepöbelt oder sogar misshandelt werden. Wer meint, hier Opfergehabe zu erkennen, der möge einfach die Zeitungen genauer lesen, dafür braucht man auch nicht gleich den schrecklichen aus dem Motiv der Islamfeindlichkeit heraus begangenen grausigen Mord an der Muslima Marwa El-Sherbini zu zitieren.

Das Klima in Deutschland gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund im Allgemeinen und Muslimen im Besonderen hat sich kontinuierlich verschlechtert. Aus Deutschland wandern in Folge dessen immer mehr Menschen zum Beispiel in die Türkei aus als umgekehrt. Dies geht aus neuen Zahlen des Statistischen Bundesamtes für 2010 hervor, worin eine Trendwende zu erkennen ist. Demnach haben abzüglich der Einwanderer fast 6000 Migranten das Land Richtung Bosporus verlassen, die große Mehrheit von ihnen sind Ausländer, die übrigens meist Deutsche mit türkischen Wurzeln sein dürften. Der Anteil der muslimischen und türkischen Akademiker dürfte dabei überproportional hoch sein. Diese, weil auch mobiler, sagen sich: Lieber in der Türkei willkommen zu sein als ein Paria in Deutschland. Und so lässt unser Land nolens volens Deutsche mit türkischen Wurzeln in das Land ihrer Eltern abziehen.

Neue Willkommenskultur?
Da wirkt es fast wie Hohn, wenn jüngst der Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler dazu aufforderte, die Einwanderung von Hochqualifizierten zu erleichtern. Er sprach sich für eine „neue Willkommenskultur“ aus. „Fachkräfte aus dem Ausland müssen sich hier auch wohlfühlen. Deutschland muss weltoffen sein, nicht nur während der Fußballweltmeisterschaft, sondern 365 Tage im Jahr“, appellierte der FDP-Vorsitzende kürzlich in einem Interview. Doch die Zeichen auf den Straßen sprechen eine andere Sprache.

Anschaulich gemacht durch einen jüngsten Vorfall, bei dem selbst das öffentlich-rechtliche Fernsehen nicht davor zurückschreckt, in seinem Kulturmagazin („Aspekte“) am Freitag eine Sarrazin-Inszenierung aus Kreuzberg auszustrahlen, welche von der Empörung über den angeblich intoleranten Türken in der einschlägig bekannten deutschen Tageszeitung mit den vier Buchstaben begleitet wird. Zu Recht hat der Deutsche Kulturrat dieses Vorgehen scharf kritisiert.

Passend dazu die theatralisch vorgetragene Inszenierung des Neuköllner Bürgermeisters Heinz Buschkowsky, der sich seit Jahren in seinem Bezirk seiner Wiederwahl sicher sein kann, weil fast ein Drittel der Neuköllner (Türken und Araber) wegen der erschwerten Einbürgerungsvorgaben keinen deutschen Pass haben und somit nicht wählen können.

Insbesondere Ausländer mit entsprechendem Bildungsgrad fühlen sich vor allem deswegen und wegen vielen anderen Gründen hierzulande nicht mehr wohl. Die populistischen Aussagen des amtierenden bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer, denen zufolge man den Zustrom von Türken und Arabern stoppen soll – übrigens wider besseres Wissen und geradezu volksverdummend an der Statistik vorbeiredend – tun ihr übriges.

Zugleich aber hat die Türkei gerade gut ausgebildeten Deutsch-Türken Jobs und Karriere zu bieten. Seit der Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan an der Macht ist, wächst das Land mit enormen Wirtschaftsaufschwüngen stabil an. Selbst deutsche Unternehmen investieren viel in das Land und betrachten die Türkei längst als integralen Bestandteil von Europa.

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