
Babybusiness
Leihschwangerschaft: Forscher kritisiert deutsche Doppelmoral
USA für Reiche, Georgien und Ukraine für Arme - obwohl Leihmutterschaften in Deutschland verboten sind, können Wunscheltern Angebote im Ausland nutzen. Das ethische Problem werde ins Ausland verlagert, erklärt Soziologe Stefan Sell. Von diesem System profitierten Agenturen.
Von Karsten Packeiser Montag, 27.07.2026, 18:33 Uhr|zuletzt aktualisiert: Freitag, 24.07.2026, 7:52 Uhr Lesedauer: 2 Minuten |
Der Koblenzer Sozialwissenschaftler Stefan Sell sieht beim Geschäft mit Leihschwangerschaften ähnliche Mechanismen wie in anderen ethisch fragwürdigen Bereichen der globalen Wirtschaft. In Ländern wie Deutschland herrsche eine Doppelmoral vor, sagte er dem „Evangelischen Pressedienst“. Die sehr restriktive Gesetzeslage im Inland sei leicht im Ausland zu umgehen. Der Wissenschaftler zog Parallelen zu ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen beispielsweise in der Textilherstellung. Die Zustände in den Herkunftsstaaten wären „im eigenen Vorgarten“ völlig inakzeptabel, würden bei Billigimporten aus Asien aber hingenommen.
„Vom Ergebnis her ist es eigentlich egal, ob es hier verboten ist, wenn die Möglichkeit besteht, den Kaufakt im Ausland hier zu legalisieren“, sagte Sell, der an der Hochschule Koblenz die Professur für Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialwissenschaften innehat. Der derzeitige rechtliche Status quo in der Bundesrepublik sei gleichermaßen akzeptabel für die Politik, reiche Wunscheltern und vor allem für die kommerziellen Vermittler, die besonders davon profitierten: „Man muss den Weg über die Agenturen gehen, um zum Ziel zu kommen.“
Dies bedeute aber keineswegs, dass eine Legalisierung von Leihschwangerschaften erstrebenswert sei. Zum einen habe es in einstigen Zielländern ausländischer Auftraggeber wie Indien oder Thailand nach gesellschaftlichen Debatten bereits ein Umdenken gegeben: „Sehr viele Hotspots des Leihmutter-Unwesens sind weggebrochen“, sagte Sell. Zum anderen würde es selbst im hypothetischen Fall einer Freigabe in Deutschland keine nennenswerten Fallzahlen geben. Aufgrund der erwartbar hohen Auflagen und der höheren Honorare für die Frauen wären die Kosten einer Leihmutter in Deutschland mit denen in den USA vergleichbar.
Georgien und Ukraine günstiger
Der weltweite Markt für Leihschwangerschaften spalte sich derzeit in zwei Segmente auf, berichtete der Sozialwissenschaftler. Die Vereinigten Staaten, maßgeblich der Bundesstaat Kalifornien, seien das bevorzugte Ziel für extrem wohlhabende Eltern. Agenturen könnten dank medizinischer Spitzenversorgung in privaten Kliniken, ausgefeilter juristischer Begleitung und Vorzugsbehandlung durch die diplomatischen Vertretungen Verträge mit Erfolgsgarantie anbieten. Für ein von einer Leihmutter ausgetragenes Wunschkind fielen dort jedoch Kosten von 100.000 bis 200.000 Euro an. Daneben gebe es eine gewisse Anzahl von „Ländern der Peripherie“ für weniger betuchte Kunden, für Deutsche seien aktuell insbesondere Georgien und trotz des Krieges auch die Ukraine von Bedeutung.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte um den Rücktritt des Unions-Bundestagsfraktionschefs Jens Spahn appellierte Sell, die zahlenmäßige Bedeutung von Leihschwangerschaften nicht zu überschätzen. Sie machten tatsächlich nur einen sehr kleinen Anteil am großen Markt für Kinderwunschbehandlungen aus. Das Gros kinderloser Paare versuche nach wie vor, auf anderem Weg zum eigenen Nachwuchs zu gelangen. (dpa/mig) Aktuell Panorama
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