
Weltfrauentag
Als Migrantinnen das diskriminierende Lohnsystem stürzten
Am Weltfrauentag geht es oft um Quoten und Lohnlücken. Fast vergessen ist: Einen entscheidenden Kampf um gleiche Bezahlung in Deutschland führten migrantische Arbeiterinnen am Fließband – gegen ein System, das sie kleinhalten, billig entlohnen und unsichtbar machen wollte.
Von Dr. Soraya Moket Sonntag, 08.03.2026, 10:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 08.03.2026, 12:27 Uhr Lesedauer: 5 Minuten |
Wenn am 8. März über Gleichberechtigung gesprochen wird, dominieren oft aktuelle Zahlen zum Gender Pay Gap oder Debatten über Frauen in Führungspositionen. Kaum erinnert wird daran, dass wichtige Fortschritte bei der Lohngleichheit in Deutschland von migrantischen Arbeiterinnen erkämpft wurden – von Frauen, die ein diskriminierendes Tarifsystem offen herausforderten.
Ihre Kämpfe waren unbequem. Und sie waren grundlegend. Ihre Geschichte ist eine Geschichte von Arbeitskampf, antirassistischer Selbstermächtigung und feministischer Praxis – lange bevor diese Begriffe selbstverständlich waren.
Die Erfindung der „leichten“ Arbeit
Als die Bundesrepublik Arbeitskräfte aus der Türkei, Italien, Griechenland, Marokko oder Spanien anwarb, wurden Frauen gezielt für industrielle Fließbandarbeit rekrutiert: montieren, sortieren, kontrollieren. Diese Tätigkeiten wurden tariflich häufig in sogenannte „Leichtlohngruppen“ eingeordnet – mit entsprechend niedriger Bezahlung. Die Einstufung hatte jedoch wenig mit der tatsächlichen körperlichen oder psychischen Belastung zu tun.
„Leicht war nur unser Lohn. Die Arbeit war schwer.“
Eine ehemalige Arbeiterin brachte es Jahrzehnte später auf den Punkt: „Leicht war nur unser Lohn. Die Arbeit war schwer.“
Die Kategorie „leicht“ war kein neutraler Begriff. Sie spiegelte eine Hierarchie wider: Frauenarbeit galt als weniger qualifiziert, migrantische Arbeit als austauschbar. In dieser doppelten Abwertung verbanden sich Sexismus, Rassismus und Klassenverhältnisse zu einem stabilen ökonomischen System.
Die Historikerin Karin Hunn beschreibt die Anwerbepolitik jener Zeit als stark arbeitsmarktzentriert: Migrant:innen seien primär als temporäre Arbeitskräfte gedacht gewesen – nicht als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft. Teilhabe war kein Ziel, Verfügbarkeit schon.
1973: Der Streik, der die Hierarchie durchbrach
Ein symbolischer Wendepunkt war der Streik beim Automobilzulieferer Pierburg im Jahr 1973 in Neuss. Vor allem migrantische Arbeiterinnen – viele von ihnen aus der Türkei, Marokko, Griechenland oder Spanien – legten die Arbeit nieder. Ihre Forderung war klar: „Gleiche Arbeit, gleicher Lohn.“
„Wir haben am gleichen Band gearbeitet wie die Männer. Gleiche Stückzahl, gleicher Druck. Warum weniger Lohn?“
Eine Beteiligte erinnerte sich später: „Wir haben am gleichen Band gearbeitet wie die Männer. Gleiche Stückzahl, gleicher Druck. Warum weniger Lohn?“ Und weiter: „Wir wollten keine Sonderbehandlung. Wir wollten Gleichbehandlung.“
Der Konflikt war weit mehr als ein betrieblicher Tarifstreit. Er stellte eine gesellschaftliche Ordnung infrage, in der migrantische Frauen systematisch am unteren Ende der Lohnhierarchie standen. Trotz anfänglicher Zurückhaltung von Gewerkschaftsseite und erheblichem Druck durch das Unternehmen setzten sich die Frauen durch: Die diskriminierende Lohngruppe wurde abgeschafft.
Die Soziologin Helma Lutz bezeichnet migrantische Frauen als „Akteurinnen sozialer Aushandlungsprozesse“. Der Streik von 1973 war genau das – eine kollektive Neuverhandlung von Wert, Würde und Arbeit.
„Wir wollten nicht nur arbeiten – wir wollten leben“
„Wir wollten Deutsch lernen, damit wir verstehen, was man mit uns macht.“
Doch es ging den Arbeiterinnen nicht nur um Geld. Viele forderten Zugang zu Sprachkursen. Sie wollten verstehen, was in Betriebsversammlungen gesagt wurde. Sie wollten selbst sprechen – nicht nur zuhören. Eine Zeitzeugin sagte rückblickend: „Wir wollten Deutsch lernen, damit wir verstehen, was man mit uns macht.“ Sprache bedeutete Unabhängigkeit – gegenüber Vorarbeitern, Behörden, aber auch innerhalb patriarchaler Strukturen.
Auch die Forderung nach Kochmöglichkeiten in Wohnheimen war politisch. In vielen betrieblichen Unterkünften waren Küchen reglementiert oder unzureichend ausgestattet. Eine ehemalige Arbeiterin erinnerte sich: „Wir wollten selbst kochen. Unser Essen. Das klingt klein – aber es war wichtig.“ Kochen bedeutete kulturelle Kontinuität, Gemeinschaft und Selbstbestimmung. Es ging um Würde im Alltag. Eine andere formulierte es so: „Für die Firma waren wir Hände. Für uns war es unser Leben.“
Diese Aussagen zeigen: Die Kämpfe der migrantischen Arbeiterinnen waren ökonomisch, sozial und kulturell zugleich. Sie forderten nicht nur bessere Bezahlung, sondern ein Recht auf Teilhabe und Selbstbestimmung.
„Die Geschichte der Frauenbewegung erzählt selten von Fließbandarbeiterinnen – mit und ohne Kopftuch.“
In der dominanten Erinnerungskultur tauchen diese Kämpfe selten auf. Die Geschichte des Wirtschaftswunders blendet oft aus, dass sein Fundament Arbeit von Migrant:innen war. Und auch die Geschichte der Frauenbewegung erzählt selten von Fließbandarbeiterinnen – mit und ohne Kopftuch. Diese Unsichtbarkeit ist kein Zufall. Sie spiegelt Machtverhältnisse wider: Wer die Macht hat, entscheidet darüber, an wessen Geschichte erinnert wird.
Neue Anwerbung, alte Fragen
Heute diskutiert Deutschland erneut über Fachkräfteeinwanderung, beschleunigte Visa-Verfahren und bilaterale Anwerbeprogramme. Pflegekräfte, Betreuungspersonal und Industriearbeiter:innen werden dringend gesucht. Doch die grundlegende Frage bleibt: Geht es um Menschen – oder um Arbeitskraft?
„Wir sind nicht nur gekommen, um zu arbeiten. Wir sind gekommen, um hier zu leben.“
Gerade im Care-Sektor sind es wieder migrantische Frauen, die Versorgungslücken schließen. Ihre Arbeit gilt als „systemrelevant“, ist aber häufig prekär organisiert: befristete Verträge, rechtliche Abhängigkeiten und begrenzte Mitbestimmung. Die Geschichte der 1970er Jahre wirkt hier wie ein Spiegel. Eine der damaligen Streikenden sagte rückblickend: „Wir sind nicht nur gekommen, um zu arbeiten. Wir sind gekommen, um hier zu leben.“
Dieser Satz ist auch heute hochpolitisch. Migration darf nicht auf Verwertbarkeit reduziert werden. Teilhabe bedeutet mehr als Beschäftigung: Sie umfasst Arbeitsrechte, Tarifbindung, Sprachzugang, Wohnraum und Mitsprache – in allen relevanten Bereichen.
Nur die halbe Wahrheit
Am 8. März reicht symbolische Würdigung nicht aus. Anerkennung bedeutet:
- Arbeitsrechte unabhängig vom Aufenthaltsstatus sichern
- Tarifbindung stärken
- rassifizierte Lohnunterschiede systematisch erfassen
- migrantische Frauen in Gewerkschaften und Betriebsräten sichtbar machen
- Sprach- und Bildungszugänge als Recht verankern
Die migrantischen Arbeiterinnen der 1970er Jahre haben nicht auf Anerkennung gewartet, sie haben sie erkämpft – am Fließband, im Streik, gegen ein System, das sie als billige und austauschbare Arbeitskraft behandelte. Ihr Kampf hat nicht nur Löhne verändert, sondern Machtverhältnisse. Wer am 8. März über Gleichberechtigung spricht und diese Geschichte verschweigt, erzählt nur die halbe Wahrheit. Denn ohne den Widerstand dieser Frauen ist die Geschichte sozialer Gerechtigkeit in Deutschland nicht zu verstehen – und ohne ihren Blick bleibt auch die Migrationspolitik der Gegenwart ungerecht. (mig) Leitartikel Panorama
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