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Vereinte Nationen (Archiv) © Timothy A. Clary/AFP

UN-Migrationsforum

Tiefer Konflikt in der globalen Migrationspolitik

Beim „International Migration Review Forum“ in New York zeigte sich ein tiefer Konflikt in der globalen Migrationspolitik. Während Europa und die USA oft über Kontrolle sprechen, betonen Staaten des Südens Arbeitsrechte, Regularisierung und geteilte Verantwortung.

Dienstag, 12.05.2026, 12:10 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 12.05.2026, 12:10 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

In New York haben Regierungen aus aller Welt über die Zukunft globaler Migrationspolitik beraten. Beim zweiten International Migration Review Forum (IMRF) ging es vom 5. bis 8. Mai 2026 um die Frage, wie der Globale Pakt für sichere, geordnete und reguläre Migration bis 2030 umgesetzt werden soll. Am Ende stand eine gemeinsame Fortschrittserklärung der UN-Mitgliedstaaten. Sie bekräftigt den Anspruch, Migration nicht allein national, sondern international zu gestalten: mit besseren Arbeitsrechten, sicheren Wegen, rechtlicher Identität, Schutz von Menschenleben und engerer Zusammenarbeit entlang wichtiger Migrationsrouten.

Das klingt nach Konsens. Doch er bekam schnell Risse. Das US-Außenministerium erklärte, die Vereinigten Staaten unterstützten die Fortschrittserklärung des IMRF nicht. Washington warf den Vereinten Nationen laut Reuters vor, „replacement immigration“ in den USA und im Westen zu fördern – ein Begriff, der an rechte Verschwörungserzählungen anschließt und Migration als Bedrohung nationaler Identität rahmt.

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Damit wird sichtbar, was in der offiziellen UN-Erklärung verborgen bleibt: Globale Migrationspolitik ist längst nicht nur Verwaltung, Diplomatie und Koordination. Sie ist ein politischer Konflikt. Auf der einen Seite stehen Staaten, internationale Organisationen und zivilgesellschaftliche Gruppen, die Migration menschenrechtlich, arbeitsmarktpolitisch und entwicklungspolitisch gestalten wollen. Auf der anderen Seite stehen Regierungen und Parteien, die Migration grundsätzlich verdächtig machen, internationale Absprachen delegitimieren und Grenzpolitik als nationale Selbstverteidigung inszenieren.

Bangladesch fordert Win-Win-Migration

Auch aus Sicht vieler Länder des Globalen Südens stellt sich die Migrationsfrage ebenfalls anders: Sie beginnt nicht erst an europäischen Außengrenzen oder in US-Wahlkämpfen. Sie beginnt bei Arbeitsmärkten, Klimafolgen, fehlenden Perspektiven, Familienökonomien, Rücküberweisungen, Ausbeutung, unsicheren Routen und der Frage, wer eigentlich von globaler Mobilität profitiert.

Bangladesch etwa gehört zu den Ländern, für die Migration eine zentrale soziale und wirtschaftliche Realität ist. In der Vorbereitung auf das IMRF betonten Regierungsvertreter:innen in Dhaka nicht Abschottung, sondern Würde, Schutz und Rechte von Menschen in Bewegung. Migration solle so gestaltet werden, dass sie Menschen schützt und zugleich Herkunfts-, Transit- und Zielländern nützt. Bangladesch verwies dabei auf Arbeitsmigration, Schutz von Migrant:innen, Reintegration und die Ursachen von Migration.

Erfahrungen mit Migration im Süden

Ähnlich deutlich wurde die Perspektive der Philippinen. Das Land hat mit Millionen Arbeitsmigrant:innen im Ausland eine lange Erfahrung mit globaler Mobilität. Beim IMRF stellte die philippinische Delegation aus Manila ethische Anwerbung, soziale Sicherung, Arbeitsrechte, Zugang zu Gesundheit, Wohnraum, Renten und Schutzmechanismen für Arbeitsmigrant:innen in den Mittelpunkt. Es ging also nicht zuerst um die Frage, wie Migration verhindert werden kann, sondern wie Menschen, deren Arbeit weltweit gebraucht wird, vor Ausbeutung geschützt werden.

Kolumbien wiederum präsentierte in New York sein Modell der Integration von Migrant:innen als regionalen Ansatz. Das Land verwies auf Regularisierung, Zugang zu Diensten, sozioökonomische Teilhabe, sozialen Zusammenhalt und eine Politik, die Migration als strukturelle Realität begreift. Die kolumbianische Regierung betonte, dass aus humanitärer Erstversorgung dauerhafte Integrationspolitik werden müsse – mit Bildung, Arbeit, Gesundheit und legalem Status.

Globaler Süden hat anderen Blick auf Migration

Auch Côte d’Ivoire rahmte Migration nicht nur als Sicherheits- oder Kontrollfrage, sondern als Teil nachhaltiger Entwicklung. Die staatliche Nachrichtenagentur AIP berichtete, das Land wolle Mobilität als Hebel für Entwicklung und geteilten Wohlstand begreifen – eine Perspektive, die weit weg von europäischen Reflexen angesiedelt ist.

Dabei spricht auch der Globale Süden nicht mit einer Stimme. Herkunftsländer von Arbeitsmigrant:innen verfolgen andere Interessen als Transitländer. Staaten mit vielen Rücküberweisungen haben andere Prioritäten als Länder, die große Gruppen Vertriebener aufnehmen. Im Kern wird Migration aber häufiger als soziale, wirtschaftliche und menschenrechtliche Wirklichkeit beschrieben – und nicht genuin als Grenzproblem. Viele Staaten des Globalen Südens fragen, wie Arbeitskräfte geschützt werden, wie Familien von Rücküberweisungen leben, wie Menschen trotz Klimafolgen Perspektiven behalten, wie Regularisierung gelingt und wie Herkunfts-, Transit- und Zielländer Verantwortung teilen können.

Zivilgesellschaft erhebt schwere Vorwürfe

Hier liegt die politische Spannung des IMRF. Die offizielle Erklärung spricht von sicherer, geordneter und regulärer Migration. Aber sicher ist Migration für viele Menschen gerade nicht. Geordnet ist sie oft nur aus Sicht der Behörden. Und regulär bleibt sie für viele unerreichbar, weil Visa, Arbeitsmöglichkeiten und sichere Wege fehlen. Vielmehr werden Menschen weiter auf gefährliche Routen gedrängt.

Diese Kritik kam in New York auch von zivilgesellschaftlicher Seite. Besonders eindringlich war die Stimme von Blanca Areli Gómez de Melgar vom Komitee der Familien verschwundener Migrant:innen aus El Salvador. Sie berichtete, dass sie seit Jahren nach ihrem Sohn und ihrem Bruder sucht, die auf der Migrationsroute verschwunden sind. Im Namen von Familien aus El Salvador, Guatemala, Honduras, Zentralamerika, Südamerika und der Karibik kritisierte sie Straflosigkeit, staatliche Gleichgültigkeit und die Unsicherheit über das Schicksal verschwundener Angehöriger.

Menschenrechtler beklagen Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Auch Menschenrechtsorganisationen warnen vor der Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Refugees International kritisiert, viele Regierungen reagierten auf globale Flucht- und Migrationsbewegungen mit restriktiven Maßnahmen und Grenzkontrollen, während Investitionen in Asylsysteme und legale Wege zurückgingen. Besonders problematisch wird die Auslagerung von Grenz- und Migrationskontrolle in Drittstaaten gesehen.

Für Deutschland und Europa ist das unbequem. Dort stehen andere Fragen im Fokus: Wie viele kommen? Wie lassen sich Zahlen senken? Wie funktionieren Rückführungen? Welche Grenzen werden kontrolliert? Im Zentrum der Migrationspolitik stehen Begrenzung, Abschreckung und Auslagerung.

Länder des Globalen Südens erinnern dagegen daran, dass Migration nicht erst an der Grenze beginnt und nicht an der Grenze endet. Sie ist Folge und Teil globaler Ungleichheit, globaler Arbeitsmärkte, kolonialer Nachwirkungen, klimatischer Krisen und familiärer Überlebensstrategien. (mig) Aktuell Politik

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