
Perspektivwechsel
Filmemacher machen Rassismus zum Thema
Aktuelle Filme beschäftigen sich mit rechter Gewalt, strukturellem Rassismus und fehlender Aufarbeitung. Gemeinsam ist ihnen ein neuer Blick: Sie erzählen aus Sicht jener Menschen, die lange nur als Randfiguren erzählt wurden – die Betroffenen. Ihre Perspektive macht aus vermeintlichen Einzelfällen ein größeres Bild.
Von Jens Balkenborg Donnerstag, 03.09.2026, 14:47 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 03.09.2026, 14:47 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
Es ist eine Szene, die verstört: Staatsanwältin Seyo (Chen Emilie Yan) radelt in Faraz Shariats Justizthriller „Staatsschutz“ unter einer Brücke hindurch und wird von einem anderen Radfahrer geschnitten, dann regnen zwei Brandsätze auf sie herab. „Geil, die Fotze brennt!“, ruft jemand, während sich die junge Deutsch-Koreanerin gerade noch aus ihrer brennenden Jacke befreien kann.
Statt ins Krankenhaus will die Staatsanwältin in die forensische Ambulanz: Spuren sichern. „Wenn die Behörde von einem Muslim angegriffen worden wäre, hätten wir hier einen Terrorakt“, beschwert sich Seyo. Sie ermittelt fortan gleichzeitig in eigener Sache wie im öffentlichen Interesse gegen ihre Angreifer – offenbar Mitglieder eines rechtsradikalen Netzwerks. „Staatsschutz“ war ein Publikumsliebling der diesjährigen Berlinale und erhielt den Panorama Publikums-Preis für den besten Spielfilm. Am 27. August kam er in die Kinos.
Perspektiven der Opfer
Regisseur Shariat stellt in seinem Film institutionelle Ohnmacht gegenüber Rechtsextremisten und deren Verharmlosung das persönliche Engagement und die Solidarität unter Opfern entgegen. Im Gespräch mit dem „Evangelischen Pressedienst“ fragt Shariat: „Warum wird rechte Gewalt immer noch verharmlost und vereinzelt, statt sich mit den Mitteln des Staates dagegen zu verteidigen?“
Das deutsche Kino setzt sich derzeit intensiv mit Rassismus und seinen Folgen auseinander. Was neu ist: Nachdem lange vor allem aus Sicht von Tätern oder Ermittlern von rechtsextremistischem Terror erzählt wurde, hat man sich – vor allem auch im Dokumentarfilm – verstärkt den Perspektiven der Betroffenen zugewandt.
Dokumentarfilme zu Anschlägen in Hanau und Mölln
Im vergangenen September sind mit Marcin Wierzchowskis „Das Deutsche Volk“ und Martina Priessners „Die Möllner Briefe“ gleich zwei Dokumentarfilme in die Kinos gekommen, die sich auf die Perspektive der Hinterbliebenen rechtsterroristischer Attentate – in Hanau und Mölln – konzentrieren und parabelhaft von strukturellem Rassismus erzählen.
In Hanau hatte am 19. Februar 2020 ein psychisch kranker Rechtsextremist innerhalb von zwölf Minuten neun Menschen mit Migrationsgeschichte und anschließend in seiner Wohnung seine Mutter und sich selbst erschossen. „Das Deutsche Volk“ zeigt über Jahre hinweg, wie Freunde und Angehörige der Opfer des Anschlags um die Aufarbeitung kämpfen. „Das Klima war nach 2015, nach Angela Merkels ‚Wir schaffen das‘, total vergiftet. Die AfD wurde damals groß, Shisha-Bars wurden dämonisiert, es gab Pegida“, sagt Regisseur Wierzchowski. „Wichtig ist die Gegenwehr, die den Diskurs beeinflusst.“
Von einer ebenso schmerzlichen Gegenwehr erzählt Martina Priessner in ihrem auf wenige Protagonisten konzentrierten Dokumentarfilm „Die Möllner Briefe“. In Mölln warfen am 23. November 1992 zwei Rechtsextremisten Molotowcocktails auf zwei von türkischen Familien bewohnte Häuser. Drei Menschen kamen um, neun überlebten verletzt, manche davon schwer.
Briefe an Hinterbliebene archiviert statt zugestellt
Über Jahre hinweg hat die Regisseurin den überlebenden brahim Arslan und seine Familie beim Kampf um die den Opferfamilien vorenthaltene Solidarität begleitet. Unvorstellbar: Hunderte Menschen schrieben den Familien in der Mühlenstraße und auch der Ratzeburger Straße nach den Anschlägen, doch die Briefe kamen nicht bei den Betroffenen an, sondern wurden im Stadtarchiv gelagert.
Demgegenüber wagen Max Ahrens und Maik Lüdemann in „Kein Land für Niemand – Abschottung eines Einwanderungslandes“ große Thesen. Sie zeichnen nach, wie sich Europa und Deutschland seit 2015 abschotten. Ihr Film folgt dem Team einer zivilen Seenotrettungsorganisation im Mittelmeer. Bei ihren Bergungsaktionen bekommen es die Helfer und Helferinnen auch mit der von der EU mitfinanzierten libyschen Küstenwache zu tun. Eindrücklich zeigt der Film, wie diese die Boote der Schutzsuchenden teils zum Kentern bringt. Die Aufnahmen führen aber auch nach Brüssel und Berlin, holen Stimmen ein aus der Wissenschaft, von Betroffenen, aus der Politik und von Aktivisten und Aktivistinnen.
Liberale Mitte rollt AfD den roten Teppich aus
Den Regisseuren geht es nach eigenen Worten darum, sich beim Thema Schutz von Migranten aus einer „gesellschaftlichen Schockstarre“ zu befreien: Sie beobachteten „dass die liberalen Institutionen und letzten Schutzmechanismen von der liberalen Mitte selbst bereits abgebaut werden und so der AfD der rote Teppich ausgerollt wird“, erklären sie.
Es sind Filme, die Empathie mit Opfern zeigen, aber auch Wut. Die in ihrer Behörde relativ auf sich gestellte Staatsanwältin Seyo in „Staatsschutz“ wird ganz bewusst zur Heldin gemacht. In der letzten Einstellung des Films jault der Motor ihres Dodge Challenger auf, und die Neonazis bekommen es mit der Angst zu tun. (epd/mig) Feuilleton Leitartikel
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