
Ceuta
72 Tote und Europas Ruf nach noch mehr Abschottung
Nach mindestens 72 Toten fordert Europa erneut stärkeren Grenzschutz. Doch Zäune beseitigen weder globale Ungleichheit noch fehlende Zukunftschancen. Langfristig braucht es faire Handelsbeziehungen, Entwicklungszusammenarbeit und mehr legale Migrationswege.
Von Dr. Rainer Ebert Mittwoch, 05.08.2026, 12:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 04.08.2026, 20:56 Uhr Lesedauer: 5 Minuten |
Vergangene Woche starben mindestens 72 Menschen bei dem Versuch, von Marokko aus die spanische Exklave Ceuta zu erreichen. Etwa 60.000 Menschen gelangten nach Ceuta, viele von ihnen schwimmend, andere indem sie die Grenzzäune überwanden. Nur wenige Tage später waren die meisten von ihnen bereits wieder zurück in Marokko.
Sowohl Marokko als auch Ceuta liegen in Afrika. Politisch hingegen gehört Ceuta, wie auch Melilla, zu Spanien und damit zur Europäischen Union. Die Reaktion Europas auf den beispiellosen Andrang auf die Exklave ist nahezu einstimmig. Von einer „Gefahr für die Sicherheit Europas“ ist die Rede. Manche sprechen gar von einem „Angriff“ oder einer „Invasion“. Die europäische Außengrenze müsse besser geschützt werden, heißt es.
22 der 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union haben inzwischen einen von der rechtsextremen italienischen Regierung unter Giorgia Meloni initiierten offenen Brief unterschrieben, der die spanische Migrationspolitik kritisiert und einen Ausbau des europäischen Grenzschutzes fordert. Italien hat überdies das Schengen-Abkommen gegenüber Spanien ausgesetzt. Dass dies reiner Populismus ist, ergibt sich aus der Tatsache, dass Ceuta überhaupt nicht zum Schengen-Raum gehört.
„Während sich Europa schnell auf noch mehr Repressionen zu einigen scheint, werden die 72 Menschenleben, die unwiederbringlich verloren gegangen sind, zur Nebensache.“
Während sich Europa schnell auf noch mehr Repressionen zu einigen scheint, werden die 72 Menschenleben, die unwiederbringlich verloren gegangen sind, zur Nebensache. Die meisten Opfer hatten den Großteil ihres Lebens noch vor sich und hofften auf eine bessere Zukunft. Stattdessen fanden sie auf dem vermeintlichen Weg dorthin den Tod. Während sich insbesondere rechtsgerichtete Regierungen in Europa gegenseitig an Sicherheitsrhetorik und Panikmache überbieten, wird die eigentliche Frage weitgehend ausgeblendet: Wieso nimmt ein junger Mensch so große Risiken auf sich, um nach Europa zu gelangen?
Menschen fliehen vor Krieg, Gewalt, Verfolgung, Armut und der Hoffnungslosigkeit, die entsteht, wenn ihnen jede Perspektive auf ein sicheres und würdiges Leben fehlt. Wenn der Leidensdruck groß genug ist, halten Grenzzäune sie nicht auf, sondern machen die Flucht nur gefährlicher und tödlicher. Man kann sich trefflich darüber streiten, welche Anteile Kolonialismus und andere vergangene Ungerechtigkeiten einerseits und aktuelles Politikversagen andererseits an der globalen Ungleichheit haben. Aber das ändert nichts daran, dass ein junger Mensch in Marokko die eigene Situation, geprägt von hoher Jugendarbeitslosigkeit und niedrigen Löhnen, im Vergleich zu Europa zurecht als zutiefst ungerecht empfindet. Diese Ungleichheit ist nicht abstrakt. Heute, da jeder mit jedem vernetzt ist und die Erde in vielerlei Hinsicht zu einem Dorf geworden ist, ist sie unmittelbar erfahrbar. Man sieht den Lebensstandard anderer Menschen täglich direkt vor sich auf dem eigenen Handybildschirm.
So kann die 19-jährige Nok in Thailand in Echtzeit verfolgen, wie der gleichaltrige Moritz aus München spontan ein Flugticket nach Bangkok kauft und sechs Monate lang durch Südostasien reist, um „sich selbst zu finden“. Eine vergleichbare Reise nach Europa ist für Nok aufgrund begrenzter finanzieller Möglichkeiten und der hohen Hürden eines Schengen-Visums kaum vorstellbar, weder jetzt noch in absehbarer Zukunft.
„Die Kleidung, die er näht, wird später in Europa oft für mehr Geld verkauft, als er in einer ganzen Woche verdient.“
„Komm auf legalem Weg“, hört man aus Europa. Kwame in Ghana will genau das tun. Er bewirbt sich erfolgreich für ein Masterstudium in Deutschland, investiert Monate seiner Zeit und viel Geld in Sprachtests, Beglaubigungen, Übersetzungen und sonstige Visaunterlagen und spart die erforderlichen Mittel für seinen Lebensunterhalt. Doch als er bei der Deutschen Botschaft in Accra um einen Termin bittet, erfährt er, dass die Wartezeit sechs bis zwölf Monate beträgt. Er wird den Studienbeginn verpassen. Ob seine Studienzulassung im nächsten Jahr noch gilt, ist ungewiss.
Amina ist acht Jahre alt und lebt im Sudan. Seit Monaten findet in ihrer Region kaum noch Schulunterricht statt. Die medizinische Versorgung ist weitgehend zusammengebrochen. Während ihre Eltern täglich darum kämpfen, genügend Nahrung und sauberes Wasser zu finden, sind für viele Kinder in Europa Bildung, Gesundheitsversorgung und Sicherheit selbstverständlich.
José ist 24 Jahre alt und arbeitet in Honduras zwölf Stunden täglich in einer Textilfabrik für einen Lohn, von dem er kaum leben kann. Die Kleidung, die er näht, wird später in Europa oft für mehr Geld verkauft, als er in einer ganzen Woche verdient.
„Es mag einfacher sein, höhere Zäune zu fordern, aber solange derart extreme Ungleichheiten an Sicherheit, Wohlstand und Zukunftschancen zwischen verschiedenen Regionen der Welt bestehen, werden Menschen versuchen, diese Zäune zu überwinden.“
Nok, Kwame, Amina und José hatten keine Kontrolle über ihren Geburtsort. Moritz auch nicht. Doch die Folgen dieses Zufalls könnten unterschiedlicher kaum sein. Es mag einfacher sein, höhere Zäune zu fordern, aber solange derart extreme Ungleichheiten an Sicherheit, Wohlstand und Zukunftschancen zwischen verschiedenen Regionen der Welt bestehen, werden Menschen versuchen, diese Zäune zu überwinden. Die Herausforderungen der Migration lassen sich langfristig nicht durch Abschottung beantworten, sondern nur durch eine aufrichtige und auf Augenhöhe geführte Debatte darüber, wie sich die globale Ordnung gerechter gestalten lässt. Es geht dabei nicht um Humanität als freiwillige Geste, sondern um die Frage, wie viel Ungleichheit aufgrund eines bloßen Zufalls überhaupt moralisch gerechtfertigt werden kann.
Wenn Europa Bilder wie die aus Ceuta künftig verhindern will, muss es die Ursachen von Migration entschlossener angehen, unter anderem durch fairere Handelsbeziehungen, mehr Engagement in der Entwicklungszusammenarbeit und den Ausbau legaler Migrationswege. Paradoxerweise ist derzeit häufig das Gegenteil zu beobachten. So haben beispielsweise viele europäische Staaten ihre Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit in den vergangenen Jahren deutlich gekürzt – ein Ausdruck des wachsenden Populismus, der kurzfristige politische Erfolge über langfristige Lösungen stellt. Letztlich schadet eine solche Politik nicht nur den Menschen in den Herkunftsländern, sondern auch Europa selbst. (mig) Meinung
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