Lukas Geisler, Migazin, Flucht, Flüchtling, Rassismus, Menschenrechte
Lukas Geisler © privat, Zeichnung: MiGAZIN

Grenzräume

Integration – eine Frankfurter Perspektive

Neues Jahr, neues Glück? Nicht ganz. Deutschland führte mal wieder eine „Integrationsdebatte“. Bessere Debattenbeiträge bringt auch das Jahr 2023 nicht. Fündig wurde ich bei einer Vorlesung von Theodor W. Adorno von 1964.

Von Sonntag, 22.01.2023, 15:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 22.01.2023, 11:21 Uhr Lesedauer: 6 Minuten  |  

Was ist das eigentlich schon wieder passiert? Silvesternächte scheinen unter keinem guten Stern zu stehen. Rassistische Entgleisungen folgten auf krude anmutende Kausalketten, die in Folge hergestellt wurden. Als Brandbeschleuniger fungierte die Berliner Polizei, die wahllos mit Zahlen um sich warf. Dann – einige Tage später – ein Tagesthemen-Beitrag, der den ach so bösen postmigrantischen Rap für die Ausschreitungen verantwortlich machte, denn dieser sei staats- und polizeifeindlich. Das motiviere migrantisierte Jugendliche zu Gewalt. Wow. Das ist Qualitätsjournalismus.

Ich könnte jetzt rassistische Argumentationslinien enttarnen. Aufzeigen, was das Problem daran ist, dass die Berliner CDU denkt, dass es gerechtfertigt sei, die Offenlegung Vornamen von Menschen zu verlangen, die einem Ermittlungsverfahren ausgesetzt sind. Dann würde ich betonen, dass Vornamen nichts aussagen, dass allein schon die Kategorie „Migrationshintergrund“ problematisch ist, da sie impliziert, wer dazu gehört und wer nicht. Doch wenn aus Rap über die Gewalt rassistischen Polizierens Gründe für eine „fehlgeschlagene Integration“ werden, dann muss man vielleicht nochmal einmal mit den Grundlagen anfangen.

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Frankfurter Schule – Eine Frankfurter Perspektive

Auch fünf Jahre nach der Veröffentlichung nehme ich immer noch gerne Max Czolleks Essay „Desintegriert euch!“ zur Hand. Doch heute möchte ich noch einen Schritt weitergehen. Erstaunlicherweise findet sich bei Theodor W. Adorno, der Hauptvertreter der Kritischen Theorie – auch genannt Frankfurter Schule – schon aus den 1960ern aufschlussreiche Gedanken zum Begriff der „Integration“. Nun ist Adorno nicht der zugänglichste Denker. Ich möchte es trotzdem versuchen und seine Ausführungen für ein breiteres Publikum ausbreiten. Ich hoffe, es gelingt mir.

Auch noch heute können wir davon einiges lernen. Aktualität büßen seine Gedankengänge auch nicht ein, obwohl Adorno „Integration“ noch nicht vor dem Hintergrund der postmigrantischen Gesellschaft problematisiert, sondern Integration in eine gesellschaftliche Einheit per se das Problem ansieht. Gerade das ist die Stärke der Argumentation.

Einheit mit sich selbst

„Integration in Bezug auf die Gesellschaft könne allerdings nur bedeuten, dass das gesellschaftliche Netz immer enger gesponnen wird. Ein engeres Netz bedeutet, dass es immer weniger Sphären oder Räume gibt, in denen Menschen nicht gesellschaftlichen Zwängen untergeordnet sind. „

„Ich glaube“, schreibt Adorno, „dass das, was man Integration nennt […] in Wahrheit und im Ernst doch ein bloßer gesellschaftlicher Schein sei.“ Wer von Integration reden wolle, müsse erst einmal eine Präzisierung der Fragestellung vornehmen. Integration in Bezug auf die Gesellschaft könne allerdings nur bedeuten, dass das gesellschaftliche Netz immer enger gesponnen wird. Ein engeres Netz bedeutet, dass es immer weniger Sphären oder Räume gibt, in denen Menschen nicht gesellschaftlichen Zwängen untergeordnet sind.

Zwar stimmt es, dass das lateinische Wort „integratio“ im Ursprung einen positiven Moment bezeichnete und so viel bedeutet wie „Erneuerung“ und „Wiederherstellung“, was aber heißt dies in Bezug auf eine Gesellschaft. Eine integrierte Gesellschaft wäre also „integriert, insofern sie in sich selbst eine Einheit ist“. Es gäbe keine schlimmere Vorstellung. Warum? Ich will es erklären.

Integration ist ein Prozess von oben

Dies heißt also: Nicht nur, dass in unserem heutigen Gebrauch der Begriff der „Integration“ im Diskurs im Endeffekt meist mit „Assimilation“, also der Einfügung von einzelnen in die Gesellschaft, genutzt wird, sondern allein schon die Vorstellung, dass es sich bei der Gesellschaft um eine Einheit handelt, die mit sich selbst identisch ist, ist problematisch. Wir müssen uns also nicht nur bemühen, wie dies Czollek ausführlich darlegt, aufzudecken, dass es sich bei Forderungen der Integration eigentlich um Assimilation handelt.

„Integration beschreibt ein Prozess der verschiedenen Individuen und Gruppen bis zur Ununterscheidbarkeit gleich werden lässt.“

Adorno betont, dass es sich beim Begriff der Integration um eine Ideologie handelt, die „von oben her sich vollzieht“. Sie ist also nicht nur Schein, sondern auch Herrschaftstechnologie, die von der Standardisierung des Arbeitsprozesses bis hin zur Massenkommunikation reicht. Integration beschreibt ein Prozess, der verschiedenen Individuen und Gruppen bis zur Ununterscheidbarkeit gleich werden lässt. Und dies wird bestimmt „von wenigen, starken Machtgruppen“, die die Kämpfe und die Auseinandersetzungen in der Gesellschaft reduzieren wollen, um ihre Macht zu sichern.

Schöne neue Welt

„Doch auch in der völlig integrierten Gesellschaft, dem Faschismus, bestehen die Widersätze und Unterschiede fort, allerdings in Form von Macht und Ohnmacht. Dort die Mächtigen, hier die Ohnmächtigen.“

Adorno spricht darauffolgend davon, dass die integrierte Gesellschaft „mit einer eisernen Klammer zusammengehalten wird“. Die integrierte Gesellschaft par excellence ist demzufolge der Faschismus, der von einer Einheit des sogenannten Volkskörpers keine abweichenden Individuen mehr zuließ. Sprich: Wer die Gesellschaft, das Politische als Einheit sieht, die es durch Integration wiederherzustellen zu stellen gilt, hat faschistoide Tendenzen. Eine freie Gesellschaft heißt eben nun mal, dass Auseinandersetzungen, Widersprüche und Aushandlungen verschiedenster Art gibt. Doch auch in der völlig integrierten Gesellschaft, dem Faschismus, bestehen die Wiedersätze und Unterschiede fort, allerdings in Form von Macht und Ohnmacht. Dort die Mächtigen, hier die Ohnmächtigen.

Doch selbst dort – hinter dem Schleier der völligen Einheit einer integrierten Gesellschaft – offenbaren sich Brüche. Bestens beschrieben hat dies Aldous Huxley in seinem dystopischen Roman „Schöne neue Welt“. In der dort entworfenen fiktiven Welt ist alles bis ins Kleinste geordnet. Alle haben ihren Platz. Alles ist darauf ausgerichtet, die Stabilität, die Unveränderlichkeit der Gesellschaft zu gewährleisten. Alles wird durch Indoktrination, Drogen und unmittelbare Befriedigung erstickt. Doch auch wenn es in der schönen neuen Welt heißt „Alle sind glücklich hier“, ist es eben nicht so.

Wer nicht über Prekarisierung reden will, sollte auch über Integration schweigen

„Integration steht dabei der Spontanität sowie der Autonomie und somit der Würde des Menschen entgegen.“

Auch der unserer Gesellschaft ist die Ideologie der Integration nicht fremd, wie wir bei den sogenannten Integrationsdebatten miterleben. Wenn die Klammer vielleicht nicht eisern ist, ist sie vorhanden. Sie zwingt Menschen zusammen. Dies bildet ein stetiges Spannungsverhältnis. Integration steht dabei der Spontanität sowie der Autonomie und somit der Würde des Menschen entgegen. Wir Menschen haben uns in Vorgegebene einzupassen. Der ideologische Schein der Integration gibt vor, die Menschen wären autonom, was allerdings nur Illusion ist. Doch es stimmt auch, dass unter der Oberfläche sich so etwas wie Desintegration abzeichnet. Diese desintegrativen Sphären sind Residuen einer befreiten Gesellschaft.

„Es gäbe viel zu diskutieren. Beispielsweise wie wir trotz der gesellschaftlichen Klammer jeden Menschen möglichst viel Autonomie zugestehen können. Dann müssten wir aber auch über Umverteilung sprechen.“

Dass es an sich ein Problem darstellt, die Gesellschaft als Einheit zu begreifen, da dies faschistische Tendenzen aufweist, ist nicht Teil der Debatte. Und auch, dass die integrierte Gesellschaft auf Kosten unser aller Autonomie geht, bleibt unbeachtet. Wann können wir Integrationsdebatten endlich auf die Müllhalde der Geschichte legen? Es gäbe viel zu diskutieren. Beispielsweise wie wir trotz der gesellschaftlichen Klammer jeden Menschen möglichst viel Autonomie zugestehen können. Dann müssten wir aber auch über Umverteilung sprechen. Bis dahin schließe ich mich Czollek an: Desintegriert euch!

Alle Zitate stammen aus der 8. Vorlesung folgender Veröffentlichung: Adorno, Theodor W. (2008/1964): Philosophische Elemente einer Theorie der Gesellschaft. Hg. v. Tobias ten Brink und Marc Phillip Nogueira. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Nachgelassene Schriften, Abteilung 4, Vorlesungen, Bd. 12).

Meinung
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