
USA
„Roots“ veränderte vor 50 Jahren den Blick auf die Sklaverei
Mit Kunta Kinte in Alex Haleys Besteller „Roots“ bekam die Geschichte der Sklaverei für ein Millionenpublikum ein Gesicht. Buch und Fernsehserie wurden zu kulturellen Ereignissen – trotz späterer Kritik an historischen Ungenauigkeiten und aneren Vorwürfen.
Von Konrad Ege Sonntag, 16.08.2026, 12:36 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 16.08.2026, 12:36 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
Aus einem Dorf am Gambia-Fluss wird der junge Westafrikaner Kunta Kinte 1767 nach Nordamerika verschleppt – zeit seines Lebens wird er dort versklavt sein. Von ihm und seinen Nachkommen erzählt das Buch „Roots“ von Alex Haley, das vor 50 Jahren erschien. Kunta Kinte kommt in einer fremden Welt an, wird verkauft an einen Plantagenbesitzer, ausgepeitscht nach Fluchtversuchen. Nach dem letzten hackten die Aufseher einen Teil seines Fußes ab.
„Roots“ – auf Deutsch: „Wurzeln“ – hat das Bild von der Geschichte der Sklaverei in den USA radikal verändert: Aus anonymen, versklavten Menschen wurden Einzelschicksale. Vielen Menschen trat erstmals ins Bewusstsein, dass die Geschichte der Afroamerikaner nicht erst in Nordamerika begann.
Monatelang auf den Bestsellerlisten
Am 17. August 1976 erschien das Buch, und es stand monatelang auf der Bestseller-Liste der „New York Times“. Etwa 130 bis 140 Millionen Menschen in den USA, etwa die Hälfte der Bevölkerung, sollen 1977 die „Roots“-Miniserie im Fernsehsender ABC verfolgt haben, die später auch in Deutschland zu sehen war.
„Roots“ beginnt im afrikanischen, muslimischen Dorf Juffure. Reis und Erdnüsse werden angebaut, Kunta Kinte geht zur Schule und hütet als Kind Ziegen. Es ist ein friedliches Leben, auch wenn Nahrungsmittel manchmal knapp sind. Im Hintergrund aber steht eine Angst: Weiße Sklavenhändler sind mit afrikanischen Gehilfen unterwegs. Kunta Kinte wird gekidnappt und mit anderen unter Deck des Schiffes „Lord Ligonier“ zusammengekettet. In Dunkelheit und in ihren eigenen Exkrementen werden die gefangenen Menschen auf einer monatelangen Fahrt nach Nordamerika verschifft.
Die „New York Times“ hat Schauspieler interviewt, die diese Überfahrt für die ABC-Serie gespielt haben. Die Erfahrung sei überwältigend gewesen, sagte Kunta Kinte-Darsteller LeVar Burton. Man habe ihm gesagt, er habe gezittert, als er vom Dreh kam.
Alex Haleys Kunta Kinte kommt im Hafen von Annapolis in der Kolonie Maryland an. Auf der Webseite des Archivs von Maryland ist die Kopie einer Mitteilung in der „Maryland Gazette“ vom 29. September 1767 zu lesen. Sie berichtet von der Ankunft der „Lord Ligonier“ vom Gambia-Fluss mit einem „Cargo gesunder Sklaven“. In Annapolis werde das Schiff Tabak laden und nach England transportieren.
Kritik an historischen Fakten
Das Werk ist bald nach Erscheinen aber auch in die Kritik gekommen. Der 1992 gestorbene Haley hat „Roots“ als Suche nach den Wurzeln seiner eigenen Familie angelegt, die auf Kunta Kinte als Vorfahren gestoßen sei. Das Buch führt durch das Leben der nachfolgenden Generationen, berichtet von Sklaverei, der Freiheit nach dem Bürgerkrieg 1861-65, von modernen Zeiten.
Manche Historiker kritisierten, dass „Roots“ faktisch nicht immer stimme. Besonders fraglich sei Haleys Berufung auf einen westafrikanischen Geschichtenerzähler. Der „Glanz von Haleys Erfolg ist getrübt worden durch Vorwürfe der Urheberrechtsverletzung und historischen Schwindels“, schrieb das Fachblatt „Publishers Weekly“. Der Vorwurf der Urheberrechtsverletzung bezog sich auf den Roman „The African“ von Harold Courlander. Ende 1978 hat Haley laut Medienberichten nach einem Vergleich etwa 500.000 Dollar an Courlander gezahlt.
Auseinandersetzung mit Geschichte der Sklaverei bleibt ein Brennpunkt
Wie man in den USA damit umgeht? Der Kolumnist Clarence Page schrieb vor Jahren in der „Chicago Tribune“: „Alex Haleys Fakten können bezweifelt werden, nicht aber seine Wahrheiten.“ Und diese Wahrheiten von der unsagbar schrecklichen Sklaverei und den Verbrechen so vieler Weißer sind schwer auszuhalten.
Der republikanische Politiker und spätere Präsident Ronald Reagan hingegen wurde 1977 in der „Washington Post“ mit Kritik an der „Roots“-Miniserie zitiert: Es sei entzweiend, dass „alle die guten Menschen einer Hautfarbe sind und alle schlechten Menschen einer anderen“.
Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Sklaverei bleibt ein Brennpunkt in den USA. Die Regierung von Donald Trump hat vor wenigen Wochen den Teil einer Ausstellung über den ersten US-Präsidenten George Washington entfernen lassen, in dem über den Gründervater als Besitzer von Sklaven gesprochen wird. Eine Kongressanhörung im Juli hat sich mit der Darstellung der US-Geschichte in Museen befasst. Sie sei beeinflusst von „woker Ideologie“, sagte der republikanische Abgeordnete Tim Burchett. Seine Kritik: Geschichte werde dargestellt als ein Machtkampf zwischen Unterdrückern und Unterdrückten.
Landesweit für Aufregung sorgte die Entscheidung der Schulbehörde des Landkreises Knox County im Bundesstaat Tennessee im Mai 2026, „Roots“ aus den Schulen zu entfernen. Das Werk sei nicht altersgerecht. Nach Protesten hat die Behörde das Verbot allerdings aufgehoben, berichtete der örtliche Fernsehsender „WBIR“. (epd/mig) Aktuell Panorama
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