
Zwei Jahre nach Solingen
Betroffene kämpfen weiter um Anerkennung und Aufklärung
Zwei Jahre nach dem tödlichen Brandanschlag in Solingen kämpfen Betroffene noch immer gegen offene Fragen, Behördenhürden und ausbleibende Anerkennung. Mit einer Kundgebung wollen sie am 25. März Erinnerung, Aufklärung, Gerechtigkeit und Konsequenzen fordern.
Montag, 23.03.2026, 13:08 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 23.03.2026, 13:08 Uhr Lesedauer: 5 Minuten |
Zwei Jahre nach dem Brandanschlag auf ein Mehrfamilienhaus in Solingen rufen Überlebende, Angehörige und Unterstützende für den 25. März zu einer Demonstration und Gedenkkundgebung auf. Unter dem Motto „Adalet – Gerechtigkeit“ soll zunächst ab 17:00 Uhr am Neumarkt demonstriert werden. Anschließend ist für 17:30 Uhr eine Kundgebung vor dem Haus an der Grünewalder Straße 69 geplant. Die Initiative „Adalet – Solingen“ bittet darum, keine Nationalfahnen oder -symbole mitzubringen.
Der Jahrestag erinnert an eine Tat, die weit über Solingen hinaus Entsetzen ausgelöst hatte. Beim Brandanschlag am 25. März 2024 starben vier Menschen aus einer türkeistämmig-muslimischen Familie aus Bulgarien: Die Eheleute İsmail und Kıymet sowie ihre beiden Kinder Elis und Gizem. Acht weitere Menschen wurden verletzt, einige von ihnen schwer. Der Täter wurde im Sommer 2025 vom Landgericht Wuppertal wegen Mordes und versuchten Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht stellte zudem die besondere Schwere der Schuld fest und ordnete Sicherungsverwahrung an.
Ermittlungen unter politischem Druck?
Eine rechtsextreme Motivation der Tat erkannte das Gericht nicht an. Dabei ist Beobachtern zufolge die Indizienlage erdrückend. Bei dem Verurteilten wurden zahlreiches rechtsextremes Material sowie weitere Hinweise auf eine mögliche rechte Gesinnung gefunden. Das Gericht entschied jedoch, das Material sei nicht eindeutig dem Täter zuzuordnen, die Indizien nicht ausreichend. Für Empörung und Aufregung sorgte zudem, dass Hinweise auf mögliche rechtsextreme Hintergründe in den Prozess erst auf Initiative der Nebenkläger eingebracht wurden und nicht durch die Polizei.
In Opferkreisen wird spekuliert, dass die Ermittlungen unter politischem Druck standen. Die Polizei hatte kurz nach der Tat einen rechtsextremen Hintergrund ausgeschlossen. Die Stadt Solingen und das Land hätten mit allen Mitteln versucht, ein „Solingen 2.0“ – eine Anspielung auf den rechtsextrem motivierten Brandanschlag auf ein Wohnhaus im Jahr 1993 – zu verhindern. Damals wurden fünf Mitglieder der türkischstämmigen Familie Genç ermordet. Dieser Anschlag gilt als eines der dramatischsten und prägendsten Ereignisse im Nachkriegsdeutschland.
„Das fühlt sich an wie ein zweiter Anschlag.“
Ein Überlebender des Brandanschlags aus 2024 erklärt das so: „Für uns sprechen viele Hinweise eine klare Sprache. Doch bis heute wurde das rassistische Motiv nicht rechtlich benannt. Das fühlt sich an wie ein zweiter Anschlag. Wir kämpfen nicht nur mit dem Verlust, sondern auch mit dem Gefühl, dass die ganze Wahrheit nicht gesehen werden will.“
Für viele Betroffene ist der Fall damit daher nicht beendet. Darauf weist die Opferberatung Rheinland hin, die Überlebende und Angehörige begleitet. Nach ihren Angaben kämpfen Betroffene zudem bis heute mit körperlichen und psychischen Folgen, mit finanziellen Unsicherheiten und mit langwierigen Entschädigungsverfahren.
Betroffene beklagen Probleme mit Behörden
Besonders deutlich wird das bei den Menschen, die sich in der Brandnacht nur durch einen Sprung aus dem dritten Stock retten konnten. Zwar sei für einige von ihnen teilweise wieder Alltag eingekehrt. Doch die Folgen der Tat seien weiterhin präsent. Auch die Hinterbliebenen der getöteten Familie, die in Bulgarien leben, seien noch immer mit Verlust, Trauer und bürokratischen Belastungen konfrontiert.
„Viele Betroffene wünschen sich vor allem, zur Ruhe zu kommen und das Erlebte verarbeiten zu können. Stattdessen sind sie weiterhin mit komplizierten Verfahren, finanziellen Sorgen und Behördenproblemen konfrontiert“, sagt Jan-Robert Hildebrandt von der Opferberatung Rheinland.
Entschädigungsverfahren ziehen sich hin
Nach Angaben der Beratungsstelle ziehen sich die Entschädigungsverfahren bis heute hin. Gerade für die Hinterbliebenen in Bulgarien seien Anerkennungshürden und bürokratische Anforderungen eine zusätzliche Last. Hinzu kommen praktische Fragen, die aus Sicht der Betroffenen bis heute ungeklärt sind. So befänden sich persönliche Gegenstände der getöteten Familie noch immer bei Ermittlungsbehörden beziehungsweise der Staatsanwaltschaft. Eine schriftliche Anfrage der Hinterbliebenen auf Rückgabe sei bislang unbeantwortet geblieben.
Der zweite Jahrestag ist deshalb für viele Beteiligte nicht nur ein Moment des Erinnerns. Er ist auch ein öffentlicher Appell. Betroffene setzen sich nach Angaben der Opferberatung weiter für ein würdiges Gedenken ein und kritisieren zugleich, dass ihre Perspektiven politisch bislang nur unzureichend aufgegriffen würden.
Opfer fordern Aufklärung per Petition
Das zeigt sich auch im Umgang mit ihrer Petition. Gemeinsam mit der Opferberatung Rheinland hatten Betroffene rund um den Jahrestag eine persönliche Übergabe im nordrhein-westfälischen Innenministerium angeregt. Hintergrund war auch die Anreise der Hinterbliebenen aus Bulgarien, die bei einer Übergabe selbst anwesend sein wollten. Der vorgeschlagene Termin wurde jedoch abgelehnt, ein Alternativvorschlag lag nach Angaben der Beteiligten zunächst nicht vor.
Mit der Petition fordern Betroffene und Unterstützende weiter „Aufklärung, Anerkennung und Konsequenzen“ und wenden sich gegen einen Schlussstrich im Fall des Solinger Brandanschlags. Damit rücken sie auch die Frage in den Mittelpunkt, die den Fall seit der ersten Stunde begleitet: Wurde ein mögliches rassistisches Motiv konsequent genug untersucht?
Opfer rechter Gewalt sollen sprechen
Genau an diesem Punkt knüpft auch die Initiative „Adalet – Solingen“ an. In ihrem Aufruf zum Gedenktag heißt es, zahlreiche bundesweit angereiste Betroffene und Überlebende rechter Gewalt würden in Solingen sprechen. Die Veranstalter verweisen auf die Perspektive der Hinterbliebenen und auf das Gefühl, mit ihren Fragen bis heute nicht wirklich gehört zu werden.
„Wir haben nicht nur vier Menschen verloren. Wir haben eine ganze Zukunft verloren“, sagt eine Angehörige der Familie. „Elis und Gizem hätten lachen, lernen, wachsen sollen. İsmail und Kıymet wollten ihren Kindern ein sicheres Leben ermöglichen. Stattdessen wurden sie in ihrem Zuhause ermordet.“ (mig) Aktuell Panorama
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