
Ausländische Arbeitskräfte
Ohne Zuwanderung gerät Deutschlands Exportmotor ins Stocken
Deutschland lebt vom Export. Doch während Autos und Maschinen weltweit gefragt sind, wird im Inland eine andere Ressource zunehmend knapp: Arbeitskräfte. Schon heute sichern Beschäftigte aus dem Ausland das Wachstum am Arbeitsmarkt.
Donnerstag, 08.10.2026, 0:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Freitag, 09.10.2026, 11:25 Uhr Lesedauer: 6 Minuten |
Autos aus Bayern fahren über amerikanische Straßen, Maschinen aus Baden-Württemberg arbeiten in asiatischen Fabriken. Deutschland gehört zu den größten Exportnationen der Welt. Doch hinter den Milliardenumsätzen stehen nicht nur moderne Produktionsanlagen und international erfolgreiche Unternehmen, sondern vor allem Menschen, die diese Waren entwickeln, herstellen und transportieren. Und genau hier zeichnet sich eine Entwicklung ab, die für den Wirtschaftsstandort zunehmend entscheidend wird: Ohne Zuwanderung würde die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte deutlich schneller sinken.
Wie stark sich der deutsche Arbeitsmarkt bereits verändert hat, zeigen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Zwischen 2014 und 2024 ist die Zahl der Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit im erwerbsfähigen Alter um rund 3,9 Millionen zurückgegangen. Gleichzeitig wuchs die entsprechende Zahl ausländischer Staatsangehöriger um etwa 3,4 Millionen. Seit 2024 wird das Beschäftigungswachstum sogar ausschließlich von ausländischen Arbeitskräften getragen.
Für eine Volkswirtschaft, deren Wohlstand in hohem Maße vom Verkauf ihrer Produkte ins Ausland abhängt, ist das mehr als eine arbeitsmarktpolitische Randnotiz. Es geht um die Frage, wer künftig den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands erwirtschaftet.
Deutschlands Exportwirtschaft zwischen Stärke und Unsicherheit
Wie wichtig der internationale Handel für Deutschland bleibt, verdeutlichen die jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Im Juli 2026 exportierten deutsche Unternehmen Waren im Wert von rund 138,2 Milliarden Euro. Das waren zwar 0,8 Prozent weniger als im Vormonat, gegenüber Juli 2025 aber 6,1 Prozent mehr.
Weil die Einfuhren gleichzeitig deutlich stärker zurückgingen, stieg der monatliche Handelsüberschuss auf 21,3 Milliarden Euro. Deutschland verkaufte damit weiterhin erheblich mehr Waren ins Ausland, als es von dort bezog.
Die Vereinigten Staaten blieben im Juli mit deutschen Warenlieferungen im Wert von 14,4 Milliarden Euro der größte einzelne Absatzmarkt außerhalb der Europäischen Union. Die Ausfuhren nach China gingen dagegen gegenüber dem Vormonat um 9,5 Prozent auf 5,6 Milliarden Euro zurück.
Solche Schwankungen zeigen, wie abhängig die deutsche Wirtschaft von internationalen Entwicklungen ist. Handelspolitische Spannungen, Energiepreise und Veränderungen der weltweiten Nachfrage können sich unmittelbar auf die Unternehmen auswirken.
Bundesbankpräsident Joachim Nagel verwies Anfang September dennoch auf die Widerstandsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Exporte und zusätzliche staatliche Ausgaben stützten die Konjunktur, während sich Unternehmen bei Investitionen weiterhin zurückhielten. Das Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal wurde auf 0,3 Prozent nach oben korrigiert.
Doch selbst eine steigende Nachfrage garantiert noch keine wachsende Produktion. Unternehmen müssen auch genügend Beschäftigte finden, um Aufträge erfüllen zu können.
Zuwanderung gleicht den demografischen Wandel aus
Die alternde Gesellschaft stellt Deutschland vor eine langfristige Herausforderung. Immer mehr Beschäftigte erreichen das Rentenalter, während weniger junge Menschen nachrücken. Ohne Einwanderung würde sich diese Entwicklung noch stärker auf das Arbeitskräfteangebot auswirken.
Nach Berechnungen der Bundesagentur für Arbeit entfielen zwischen Juni 2014 und Juni 2025 rund 69 Prozent des Beschäftigungszuwachses auf Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Davon gingen 43 Prozentpunkte auf Staatsangehörige von Ländern außerhalb des Europäischen Wirtschaftsraums und der Schweiz zurück. Weitere 26 Prozentpunkte entfielen auf Beschäftigte aus diesen europäischen Staaten.
Auch die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten trägt dazu bei. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aus den wichtigsten Herkunftsländern von Geflüchteten hat sich laut Arbeitsagentur innerhalb von fünf Jahren mehr als verdoppelt.
Besonders deutlich wird die Bedeutung der Zuwanderung in Berufen, in denen Arbeitskräfte fehlen. Dort hat sich der Anteil ausländischer Beschäftigter seit 2014 von sieben auf etwa 14 Prozent verdoppelt.
Für Unternehmen bedeutet das: Die Sicherung des Personalbedarfs lässt sich immer weniger allein durch den heimischen Arbeitsmarkt gewährleisten. Das gilt für viele Bereiche der Wirtschaft, von der Industrie über die Logistik bis zu Dienstleistungen, auf die exportierende Unternehmen angewiesen sind.
Dabei ersetzt Zuwanderung weder Investitionen noch eine bessere Ausbildung oder die stärkere Beteiligung bereits hier lebender Menschen am Arbeitsmarkt. Sie ergänzt diese Maßnahmen aber zunehmend.
Warum Arbeitskräfte auch für den Euro wichtig sind
Die Bedeutung der deutschen Exportwirtschaft reicht weit über den heimischen Arbeitsmarkt hinaus. Als größte Volkswirtschaft der Eurozone beeinflusst Deutschland auch die wirtschaftliche Entwicklung des gemeinsamen Währungsraums.
Wenn deutsche Unternehmen Waren in Länder außerhalb der Eurozone verkaufen, können dabei zusätzliche Nachfrage nach Euro und entsprechende Währungsgeschäfte entstehen. Allerdings werden internationale Geschäfte nicht zwangsläufig in Euro abgerechnet. Zudem beeinflussen Kapitalbewegungen, Zinsen und wirtschaftliche Erwartungen den Wechselkurs häufig stärker als einzelne Handelsdaten.
Für Anleger und Akteure im Forex Trading, die etwa über Plattformen wie OANDA das Verhältnis zwischen Euro und US-Dollar beobachten oder handeln, sind die deutschen Exportzahlen deshalb ein wichtiger Teil des wirtschaftlichen Gesamtbildes.
Der Zusammenhang zur Einwanderung ist dabei langfristiger Natur: Wenn Unternehmen wegen fehlender Arbeitskräfte weniger produzieren können, kann das ihre Wettbewerbsfähigkeit und damit auch ihre Exportmöglichkeiten beeinträchtigen. Gelingt es dagegen, den Personalbedarf zu decken, verbessert das die Voraussetzungen für wirtschaftliches Wachstum.
Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen steigender Zuwanderung und einem stärkeren Euro lässt sich daraus allerdings nicht ableiten.
Energiepreise und Zinsen erhöhen den Druck
Neben der Personalsituation belasten hohe Energiekosten die deutsche Wirtschaft. Der Konflikt im Nahen Osten hat die Inflation erneut angeheizt. Die Europäische Zentralbank reagierte im September 2026 mit einer Anhebung ihrer drei Leitzinsen um jeweils 0,25 Prozentpunkte. Der Einlagensatz stieg damit auf 2,50 Prozent.
Höhere Zinsen können den Euro für internationale Anleger attraktiver machen. Zugleich verteuern sie jedoch Kredite für Unternehmen, die beispielsweise neue Produktionsanlagen finanzieren möchten.
Damit treffen mehrere Herausforderungen aufeinander: Die Industrie muss international wettbewerbsfähig bleiben, in neue Technologien investieren, steigende Kosten bewältigen und zugleich ihren Personalbedarf sichern.
Die Einwanderung von Arbeitskräften kann zumindest einen dieser Engpässe abmildern. Sie kann jedoch nicht allein die strukturellen Probleme der deutschen Wirtschaft lösen.
Wirtschaftliche Stärke braucht gesellschaftliche Teilhabe
Aus den Arbeitsmarktzahlen ergibt sich schließlich eine Frage, die über ökonomische Berechnungen hinausgeht: Wie geht eine Gesellschaft mit Menschen um, auf deren Arbeitskraft sie zunehmend angewiesen ist?
Damit aus Zuwanderung langfristige Beschäftigung wird, braucht es mehr als offene Stellen. Berufliche Abschlüsse müssen möglichst zügig anerkannt, Sprachkenntnisse gefördert und Zugänge zum Arbeitsmarkt erleichtert werden. Ebenso wichtig sind faire Arbeitsbedingungen und der Schutz vor Diskriminierung.
Die Bundesagentur für Arbeit sieht in der erfolgreichen Integration bereits einen wesentlichen Grund für die positive Beschäftigungsentwicklung. Gerade in vielen ostdeutschen Regionen wird der Beschäftigungszuwachs inzwischen nahezu vollständig von ausländischen Arbeitskräften getragen.
Die deutsche Exportwirtschaft wird auch künftig von weltweiten Absatzmärkten, Energiepreisen und politischen Entscheidungen abhängig bleiben. Doch eine ihrer wichtigsten Zukunftsfragen entscheidet sich im Inland: ob genügend Menschen hier arbeiten können und unter welchen Bedingungen.
Deutschland braucht Arbeitskräfte, um seinen wirtschaftlichen Erfolg zu sichern. Die Zahlen zeigen, dass Menschen aus dem Ausland längst einen erheblichen Teil dazu beitragen. Zuwanderung ist damit nicht nur eine gesellschaftliche und politische Frage, sondern auch ein wesentlicher Faktor für die wirtschaftliche Zukunft des Landes. (bg) Wirtschaft
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