
Beruf und Sprache
Ich kenne die Sache, aber nicht das Wort
Studium, Berufspraxis und Fachkenntnisse sind vorhanden. Trotzdem kämpft eine ukrainische Auszubildende mit der Sprache deutscher Prüfungen. Sie fordert verständlichere Fragen, damit das Können bewertet wird.
Von Anna Kotsur Donnerstag, 05.11.2026, 14:45 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 05.11.2026, 14:45 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
Die duale Ausbildung ist für mich einer der besten Wege, Beruf und Sprache zusammen zu lernen. Ich bin Anna Kotsur, komme aus der Ukraine und bin im dritten Jahr meiner Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement. Ich möchte zeigen, wo Erwachsene mit Berufserfahrung ins Stolpern kommen können. Meistens ist es nicht der Beruf. Meistens ist es die Sprache der Aufgaben.
Ich habe in der Ukraine Management studiert, mit den Schwerpunkten Marketing und Wirtschaft. Außerdem habe ich viele Jahre im Marketing und mit Websites gearbeitet. In Deutschland wurde nur mein Schulabschluss anerkannt. Ich wusste: Mit meinem Deutsch und ohne deutschen Abschluss ist eine Vollzeitstelle im Büro kaum zu bekommen. Deshalb habe ich mich für die Ausbildung entschieden. Vieles im Beruf kenne ich aus der Praxis. Neu sind für mich die Sprache und die Art, wie man in Deutschland lernt.
Was ich am dualen System so gut finde: Ich brauche das Gelernte schnell. Was ich in der Berufsschule höre, kann ich oft schon am nächsten Tag im Betrieb anwenden. Dann bleibt das Wort im Kopf. Im Büro sprechen meine Kolleginnen Hochdeutsch und benutzen genau die Fachwörter aus der Schule. Ich höre jeden Tag richtig gebaute Sätze. Ich glaube, das Umfeld spielt eine große Rolle. Wer jeden Tag mit Menschen spricht, die gut Hochdeutsch sprechen, lernt schneller.
„Eine Berufsprüfung soll zeigen, was ich im Beruf kann.“
Die Schwierigkeit liegt woanders. Im Deutschkurs habe ich auf B1 und B2 bestimmte Verben gelernt. In den Aufgaben der Berufsschule stehen oft Wörter, die für mich auf C1-Niveau liegen. Sie bedeuten fast dasselbe, aber ich kenne sie nicht. Ein Beispiel: Im Kurs habe ich „berechnen“ gelernt. In einer Buchhaltungsaufgabe stand „Ermitteln Sie“. Das Thema kannte ich. Trotzdem war ich nicht sicher, was ich tun soll. In der Buchhaltung ist das heikel, denn von der Antwort hängt ab, welches Konto ich nehme und welche Buchung stimmt. Ähnlich geht es mir mit „Erträge“ und „Erlöse“. Bei beiden kommt Geld herein, aber das zweite Wort war neu für mich. Ich kenne die Sache, aber nicht das Wort.
Das zweite Problem ist die Form der Fragen. In meinen Prüfungen ist eine Frage oft ein langer Satz mit vielen Kommas und Konnektoren. Das Wichtigste steht in der Mitte oder am Ende. Ich lese solche Fragen drei- oder viermal, bevor ich anfangen kann. Meine Lehrerin liest manche Fragen auch zweimal. Diese Zeit fehlt mir am Ende der Prüfung. In einer Deutschprüfung finde ich das richtig. Eine Berufsprüfung soll zeigen, was ich im Beruf kann.
Das dritte Problem ist die Begründung. In der Vorbereitung auf die Prüfung machen wir im praktischen Teil Tabellen in Excel. Am Ende steht oft eine kurze Begründung. Die Tabelle schaffe ich. Aber wenn ich nervös bin, kann ich den Satz manchmal nicht einmal im Kopf bilden.
„Sie sagt die Frage noch einmal mit einfacheren Worten. Dann verstehe ich.“
Was mir sehr hilft: Meine Lehrerin ist offen. Ich darf sie auch in einer Klassenarbeit fragen, ob ich einen Satz richtig verstanden habe. Die Lösung sagt sie mir nicht. Sie sagt die Frage noch einmal mit einfacheren Worten, ungefähr auf B2-Niveau. Dann verstehe ich die Aufgabe und löse sie selbst. Wie das bei anderen Lehrkräften ist, weiß ich nicht.
Aus diesen Erfahrungen habe ich drei Vorschläge. Keiner davon macht die Prüfung leichter.
Erstens: Eine Frage bei Bedarf noch einmal in einfacheren Worten sagen. Die Aufgabe bleibt gleich schwer, nur die Frage wird klarer.
Zweitens: Die typischen Aufgabenwörter einmal gemeinsam besprechen, zum Beispiel „ermitteln“, „erläutern“, „begründen“ und „beurteilen“. Ich kenne die Sache oft schon, nur das Wort nicht. Schon wenig Zeit dafür kann später viel Unsicherheit sparen.
„Wenn jemand langsam spricht, heißt das nicht, dass er das Thema nicht versteht.“
Drittens: Begründungen und Aufgaben im Prüfungsformat öfter im Unterricht üben, in Ruhe und mit mehreren Beispielen. Ich schreibe meine Begründungen mit der Hand in ein Heft, so habe ich es in der Schule gelernt. Je mehr ich schreibe, desto schneller kommen die Sätze in der Prüfung. Wenn ich nicht sicher bin, dass ich allein gut vorbereitet bin, besuche ich zusätzliche Kurse, zum Beispiel bei der IHK oder bei Lehrkräften, die diese Prüfungen kennen. Für mich ist schon das Format eine Hürde. Das lässt sich üben.
Der Beruf bleibt gleich anspruchsvoll, die Buchung bleibt richtig oder falsch. Nur die Sprache der Frage wird klarer. Und noch etwas: Wenn jemand langsam spricht, heißt das nicht, dass er das Thema nicht versteht. Viele Erwachsene bringen Berufserfahrung mit.
Ich bin sicher, dass die duale Ausbildung ein guter Weg bleibt. Mit klareren Aufgaben fällt er vielen noch leichter. Das ist meine Erfahrung. Bei anderen kann es anders sein. Meinung
Wir informieren täglich über das Wichtigste zu Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Unterstüzte diese Arbeit und verpasse nichts mehr: Werde jetzt Mitglied.
MiGGLIED WERDEN- Deutsche Tochter Mutter soll 24.508 Euro Kindergeld zurückzahlen
- Warnung aus Kabul 6,3 Millionen kehren zurück – Afghanistan am Limit
- Sachsen-Monitor Jeder Zweite möchte Sonderrechte für „echte Deutsche“
- Keine Abschiebung, keine Einreise Zwei Frauen seit Monaten im Flughafentransit festgehalten
- Rassistisch und islamfeindlich So begründen Richter die Beobachtung der AfD Niedersachsen
- Kinostart Schonungslos: „Block 10“ zeigt das Grauen der NS-Medizin

