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Lehrerin vor der Schulklasse (Symbolfoto) © 123rf.com

Vorbild ist das Jahr 2015

Regel- statt Sonderklassen für ukrainische Schüler

Bei der Integration von über 9.000 ukrainischen Schülern setzt Rheinland-Pfalz auf ähnliche Rezepte wie bei der Ankunft von Flüchtlingen im Jahr 2015. Die Schulen haben bereits Erfahrung - aber es fehlen Lehrer.

Von Montag, 12.09.2022, 17:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 12.09.2022, 15:52 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Bei der Erstklässlerin Mascha ging alles ganz schnell. Jekaterina Moschejtschko hatte sich und ihre Tochter nach ihrer Flucht aus der Nähe von Kiew gerade erst an ihrem neuen Wohnort in Rheinland-Pfalz angemeldet, da bekam sie sofort einen Brief mit einer Einladung der örtlichen Grundschule. „Wir sind zum Schuldirektor gegangen, haben uns mit Google-Übersetzer ein wenig unterhalten und das war’s“, berichtet die Ukrainerin. „Am nächsten Tag ging es los.“

Die Ankunft unzähliger ukrainischer Flüchtlinge stellt seit dem Frühjahr das deutsche Bildungssystem vor eine Herkulesaufgabe. Allein in Rheinland-Pfalz müssen schätzungsweise 9.300 Kinder und Jugendliche auf die Schulen verteilt werden, bundesweit sind es – konservativen Schätzungen zufolge – mindestens 165.000. Einige Bundesländer müssen zum Start des neuen Schuljahres eingestehen, dass sie trotz allgemeiner Schulpflicht noch nicht für alle Neuankömmlinge einen Platz anbieten können.

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Regelklassen von Anfang an

„In Rheinland-Pfalz funktioniert es eigentlich ganz gut“, berichtet Ludmyla Kolos vom Vorstand des Ukrainischen Vereins Mainz, dessen Samstagsschule sie leitet. Schon eine Woche nach dem russischen Angriff Ende Februar seien die ersten Kinder in den rheinland-pfälzischen Schulen begrüßt worden. Viel schwieriger sei es für Ukrainer allerdings, einen Kindergarten- oder Vorschulplatz zu ergattern.

Wie bereits 2015 bei der großen Flüchtlingsbewegung hatte sich die Mainzer Landesregierung dagegen entschieden, separate Klassen für die vielen neuen Kinder einzurichten, die in der Regel kein Wort Deutsch verstehen. Stattdessen werden sie von Anfang an in Regelklassen aufgenommen und erhalten parallel dazu intensiven Deutsch-Förderunterricht im Umfang von bis zu 20 Wochenstunden.

Ukrainischer Online-Unterricht – das hat sich geändert

„Dieses Sprachförderkonzept ist ein zentraler Baustein bei der Integration von Flüchtlingen, es hat sich bereits seit 2015/2016 bewährt“, teilt das Bildungsministerium mit. „Die Kinder und Jugendlichen können dabei im Klassen- oder Kursverbund an Sport, Musik oder Englisch teilnehmen, um ihre deutschen Mitschülerinnen und Mitschüler kennenzulernen und ihnen so das Ankommen zu erleichtern.“

Dieses Modell sei im Sinne der ukrainischen Kinder und ihrer Familien, findet Ludmyla Kolos. Zwar hätten die meisten in den ersten Monaten auf ein schnelles Kriegsende gehofft und daher besonders viel Zeit und Energie in den weiterhin angebotenen ukrainischen Online-Schulunterricht investiert. „Aber ich glaube, das hat sich geändert“, sagt sie. Die meisten wollten nun auch so schnell wie möglich in normale Schulgemeinschaft eingebunden, statt in separaten ukrainischen Klassen isoliert zu werden.

Großes Problem: Personalmangel

In der Theorie sei das der richtige Weg, glaubt auch Lars Lamowski, Grundschulrektor im Landkreis Altenkirchen und stellvertretender Landeschef des Lehrerverbandes VBE. In der Praxis sei es aber gerade für kleine Grundschulen im ländlichen Raum mit einzelnen ukrainischen Kindern nicht immer möglich, die Sprachkurse auch tatsächlich anzubieten. Stattdessen säßen die Kinder dann einfach nur in ihrer Klasse „im Sprachbad“. Ein anderer rheinland-pfälzischer Schulleiter räumt ein, es sei gar nicht möglich, Stundenpläne so auf die Deutschkurse für Flüchtlinge anzupassen, dass diese tatsächlich für Fächer wie Musik oder Sport im Klassenverband bleiben.

Das größte Problem, warnt Lamowski, bestehe jedoch darin, dass den Schulen schlicht das Personal fehle: Zum allgemeinen Lehrkräftemangel kommen die fehlenden Sprachförder-Fachkräfte, fehlende Schulsozialarbeiter und -psychologen. „Es ist ein Armutszeugnis, dass schon vor der Ukrainekrise die Unterrichtsversorgung der Schülerinnen und Schüler nicht ausreichend war“, erklärt Anja Besinger-Stolze vom Hauptvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Letztlich sei es fraglich, wie die Integration so vieler neuer Schülerinnen und Schüler ohne zusätzliche Fachkräfte gelingen solle. (epd/mig)

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