Berthe Obermanns, Migazin, Menschenrechte, Frauen, Recht, Juristin, Rechtsanwältin
Berthe Obermanns © privat, Zeichnung: MiGAZIN

Richtungswechsel

Auch Schweigen ist ein Verbrechen

Die Queen zu verherrlichen, ist pietätlos gegenüber all jenen, die unter der Regentschaft von Elizabeth II. getötet, inhaftiert und gefoltert wurden.

Von Mittwoch, 28.09.2022, 16:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 29.09.2022, 6:15 Uhr Lesedauer: 8 Minuten  |  

Die Queen ist tot – und die Reaktionen darauf sind keineswegs so einheitlich, wie man auf den ersten Blick meinen könnte.

Für viele Menschen in Großbritannien war Elizabeth II. das geliebte Staatsoberhaupt, eine freundliche Frau mit bunter Kleidung, eine Regentin, die „immer da war“. Auch ein Großteil der Deutschen scheint bis heute daran glauben zu wollen, dass alles makellos war im Königshaus; ein bisschen royaler Kitsch, eine Art königliches Paralleluniversum tröstet schließlich nur allzu gut über die eigenen Krisen hinweg. Problematisch wird es allerdings dann, wenn die Augen verschlossen werden vor dem, was wirklich geschah. Und genau dies wird – nicht erst seit dem Tod der Queen – mit einer Vehemenz getan, die an Absurdität grenzt.

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So nannte beispielsweise Mecklenburg-Vorpommern Ministerpräsidentin Manuela Schwesig Elizabeth II. „eine beeindruckende Frau“. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schrieb über sie: „Sie hat Zeitgeschichte erlebt und Zeitgeschichte geschrieben. Ihre Majestät genoss auf der ganzen Welt höchstes Ansehen und Respekt.“ Bundeskanzler Olaf Scholz nannte sie sogar „Vorbild und Inspiration für Millionen“. In den Augen von CDU-Chef Friedrich Merz war die Queen ein „Symbol für Verlässlichkeit und Würde“.

Die Trauerbekundungen – nicht nur in Deutschland, sondern auch in zahlreichen anderen Staaten – ähneln sich: Es wird kondoliert, der Toten gedacht, verherrlicht und getrauert. Angesichts dieser Reaktionen könnte man den Eindruck gewinnen, als trauerte die ganze Welt um die verstorbene Queen. Doch dem ist nicht so, es gibt auch Menschen, die nicht trauern, für die der Tod von Elizabeth II. vielmehr eine Art Trost darstellt. Sie werden die Queen anders in Erinnerung behalten als ein Großteil der Bevölkerung Europas: Sie werden sich erinnern an ihre Rolle während der Suezkrise im Jahr 1956, an den Mau-Mau-Aufstand im heutigen Kenia, bei dem Zehntausende Widerstandskämpfer deportiert und gelyncht wurden, an die Apartheid in Südafrika als direkte Folge europäischer Kolonialherrschaft.

„Symbol einer Weltmacht, die keine Skrupel hatte, Menschen zu töten, zu entwurzeln, zu demütigen und ins Verderben zu treiben, solange es imperialen Zielen diente.“

Für Millionen von Menschen in den ehemaligen britischen Kolonien war und ist Queen Elizabeth II. damit alles andere als beeindruckend, alles andere als ein Symbol für Verlässlichkeit, sondern das Gesicht eines ausbeuterischen, gewalttätigen Regimes und zugleich Symbol einer Weltmacht, die keine Skrupel hatte, Menschen zu töten, zu entwurzeln, zu demütigen und ins Verderben zu treiben, solange es imperialen Zielen diente.

Doch trotz der zahlreichen Verbrechen, die im Namen des britischen Königshauses begangen wurden, wird größtenteils kritiklos über die Queen gesprochen, was vermutlich daran liegt, dass es in Europa noch immer weit verbreitet ist, die eigene koloniale Vergangenheit ganz bewusst und willentlich auszusparen. Dies ist nicht nur respektlos, sondern beschämend. Statt zu verschweigen, müssen wir thematisieren, dass die Spuren der Queen auch die Spuren des Krieges sind, dass sie verantwortlich war für Tötungen, Folter, Inhaftierungen und weitere Menschenrechtsverletzungen. Dies ist nicht pietätlos – auch nicht unmittelbar nach ihrem Tod –, sondern zwingend geboten.

„Doch was genau machte die Arbeit von Elizabeth II. eigentlich aus? In erster Linie: ihr Schweigen… Sie hat über die Menschenrechtsverletzungen und die vielen Toten in ihren Kolonien geschwiegen“

Die verstorbene Queen, heißt es häufig, habe ihr Leben lang ihre Pflicht getan, ihrem Land gedient. Sie habe viel gearbeitet, sei fleißig gewesen, bescheiden noch dazu. Ihrer Arbeit und ihrem Fleiß solle man Respekt zollen, indem man sie ehrt, um sie trauert und die Monarchie nicht infrage stellt. Doch was genau machte die Arbeit von Elizabeth II. eigentlich aus? In erster Linie: ihr Schweigen. Und diese Aufgabe hat sie wahrlich mit Bravour gemeistert. Sie hat über die Menschenrechtsverletzungen und die vielen Toten in ihren Kolonien geschwiegen. Sie hat über die Armut in Großbritannien und rassistische Strukturen geschwiegen. Sie hat ihre kognitiv beeinträchtigten Cousinen verschwiegen, weil ihr das Verwandtschaftsverhältnis peinlich war. Sie hat über Prince Andrew geschwiegen. Sie hat über Nordirland geschwiegen. Zu keinem Zeitpunkt hat sie sich von der kolonialen Geschichte des britischen Empires distanziert, sie hat sich weder entschuldigt noch war sie darum bemüht, wiedergutzumachen. Damit hat sie ihre Aufgaben perfekt erfüllt: Dinge unter den Teppich kehren, überspielen, sich weder positionieren noch eigene Fehler einräumen.

„Es ist an der Zeit, endlich auch um die Menschen zu trauern, die von der Monarchie beraubt, gedemütigt, gelyncht worden waren.“

Es ist längst überfällig, diesem Schweigen ein Ende zu setzen und endlich über all die furchtbaren Verbrechen, die während der Regentschaft der Königin und im Namen ihrer Krone verübt wurden, zu sprechen. Es ist an der Zeit, endlich auch um die Menschen zu trauern, die von der Monarchie beraubt, gedemütigt, gelyncht worden waren.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als Elizabeth II. schon Königin war, löste sich das britische Empire auf. Bereits zuvor, in den 40er-Jahren, erlangten Pakistan und Indien, Kernstücke des Empires, die Unabhängigkeit. Und auch in anderen britischen Kolonien wurde darum gekämpft. So kam es auch in Malaysia zu Widerstandkämpfen, die von britischer Seite blutig niedergeschlagen wurden. In Kenia ging die britische Armee massiv gegen die Mitglieder und Angehörigen der Mau-Mau-Bewegung vor. Zehntausende Menschen wurden getötet, Hunderttausende in Lagern interniert. Die unmittelbare Verantwortung hierfür trug zwar die Politik, doch die Queen repräsentierte das dafür verantwortliche System und tat nichts, um die Menschenrechtsverletzungen zu verhindern.

Großbritannien war mit seinem Krieg in Kenia keineswegs allein. Zur gleichen Zeit überzog Frankreich Algerien mit noch brutalerem Terror, Hunderttausende starben. Ähnliches wiederholte sich in Kamerun. Belgien setzte beim Abzug aus Ruanda und Kongo Konflikte in Gang, die bis heute andauern. Der Kampf zwischen weißem kolonialem Herrschaftsdenken und schwarzem Freiheitsdrang zerriss ganz Afrika.

Und von der Queen: Kein einziges Wort und damit eine beinahe zynische Pflichterfüllung. Doch dieses Schweigen, diese Neutralität auf Kosten anderer ist kein Fleiß, sondern schlicht und einfach Versagen – zumal das britische Königshaus von den kolonialen Verbrechen in nicht unerheblicher Weise profitiert hat; und dies bis heute tut. Denn ein großer Teil des Reichtums der königlichen Familie ist im Zusammenhang mit eben jenen Verbrechen entstanden: mit Versklavung und kolonialer Ausbeutung.

„Es bleibt zu hoffen, dass in naher Zukunft endlich eine Auseinandersetzung mit den postkolonialen Machtverhältnissen stattfinden wird.“

Es bleibt zu hoffen, dass in naher Zukunft endlich eine Auseinandersetzung mit den postkolonialen Machtverhältnissen stattfinden wird. Ein Anfang ist getan: So verlangt unter anderem Südafrika nun die Rückgabe von sogenannten Blutdiamanten, darunter etwa dem „Großen Stern Afrikas“, der heute in einem königlichen Zepter verarbeitet ist. Sein kleineres Pendant, der „Zweite Stern Afrikas“ befindet sich in einer der Kronen der britischen Monarchie. Beide Edelsteine stammen vom Cullinan-Diamanten, dem größten jemals gefundenen seiner Art. Er wurde im Jahr 1905 in Südafrika entdeckt und von der südafrikanischen Kolonialverwaltung dem britischen Königshaus übergeben. In Amsterdam wurde der Cullinan in neun große und Dutzende kleinerer Steine gespalten. Sie alle sind heute Teil der britischen Kronjuwelen. Auch die Queen trug sie jahrelang zur Schau. Dabei scheint sie sich nicht geschämt zu haben, einen Juwelen ihr Eigen zu nennen, der im Rahmen der kolonialen Verbrechen in ihren Besitz gelangt war.

„Während die britische Boulevardpresse die ärmere Bevölkerung bis heute mit enormer Kritik überzieht, sie beinahe wie Verbrecher behandelt, wurde von der Queen immer wieder behauptet, sie sei bescheiden, sparsam, ‚auf dem Boden geblieben‘.“

Aber wie auch: Sie glaubte schließlich, das Blut ihrer Familie sei von Gott gesegnet worden, weshalb sie und ihre Angehörigen genetisch dazu bestimmt seien, in Reichtum und Prunk zu leben. Dies erklärt auch, warum sie so beharrlich schwieg, warum sie mit all diesen Verbrechen leben konnte: Es war ihr Blut, das sie dazu bestimmt hatte, so wie es auch das Blut ihrer Untertanen war, womit sie deren Armut erklärte: Sie waren – im Gegensatz zur Queen und ihrer Familie – nicht gesegnet, nicht zu Höherem bestimmt. Doch während die britische Boulevardpresse die ärmere Bevölkerung bis heute mit enormer Kritik überzieht, sie beinahe wie Verbrecher behandelt, wurde von der Queen immer wieder behauptet, sie sei bescheiden, sparsam, „auf dem Boden geblieben“.

Es mutet befremdlich an, wie verzerrt Realitäten hier dargestellt werden. Eines jedoch ist offensichtlich: Die eigene koloniale Vergangenheit soll verschwiegen werden, weil es sich besser leben lässt mit dem Glauben an eine makellose Geschichte – sowohl des Landes als auch seiner Repräsentantin. Doch dieses Wegschauen, dieses „unter den Tisch kehren“, ist mehr als respektlos.

Es ist nicht pietätlos, Kritik an der Queen und der Monarchie zu üben; auch nicht kurz nach dem Tod von Elizabeth II. Vielmehr ist es beschämend, so zu tun, als sei die Queen eine makellose Frau gewesen, die ihr Land makellos geführt habe. Dies ist respektlos gegenüber den Toten und Verwundeten in ehemaligen britischen Kolonien und ihren Angehörigen. Es ist pietätlos gegenüber all jenen, die unter der Regentschaft von Elizabeth II. gelitten haben.

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