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MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, Zeichnung MiG

Nebenan

Menschenarithmetik

Knapp eine Million Menschen sind aus der Ukraine nach Deutschland geflohen – fünfmal so viel wie Seehofers 200.000-Obergrenze. Siehe da: Deutschland ist weder „voll“ noch „Boot“. Und so fällt dann auch der Groschen.

Von Montag, 05.09.2022, 16:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 05.09.2022, 14:23 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

200.000. In Worten: Zweihunderttausend. Soviel Menschlichkeit hatte der christsoziale, damalige bayerische Ministerpräsident und CSU-Parteichef Deutschland 2016 zugestanden. Zweihunderttausend und keiner mehr, denn sei das Boot voll und würde folgerichtig Schiffbruch erleiden, kentern, untergehen. Erst Deutschland und dann natürlich das ganze Abendland. Denn Abendland ohne Deutschland, das kann ja auch eh keiner wollen.

Und abgesehen davon, dass die einen mittlerweile noch lauter über Fachkräftemangel schimpfen, die anderen deswegen aber weder selber länger, noch andere überhaupt dafür arbeiten lassen wollen, hat sich nicht viel getan. Die „marktkonforme Demokratie“ mag sich ein paar modischere Farben gegönnt und die Köpfe dahinter ausgetauscht haben, England und USA sind ein bisschen mehr failed state, China ein bisschen ungeduldiger, aber ansonsten ist eigentlich alles beim Alten: In der Ukraine herrscht immer noch Krieg, in der EU immer noch keine Einigkeit und im Wetterbericht immer noch Katastrophenalarm – aber den schaut ja eh keiner.

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Aber als ich dann, halb verschlafen, halb abgelenkt, durch meinen Newsfeed scrollte, traf mich eine Zahl dann doch wie der Schlag – und für einen Moment dämmerte mir, dass der Bayern-Horst 2016 vielleicht gar nicht so aufrichtig gewesen ist, wie ich immer gedacht habe. Die Zahl: 980.000. Neunhundertachtzigtausend. Eine Zahl, die, da würde mein alter Mathelehrer mir sicher ohne Zögern zustimmen, wenn ich ihn nachts um drei aus dem Schlaf risse, signifikant größer ist, als die weiter oben genannte.

Und dabei ist 980.000 nicht einmal die ganze Wahrheit. Mehr als 980.000 Menschen seien nämlich seit der „Invasion der Ukraine“ – ganz so als habe es eine Invasion von Donezk, Lugansk und der Krim zuvor gar nicht gegeben oder als seien diese nie Teil der Ukraine gewesen – von dort aus nach Deutschland geflohen. Und dazu kommen dann noch einmal diejenigen, die aus anderen Gegenden der Welt, in denen unsere Politik fremden Menschen die Lebensgrundlage nimmt, in denen deutsche Waffen und deutsches Geld sprichwörtlich und ganz wortwörtlich mitmorden, in denen deutsche „Entwicklungspolitik“ die einheimische Wirtschaft vernichtet, und natürlich auch aus Gegenden, in denen andere Länder uns dieses profitable Treiben abspenstig gemacht haben.

„Eine Million ist auch so bereits deutlich mehr als „Zwohunderdtausend“. Und Deutschland ist bisher noch nicht untergegangen, nicht gekentert, hat keinen Schiffbruch erlitten, aufgrund der „Einwanderungswellen“.“

Machen wir es uns daher um dieses Artikels willen einfach und sagen: über eine Million Menschen. Wie viel mehr als eine Million ist für diese Auseinandersetzung unerheblich. Denn eine Million ist auch so bereits deutlich mehr als „Zwohunderdtausend“. Und Deutschland ist bisher noch nicht untergegangen, nicht gekentert, hat keinen Schiffbruch erlitten, aufgrund der „Einwanderungswellen“. Und wenn Deutschland derzeit irgendwo Schieflage hat, dann lässt sich das an den zwei Namen Putin und Lindner festmachen, sicher auch an Versäumnissen der Vorgängerregierungen, aber nicht an flüchtenden Menschen.

Überhaupt kam diese Zahl Neunhundertachtzigtausend nur deshalb in den öffentlichen Diskurs, weil einige Länder zwischenzeitlich melden, dass die Unterkünfte langsam knapp werden. Das ist tragisch, und was das bedeutet, ließ sich die Tage an Meldungen aus den Niederlanden nachvollziehen, lässt sich gelegentlich auch in der Zeitung lesen, wenn ein kriegstraumatisierter Mensch zu lange in der Situation einer solchen Unterkunft gefangen blieb und retraumatisiert wurde.

„Ich atme auf. Deutschland ist gar nicht „voll“. Deutschland ist auch kein Boot.“

Ich habe weiterhin nicht das Gefühl, auf dem Weg durch die Stadt nur noch durch die Menschen und nicht mehr zwischen diesen hindurch gehen zu können, weil schlicht kein Platz mehr vorhanden ist. Ich atme auf. Deutschland ist gar nicht „voll“. Deutschland ist auch kein Boot. Deutschland ist ein für europäische Verhältnisse riesiges Land mit einer Bevölkerungsdichte und Verteilung, die den gemeinen Niederländer an russische Verhältnisse erinnern muss – der dem inhärente Vergleich von Ostdeutschland mit Sibirien war (bevor mir das jemand unterstellen sollte) übrigens nicht beabsichtigt. Aber er ist durchaus willkommen.

„Könnte es nicht sein, dass diejenigen, die in 16 Jahren Regierungsverantwortung diese Probleme nicht für alle Deutschen gelöst haben, mit der Nebelkerze Migration dieses eigene Versagen nur auf „die Ausländer“ abwälzen wollten?“

Wenn also eine Million Neudeutsche das Land nicht an seine Grenzen bringen, es ihnen stattdessen am Ende nur an denselben Dingen mangelt, an denen es auch den Altdeutschen mangelt – nämlich vor allem Schulplätzen und Wohnraum – könnte es dann nicht sein, dass diejenigen, die in 16 Jahren Regierungsverantwortung diese Probleme nicht für alle Deutschen gelöst haben, mit der Nebelkerze Migration dieses eigene Versagen nur auf „die Ausländer“ abwälzen wollten?

Aber heißt das nicht, dass die CDU/CSU dieselben ausländerfeindlichen Affekte bedient, wie die Alternativfaschisten? Und die Tories? Und das Rassemblement National? Und die Republikaner?

Der Groschen fällt.

Es gibt nur diejenigen, die arbeiten und die, die für sich arbeiten lassen. Und indem sie die Arbeitenden auf Basis imaginierter Unterschiede gegeneinander aufwiegeln, sichern die Besitzenden ihren eigenen Wohlstand. Denn wer Deutsche gegen Ausländer, Arme gegen ganz Arme, Arbeitende gegen Arbeitslose, Männer gegen Frauen ausspielt, kann sich sicher sein, dass diese nicht ihren eigentlichen Feind erkennen. Der kann dann weiter unbehelligt und unversteuert Milliarden an seine Kinder vererben, die wiederum den freien Markt und die Chancengerechtigkeit bejubeln. Und das nennt sich dann „Wirtschaftskompetenz“.

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  1. JS sagt:

    Scheintbar lebt der Autor nicht im gleichen Land wie ich.
    Die zusätzlichen Menschen die hier in kurzer Zeit angekommen sind machen natürlich Probleme.
    Wir haben – zu wenig Schulplätze, zu wenig (bezahlbaren) Wohnraum, zu wenig Ärzte, Therapeuten usw usw.
    Denn bei einer „natürlich“ wachsenden Zahl von Menschen würde das halt planbar sein. Wir halten diese Ressourcen nur nicht für eben diese Anzahl an Menschen hier -in dem Standard- vor.

    Ich habe volles Verständnis für die Not flüchtender Menschen, deswegen aber zu sagen hier wäre das alles kein Problem ist schlicht falsch und geht an der Lebensrealität der Bevölkerung vorbei.