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Kiflemariam Gebre Wold © privat, bearb. MiG

UN-Sicherheitsrat

Quittung für außenpolitische Doppelmoral

Deutschland wollte in den UN-Sicherheitsrat zurückkehren – und scheiterte. Viele Staaten sehen in Berlin keinen verlässlichen Hüter des Völkerrechts mehr, sondern selektive Moral.

Von Donnerstag, 04.06.2026, 16:44 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 04.06.2026, 16:44 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

„Respect is our compass“, „Justice is our foundation“, „Peace is our shared mission“: Mit diesem moralischen Dreiklang bewarb sich Deutschland am 3. Juni 2026 für einen Sitz im UN-Sicherheitsrat. Die Generalversammlung entschied anders. Portugal und Österreich wurden gewählt, Deutschland erhielt nur 104 Stimmen — bemerkenswert für ein Land, das zuvor bereits sechs Mal im Sicherheitsrat vertreten war.

Das ist keine kleine diplomatische Panne. Es ist ein Signal.

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Denn Deutschland ist nicht irgendein Bewerber. Es ist einer der größten Beitragszahler der Vereinten Nationen, wirtschaftlich stark, außenpolitisch ehrgeizig und seit Jahrzehnten bemüht, sich als Stimme für Multilateralismus, Menschenrechte und regelbasierte Ordnung zu präsentieren. Die deutsche Kandidatur stand offiziell unter dem Motto „Respect – Justice – Peace“. Berlin versprach, im Sicherheitsrat Konfliktprävention, Krisenlösung, Klima und Sicherheit voranzubringen — mit Völkerrecht, UN-Charta, Frieden und Sicherheit als oberstem Bezugspunkt.

Gerade deshalb wiegt die Niederlage schwer. Sie trifft nicht einen unbekannten Bewerber, sondern ein Land mit Vorgeschichte, Anspruch und Selbsterzählung. Deutschland wollte nicht erstmals in den Sicherheitsrat. Es wollte zurück. Dass dies misslang, hat deshalb eine historische Spur: Was früher möglich war, ist heute nicht mehr selbstverständlich.

„Viele Staaten des Globalen Südens nehmen Deutschland nicht mehr nur als Verteidiger einer regelbasierten Ordnung wahr.“

Außenminister Johann Wadephul verwies nach der Wahl auf Deutschlands klare Unterstützung für die Ukraine, die besondere Nähe zu Israel und auf russische Gegenmobilisierung. Das ist nicht falsch. Russland hatte gewiss kein Interesse daran, Deutschland im Sicherheitsrat zu sehen. Auch die deutsche Ukraine-Politik polarisiert. Und die deutsche Israel-Politik kostet Stimmen in jenen Teilen der Welt, in denen Gaza nicht als Fußnote westlicher Sicherheitspolitik gelesen wird, sondern als täglicher Prüfstein des Völkerrechts.

Aber wer die Niederlage vor allem mit Moskau erklärt, muss nicht über Berlin sprechen. Wer sie nur mit Israel erklärt, unterschätzt die tiefere Irritation. Viele Staaten des Globalen Südens nehmen Deutschland nicht mehr nur als Verteidiger einer regelbasierten Ordnung wahr. Sie sehen eine Außenpolitik, die Völkerrecht zur Ordnung der Doppelmoral verengt: hart gegenüber Russland, vorsichtig gegenüber Verbündeten. Sie sehen ein Land, das Menschenrechte betont, aber Rüstungsexporte, Migrationsabwehr und strategische Interessen immer wieder als Ausnahmen behandelt. Und sie sehen eine Entwicklungspolitik, in der „German Aid“ zunehmend unter Haushaltsdruck und Sicherheitslogik gerät — ausgerechnet dort, wo Vertrauen entstehen müsste.

„Viele Staaten erinnern sich daran, wer bei Schuldenfragen hart bleibt, wer Entwicklungsetats kürzt, wer Migration externalisiert, wer Sanktionen predigt und Ausnahmen für Freunde findet.“

In der UN-Generalversammlung zählen nicht nur Beitragszahlungen, Wirtschaftskraft und europäische Selbstgewissheit. Dort zählt auch Erinnerung. Viele Staaten erinnern sich daran, wer bei Schuldenfragen hart bleibt, wer Entwicklungsetats kürzt, wer Migration externalisiert, wer Sanktionen predigt und Ausnahmen für Freunde findet. Sie erinnern sich auch daran, wer sie in globalen Krisen als Partner behandelt — und wer sie vor allem dann braucht, wenn Stimmen, Rohstoffe, Märkte oder geostrategische Loyalität gefragt sind.

Deutschland unterschätzt diese Wahrnehmung regelmäßig. In Berlin gilt Entwicklungspolitik gerne als Beleg moralischer Verantwortung. Doch wer im Globalen Süden als Partner ernst genommen werden will, kann nicht gleichzeitig Hilfen kürzen, Verfahren verschärfen, Migration abwehren und dann erwarten, dass dieselben Staaten in New York aus Dankbarkeit die Hand heben.

„Deutschland spricht von Augenhöhe, entscheidet aber oft von oben.“

Die Niederlage ist deshalb auch eine Quittung für eine Sprache, die größer ist als die Praxis. Deutschland spricht von Augenhöhe, entscheidet aber oft von oben. Es spricht von Ordnung, akzeptiert aber Ausnahmen, wenn Verbündete sie brechen. Es spricht von Frieden, während die eigene Politik immer stärker militarisiert wird. Es spricht von Respekt, hört aber selten zu.

Portugal und Österreich haben Deutschland nicht besiegt, weil sie mächtiger wären. Sie konnten gewinnen, weil sie für viele Staaten weniger schwer, weniger belehrend, weniger widersprüchlich wirken. Sie treten in multilateralen Räumen oft weniger mit dem Anspruch auf, die Welt den anderen erklären zu müssen.

Man sollte aus der Abstimmung keine anti-deutsche Genugtuung ziehen. Ein glaubwürdiges Deutschland wäre für die Vereinten Nationen wichtig. Gerade in einer Zeit, in der der Sicherheitsrat durch Vetopolitik blockiert ist, in der Kriege in der Ukraine, in Gaza, im Sudan und anderswo die internationale Ordnung zerreißen, braucht es Staaten, die internationale Regeln nicht nur zitieren, sondern auch dann ernst nehmen, wenn sie nicht der Regierungspolitik entsprechen – oder der Staatsräson widersprechen.

„Wer in New York von Respekt spricht, muss in Gaza, in Addis Abeba, in Windhoek, in Ramallah und in Berlin zeigen, dass mehr dahinter steckt als eine bloße Kampagne.“

Genau daran wird auch Deutschland gemessen: An der Frage, ob seine Politik für die Mehrheit der Welt noch nach Gerechtigkeit aussieht.

Die 104 Stimmen waren keine Absage an Deutschland als Land. Sie waren eine Absage an die Illusion, dass moralische Rhetorik politische Widersprüche dauerhaft überdeckt. Wer in New York von Respekt spricht, muss in Gaza, in Addis Abeba, in Windhoek, in Ramallah und in Berlin zeigen, dass mehr dahinter steckt als eine bloße Kampagne.

Deutschland ist nicht zu klein für den Sicherheitsrat. Es ist widersprich seiner eigenen Erzählung. (mig) Meinung

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