
Atlantikroute
Papst besucht „Kai der Schande“ und mahnt Menschenwürde an
Papst Leo XIV. besucht auf Gran Canaria den früheren Krisenhafen Arguineguín und trifft Geflüchtete, die die Atlantikroute überlebt haben. Mit einem Kranz im Meer erinnert er an Tausende Tote und mahnt Menschenwürde an.
Von Robert Messer und Emilio Rappold Mittwoch, 10.06.2026, 12:10 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 10.06.2026, 12:10 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
Wenn Papst Leo XIV. ab Donnerstag zum Ende seines Spanien-Besuchs auf den Kanaren den 19-jährigen Mohammed Sellow Jallow aus Gambia und weitere Migranten trifft, wird er nicht mehr die dichten Ansammlungen von Booten sehen, die vor kurzem in alarmierender Regelmäßigkeit vor den Küsten der Atlantik-Inseln ankamen – keine überfüllten Molen, keine improvisierten Lager aus Holz und Planen direkt am Hafen.
Die Zahl der Migranten, die von der westafrikanischen Küste aus über die Atlantikroute auf die Kanaren gelangten, ist 2025 im Vergleich zum Vorjahr um fast 80 Prozent gesunken. Diese Tendenz setzt sich auch im laufenden Jahr fort. Dennoch prägte die als eine der tödlichsten Fluchtrouten der Welt bekannte Strecke die Inseln zwischen 2020 und 2024 nachhaltig.
Auf dem Höhepunkt der Krise kamen erst 2024 binnen eines Jahres fast 50.000 Menschen auf den Kanaren an. Bei der Bevölkerung machte sich Unmut breit, von einer „unhaltbaren“ Lage und einer „Invasion“ war die Rede.
Papst besucht damaligen Hotspot der Krise
Symbol der humanitären Notlage wurde der Hafen von Arguineguín auf Gran Canaria – der sogenannte „Muelle de la Vergüenza“, der „Kai der Schande“. Dort harrten im August 2020 zeitweise fast 3.000 Menschen unter prekären Bedingungen aus, obwohl der Bereich nur für etwa 500 Personen ausgelegt war. Sie schliefen auf Beton, die hygienischen Verhältnisse waren entsetzlich.
Genau diesen Hafen wird der Papst, dem das Schicksal von Migranten am Herzen liegt, am Donnerstag besuchen. Dort will der Pontifex mit Vertretern von Aufnahmeeinrichtungen auf Gran Canaria zusammentreffen. Er trifft aber auch mehrere Migranten, die einst in sogenannten Cayucos, also oft kaum für den rauen Atlantik geeigneten, überfüllten Holzbooten, auf den Kanarischen Inseln ankamen.
Aus erster Hand will Leo von den Migranten hören, was ihnen widerfahren ist. Während seines Besuchs des Hafens von Arguineguín werden sie zu Wort kommen. Anschließend will der Papst zum Gedenken an die Tausenden Todesopfer der gefährlichen Atlantikroute einen Blumenkranz im Meer niederlegen und ein Kreuz aus Holzresten eines gestrandeten Bootes segnen.
Auch nach der Überfahrt bleibt die Unsicherheit
Für viele Menschen, die die gefährliche Überfahrt über das Meer zwar überlebt haben, endet die Unsicherheit allerdings nicht mit der Ankunft an Land. Das zeigt auch die Geschichte von Sellow Jallow. Er erreichte 2023 als Minderjähriger nach einer mehrtägigen Überfahrt in einem Cayuco Teneriffa. Der Übergang ins Erwachsenenalter brachte ihn erneut in eine prekäre Lage. „Mit 18 war ich plötzlich auf der Straße“, erzählte er dem TV-Sender RTVE.
Seine Geschichte ist kein Einzelfall. Viele junge Geflüchtete fallen nach dem Erreichen der Volljährigkeit aus dem Betreuungssystem und müssen sich im Behördenalltag zurechtfinden. Verschiedene Einrichtungen versuchen, diese Lücke aufzufangen. Inzwischen lebt Sellow Jallow in einer Caritas-Einrichtung, hat seine Aufenthaltspapiere erneuert und hofft auf einen Ausbildungsplatz.
Migranten nicht „schlechter als Tiere“ behandeln
Auf Leos erster Reise in ein EU-Land außerhalb Italiens richtet er seinen Blick auch auf das Thema Migration. Kaum eine Möglichkeit ließ der erste US-Amerikaner auf dem Stuhl Petri bisher aus, um an das Schicksal von Migranten zu erinnern. „In jedem Fall handelt es sich um Menschen, und wir müssen Menschen menschlich behandeln – nicht schlechter als Tiere“, sagte Leo angesprochen auf das Thema am Ende seiner jüngsten Afrika-Reise.
Ein Land könne zwar sagen, dass es nicht mehr als eine bestimmte Anzahl an Menschen aufnehmen könne, Migration dürfe auch nicht „ohne Ordnung“ ablaufen, „aber wenn die Menschen ankommen, sind es Menschen, und sie verdienen den Respekt, der jedem Menschen aufgrund seiner Würde zusteht“.
Mit seiner deutlichen Kritik an der unmenschlichen Behandlung von Geflüchteten ließ Leo auch in seinem Heimatland aufhorchen und zog auch schon den Zorn von US-Präsident Donald Trump auf sich. Auf dem Höhepunkt der öffentlichen Entrüstung über das brutale Vorgehen der Einwanderungsbehörde ICE vergangenes Jahr kritisierte er den Umgang mit Migranten in den USA.
In der Migrationsfrage positioniert sich Leo in der Tradition seines vor mehr als einem Jahr verstorbenen Vorgängers Franziskus. Dieser rückte auch immer wieder das Schicksal von Migranten in den Fokus. Franziskus äußerte zu Lebzeiten noch, auf die Kanaren reisen zu wollen. Dies holt Leo nun mit seiner Reise nach.
In knapp einem Monat Besuch auf Lampedusa
Auf den Kanarischen Inseln verbringt der Papst gerade einmal gut 24 Stunden, dennoch wird sein Besuch als starkes Zeichen gesehen, das Flüchtlingsdrama auf den Kanaren sichtbar zu machen. Nach seinem Besuch auf Gran Canaria am Donnerstag geht es für Leo am Freitag weiter nach Teneriffa. Dort besucht er die Aufnahmeeinrichtung für Migranten Las Raíces, wo er Flüchtlinge trifft.
Später will er sich auf dem zentralen Platz Plaza del Cristo erneut von Migranten – zwei Männern aus dem Senegal und Marokko sowie einer Frau aus Kolumbien – von ihren Erfahrungen berichten lassen. Nach einer großen Messe geht es für Leo am Nachmittag auch schon wieder zurück in den Vatikan.
Das Thema wird Leo aber nicht loslassen. In knapp einem Monat will er die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa besuchen. Die kleine Insel südlich von Sizilien ist seit vielen Jahren eines der Zentren der Fluchtbewegung von Nordafrika übers zentrale Mittelmeer nach Europa. Die Bilder von ramponierten Migrantenbooten an der dortigen Mole und dem hoffnungslos überfüllten Flüchtlingslager sorgten in der Vergangenheit auch schon für Schlagzeilen. (dpa/mig) Aktuell Panorama
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