Edgar Pocius, MiGAZIN, Migration, Klassen, Bildungsbürgertum, Migration, Gesellschaft
Edgar Pocius © prviat, Zeichnung: MiGAZIN

Infrastruktur

Bedeutung der Bahn für die Demokratie und Integration

Wenn Züge ausfallen und Bibliotheken schließen, leidet nicht nur der Alltag. Marode Infrastruktur untergräbt Vertrauen in staatliche Handlungsfähigkeit, erschwert Teilhabe und macht Gesellschaften anfälliger für rechte Erzählungen.

Von Donnerstag, 23.04.2026, 10:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 23.04.2026, 9:31 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Ein Staat, der seine grundlegenden Aufgaben nicht mehr verlässlich erfüllt, beschädigt nicht nur seinen Ruf, sondern das Vertrauen in seine Handlungsfähigkeit. Bürgerinnen und Bürger erleben dann ganz praktisch, dass selbst grundlegende Dinge nicht mehr funktionieren. Der Staat erscheint nicht mehr als Garant des Alltags, sondern als Unsicherheitsfaktor. In diesem Sinne ist die kürzliche Warnung von Verkehrsminister Patrick Schnieder zu verstehen.

Denn besonders sichtbar wird das an der Bahn. Im vergangenen Jahr erreichten im Fernverkehr nur rund 60 Prozent der Züge ihr Ziel mit weniger als sechs Minuten Verspätung. Das klingt nach einer nüchternen Kennzahl, bedeutet im Alltag aber verpasste Anschlüsse, verlorene Zeit und die ständige Unsicherheit, ob man überhaupt pünktlich ankommt.

___STEADY_PAYWALL___

Das betrifft nicht nur Geschäftsreisende oder Wochenendpendler. Millionen Menschen in Deutschland sind auf Bus und Bahn angewiesen, um zur Arbeit, zur Ausbildung oder zu Terminen zu kommen. Nach Destatis nutzten 2024 rund 16 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer öffentliche Verkehrsmittel auf dem Weg zur Arbeit. Für sie ist Unzuverlässigkeit kein gelegentliches Ärgernis, sondern eine dauerhafte Belastung.

„Mobilität entscheidet mit darüber, welche Arbeitsstelle erreichbar ist, welcher Ausbildungsplatz realistisch bleibt und ob ein Studium praktisch machbar erscheint.“

Noch härter trifft es Menschen, deren Alltag ohnehin eng getaktet ist: Menschen mit geringem Einkommen, mit Sorgearbeit, im Umland oder mit langen Wegeketten. Schlechte Mobilität entscheidet dann mit darüber, welche Arbeitsstelle erreichbar ist, welcher Ausbildungsplatz realistisch bleibt und ob ein Studium praktisch machbar erscheint.

Das gilt auch für viele Zugezogene. Wer einen Sprachkurs besucht, Behördentermine wahrnehmen muss oder sich Schritt für Schritt ein neues Leben aufbaut, braucht verlässliche Wege. Integration gelingt nicht abstrakt, sondern im Alltag. Wo Infrastruktur versagt, wird Teilhabe mühsamer.

Hinzu kommt: Es geht nicht nur darum, ob ein Zug fährt, sondern auch darum, unter welchen Bedingungen. Wenn das Deutschlandticket teurer wird, Züge überfüllt sind, das WLAN ausfällt oder Toiletten gesperrt bleiben, wird aus einer alltäglichen Fahrt eine Belastungsprobe. Die Zeit unterwegs fehlt dann nicht nur auf der Uhr. Sie fehlt bei der Erholung, beim Lernen, bei der Familie. Infrastruktur entscheidet also auch über Lebensqualität und über die Frage, wie viel Kraft Menschen für den Rest ihres Alltags noch übrig haben.

„Bibliotheken sind weit mehr als Orte, an denen Bücher ausgeliehen werden. Für viele sind sie Arbeitsraum, Rückzugsort und Zugang zur digitalen Welt.“

Der Verfall endet aber nicht am Gleis. Er zeigt sich ebenso in den öffentlichen Räumen einer Stadt. Bibliotheken zum Beispiel sind weit mehr als Orte, an denen Bücher ausgeliehen werden. Für viele sind sie Arbeitsraum, Rückzugsort und Zugang zur digitalen Welt zugleich. Dort werden Bewerbungen geschrieben, Formulare ausgefüllt, Computer genutzt oder einfach ein paar ruhige Stunden verbracht. Wer zu Hause keinen geeigneten Arbeitsplatz hat, kein stabiles Internet oder keinen Drucker, ist auf solche Orte besonders angewiesen.

Gerade sozial benachteiligte Menschen profitieren von dieser alltäglichen öffentlichen Verlässlichkeit. Wer zur gehobenen Mittelschicht gehört, kann vieles privat kompensieren: mit mehr Wohnraum, besseren Geräten, einem Auto oder kostenpflichtigen Angeboten. Wer diese Möglichkeiten nicht hat, ist stärker auf das angewiesen, was öffentlich vorhanden und tatsächlich nutzbar ist. Das gilt auch für viele Menschen mit Migrationsgeschichte, die sich Teilhabe oft unter schwierigeren Bedingungen erarbeiten müssen.

Deshalb sind Bibliotheken, Schwimmbäder, Parks oder andere öffentliche Orte keine bloßen Extras. Sie sind Teil jener sozialen Infrastruktur, die gesellschaftlichen Zusammenhalt im Alltag überhaupt erst ermöglicht. Wo solche Orte vernachlässigt werden, verschwindet nicht nur ein Angebot. Es schwindet auch das Gefühl, dass das Gemeinwesen für alle da ist.

„Sichtbar schlechter werdende öffentliche Leistungen liefern rechten Akteuren ein dankbares Bild.“

Genau an diesem Punkt wird der Zustand der Infrastruktur politisch brisant. Denn sichtbar schlechter werdende öffentliche Leistungen liefern rechten Akteuren ein dankbares Bild: einen Staat, der seine Aufgaben nicht mehr im Griff hat, Steuergeld angeblich falsch einsetzt und den öffentlichen Raum nicht schützen kann. Solche Erzählungen greifen nicht deshalb so leicht, weil sie immer stimmig wären. Sie greifen, weil viele Menschen im Alltag tatsächlich erleben, dass etwas nicht mehr funktioniert.

Die Krise der Infrastruktur ist deshalb mehr als eine Debatte über Baustellen, Zugausfälle oder kaputte Gebäude. Sie berührt das Vertrauen in demokratische Handlungsfähigkeit. Sie entscheidet mit über Bildungschancen, sozialen Aufstieg und Integration. Und sie prägt, ob Menschen den Staat als verlässlich erleben oder als überfordert. Wer Demokratie stärken will, muss deshalb auch Busse, Bahnen, Bibliotheken und andere öffentliche Orte stärken. Denn Vertrauen entsteht nicht nur durch Reden. Es entsteht dort, wo der Alltag funktioniert. Meinung

Zurück zur Startseite
MiGLETTER (mehr Informationen)

Verpasse nichts mehr. Bestelle jetzt den kostenlosen MiGAZIN-Newsletter:

UNTERSTÜTZE MiGAZIN! (mehr Informationen)

Wir informieren täglich über das Wichtigste zu Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Unterstüzte diese Arbeit und verpasse nichts mehr: Werde jetzt Mitglied.

MiGGLIED WERDEN
Auch interessant
MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)