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Ditib Moschee in Köln © Jan Maximilian Gerlach @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Kölner Ditib-Moschee

Teil der Skyline und ab Freitag mit Muezzin-Ruf

Zwischen Tankstelle und Schnellstraße - zentral und doch abseits liegt die Kölner „Zentralmoschee“. Aus den Lautsprechern des Kuppelbaus wird ab Freitag der Muezzin rufen. Das ist keinesfalls ein Novum in Deutschland. Dennoch ist das Projekt umstritten.

Donnerstag, 13.10.2022, 15:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 13.10.2022, 12:42 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Immer freitags, höchstens fünf Minuten und mit begrenzter Lautstärke von maximal 60 Dezibel – entspricht einer normalen Unterhaltung bei einem Meter Abstand: Von der Großmoschee der Türkisch-Islamischen Union (Ditib) ruft ab diesem Freitag der Muezzin die Muslime im Kölner Stadtteil Ehrenfeld zum Gebet. Bedingung der Stadt war unter anderem ein Schallgutachten zur Begrenzung der Lautstärke. Es wird sich zeigen, wie laut es tatsächlich wird – und wie das Umfeld reagiert, wenn aus dem Anstoß von Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) aus dem vergangenen Jahr hörbare Realität wird.

Die Ankündigung der Stadt zu dem auf zwei Jahre befristeten Modellprojekt, auf das sich bislang lediglich die Ditib-Gemeinde bewarb und für das zehn weitere Moscheegemeinden Interesse bekundeten, stieß vor einem Jahr in der Öffentlichkeit auf ein geteiltes Echo. Dass der Gebetsruf hierzulande genauso selbstverständlich zu hören sein sollte wie Kirchenglocken, lehnten drei von vier Befragten in einer Civey-Umfrage im Auftrag des „Bonner General-Anzeigers“ ab. Zwei von drei Befragten (64 Prozent) sagten sogar, dass der Gebetsruf „auf keinen Fall“ auf ähnliche Weise zu hören sein sollte wie christliche Kirchenglocken.

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Stadt begründet Muezzin-Ruf mit Toleranz

Die Stadt Köln begründete ihr Vorhaben mit Toleranz und dem Recht auf Religionsausübung, der Islam sei seit vielen Jahren ein fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft. Reker sprach von einem Zeichen der gegenseitigen Akzeptanz der Religion: „Wenn wir in unserer Stadt neben dem Kirchengeläut auch den Ruf des Muezzins hören, zeigt das, dass in Köln Vielfalt geschätzt und gelebt wird.“

Die Ditib als Trägerin der Moscheegemeinde ist laut den städtischen Vorgaben verpflichtet, Anwohner zu informieren und einen Ansprechpartner zu benennen. Der Stadtteil Ehrenfeld ist dicht bewohnt, mit viel Einzelhandel und Gastronomie. Von den rund 109.000 Ehrenfeldern hat knapp jeder zehnte einen türkischen Migrationshintergrund.

Die Geschichte des Baus

Bereits 1996 hatte sich der Rat der Stadt Köln für einen repräsentativen Moscheebau starkgemacht und suchte ab 1999 nach geeignetem Grund für einen Zusammenschluss von zehn lokalen Vereinigungen von Muslimen vor allem aus nordafrikanischen und arabischen Ländern. Doch das Vorhaben geriet ins Stocken. Zur Uneinigkeit unter den Mitgliedern kamen Bedenken aus der Lokalpolitik: Der Zusammenschluss vertrete nur eine Minderheit, einige würden von Saudi-Arabien gesteuert.

Der Muezzinruf in Deutschland

Die Ditib-Moschee im Kölner Stadtteil Ehrenfeld ist nicht das erste muslimische Gotteshaus in Deutschland, von dem aus der Muezzin zum Gebet ruft. In rund 30 Moscheegemeinden ist das bereits üblich, beispielsweise in Krefeld, im hessischen Raunheim oder in Oer-Erkenschwick am nördlichen Rand des Ruhrgebiets. Im nordrheinischen Düren ruft der Muezzin sogar schon seit 1984. Vielerorts, etwa in München, Hannover oder Frankfurt am Main, rief er zeitweise während des ersten Corona-Lockdowns als Ersatz für Gottesdienste.

Im Oktober 2021 startete Köln ein Modellprojekt, in denen Moscheen per Lautsprecher zum Gebet rufen. Die Ditib-Gemeinde ist nun die erste in der Domstadt. Das Projekt ist vorerst auf zwei Jahre befristet. Deutschlandweit einheitliche Vorgaben für den Muezzinruf gibt es nicht. In Köln ist er zum Beispiel freitags zwischen 12 und 15 Uhr erlaubt und darf maximal fünf Minuten dauern. In Düren darf der Muezzin drei Mal täglich rufen, in Raunheim nur freitags vier Minuten lang. Während des Fastenmonats Ramadan ruft er in Raunheim ebenfalls täglich. Die Geräuschobergrenzen sind von Ort zu Ort unterschiedlich. In Oer-Erkenschwick ist der Muezzinruf freitags zwischen 12 und 14 Uhr für maximal 15 Minuten erlaubt. Dort klagte ein Anwohnerehepaar dagegen, weil es sich in seiner freien Religionsausübung eingeschränkt sah. Das nordrhein-westfälische Oberverwaltungsgericht wies die Klage aber im Jahr 2020 ab. Es gebe „kein Recht darauf, von anderen Glaubensbekundungen verschont zu bleiben“, hieß es in der Begründung (AZ.: 8 A 1161/18).

In der islamischen Tradition ruft der Muezzin die Gläubigen in der Regel fünfmal am Tag zum rituellen Gebet. Der islamische Gebetsruf „Adhan“ erfolgt in arabischer Sprache. Die Textverse mit Wiederholungen heißen übersetzt „Gott (Allah) ist groß“, „Ich bezeuge, dass es keine Gottheit gibt außer Gott“, „Ich bezeuge, dass Mohammed der Gesandte Gottes ist“, „Kommt zum Gebet“, „Kommt zum Heil“, „Gott ist groß“, „Es gibt keine Gottheit außer Gott“.

2001 beantragte dann der Verein Ditib, der für türkische Muslime Gebet und Programm in einem ehemaligen Industriebau auf eigenem Grund in Ehrenfeld anbot, dort mit eigenem Geld eine Großmoschee zu bauen. Sie positionierte sich mit einem integrativen Konzept einer Großmoschee, die allen Muslimen offen stehen sollte. Der damalige Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) wurde ein zentraler Fürsprecher des Baus, 2003 gab der Stadtrat grünes Licht.

Demos und Kritik begleiten Bau

Den Auftrag für das Gotteshaus mit einer 34,5 Meter hohen Betonkuppel und zwei 55 Meter hohen Minaretten erhielt das Architekturbüro Paul Böhm. Die Präsentation seines Entwurfs 2006 markierte den Auftakt zu massiver Kritik, Demonstrationen und Gegendemonstrationen folgten. Die rechtspopulistische Organisation „Pro Köln“ scheiterte mit einem Bürgerbegehren zur Verhinderung des Baus.

Der Schriftsteller Ralph Giordano kritisierte die weitgehende Finanzierung durch die türkische Religionsbehörde, zudem verkörpere die Größe der Moschee einen Machtanspruch. Auch andere betrachteten den Entwurf als überdimensioniert. Der damalige Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Nikolaus Schneider, warb für eine zurückhaltendere Gestaltung der „triumphierend angelegten“ Architektur.

Eröffnung ohne deutsche Politiker

Ein Entwurf mit reduzierter Fläche erhielt schließlich die Genehmigung, die Höhe der Minarette blieb. 2009 begannen die Bauarbeiten, 2017 wurde der Kuppelsaal mit Platz für 1.100 Gläubige zum ersten Mal genutzt. Im September 2018 folgte die offizielle Eröffnung mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, begleitet von einem Großeinsatz der Polizei, Demo und Gegendemo.

An dem Festakt nahm kein deutscher Politiker teil. Unterstützer aus Politik und Gesellschaft fühlten sich durch die Erdogan-Einladung brüskiert. Zudem wurde der Ditib vorgeworfen, türkische Oppositionelle in Deutschland im Auftrag von Ankara bespitzelt zu haben. Bund und Land NRW gingen seither auf Distanz. Der Bund fördert keine Ditib-Projekte mehr. In Nordrhein-Westfalen ist die Ditib als größter Moscheeverband aber bei der Gestaltung des islamischen Religionsunterrichts an Schulen in einer begleitenden Kommission vertreten. (epd/mig)

Leitartikel Panorama
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  1. Kudsi sagt:

    Das ist nicht das erste Mal in Köln. Bereits seit 2010 wird von der Moschee in Köln-Chorweiler der Muezzinruf fünfmal täglich über einen Außenlautsprecher nach draußen übertragen. In Zimmerlautstärke wohlgemerkt. Nachbarn und Anwohner kommen seit über 12 Jahren damit klar. Wer da vorbeischauen und sich das selbst anhören möchte, um sich selbst ein Bild davon zu machen: Morsestr. 9a, 50769 Köln.