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Racial Profiling 1/3

„Für mich ist die Polizei kein Freund und Helfer“

In Deutschland kontrolliert die Polizei gezielt Schwarze Menschen und erfüllt damit den Tatbestand des "Racial/Ethnic Profiling“. Ende Oktober geht ein Prozess in Berufung. Der Fall des Klägers ist kein Einzelfall, wie drei Erfahrungsprotokolle zeigen. Heute: Ibrahim H.

Von Hadija Haruna Mittwoch, 24.10.2012, 8:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 05.12.2012, 6:16 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Ibrahim H. lebt in Frankfurt am Main und arbeitet am Flughafen. Vor über zwanzig Jahren ist der 43-Jährige nach Deutschland migriert.

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Auf dem Weg ins Fitnessstudio kamen zwei Polizisten auf mich zu, um eine „Personenkontrolle durchzuführen“, wie sie sagten. Ich fragte: Warum nur mich und nicht die anderen Menschen, die gerade vor und hinter mir die Rolltreppe hochgefahren waren. Ich war gezielt herausgepickt worden. Das wusste ich. Der eine Polizist antwortete standardmäßig, dass er nur seinen Job machte und jetzt meinen Ausweis sehen wolle. Ich habe ihn nach seinem Dienstausweis gefragt. Manche sind überrascht, wenn ich das fordere. Danach zeige ich ihnen meinen Pass.

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Diese Kontrolle ist nicht die Einzige, die mir passiert ist. Ich wurde schon öfter kontrolliert. Einmal wartete ich im Bahnhof auf einen Freund, als zwei Polizisten direkt auf mich zukamen. „Personenkontrolle bitte den Ausweis“, sagte der eine. Es fühlt sich schrecklich an, so angesprochen zu werden. Ich habe wieder nach dem warum gefragt? Ich erinnere mich noch genau, wie der eine mich verdutzt fragte, warum ich nicht weggelaufen wäre. Aber warum sollte ich? Was sind das für Bilder in den Köpfen von vielen Beamten?

Auf meine Frage, was er glaubt, wie sich schwarze Menschen fühlen, wenn sie andauernde kontrolliert würden, wollte er nicht antworten. Er tue nur seinen Job, sagte er. Als mein Freund zu uns stieß, fragte er die Polizisten sarkastisch, ob sie ihn auch kontrollieren wollten. Da lachten die Polizisten kurz und gingen. Diese absurde Situation habe ich nicht vergessen.

Ich kann nicht verstehen, warum Menschen einfach so kontrolliert werden können. Es ist kein schönes Gefühl. Du fühlst Dich bedeutungs- und machtlos, weil du weißt, dass es im Endeffekt Unrecht ist, was sie tun – du aber nichts dagegen tun kannst. Deshalb frage ich die Polizisten auch aus. Das ist meine Strategie mich dagegen zu positionieren. Manchmal witzele ich auch sarkastisch und sage Sachen wie, dass mein Pass in Ghana gefälscht wurde. Damit muss man aber vorsichtig sein. Manchmal bin ich auch einfach nur wütend, wenn das passiert und halte mich zurück, weil ich nicht weiß, was sie mit mir machen, wenn ich beispielsweise mit auf die Wache genommen werde.

Für mich ist die Polizei kein Freund und Helfer. Sie ist ein Störfaktor in meinem Alltag. Denn auch wenn ich ihre Hilfe brauche, habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich zuallererst als Verdachtsobjekt gelte. Ich erinner mich noch an eine Autopanne mit einem anderen Wagen, an dem ich nicht Schuld war. Als die Polizei eintraf, verlangten sie zuerst meine Papiere. Erfahrungen dieser Art habe ich schon überall in Deutschland gemacht – auch meine Freunde.

Irgendwann kommt der Punkt, dass du das nicht mehr hinnehmen willst. Auch in Solidarität mit den anderen, die zum Beispiel keinen sicheren Status wie ich in Deutschland haben. Viele Flüchtlinge erfahren Restriktion aufgrund der Residenzpflicht. Sie wünschen sich ein freies Leben und werden in solchen Situationen nicht selten schikaniert. Auch deshalb rede ich mit den Polizisten, versuche ihnen sachlich etwas mitzugeben. Vielleicht denken sie beim nächsten Mal nach, bevor sie wieder einen kontrollieren, der so aussieht wie ich.

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