
Blumen und Tränen
Berlin trauert – und widersetzt sich dem Hass
Eine Frau stirbt, viele Menschen werden schwer verletzt. Der Angriff mit einem Auto im Berliner Tiergarten galt offensichtlich den Besuchern des Christopher Street Day. Am Morgen nach der Tat liegen Blumen an den Absperrgittern, später versammeln sich Hunderte am Brandenburger Tor. Trauernde setzen jetzt bewusst auf Zusammenhalt und ein entschiedenes „Jetzt erst recht“.
Von Andreas Rabenstein und Monika Wendel Sonntag, 26.07.2026, 19:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 26.07.2026, 16:40 Uhr Lesedauer: 6 Minuten |
Ein handbeschriebener Zettel hängt am Sonntagmorgen an einem Absperrgitter der Polizei am Rand des Berliner Tiergartens, dem großen Park mitten in der Hauptstadt. „Wir müssen zusammenhalten“, steht darauf. „Gemeinsam sind wir stärker als der Hass und die Gewalt.“ Antonia, eine junge Frau, stellt weiße Blumen davor und weint, als sie erzählt: „Ich war nur eine Ecke weiter. Ich habe die ganzen Krankenwagen gesehen, die hier angekommen sind. Meine Freunde waren alle hier dabei. Es hätte jeden treffen können.“
Zehntausende Menschen hatten den ganzen Samstag beim Christopher Street Day (SCD) auf den Berliner Straßen gefeiert. Mehr als 80 Trucks mit Musik fuhren Richtung Tiergarten zur großen Abschlussparty am Brandenburger Tor. Die Straßen waren am Abend noch überfüllt, als gegen 22.00 Uhr immer mehr Sirenen von Rettungswagen und Polizeiautos rund um die Feiermeile aufheulten. Von allen Seiten fuhren Dutzende Einsatzwagen mit Blaulicht zum südlichen Rand des großen Parks.
Weißer Van rast durch den Park
Kurz darauf teilten die CSD-Veranstalter über das Internet mit, die Feier sei abgebrochen, die Menschen sollten das Gelände verlassen, von „Evakuierung“ war die Rede. Zwischen den Bäumen des Tiergartens nahe dem Potsdamer Platz hatte die Polizei bereits einen großen Bereich abgesperrt. Ein weißer Van war auf einem Fußgängerweg in den Park gefahren und gegen einen Baum gekracht.
Schnell wurden erste Befürchtungen wahr, und die Polizei bestätigte: Es war kein Unfall, ein Mann hatte auf dem dunklen Weg im Park zahlreiche Menschen, die vom CSD kamen, angefahren. 29 erlitten teils schwere Verletzungen. Eine Frau starb.
Dutzende Sanitäter und Notärzte nachts im Einsatz
Dutzende Sanitäter und Notärzte der Berliner Feuerwehr versorgten mitten in der Nacht Verletzte auf der Straße unmittelbar am Park. Menschen wurden in Rettungswagen geschoben und zu Krankenhäusern gefahren. In einem schnell aufgebauten Zelt sprachen Seelsorger mit Zeugen der Tat, die unter Schock standen.
Am Himmel kreiste ein Polizeihubschrauber. Die Polizei hatte den gesamten Park abgesperrt und suchte mit Wärmebildkameras aus der Luft nach dem Täter, den Zeugen als jungen Mann beschrieben. Aber vergeblich, er entkommt in der Dunkelheit.
Verdächtiger ist der Polizei bekannt und soll Islamist sein
Schnell kann das Landeskriminalamt einen Verdächtigen identifizieren: Der 21-jährige Abdul B. ist nach Angaben des Bundesinnenministeriums in der Vergangenheit durch ein „hohes Maß an Straftaten“ auffällig geworden. Er wird der islamistischen Szene zugerechnet. Die Vielzahl der Straftaten und seine Radikalisierung hätten zuletzt zu einer Bewährungsstrafe geführt, gegen die die Staatsanwaltschaft Beschwerde eingelegt habe, sagte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU).
Noch in der Tatnacht stürmt ein Spezialeinsatzkommando (SEK) eine Wohnung in Berlin-Schöneberg. Es gibt allerdings keine Festnahme. „Es war niemand da“, sagt Polizeisprecher Florian Nath. Am Sonntag leitet die Polizei eine Öffentlichkeitsfahndung ein und stellt ein Foto des mutmaßlichen Täters ins Internet: Ein großer, junger Mann mit schwarzen Locken und einem dünnen Bart ist darauf zu sehen.
„Es war mutmaßlich ein islamistischer Terroranschlag auf die Art und Weise unseres Zusammenlebens, auf unsere liberale Demokratie, auf unsere Offenheit und unsere Freiheit“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) am Sonntag wenige Meter vom Tatort entfernt. Solche Angriffe müssten aufhören. Am Sonntagnachmittag war ein Trauergottesdienst in der Marienkirche geplant.
Angriff am Rande des CSD
Noch in der Nacht rätseln viele Beobachter vor Ort, wie der Täter mit seinem Auto in den abgesperrten Park kommen konnte. Vor den vielen Eingängen hatte die Polizei im Vorfeld zahlreiche schwere Poller aufgestellt. Irgendwo muss der Mann eine Lücke gefunden haben. Auch Polizeisprecher Nath sagt: „Wir fragen uns die ganze Zeit, wie der da durchgekommen ist.“
„Die Strecke des CSD wurde nicht getroffen. Dort ist der Täter nicht drauf gekommen. Weil die Polizei, die Sicherheitsbehörden, diesen Christopher Street Day abgesichert haben“, sagte der Regierende Bürgermeister Wegner. „Aber rund 400 Meter daneben sind immer noch Besucherinnen und Besucher, viele Menschen, die die Veranstaltung verlassen haben oder wieder hingehen wollten.“ Später am Sonntag wollte die Polizei bei einer Pressekonferenz über den Stand der Ermittlungen informieren. Auch die Fragen nach dem Sicherheitskonzept beim CSD und den Vorkenntnissen über den Verdächtigen werden eine Rolle spielen.
Bundespräsident: Angriff auf unsere Art zu leben
Zahlreiche Politiker zeigten sich sehr betroffen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) lässt sich in eine Lagebesprechung des Innenministeriums zuschalten. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagt: „Diese Tat ist ein Angriff auf unsere offene Gesellschaft, auf unsere Art zu leben und zusammenzuleben.“
Am Nachmittag trauerten und demonstrierten Hunderte Menschen gemeinsam vor dem Brandenburger Tor. „Gestern war ein Angriff auf uns alle, auf alle unsere Eventitäten, auf unsere Existenzen, auf unsere Gemeinschaft und unsere Demokratie. Und wir lassen uns davon nicht unterkriegen“, hieß es in einem der Redebeiträge auf einer Bühne. Menschen legten Blumen nieder, zündeten Kerzen an und lagen sich in den Armen, andere hielten Regenbogenflaggen und Plakate und Banner hoch, darauf stand etwa „Hass ist tödlich“ oder „Ein Angriff auf eine ist ein Angriff auf uns alle“.
Mann mit Tränen in den Augen: „Da spürt man den Hass“
Während Polizisten am Vormittag nach der Tat noch das Unterholz in der Umgebung des Tatorts durchkämmen, stehen immer wieder Menschen aufgewühlt an den rot-weißen Flatterbändern der Absperrung. Oft kommen ihnen die Tränen, während sie sprechen. Auf einem großen Plakat auf dem Boden schreiben Menschen mit Stiften ihre Gefühle auf.
Ein Radfahrer hält und schaut zu dem Ort zwischen den Bäumen, an dem das demolierte Auto steht. „Bitte nicht ansprechen“, sagt er. Auch er hat sofort Tränen in den Augen. „Da spürt man wieder den ganzen Hass der islamistischen Welt auf den Westen.“ Ein anderer Mann sagt: „Plötzlich ist das wieder ganz nah“, er meint die Erinnerung an den islamistischen Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt von fast zehn Jahren.
„Wir dürfen uns den Mut nicht nehmen lassen“
Ein weiterer Passant sagt, das Schlimme sei, dass die AfD jetzt wieder dazu gewinne. Eine Berlinerin, die nicht weit entfernt wohnt, spricht nur von „Wut“. „Und das wird nicht das letzte Mal sein leider“, sagt sie.
Der Vorsitzende eines queeren Chores sagt, die Mitglieder wollten gemeinsam am Nachmittag zur Trauerfeier gehen. Und sonst gelte: „Jetzt erst recht. Man darf sich nicht einschüchtern lassen. Sonst erreichen diese Menschen ihr Ziel. Wir dürfen uns nicht den Mut nehmen lassen.“ Immer mehr Blumen stehen und liegen vor den Bäumen. Auf einem kleinen Plakat steht: „Liebe siegt.“ (dpa/mig) Leitartikel Panorama
Wir informieren täglich über das Wichtigste zu Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Unterstüzte diese Arbeit und verpasse nichts mehr: Werde jetzt Mitglied.
MiGGLIED WERDEN- Doppelmoral Das Kind darf zu Spahn. Die Mutter vermutlich nicht.
- Forscherin „Es gibt keinen Raum, in dem es keinen Rassismus gibt.“
- Baden-Württemberg Die Mär von der Protestwahl
- „Blindflug“ Dobrindt stoppt unabhängige Asylberatung
- Ilmenau-Urteil Schüsse auf Ausländer, Nazi-Codes, kein Rassismus:…
- Münchner Sicherheitskonferenz Applaus für Kolonialismus und Verachtung

