Sven Bensmann, Migazin, Kolumne, Bensmann, Sven
MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, Zeichnung MiG

Nebenan

Merzel muss weg?

Die Union hätte gern ein Merz-Problem. In Wahrheit ist sie viel größer. Denn würde er hingeschmissen werden, wären Söder und Spahn die Alternativen. Und niemand will Merz vermissen – niemand!

Von Montag, 01.06.2026, 10:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 01.06.2026, 8:52 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Eigentlich ist es ja eine geradezu uralte Erkenntnis. Schon in den Neunzigern des letzten Jahrhunderts – das Internet war noch Neuland, es gab keine Smartphones und die FDP war eine politische Partei – wusste Deutschland: der kann es nicht. Und auch wenn er danach noch mehrere Anläufe nahm: ohne die globalen Verdummungsprozesse der Social Media, die zwischenzeitlich Donald Trump ins Amt schwemmten, musste sich Friedrich Merz eins ums andere Mal geschlagen geben. Erst im Zeitalter von TikTok, YouTube-Shorts und 5-Sekunden-Aufmerksamkeitsspannen war die Zeit gekommen für diesen Friedrich Merz.

Aber auch dieses Mal hat es nicht lange gebraucht, bis selbst die CDU wieder zu der Erkenntnis gelangte: Nee, er kann’s halt echt nicht.

___STEADY_PAYWALL___

Und so begab es sich, dass zwar der führende europäische Rechtsaußen-Kollaborateur Manfred Weber, der seine EVP für eine produktive Zusammenarbeit mit den Rechtsextremen des Parlaments geöffnet hat, um nicht mehr mit den ihm widerlichen Mitte-Parteien koalieren zu müssen, seinen nationalen Parteivorsitzenden Markus Söder über die Presse frontal angriff – und dennoch das Gerücht, Wüst könnte Merz in Kürze, und zwar innerhalb der laufenden Legislaturperiode, ablösen, die Diskussionen bestimmte.

„Merz kann es einfach nicht. Merz müsste weg… Wer bleibt dann eigentlich übrig?“

Dass der ein Auge darauf haben mag, Merz dereinst nachzufolgen, mag stimmen. Aber er wäre wohl rein logistisch derzeit nicht in der Lage zu übernehmen, weil in weniger als einem Jahr schon Wahlen in NRW anstehen. Dennoch vermochte diese simple Wahrheit es nicht, die Gerüchte zu entkräften. Ganz im Gegenteil: Die Panik, mit der die Union auf die Berichterstattung reagierte, gab ihr eine überzeugende Wirkung. Die Union scheint trotz des eklatanten Fehlens einer Alternative in weiten Teilen der Erkenntnis zuzustimmen: Merz kann es einfach nicht. Merz müsste weg. Wüst müsste übernehmen.

Wenn aber Hendrik Wüst gerade in NRW gebunden ist und sonst wohl nur Daniel Günther glaubwürdig die politische Zukunft diesseits der AfD repräsentiert, dieser aber im Bund schlicht und einfach nicht über eine entsprechende Machtbasis verfügt, wer bleibt dann eigentlich übrig?

Nun. Die fetischhaft-fleischfressende bayrische Blitzbirne Söder hat den Kanzlerposten noch nicht aufgegeben und würde wohl auch die nächste Gelegenheit wieder nutzen wollen, um sein eigenes Ego in den Vordergrund zu drängen. Und Jens Spahn rechnet sich in stillen Momenten vermutlich auch schon einmal aus, wie viele Masken oder andere Waren er als Bundeskanzler wohl seinen Freunden abkaufen könnte.

Kompetenz, soviel ist mittlerweile schließlich klar, wäre jedenfalls für die CDU/CSU nicht entscheidend.

Und vielleicht ist das Merz‘ eigentliche Stärke. So unfähig er auch ist – spätestens beim Nachdenken über die möglichen Alternativen, stellen sich jedem außerhalb der AfD und ihrer Sympathisanten die Nackenhaare auf.

„Der zivilisatorische Niedergang der Union ist so eklatant, wir könnten selbst Merz vermissen.“

Schon im Anschluss an die Merkel-Kanzlerschaft gab es den ein oder anderen, der drohte, dass wir diese Frau dereinst sehr vermissen könnten. Merz hat erreicht, dass diese Drohung Wahrheit erhielt. Und doch könnte auch dies stimmen: Der zivilisatorische Niedergang der Union ist so eklatant, wir könnten selbst Merz vermissen, wenn wir erst einmal mit einem Kanzler Spahn oder Söder konfrontiert wären.

Wie stellte schon der Dichter fest: Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht.

Gute Nacht, Deutschland. (mig) Meinung

Zurück zur Startseite
MiGLETTER (mehr Informationen)

Verpasse nichts mehr. Bestelle jetzt den kostenlosen MiGAZIN-Newsletter:

UNTERSTÜTZE MiGAZIN! (mehr Informationen)

Wir informieren täglich über das Wichtigste zu Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Unterstüzte diese Arbeit und verpasse nichts mehr: Werde jetzt Mitglied.

MiGGLIED WERDEN
Auch interessant
MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)