Björn Klein, MiGAZIN, interkultur, Psychologie, Identität, Rassismus
Björn Klein © Foto: privat, Zeichnung: MiG

Verdeckte Identität

Roma? Juden? Nein, aber ja.

Was bleibt von Identität, wenn sie verborgen werden muss? Wenn Zugehörigkeit da und unsichtbar ist? Eine selten erzählte Perspektive auf Roma- und jüdische Identität - über Tarnung und Assimilation, Antiziganismus und Antisemitismus und transgenerationale Brüche.

Von Mittwoch, 19.08.2026, 11:42 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 19.08.2026, 11:44 Uhr Lesedauer: 20 Minuten  |  

Ich möchte über verdeckte Identität schreiben. Genauer: transgenerational verdeckte Identität. Ich denke: Das Thema wird öffentlich zu wenig besprochen. Obwohl es wahrscheinlich viel mehr Menschen betrifft, als uns bewusst ist.

Was meine ich mit verdeckter Identität? Damit meine ich: Angehörige von „Minderheiten“ verheimlichen ihre ethnisch-kulturelle Herkunft. Sie zeigen sich nicht als Mitglied der „Minderheit“. Nur als Mitglied der „Mehrheitsgesellschaft“. Die Gründe hierfür sind immer gleich. Seit Jahrhunderten. Man will der Gewalt entgehen. Verspottung, Demütigung, Benachteiligung, Unterdrückung, Ausbeutung, Anfeindung, Verfolgung, Vertreibung, Ermordung. Man will leben. Möglichst in Ruhe. Deshalb will man nicht mehr auffallen. Man entscheidet sich, unkenntlich zu sein. Verdeckte Identität ist ein Schutz-Werkzeug. Manche nutzen es vorübergehend, manche ein Leben lang. Manche geben die Unkenntlichkeit an ihre Nachfahren weiter. Mit Absicht oder ohne. Nachfahren, die verdeckte Identität ‚geerbt‘ haben, stehen oft allein. Sie haben keine Lobby. Sie sind nicht „repräsentativ“. Nicht zu „beglaubigen“. Für die „Mehrheitsgesellschaft“ von innen nicht. Denn diese Nachfahren bleiben für die „Mehrheitsgesellschaft“ ungreifbar. Für die „Minderheit“, der sie zugehören, von außen nicht. Denn der Status dieser Nachfahren kann nicht verifiziert werden. Deshalb spricht sich niemand für sie aus. Die „Mehrheitsgesellschaft“ weiß nichts mit ihnen anzufangen. Die „Minderheit“, der sie zugehören, auch nicht. In beiden Gruppen gelten sie als unpassend. Inkompatibel. Sogar anstößig. Der Nachfahre, der verdeckte Identität ‚geerbt‘ hat, sitzt per se zwischen den Stühlen. Er gehört nicht hierhin, nicht dorthin. Für die eine Welt ist er zu „anders“. Für die andere auch. Das bringt Vor- und Nachteile mit sich. Wer nirgendwo „wirklich“ dazu gehört, kann sich nicht so leicht verstricken. Auch nicht so leicht vereinnahmt oder erpresst werden. Andersrum: Er kann nur schwer gelten. Oder Gültigkeit beanspruchen. Zwischen den Stühlen der Kollektive ist man frei. Aber gleichzeitig ohne Deckung. Ohne „Gruppe“.

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Resonanz und Identität

Eine Freundin sagte mal zu mir: „Ich habe dir vertraut, weil du keine deutschen Augen hast.“ Die Freundin, die das sagte, ist alevitische Kurdin. „Geflüchtete“. Sie wuchs in den osttürkischen Bergen auf. Soldaten überfielen ihr Heimatdorf, als sie eine Teenagerin war. Zwischen ihr und mir verläuft eine inter-ethnische Connection. Das Indiz für sie:

Keine deutschen Augen.

Ich fühlte mich durch ihre Worte gesehen. Nicht im schulpsychologischen Sinn. Sondern in der Tiefe meiner Existenz. Kaum jemand sieht, was sie sah. Ich bin „Mischling“. Ein ethno-genetischer Freak. Vom Aussehen her – zu allem Überfluss – ins Unwahrscheinliche geraten. Die Folge: Affirmationen, mit denen man mich „fassen“ will, greifen ins Leere.

„Du bist deutsch.“ Das sagt mir nichts.
„Du bist blond.“ Das sagt mir nichts.
„Du heißt Björn.“ Das sagt mir nichts.

Deutsch ist meine Staatsbürgerschaft. Blond ist meine Haarfarbe. Björn ist mein Vorname. Mehr nicht. Meine Identität läuft über Resonanz. Nicht über Etiketten. Dieser Fakt trennt mich von fast allem, was Andere in mir sehen wollen. Besser gesagt: sich von mir einbilden wollen. Resonanz ist unsichtbar. Denn Resonanz ist ein anderes Wort für Schwingung. Schwingungen sind Wellen. Wellen sind masselose Bewegungen im Raum. Für die meisten ist Identität, die hauptsächlich auf Resonanz beruht, – ich will nicht sagen unsichtbar, aber zumindest schwer zu erkennen. Die Ausnahme: Man resoniert selbst sehr stark. Wie meine kurdische Freundin. Dann erkennt man intuitiv. Instinktiv. Man sieht, ohne das vermeintlich Naheliegende zu projizieren.

Getarnte Identität

1: Wir sind Experten des Zwischenraums. Wir atmen Lücken. Brüche. Leerstellen. Leerstellen der „Minderheit“. Leerstellen der „Mehrheitsgesellschaft“. Als „Minderheit“ in der „Minderheit“ stehen wir auf Distanz zu allen. Wir fühlen genug, um zu sehen. Zu viel, um gleichgültig zu sein. Zu wenig, um zu adaptieren. Wir sind ein Allround-Spiegel mit Rissen. Ohne Identifikation. Ohne Rahmung. Wir zeigen in alle Richtungen. Wir bezeugen durch Existenz ohne Programm. Das macht uns unberechenbar. Lästig. Und wertvoll.

2: Das Schlüsselwort in meiner Familie lautet Camouflage. Wir sind Undercover-Agenten. Schauspieler. Wir haben uns maskiert. Unsere Reaktionen. Unser Auftreten. Ich könnte sogar sagen: Wir haben uns phänotypisch überblendet. Aber ich lehne Biologismus ab. Er gehört den Antis: Antiziganisten. Antisemiten. Er gehört denen, die sich zurechtfinden, indem sie sagen: „Roma sind schmutzig.“ Oder: „Juden haben das Geld im Blut.“ Wegen der Antis haben wir unsere Skills erfunden. Geschliffen. Perfektioniert. Wir sind Meister des Passings. Jongleure der Codes. Das gilt bis in die Identität hinein. Die Muskeln. Den Atem. Die höchste Kunst ist: Man weiß selbst nichts davon. Man fungiert als personifizierte Unkenntlichkeit. Sogar vor sich selbst.

Melange

Roma. Juden. Die beiden Völker vermischen sich in mir. Ihre Vibes überlagern, durchdringen sich. Das ist logisch. Jedenfalls wenn man – wie ich – nicht gelernt hat, aufs Identitär-Eigene zu pochen.

Hier marime, dort tamei. Gojim hier, gadje dort. Hangul. Hongu. …

Roma und Juden. Wir haben uns connectet. Assimiliert. Beides, um zu überleben. In meiner Familie sind die ethnischen Roots über Generationen hinweg dissoziiert worden. Es ist nicht übertrieben zu sagen: Meine Vorfahren haben versucht, die Roots zu tilgen – auszureißen. Ich bin nicht ethnisch sozialisiert, weder als Jude noch als Rom. Das schafft Abstand. Gleichzeitig verabsolutiert es alles, was die Herkunft anders als sozial besiegelt. Die meisten „Minderheiten“ haben jenseits der Camouflage einen Wir-Raum. Er ist abgeschirmt. Stärker etwa als die Welt der Gadje oder Gojim. Ich habe diesen Raum nicht. Niemand, der verdeckte Identität ‚geerbt‘ hat, hat ihn. Jedenfalls nicht, sobald die Resonanz die Waagschale nach unten zieht, während die Etiketten in der Luft hängen.

Genealogisches Puzzle

Wir wissen, wie man sich versteckt. Ich meine nicht: im Gebüsch oder auf dem Dachboden. Das wissen wir auch. Ich meine: mitten unter Leuten. Du gehst zur Schule. Zum Sport. Zur Uni. Du bleibst unkenntlich. Du triffst deine Clique. Lachst. Feierst. Du bleibst unkenntlich. Du lernst eine Frau kennen. Heiratest. Erziehst Kinder. Wenn es hart auf hart kommt, bleibst du auch da unkenntlich.

Ich war über 20, als mein Onkel zu mir sagte: „Dein Urgroßvater war irgendwie jüdisch.“ Irgendwie. Adverb der Verwischung. Thorn. Arnheim. Diese Städtenamen fielen. Ich telefonierte mit meiner Großtante. Niederlande. Mutterseite. Sie sagte: „Deine Urgroßmutter ließ sich neutralisieren. Sonst hätte sie nicht heiraten können.“ Tarnung mag Widersprüche. Sie gehören zur Technik. Zur Kunst. Wenn mein Urgroßvater „irgendwie jüdisch“ war, wieso ließ meine Urgroßmutter sich neutralisieren? Ich sprach mit einer fremden Frau. Jüdin. Wir saßen im Café Leonar. Sie erklärte mir: „Juden im 19. Jahrhundert ließen sich oft taufen. Sie nannten das ‚neutralisieren‘. Deine Urgoßmutter war wahrscheinlich Jüdin. Deshalb konnte sie deinen Urgroßvater nicht heiraten. Wie es aussieht, war er schon vor ihr getauft.“ Anruf von meiner Großcousine: „Meine Mum will nicht, dass du sie nochmal deswegen anrufst.“ Deswegen. Adverb der Verdichtung. Und Verriegelung. Mein Onkel sagte: „Wenn jemand etwas wusste, dann deine Oma.“ Meine Oma ist tot. Ich kann sie nicht mehr fragen. Außerdem: Sie war tablettensüchtig. Psychopharmaka. Nebel. Wischwasch. Meine Mutter ist auch tot. Ich muss Fremde fragen, um kenntlich zu werden. Die Camouflage ist perfekt. Transgenerationale Überlebensdeckung. In der Familie gilt: Wir drücken uns gegenseitig ins Unkenntliche. Je mehr wir reden, desto tiefer. Jahre später fragte mein Onkel: „Die besten Freunde deiner Oma waren Sinti – wusstest du das?“ Mein Kopf war überrascht. Mein Herz nicht. Ich telefonierte mit meiner Tante. Vaterseite. Plötzlich ging es um den anderen Urgroßvater. Lehmann. Mein Geburtsname. Masuren. Gaststätte. Musik. Pferdehändler. „Schön wie ein Italiener.“ Ich witterte die nächste Camouflage. Italiener. Der „Südländer“ hat es leichter als der Rom. Lehmann. Der „Deutsche“ auch.

Ein isoliertes Puzzleteil sagt nichts. Die Summe der Teile schon. Die Summe kratzt am Siegel des Verstecks. Wie eine Babykatze mit den Krallen am Alpenberg. Niedlich – sichtbar – vergeblich – wissend.

Das „wandernde Volk“

Roma werden oft als „wanderndes Volk“ geframt. Weitere Synonyme: „reisendes Volk“, „getrieben“, „heimatlos“, „ortlos“. Die Liste ließe sich noch aufstocken.

In der Regel lehnen Roma den nomadischen Frame ab. Warum? Weil er nach Klischee riecht. Nach Abenteuer-, Road life- und Lagerfeuer-Romantik. Man stellt sich Roma als Menschen vor, die keinen geregelten Alltag haben, umher vagabundieren und abseits von gesellschaftlichen Konventionen in einer Parallelwelt leben. Und vor allem: Man glaubt, sie täten das freiwillig – das sei ihr Lifestyle.

Hinter dem nomadischen Frame steht das Bedürfnis, Roma als „Andere“ zu verorten. Wissenschaftlich lässt sich zwar zeigen: Über 90% der europäischen Roma haben einen festen Wohnsitz. Aber man fühlt sich wohler, wenn sie nicht zur Gesellschaft gehören. Die Erfahrung zeigt: Vom nomadischen Frame zur antiziganistischen Abwehr ist es nicht weit. Beide liegen nah beieinander. Das kann man aktuell wieder sehen – am Beispiel Teistungen/Gerblingerode. Hier hatte sich im Mai 2026 eine Gruppe französischer und deutscher Roma mit Wohnwagen auf freie Plätze gestellt. Die Behörde verbot der Gruppe, die Plätze zu nutzen. In der offiziellen Stadt-App wurde die Frage besprochen: Wie kann man die Roma wieder „wegbekommen“? Die Gruppe zog weiter.

Diskriminierung und Gewerbe. Gewalt oder Wirtschaft. Das sind die zentralen Gründe, warum Roma unsesshaft bleiben – zumindest einige. Für Roma gab es noch nie andere Gründe „zu reisen“. Jedenfalls nicht in Europa.

Gleichzeitig gilt: Roma haben eine lange „mobile Geschichte“. Völkerwanderung ist ein Teil kollektiver Identität für Roma – zurück bis in die prähistorische Erzählung. Wo kommen Roma her? Die Erzählung sagt: ursprünglich aus Indien. Die Sprachstruktur des Romanes lässt keinen anderen Schluss zu. Romanes ist von altindischen Sprach-Markern durchsetzt. Außerdem gibt es etliche Marker anderer Sprachen im Romanes. Sie zeichnen die Routen der Roma über den Globus nach: Iran, Armenien, Griechenland, Rumänien… Der Widerstand vieler Roma gegen den nomadischen Frame ist logisch. Aber man kann nicht leugnen: Für viele Roma war die mobile Lebensweise bis ins 20. Jahrhundert hinein normal. In den Memoiren von Ceija Stojka etwa kann man darüber lesen. Österreichische Lovara waren gewohnt, quer durchs Land und über die Staatsgrenzen hinaus auf Märkte zu fahren. Sie bildeten Wagen-Kreise auf freien Wiesen. Saßen abends ums Lagerfeuer. Tanzten. Sangen. Erzählten Geschichten.

Unterwegs zu sein, gehört zur volkskulturellen Matrix der Roma. Das Problem ist nicht, dass sie ein Leben „auf den Straßen der Kontinente“ kennen. Sondern das Problem ist: der Grund dafür, warum sie es kennen; und der Grund dafür, warum sie sich genötigt sehen, „Wanderschaft“ als Teil ihrer Identität herunterzuspielen.

A wie anti

Ich fragte mich mal: Womit beginnt verdeckte Identität? Antwort: mit anti. Dieses Wort schoss am schnellsten in meinen Kopf. Am druckvollsten. Am klarsten. Wir lächeln ihm entgegen – wenn auch mit zusammengepressten Lippen.

Anti.

Wir sind gewohnt, dass man gegen uns ist. Wir lernen es früh. In der Regel schon vor der Geburt. Das Verhalten unserer Eltern ist von anti geprägt. Das unserer Großeltern. Der Eltern unserer Großeltern. Zur Erfahrung auf der Herkunftslinie kommt die Erfahrung in der Herkunftsbreite. Nahe Verwandte, entfernte. Freunde. Bekannte. Der Blick wird weit. Ohne Mühe. Das Auge spannt das volle Panorama auf. Irgendwann steht man vorm ganzen Volk. Du. Ich. Wir. Man schmilzt ins Kollektiv hinein. Ob man will oder nicht. Es gibt keinen Unterschied. Gleichzeitig gibt es etliche. Links. Rechts. Hinten. Vorne. Wir sind viele. Bunt wie der Regenbogen. Kalderash, Lovara, Kalé, Sinti. Ein Bekannter – Rom – sagte mal: „Hier im Bezirk wohnen die guten Roma. Drüben, da wohnen die schlechten.“ Anti. Sogar gegen uns selbst. Wir sind uns einig. Man braucht das Panorama nicht. Anti ist ein Gefühl. Weniger als ein Gefühl. Mehr eine Gewissheit. Ein Stein. Du kannst ihn nicht verhandeln, nur validieren. Deshalb ist anti hart – und gleichzeitig banal.

Risse, Brüche

Es gibt so etwas wie die „Einheit der Minderheit“. Wer mit „Minderheiten“ zu tun hat oder Teil davon ist, weiß das. Die Einheit muss nicht real sein, sondern funktional. Das reicht. Ihr Zweck nach innen: Kollektive Identität. Individuelle Einpassung. Vergewisserung. Die Schlüsselfrage lautet: Wer gehört dazu? Der Zweck nach außen: Kollektive Selbstbehauptung. Gatekeeping. Schutzschild. Die Schlüsselfrage lautet: Wer darf rein, wer wird abgewehrt? Brüche entstehen, wo die „Einheit der Minderheit“ rissig wird. Risse folgen auf Erschütterung. Aufschlag. Einschlag. Erschütterung kann die Funktion ausstechen, übertrumpfen. Wer damit lebt – prinzipiell –, lebt mit Brüchen. Der gesteigerte Bruch ist die Zersplitterung. Was zersplittert ist, ist nicht mehr ganz. Die Lücke wird zum Teil der Identität. Der Riss ist dann die mildeste Form der Lücke. Ein Schatten. Ein Schnitt ohne Blutung. Tricky wird es, wo ganze Stücke fehlen. Loch. Sog. Fallhöhe. Orte, an denen du dir selbst ungewiss bleibst. In dir selbst. Deine Chance: dich selbst kennenlernen. Wer nur mit Brüchen ganz ist, bildet eine eigene Einheit – eine eigene „Minderheit“. Risse machen dich durchlässig. Fragil. Brüche öffnen dich hinein in die Gänze. Heilung heißt dann: den Zwang ablegen. Ich muss kein Rom sein. Kein Jude. Nicht mal dann, wenn ich einer bin. Der Frieden kommt mit dem größtmöglichen Affront gegen die eigene Selbst-Behauptung.

Disbalance

Normalerweise geht resonatorische Identität mit Etiketten-Identität einher. Im Idealfall bilden beide Teile eine Balance. Jedenfalls einigermaßen. Resonatorische Identität heißt: Ich schwinge als „mein Volk“. „Mein Volk“ ist mir eingeschrieben. Als epigenetische und transgenerational erlernte Geschichte. Du hörst die Lieder „deines Volkes“ und fühlst dich zu Hause. Du sprichst die Sprache „deines Volkes“ und fühlst dich zu Hause. Du siehst die Bilder „deines Volkes“ und fühlst dich zu Hause. Du hörst den Irrsinn „deines Volkes“ und fühlst dich zu Hause. Es gibt keine Erklärung dafür. Keine Beweiskette. Nur die unwillkürliche Elektrizität in den Zellen. Wärme. Die Weitung der Brust ohne Zutun. Den festen Stand auf einem Boden aus Unabänderlichkeiten. Etiketten-Identität heißt: Ich gehöre zu „meinem Volk“. Offiziell. Ausgewiesen. Abgenickt. Du sagst „Ich bin Rom“, und „dein Volk“ sagt: genau. Du sagst „Ich bin Jeside“, und „dein Volk“ sagt: genau. Du sagst „Ich weiß, wie es bei uns läuft“, und dein Volk sagt: genau. Daraus wächst Status. Äußerungsrecht. Deutungshoheit. Sippenschutz.

Ich habe verdrängte Identität ‚geerbt‘. D. h. bei mir ist die Balance zwischen resonatorischer und Etiketten-Identität gestört. Ich schwinge, ohne gelabelt zu sein. Ich fühle mich beidseitig getrennt. Die „Mehrheitsgesellschaft“, in die ich hineingeboren wurde, bleibt mir innerlich fremd. Den „Minderheiten“, die ich in mir trage, bleibe ich innerlich fremd. Das Ergebnis: Verdrängte Identität verlagert das Gewicht hinein in die Resonanz. Schwingung wird Masse, wo kein Status existiert.

Was in der Regel unbeachtet bleibt: Schwingung kann derart stark werden (oder schwer), dass daraus Status entsteht. Dieser Vorgang ist selten. Seine Bedeutung aber wichtig für Menschen wie mich. Ich gebe ein Beispiel: Einige Jahre lang hatte ich beruflich mit den Kindern einer Roma-Familie zu tun. Die Eltern der Kinder kannte ich natürlich auch. Irgendwann, als ich schon nicht mehr mit der Familie arbeitete, traf ich den Vater zufällig auf der Straße.

– Er sagte: „Ich habe Probleme mit dem Gericht. Du musst mir helfen.“
– Ich fragte: „Was ist los?“
– Er: „Es geht um die Kinder. Ich wohne nicht mehr dort. Kannst du vor dem Gericht für mich sprechen?“
– Ich: „Ich will keinen Ärger.“
– Er: „Gib mir deine Nummer. Ich rufe dich an.“
– Ich gab ihm meine Zweitnummer. Zögerlich.
– Er im Weggehen: „Ich rufe dich an!“
– Ich rief ihm hinterher: „Wie ich sagte: Ich will keinen Ärger!“
– Er drehte den Kopf zu mir zurück und rief: „Wir sind Roma!“

Ich war nach diesem Gespräch etwas beunruhigt. Denn ich dachte beim Gericht an die Kris – also das Schiedsgericht der Vlach-Roma. Ich wusste: Normalerweise lehnt die Kris körperliche Gewalt ab. Aber ich wusste auch: Bei internen Streitereien war z. B. nicht ausgeschlossen, dass ganze Teile einer Familie aus dem Ausland anreisten – und dann könnte es, naja, zumindest riskant werden. Was mich aber mehr beschäftigte, war der Satz: „Wir sind Roma!“ Er hallte in mir nach. Der Vater hatte ihn mit dem Subtext gerufen: „Was soll das heißen – keinen Ärger? Wir sind Roma! Da hilft man sich!“ Dieser Moment war bislang der einzige in meinem Leben, wo die Schwingung der Identität eindeutig ins Etikett geswitcht ist. Ich war als Rom gemarkt. Für den Bruchteil einer Situation. Eines Arguments. Durch einen Ruf in der Öffentlichkeit. Ich fühlte mich gleichzeitig nah und vorbehaltvoll. Der Vater spürte meinen Vorbehalt. Er rief mich nicht an. Ein paar Wochen später traf ich ihn nochmal auf der Straße. Ich fragte, wie es ihm geht. Und fragte, welches Gericht er in unserem letzten Gespräch gemeint habe. Er sagte: das deutsche Gericht, das Familiengericht. Ich hatte ihn also missverstanden. Meine Resonanz in ein Bild projiziert. Ich erklärte ihm mein Missverständnis. Und sah, wie bei ihm innerlich „ein Groschen fiel“. Er schien besänftigt. Denn es war für ihn unplausibel gewesen, dass ein Rom einem anderen Rom – aus „Angst“ vor einem staatlichen deutschen Gericht – hätte Hilfe ausschlagen können.

Tabu

Transgenerational verdeckte Identität ist Fluch und Segen zugleich. Der Segen: Man ist frei. Ich brauchte mehrere Jahre, bis ich verstand: Meine Vorfahren hatten etwas geleistet. Ich brauchte noch mehr Jahre, bis ich bereit war, ihre Leistung zu würdigen. Das Tabu als Leistung bedeutet: Ich bin zwar „draußen“. Oder wie mir die Tochter eines berühmten jüdischen Künstlers schrieb: „Für mich bist Du Nichtjude. Viel zu lange her, die Urgroßmutter… Pah, wen interessiert’s?“ Aber gleichzeitig bin ich niemandem Rechenschaft schuldig. Niemand will mich „ethnisch beanspruchen“. Ich stehe außer Pflicht. Und außer Druck.

Mir scheint: Wenn ein Jude oder eine Romni aggressiv gegen mich wird – beim Thema Identität meine ich –, dann aus projektiver Abwehr. Sonst nicht. Mein Privileg ist: Das muss mich nichts angehen.

Sprache

Ich möchte etwas zur deutschen Sprache sagen. Sie ist meine Muttersprache. Gleichzeitig bleibt sie mir fremd. Sie resoniert kaum in mir. Ich spreche Deutsch eher mechanisch, nicht organisch. Mit manchen Freunden spreche ich ausschließlich Englisch. Dabei unterdrücke ich automatisch meinen natürlichen Akzent. Und der ist nicht deutsch, sondern – wie meine Identität – ein diffuser Cocktail. Im Englischen schlägt mein Akzent schneller durch als im Deutschen. Dann switche ich spontan zurück. „Verdeutsche“ mein Englisch wieder. Das ist symptomatisch. Beispielhaft. Wer verdrängte Identität ‚erbt‘, lebt mit den strategischen Überdeckungen der eigenen Natur. Die Überdeckungen spielen sich zur Quasi-Natur auf. Je weniger man sie noch braucht, desto mehr tun sie das. Nur: Wer nicht als Jude oder Rom etikettiert wird, muss nicht befürchten, als solcher angefeindet zu werden. Die Quasi-Natur verlernt nur langsam, dass sie überflüssig ist. Der Schutz-Instinkt verhärtet sich im Kopf. Er wird zur Ratio. Zum intellektuellen Schema. Deshalb sagte ich mal zu einer sephardischen Freundin: „Die deutsche Sprache kommt aus meinem Kopf. Die jiddische aus meinem Herzen.“ Als ich das sagte, wusste ich noch nichts über Roma-Connections in meiner Familie. Seit ich Romanes gesungen habe, weiß ich: Das Romanes ist mir noch näher als das Jiddische. Näher als das Deutsche sowieso.

Mythen

Viele Märchen auf Romanes beginnen mit Phrasen wie:

Sah pe katar nah pe.
Kaj sa, ka na sja.
Sin kaj nana.

Sinngemäß heißt das: Es war, weil es nicht war. Oder: Es geschah, weil es nicht geschah.

Solche Formulierungen sind eine paradoxe Technik. Ich mag paradoxe Techniken. Wir Menschen neigen zu ihnen. Besonders wenn es darum geht, die Kraft des Unbewussten gleichzeitig wirken zu lassen und kontrollierbar zu halten.

Märchen sind Mythen. Ich bin voll von Mythen. Nicht freiwilliger Weise, sondern konstitutiv. Manche Mythen stiften mir Identität. Z. B. Erzählungen darüber, wie die Roma von Indien bis nach Europa gewandert sind. Oder darüber, wo das jüdische Volk herkommt. Geo-kulturell, meine ich, nicht religiös (wobei sich das kaum trennen lässt). Andere Mythen fungieren als Wachposten vor dem Eingang zum Schmerz. Was sie mit den stiftenden Mythen gemeinsam haben: ihr unscharfes, ambivalentes Verhältnis zu historischer Realität.

Wo transgenerationale Traumata herrschen, trifft man immer auf Mythen. In meiner Familie sieht das so aus: Die etwas vage Erzählung, dass mein Urgroßvater „Probleme mit den Nazis“ hatte, wird flankiert von Erstickungsmythen anderer Familienmitglieder seiner Generation. Mir wurde erzählt: Ein Angehöriger unserer Familie habe sich beim Essen an Gurkensalat verschluckt und sei daran erstickt. Ein anderer Angehöriger sei im Winter in einem unterirdischen Wildtier-Bau versackt und darin erstickt. Wenn man weiß, dass die Vorfahren, die da erstickten, zur Zeit der KZs lebten und von den Nazis nicht gemocht wurden, wird man fantasievoll. Man sieht das, was war, obwohl es angeblich nicht war. Man sieht es entmythisiert. Vorm inneren Auge. Wie einen aufgezwungenen, imaginierten Dokumentarfilm. Trauma-Mythen sind Leugnungsmythen. Sie wollen die Wahrheit in Geschichten kleiden, die höchstens spektakulär sind, aber die transgenerationalen Wunden nicht ausleuchten.

Eine Erinnerung:

Als ich Anfang 30 war, fuhr ich mit dem Zug nach Oświęcim. „Besuch“ im KZ Auschwitz. Dort hatte ich das Gefühl: Mit jedem nächsten Schritt trete ich einmal zu viel auf denjenigen Boden, vor dem sogar der Tod Angst hat. Mir wurde immer schwindeliger. Ich ging bis zur Schwarzen Wand. Der Blick auf die Wand war wie ein elektrischer Blitz. Meine Muskeln zuckten zusammen. Ich fühlte die Wucht der Vergangenheit als Wucht der Gegenwart – aber in vollem Bewusstsein davon, dass die Wucht der Gegenwart nicht mal einen Bruchteil der damaligen Wucht bezeugte. Mein Rückweg aus dem KZ sah so aus: einatmen – ausatmen, dabei drei Schritte – Stopp – Pause – einatmen – ausatmen, dabei drei Schritte – Stopp – Pause – … Ich befürchtete: Ohne diese Methode würde ich das Bewusstsein verlieren und in einem Krankenwagen aufwachen.

Apropos Krankenwagen: Einige Jahre lang stand ich regelmäßig als Sänger vor Publikum. Ich sang jiddische Lieder, Lieder auf Hebräisch, Romanes, all sowas. In der Nacht nach meinem ersten Solo-Konzert hatte ich einen psychosomatischen Breakdown. Ich hatte das Gefühl: Es gibt keinen einzigen Muskel, keine Faser, die nicht schmerzen würde. Ich lag im Bett und konnte kaum atmen. Denn jeder Atemzug schnitt wie eine scharfe Klinge durch meine Eingeweide. Meine Ex-Freundin war besorgt, dass ich die Nacht nicht überleben würde. Sie sagte mehrfach: „Ich rufe einen Krankenwagen.“ Aber ich wollte keinen. Zum Glück konnte ich sie davon abhalten. Wahrscheinlich hätte man mir sonst einen Mix aus verschiedenen Medikamenten injiziert – und dann wäre das Trauma betäubt worden, hätte sich wieder in meine Muskeln zurückgezogen und sich nicht im Außen verflüchtigen können.

Mythen halten fest. Immer. Das gilt im Guten wie im weniger Guten.

Ende & Anfang

Ich trage „Minderheiten“ in mir. Ihre Geschichte(n). Ihre Potenziale. Ihre Schatten. Ihre Ängste. Ihre Hoffnungen. Ihre Kräfte. Vermutlich werde ich nie sagen: Ich bin Rom. Oder: Ich bin Jude. Lange Zeit dachte ich: Das ist mein Ende. Aber es ist nicht mein Ende. Es ist höchstens ein Ende. Und ein Anfang.

Ich trage Identität, ohne mich identifizieren zu können. Das Nicht-Können ist das Ende.

Ich trage Identität, ohne mich identifizieren zu müssen. Das Nicht-Müssen ist der Anfang.

Mein Leben findet dazwischen statt. Zwischen Ende und Anfang. (mig) Meinung

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