Joanna Peprah, Migazin, Rassismus, Bildung, Köln, Autorin
Joanna Peprah © privat, Zeichnung: MiG

Westliche Machtbilder

Ein König ohne Krone

Eine Kindheitserinnerung aus Ghana stellt westliche Machtbilder infrage: Wahre Führung zeigt sich nicht in Status, sondern in Verantwortung – eine Lektion, die Politik, Unternehmen und Gesellschaft bis heute herausfordert.

Von Dienstag, 23.06.2026, 10:29 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 23.06.2026, 10:29 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Ich erinnere mich noch gut an meine erste Reise nach Ghana im Jahr 1991. An die Aufregung vor dem Abflug, an das Gefühl, etwas Großes zu erleben. Ich war fast fünf Jahre alt und wusste noch nicht, dass dort eine der wichtigsten Lektionen meines Lebens auf mich wartete.

Schon bei meiner Ankunft lernte ich unzählige Familienmitglieder kennen, die mir bis dahin völlig unbekannt gewesen waren. Trotzdem vermittelten sie mir sofort ein Gefühl von Zugehörigkeit. Ohne mich erklären zu müssen, gehörte ich dazu.

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Von der Stadt ging es weiter ins Dorf. Eine lange Autofahrt mit vielen Umwegen, staubigen Straßen und regelmäßig platten Reifen. Für mein vierjähriges Ich fühlte sich diese Reise endlos an. Irgendwann verlor ich die Geduld. Als wir erneut wegen eines platten Reifens anhielten, begann ich zu schimpfen.

Mein Vater nahm mich zur Seite und sagte: „Als Nächstes fahren wir ins Dorf. Dort wirst du den König kennenlernen.“ Sofort war ich still. Ein König. In meinem Kopf erschienen Bilder von Gold, Reichtum und Macht. Ich fragte meinen Vater, ob der König eine goldene Krone trage. Er verneinte. Ich war irritiert. „Dann ist er kein richtiger König“, antwortete ich trotzig.

„Einen wahren König erkennt man nicht an einer Krone.“

Mein Vater schaute mich an, holte tief Luft und erklärte mir etwas, das mich bis heute begleitet: „Einen wahren König erkennt man nicht an einer Krone. Er trägt Verantwortung für das ganze Dorf. Er sorgt dafür, dass es den Menschen gut geht. Oft besitzt er selbst nicht viel, weil er gibt, was andere brauchen.“

Dieser Satz stellte meine gesamte Vorstellung von Macht auf den Kopf. In meiner westlich geprägten Vorstellung bedeuteten Macht und Reichtum vor allem Status, Sichtbarkeit und Kontrolle – nicht Verantwortung oder Fürsorge gegenüber einer Gemeinschaft.

Heute, Jahrzehnte später, begegnet mir genau diese Trennung immer wieder: Macht wird häufig als Privileg verstanden, nicht als Verpflichtung. Ob in Politik, Unternehmen, Institutionen oder im Alltag – immer wieder erleben wir Menschen, die führen wollen, ohne Verantwortung zu übernehmen. Menschen, die Macht mit Überlegenheit verwechseln.

„Führung zeigt sich darin, wie mit Menschen umgegangen wird.“

Das Gespräch mit meinem Vater prägt bis heute meinen Blick auf Führung. Es hat verändert, woran ich gute Leitung messe. Eine gute Führungskraft handelt nicht aus dem Ego heraus. Sie denkt zuerst an die Menschen, für die sie Verantwortung trägt. Sie hört zu, schafft Sicherheit und übernimmt Verantwortung auch dann, wenn es unbequem wird.

Führung zeigt sich nicht in Statussymbolen, Titeln oder Luxus. Sondern darin, wie mit Menschen umgegangen wird. Ich respektiere keine Führungskräfte, die ihren Mitarbeitenden keine Wertschätzung entgegenbringen. Ich verachte Politiker:innen, die ihre eigenen Diäten erhöhen, während sie gleichzeitig behaupten, der Sozialstaat sei nicht finanzierbar. Ich bin überzeugt davon, dass eine solidarische Krankenversicherung für alle selbstverständlich sein sollte.

Die Macht einer Person mache ich nicht an Designer-Accessoires fest. Und ich glaube, dass Community-Arbeit und Ehrenamt keine Nebensache sind, sondern die Grundlage einer funktionierenden Gesellschaft.

Echte Führung erkenne ich an den Menschen, die ihre Ärmel hochkrempeln. An denen, die organisieren, auffangen und Verantwortung tragen – oft ohne Applaus.

„Nach welchen Maßstäben wählen wir unsere Führungspersonen aus?“

Natürlich kann Macht auch missbraucht werden. Vielleicht liegt genau darin das Problem: Viele Menschen wünschen sich die Autorität von Macht, aber nicht die Last, die mit ihr einhergeht.

Deshalb müssen wir uns fragen: Wer ist überhaupt bereit, Verantwortung und damit Macht zu tragen? Und nach welchen Maßstäben wählen wir unsere Führungspersonen aus?

Vielleicht brauchen wir ein grundsätzlich anderes Verständnis von Führung – weg von Herrschaft, Status und Kontrolle, hin zu Fürsorge, Verantwortung und Gemeinschaft. Denn wahre Macht zeigt sich nicht darin, wie viele Menschen jemand kontrolliert, sondern darin, wie viele Menschen sich durch diese Person getragen fühlen. Meinung

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