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Schiff der libyschen Küstenwache (Archiv) © Max Cavallari/SOS Mediterranee

Mittelmeer

Libysche Küstenwache beschießt erneut Schiff deutscher Seenotretter

Die „Sea-Watch 5“ ist vor Libyen nach Angaben der Organisation mit scharfer Munition beschossen worden. An Bord waren 90 Gerettete und 30 Crew-Mitglieder; Sea-Watch fordert nun Konsequenzen von der Bundesregierung.

Dienstag, 12.05.2026, 11:45 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 12.05.2026, 11:45 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Die „Sea-Watch 5“ ist am Montag, 11. Mai, nach Angaben der Seenotrettungsorganisation Sea-Watch in internationalen Gewässern vor der libyschen Küste beschossen worden. Ein bewaffnetes Patrouillenboot der libyschen Küstenwache habe ohne Vorwarnung mit scharfer Munition auf das zivile Rettungsschiff gefeuert und versucht, es nach Libyen zu zwingen, erklärte die Organisation. An Bord befanden sich 90 kurz zuvor aus Seenot gerettete Menschen sowie 30 Crew-Mitglieder.

Der Angriff ereignete sich nach Angaben von Sea-Watch etwa 55 Seemeilen nördlich von Tripolis. Zunächst sei ein einzelner Schuss gefallen, anschließend eine Salve von etwa zehn bis fünfzehn weiteren Schüssen. Über Funk habe die bewaffnete Einheit die „Sea-Watch 5“ aufgefordert, nach Libyen zu fahren. Als die Besatzung dies verweigerte, hätten die Angreifer gedroht, das Schiff zu entern. Die Crew setzte nach eigenen Angaben sofort einen Notruf ab und informierte die zuständigen italienischen und deutschen Behörden sowie die deutsche Bundespolizei.

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Die unmittelbare Gefährdungslage sei seit Montagnachmittag beendet, erklärte Sea-Watch am Dienstag. Crew und Gerettete seien durch den Vorfall jedoch schwer belastet. Die italienischen Behörden wiesen dem Schiff nach Angaben der Organisation den Hafen Brindisi zu. Dieser liege mehr als 1.000 Kilometer vom Rettungsort entfernt und bedeute eine fast viertägige Überfahrt. Die Zuweisung entfernter Häfen ist eine umstrittene Methode italienischer Behörden. Auf dem Weg dorthin nahm die Besatzung am frühen Dienstagmorgen nach eigenen Angaben weitere rund 64 Menschen in der maltesischen Such- und Rettungszone an Bord.

Schwere Vorwürfe gegen die EU

Sea-Watch erhob schwere Vorwürfe gegen europäische Staaten. Sprecherin Giulia Messmer erklärte: „Die Europäische Union hat mit der sogenannten libyschen Küstenwache ein gewalttätiges Monster geschaffen, das sie nicht mehr einfangen kann oder will. Mehr als 75 extreme Gewalttaten haben wir seit 2016 durch libysche Milizen auf dem Mittelmeer dokumentiert. Schutz durch Italien? Gibt es nicht. Konsequenzen für die Gewalteskalation? Auch keine.“

Die Organisation fordert die Europäische Kommission auf, jede Kooperation mit der libyschen Küstenwache zu beenden. Ausbleibende Konsequenzen würden als Ermutigung verstanden und könnten weitere Eskalationen nach sich ziehen, erklärte Sea-Watch. Italien müsse der „Sea-Watch 5“ zudem den nächsten sicheren Hafen zuweisen, damit alle Überlebenden an Bord schnellstmöglich und würdevoll an Land gehen könnten.

Sea-Watch: Flaggenstaat Deutschland für Sicherheit verantwortlich

An die Bundesregierung richtete Sea-Watch eine eigene Forderung. Deutschland sei als Flaggenstaat für die Sicherheit des Schiffs und der Besatzung verantwortlich. Die Bundesregierung müsse den Angriff öffentlich als schweren Verstoß gegen internationales Seerecht und als Angriff auf die Sicherheit der Schifffahrt sowie die Freiheit der Navigation auf Hoher See benennen, erklärte die Organisation. Zudem müssten diplomatische Konsequenzen folgen.

Als Flaggenstaat gilt der Staat, unter dessen Flagge ein Schiff fährt. Nach internationalem Seerecht ist dieser Staat grundsätzlich für Schiffe unter seiner Flagge zuständig. Bei der „Sea-Watch 5“ ist das Deutschland. Sea-Watch verweist deshalb darauf, dass nicht allein Italien als Küstenstaat oder die EU als politischer Akteur gefragt seien, sondern auch die Bundesregierung.

Bereits im September 2025 war die Crew der „Sea-Watch 5“ nach Angaben der Organisation bei einem Rettungseinsatz von libyschen Einheiten beschossen worden. Sea-Watch hatte deshalb im April 2026 Strafanzeige in Hamburg und Rom gestellt.

Umstrittene Zusammenarbeit der EU mit Libyen

Der erneute Beschuss lenkt erneut den Blick auf die europäische Zusammenarbeit mit Libyen in der Migrationspolitik. Die EU und einzelne Mitgliedstaaten arbeiten seit Jahren mit libyschen Behörden zusammen, um Überfahrten über das Mittelmeer zu verhindern. Dazu gehören Unterstützung bei Grenzmanagement, Ausrüstung, Ausbildung und die Einbindung libyscher Stellen in Such- und Rettungsstrukturen.

Die EU-Militärmission EUNAVFOR MED IRINI, an der auch die Bundeswehr beteiligt ist, dient offiziell unter anderem der Durchsetzung des UN-Waffenembargos gegen Libyen. Zu ihrem Mandat gehört nach EU-Angaben aber auch der Kapazitätsaufbau und die Ausbildung relevanter libyscher Institutionen, die für Strafverfolgung und Suche und Rettung auf See zuständig sind. Der Bundestag hatte die deutsche Beteiligung an der Mission im November 2025 verlängert.

Beschuss kein isolierter Zwischenfall

Menschenrechtsorganisationen und UN-Stellen kritisieren seit Jahren, dass Menschen, die von libyschen Einheiten auf See abgefangen und nach Libyen zurückgebracht werden, dort schweren Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt sein können. Dokumentiert sind unter anderem willkürliche Haft, Gewalt, Erpressung, sexualisierte Gewalt und Misshandlungen. Libyen gilt deshalb aus Sicht vieler Menschenrechtsakteure nicht als sicherer Ort für die Ausschiffung geretteter Menschen.

Für Sea-Watch ist der Beschuss der „Sea-Watch 5“ deshalb kein isolierter Zwischenfall, sondern Teil einer Entwicklung, in der europäische Abschottungspolitik, fehlende staatliche Seenotrettung und die Kooperation mit gewaltbereiten libyschen Akteuren zusammenwirken. Die Organisation fordert, diese Zusammenarbeit zu beenden und zivile Seenotrettung nicht länger zu behindern.

Mittelmeer: Gefährliche Fluchtroute

Das Mittelmeer zählt zu den gefährlichsten Fluchtrouten der Welt. Geflüchtete und Migrantinnen und Migranten stechen in häufig nicht seetauglichen Booten aus nordafrikanischen Ländern wie Libyen und Tunesien in See, in der Hoffnung, Europa zu erreichen. Eine staatlich organisierte Rettungsmission gibt es nicht. Lediglich die Schiffe privater Seenotrettungsorganisationen halten Ausschau nach Menschen in Seenot.

Seit Beginn des Jahres wurden laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) bereits mehr als 1.200 Tote oder Vermisste bei Versuchen gemeldet, das Mittelmeer zu überqueren. Mit Blick auf den Jahresanfang war es laut IOM in diesem Jahr die höchste Opferzahl seit 2014. Seit 2014 wurden – bei vermutlich hoher Dunkelziffer – insgesamt mehr als 34.800 Tote und Vermisste im Mittelmeer gemeldet. (epd/mig) Aktuell Panorama

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